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Kandinskys Aquarelle
in der Royal Academy of Arts - Biografie, Folklore, poetischer Expressionismus und geometrische Abstraktion

Artikel vom April 1999


Im Gegensatz zur Ausstellung in Tübingen konzentriert sich diejenige in London auf eine Auswahl von Kandinskys Arbeiten auf Papier, im wesentlichen Aquarelle, aber auch Lithographien und Holzschnitte werden präsentiert. Die aus den Beständen internationaler Museen sowie aus Privatsammlungen bestückte Retrospektive ist nicht der Ausgangspunkt, der fundamental neue Einsichten in das Schaffen des Künstlers gewährt. Es handelt sich vielmehr um eine Bestandesaufnahme.
 
Der von Frank Whitford verfasste Textteil des Katalogs resümiert prägnant das vorhandene Wissen. Es ist ihm eine hervorragende Einführung in das Leben und Werk von Kandinsky gelungen. Der Katalog besticht auch ästhetisch: die Farbtafeln der Arbeiten Kandinskys kontrastieren mit den grossformatigen Schwarz-Weiss-Fotografien, die den Künstler in den verschiedenen Lebensphasen zeigen. Einzig nicht überzeugend ist die Einteilung, in der die Zeit in Moskau und am Bauhaus von 1915 bis 1933 in einem Kapitel dargestellt wird. Bis 1922 ist seine Bildsprache noch organisch-expressionistisch. Wenn schon, dann hätte Whitford die Bauhaus-Periode zusammen mit den Pariser Jahren von 1933 bis 1944 als die Zeit des Konstruktivismus - natürlich mit graduellen Änderungen -  in einem Kapitel zusammenfassen können.
 
"Viele Aquarelle Kandinskys bilden Vorstudien für Ölgemälde oder Druckgraphiken, doch zum weitaus grösseren Teil handelt es sich um eigenständige Werke.> Die "Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit" der Farbe, die in Kandinskys Schaffen eine zentrale Rolle einnimmt, kommt in den Aquarellen besser als in den Ölgemälden zum Ausdruck. "Bevor er zur Abstraktion gelangte, drückte Kandinsky geistige Vorstellungen meist durch Aquarell und Gouache aus, während er die Ölmalerei den Landschaften vorbehielt."
 
Kandinsky sah Musik in Farben wie er Farben auch als Musik sah. Die Emotionalität der Farben und ihr Wirken auf das Gemüt beschäftigte ihn. Erstaunlicherweise wurde Kandinsky bei seinem einjährigen Parisbesuch ab Mai 1906 von den dortigen Künstlern nicht beeinflusst. Er hielt an seiner Farb- und Bildsprache fest. Seine "romantisierende Vision des mittelalterlichen Russland" fand gar in Paris "ihren vollendetsten Ausdruck". Erst in Murnau brach Kandinsky zu neuen malerischen Ufern auf. Der Einfluss von Jawlensky, der auch in Paris gewesen war, aber im Gegensatz zu seinem Landsmann den Kontakt zu Matisse und Schülern Gauguins gepflegt hatte, war für kurze Zeit entscheidend. Gleichzeitig wirkten auch die russische - oft religiöse - Volkskunst sowie die bayrische Hinterglasmalerei auf Kandinsky. Das Glasbild mit Sonne aus der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München aus dem Jahr 1910 zeugt davon. Ab 1909 nannte er Bilder, die den "direkten Eindruck von der äusseren Natur" ausdrückten, Impressionen. Solche, die "hauptsächlich unbewusste, grösstenteils plötzlich entstandene Ausdrücke der Vorgänge inneren Charakters", also Eindrücke von der "inneren Natur" wiedergaben, Improvisationen. Die vielschichtigste Ausdrucksform bezeichnete er als Kompositionen.
 
Der blaue Reiter, das Leitmotiv der Kollektivausstellung vom Dezember 1911, verkörperte den <Boten zwischen der irdischen und der himmlischen Sphäre>, in der Endfassung schliesslich wurde er zum heiligen Georg, <der durch die Tötung des Drachens den Sieg des Geistigen über das Materielle besiegelt>.
Kandinsky übte Einfluss auf Mondrian und Malewitsch aus, die jedoch dem Kubismus und Futurismus verpflichtet waren, Strömungen, an denen der Autor der programmatischen Schrift Über das Geistige in der Kunst "stets nur oberflächlich interessiert war". Kandinsky ging es nicht um die "strenge Analyse und Geometrisierung von Formen", sondern um die Farbe. Das Intuitive und Spontane spielte bei ihm eine wichtige Rolle. Selbst "die meisten Ausdrucksformen des Expressionismus" missfielen ihm, "wegen ihrer theatralischen und bekennerhaften Übersteigerung". Er war sich der Widersprüche zwischen seinen absolute und objektive Wahrheiten darzustellen versuchenden Theorien und dem, was er in seinen Bildern schuf, bewusst.
 
Die deutsche Phase, der Höhepunkt seiner Malerei, kann bildsprachlich nicht von der nachfolgenden russischen getrennt werden. Zwischen 1914 und 1921 schuf er zwar nur noch 40 Ölgemälde, aber auch 150 Aquarelle, die stilistisch zur vorangehenden Periode gehören. Der Produktivitätsabfall erklärt sich durch fehlende Geldmittel in Moskau sowie seine organisatorische und verwaltungstechnische Tätigkeit unter anderem von 1918 bis 1921 für die Sektionen Film und Theater der Abteilung für Bildende Kunst im Kommissariat für Volksaufklärung. Kandinsky war bis dahin "ein Gegner der geometrischen Abstraktion gewesen, weil er sie für allzu vordergründig hielt". Nun gab er scheinbar den Malewitschs und Rodtschenkos nach, in dem er konstruktivistische Elemente in seine Arbeit einführte. Doch er stand im Gegensatz zu jenen Malern, die ihren Bildern jede Botschaft, "ganz zu schweigen von einer spirituellen Erfahrung", absprachen. Der einflussreichste sowjetische Kunstkritiker, Nikolai Punin, sowie der Künstler El Lissitzkij griffen ihn an. 1921 wurde er zum Rücktritt von dem von ihm mitgeformten Institut gezwungen. Nur zwölf von seinen seit 1915 geschaffenen Arbeiten nahm Kandinsky mit nach Deutschland, die andern deponierte er in einem Moskauer Museum, wo sie 1930 beschlagnahmt und während 50 Jahren grösstenteils "nicht einmal photographiert" wurden.
 



Am Bauhaus jedoch unterrichtete Kandinsky von 1922 bis 1932 nicht nur zu "Farbe und Form", sondern auch zum "analytischen Zeichnen". Sein theoretisches Werk Punkt und Linie zu Fläche erschien 1926. Bereits in seinen ersten zwölf Druckgraphiken in Deutschland, die Mappe Kleine Welten von 1922, die in der Londoner Ausstellung zu sehen ist, schafft Kandinsky eine neue Bildsprache, die "vom vage Figurativen bis zum fast rein Geometrischen reicht". Er führte Schachbrettmuster, Kreise und "eine breite Vielfalt von Zeichen [ein ...], die zunehmend in seinen Gemälden erscheinen sollten. Die geometrischen Elemente, die zunächst in Kandinskys russischen Werken nur zögerlich aufgetreten waren, begannen nun eine dominierende Rolle zu spielen."
 
Als er 1933 nach Paris emigrierte, profitierte er dort kaum von der Aufgeschlossenheit für die Moderne. Kubismus und Surrealismus kauften Museen und Sammler. Aber mit dem Figurativen im Surrealismus konnte Kandinsky nichts anfangen. Zudem stand er den politischen - kommunistischen - Ideen der Bewegung fern. Nur dank Christian Zervos, Herausgeber der Cahiers d'Art und Jeanne Bucher, der Inhaberin einer kleinen Galerie am Montparnasse, blieb er, der nicht der Ecole de Paris angehörte, nicht völlig unbeachtet, aber doch marginalisiert.
 
Wie bereits im Artikel zur Tübinger Schau erwähnt, scheint Kandinsky in Paris zunehmend an einer Synthese zwischen einer organischen Bilderwelt, die an vor 1914 anknüpfte, und dem abstrakten Bauhausstil gearbeitet zu haben. Der Einfluss von Miró ist ausgeprägt, so zum Beispiel beim Ölgemälde Himmelblau von 1940. Doch wie gesagt, auch der gemilderte Konstruktivismus bleibt hinter seiner expressionistischen Phase zurück.
 
Die Ausstellung in der Royal Academy of Arts mit ihren knapp 140 ausgestellten Arbeiten ist klein aber fein. Zusammen mit der Pollock-Retrospektive in der Tate Gallery bildet sie das aktuelle kulturelle Highlight in London.
 
Literatur zu Kandinsky
 
Kandinsky - Aquarelle und andere Arbeiten auf Papier, Frank Whitford (aus dem Engl. übersetzt von Ingrid Hacker-Klier). München, Hirmer, 1999, 224 S., 216 Abb. (davon 170 in Farbe). Ausstellung in der Royal Academy of Arts, London, 15. April bis 27. Juni 1999. Bestellen bei Amazon.de.
 
Das Standardwerk für Kandinskys Aquarelle: Vivian Endicott Barnett: Kandinsky Werkverzeichnis der Aquarelle, Erster Band 1900-1921, München, 1992, Zweiter Band 1922-1944, München, 1994.


 

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