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Wassily Kandinsky
Biografie und Ausstellung von Wassily Kandinsky in der Kunsthalle Tübingen
Meisterwerke aus dem Centre Georges Pompidou
Artikel vom April 1999


Die Restaurierung des Centre Georges Pompidou in Paris beschert (vor allem) Europa eine Serie von Ausstellungen mit Werken aus dem Bestand eben dieses Tempels der Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Kandinsky-Retrospektive in Tübingen ist in dieser Hinsicht ein Extrembeispiel. Nicht nur stammen fast alle Ausstellungsobjekte aus dem Pariser Museum, sondern auch aus einem einzigen Nachlass, dem Vermächtnis Nina Kandinskys, der Witwe des Künstlers. Wer sich dieses Faktums bewusst ist, wird grosszügig über die Schwächen der Ausstellung hinwegsehen können.
 
Die verschiedenen Phasen von Kandinskys Schaffen sind unterschiedlich gut repräsentiert. Der Russe wandte sich erst im Alter von dreissig Jahren der Malerei zu. Er musste Hindernisse und Rückschläge überwinden. So fiel er, bereits nach Deutschland übersiedelt, 1898 bei der Aufnahmeprüfung der Münchner Kunstakademie durch. Erst zwei Jahre später wurde er in die Malklasse von Franz Stuck aufgenommen. Bereits 1901 ist er Gründungsmitglied der Ausstellungsgesellschaft Phalanx, deren Präsident er später wird. Die Gesellschaft löst sich 1904 auf. In diesem Jahr beginnt er, seine Farbentheorie zu erarbeiten, die zur Grundlage für seine wegweisende Schrift Über das Geistige in der Kunst wird. Doch erst 1909 beginnt er seine ersten Improvisationen, 1910 seine ersten Kompositionen zu malen. Erst jetzt, im Alter von rund 45 Jahren, löst er sich von der gegenständlichen Malerei und stösst als erster Maler der Moderne zur Abstraktion vor. Diese Periode ist in Tübingen vornehmlich durch Papierarbeiten vertreten. Die beiden Ölgemälde Improvisation XIV und Impression V (Park) aus den Jahren 1910 und 1911 gehören nicht zu seinen Meisterwerken. Mit der Rückkehr nach Russland hatte sich Kandinsky nicht nur von Gabriele Münter, sondern auch vom Grossteil seines bisherigen Werkes getrennt, das nach einem langen Rechtsstreits seiner ehemaligen Lebensgefährtin zugesprochen wurde und sich heute in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus in München befindet.
 
Auch Kandinskys Moskauer Jahre von 1915 bis 1921 sind vor allem durch Aquarell-, Tusch- und Bleistiftarbeiten repräsentiert - allerdings von solchen erlesener Qualität. Allerdings ist auch das Öllbild Im Grau aus dem Jahr 1919, das als das <technisch vollkommenste Gemälde aus Kandinskys russischen Jahren gilt>, ebenso präsent wie die Komposition VII. Der Künstler ist sich in dieser Zeit noch seiner organischen Formensprache treu. Doch unter dem  Einfluss der russischen Konstruktivisten wie Malewitsch und El Lissitzkij und danach, zurück in Deutschland, durch die Mitarbeit und Lehrtätigkeit am Bauhaus, <verfällt> er dem geometrischen Formalismus. Die Poesie und das Geistige entschwinden aus seinen Bildern. Mit dem nach wie vor brillanten Farbspiel und seinen kompositorischen Fähigkeiten allein kann das Niveau des vorhergehenden Jahrzehnts nicht gehalten werden. Die Bauhaus-Periode bis 1933 ist durch hervorragende Arbeiten in Tübingen vertreten. Aber auch der poetische Einfluss Paul Klees auf die ausgestellten Arbeiten ist spürbar, und so ist es nur konsequent, dass die Schenkungen dieses Künstlers an Kandinsky in der Ausstellung ebenfalls ihren Platz gefunden haben. Ein kurzer Text von Osamu Okuda zum Verhältnis von Klee zu Kandinsky rundet im Katalog diesen Aspekt ab. Der Katalog beinhaltet daneben die Abbildung aller ausgestellten Werke,  eine Chronologie sowie rund ein halbes Dutzend Essays, darunter der überarbeitete Nachruck einer Passage aus der 1958 von Will Grohmann verfassten Kandinsky-Biographie.
 
Den Abschluss der Schau in Tübingen bilden logischerweise seine konstruktivistischen Werke aus der Pariser Periode von 1933 bis zu seinem Tod 1944. Kandinsky scheint in dieser Zeit eine Synthese zwischen der expressionistischen Farbenfroheit und den organischen Formen aus den Jahren 1910 bis 1922 sowie der konstruktivistischen Bauhaus-Phase versucht zu haben. Der Einfluss von Klee und Miró, mit dem er nun in Kontakt stand, ist spürbar. Doch auch jetzt bleibt sein Schaffen hinter seiner expressionistischen Phase zurück. Gemäss Georgia Illetschko fiel es Kandinsky schwer, Ende 1933 nach Paris zu gehen. Er bezeichnete sich als "leidenschaftlichen Antimarxisten" und hoffte noch bis 1936 auf ein "Avantgarde-freundliche Kunstpolitik". Doch Klaus Graf von Baudissins Kampagne gegen die "Entartete Kunst" aus jenem Jahr richtete sich gegen Kandinsky als Zentralfigur des Entarteten. Paris wurde nie zur "affektiven Heimat" des Künstlers. Anfangs der dreissiger Jahre war er in Paris zwar als Prophet "des neuen Windes aus dem Osten" auf den Schild gehoben worden. Doch als er in der Seine-Metropole eintraf, kühlte sich die Beziehung zum "Russen" rasch ab. Er blieb als Aussenseiter der Kunstszene der Rive-Gauche als Avantgardist verhaftet. Im Katalog werden 25 Briefe aus den Jahren 1939 bis 1944 abgedruckt, die Kandinsky an Pierre Brugière gerichtet hatte, den Untersuchungsrichter von Tours, der ein Kunstliebhaber und -Kritiker war und einige Artikel in den Cahiers d'Art veröffentlicht hatte. Sie bieten Einblick in die letzten Lebensjahre Kandinskys. Die Ausstellung kann - wie eingangs erwähnt - nicht die Retrospektive sein. Doch Kandinsky ist immer eine Reise wert.
 
Literatur, Bücher zu Wassily Kandinsky:
- Wassily Kandinsky: Über das Geistige in der Kunst, Bern, Benteli Verlag.
- Kandinsky. "Die Welt klingt". Hauptwerke aus dem Centre Georges Pompidou, Paris. Mit einem Vorwort von Götz Adriani und Werner Spies, Köln, DuMont Verlag, 1999, 231 S., ca. 160 Abb. (davon rund 100 farbig).
- Ausstellung vom 2. April bis zum 27. Juni 1999 in der Kunsthalle Tübingen.
- Georgia Illetschko: Kandinsky und Paris, München, Prestel, 1997, 223 S.




Hinzugefügt am 17. Mai 2010: Das Kunstmuseum Wolfsburg zeigt vom 13. Mai bis 3. Oktober 2010 in Zusammenarbeit mit dem Vitra Design Museum die Ausstellungen (und Kataloge) Rudolf Steiner - Die Alchemie des Alltags und Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart. Dabei lernt der Besucher bzw. Leser, dass Rudolf Steiners Seelenlehre den Anstoss zu Wassily Kandinskys Farbenlehre gab.



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