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Wie Gerhard Schröder regiert
Beobachtungen im Zentrum der Macht - Biografie, Biographie. Das Buch von Sibylle Krause-Burger. Bestellen bei Amazon.de.


Bundeskanzler Gerhard Schröder. Foto Copyright: Bundespresse- und Informationsamt.

aBereits Sibylle Krause-Burgers Biographie Joschka Fischer - Der Marsch durch die Illusionen zeichnete sich durch eine wohlwollende Darstellung aus. Für ihre Beobachtungen im Zentrum der Macht hat die Autorin den Kanzler von Februar bis Juli 2000 begleitet. Sie nahm an Schröders Beraterrunde, der "Morgenlage" vor der Kabinettssitzung, teil, begleitete den Kanzler auf Reisen ins Ausland, beobachtete den Regierungsalltag in Berlin, seine Auftritte im Kreise von Parteifreunden in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, sprach mit seinen Mitarbeitern und mit Ministern sowie der Kanzlergattin und, nicht zuletzt, mit Gerhard Schröder selbst.
 
Diese Nähe zum Kanzler tat dem Werk von Krause-Burger nicht gut. Ihr fehlt es an kritischer Distanz. Sie schreibt, sie sei "zumeist einen Weg von der Beschreibung der äusseren Erscheinungen von Personen und Ereignissen bis zur Wahrnehmung innerer Strukturen und Beweggründe" gegangen. Doch von Letzterem ist wenig zu sehen. Auch wenn sie natürlich nicht an vertraulichen Gesprächen und Verhandlungen, an Kabinetts- und Fraktionssitzungen teilnehmen konnte, so wäre doch etwas mehr Tiefgang bei ihren Beobachtungen im Zentrum der Macht zu erwarten gewesen.
 
Bezüglich der unsäglichen Doppelspitze zu Beginn der Rot-Grünen-Regierung mit "Superminister Lafontaine" und Kanzler Schröder zitiert Sibylle Krause-Burger ihren Helden mit den Worten: "Das war belastend, war für beide unerträglich." Natürlich sei Oskar ein netter Typ, mit dem man gut ein Glas Wein trinken und einen Happen essen könne, doch Lafontaine habe sich gedacht, er, Lafontaine, sage, wo es langgehen soll, und der Medienkanzler Schröder gebe es dann der Presse weiter. Doch das sei mit dem Amt des Regierungschefs und mit ihm nicht zu machen gewesen. Lafontaines Abgang habe einen reinigenden Effekt gehabt, meint Krause-Burger.
 
Zur Beziehung von Schröder zu Scharping schreibt sie von der Kränkung, die beim Kanzler über den Ende August 1995 per Handy erfolgten Rausschmiss Schröders als wirtschaftspolitischer Sprecher der SPD durch den damaligen Parteiführer noch immer zu verspüren sei. Auch hat der Kanzler nicht vergessen, dass Scharping zu Beginn seiner Amtszeit seine Führungsqualitäten angezweifelt hat. Man müsse Scharping vielleicht im Kabinett haben. "Aber reden, reden muss man nicht unbedingt mit ihm."
 
Bezüglich Schröders Regierungsstil kommt die Autorin zum Schluss, dass er ein Moderator mit Charme sei, der sich auf seine Fachleute verlasse. Das Aktenstudium liege ihm weniger. Er verbringe lieber Zeit mit Fragen, Zuhören, Diskussionen und dem Pflegen von Kontakten. Er sei kein Kanzler, der alles besser wisse und lasse seinen Ministern viel Spielraum. Er sei gesprächsfähig und nach allen Seiten offen. Aus den Wahlschlappen zu Beginn seiner Amtszeit habe er gelernt und sich vom "Spasskanzler" zu einem seriösen Staatsmann gewandelt, da er sich vor der Geschichte nicht habe blamieren wollen. Wirtschaftsführer beschrieben Schröder als jemandem, mit dem man reden könne und der auch etwas bewege. Helmut Kohl dagegen sei ein machtbewusster und ich-bezogener Dozent gewesen, der nur geschwafelt habe. Krause-Burger meint zum "von Bodo Hombach verfassten Schröder-Blair-Papier": "[... keine Regierung könnte sich, selbst wenn sie es wollte, sklavisch an irgendwelche Papiere halten [...]." Damit liegt sie völlig daneben. Das erwähnte Papier gab eine klare Marschrichtung vor. Inzwischen ist dem Kanzler, nicht nur unter dem Druck der Parteilinken, der Kompass zur Orientierung erneut verloren gegangen.
 
Joschka Fischer sei "die Diva in Gerhard Schröders Truppe", schreibt Sibylle Krause-Burger. Kanzler und Aussenminister loben sich heute sogar, doch Freunde seien sie gleichwohl nicht. Fischers Freund sei vielmehr Oskar Lafontaine gewesen. Doch Kanzler und Aussenminister stammten beide aus einfachen Verhältnissen. Sie seien beide Aufsteiger, wobei Schröder das Abitur nachgeholt und Jura studiert habe, während dem Fischer keinen einzigen Schulabschluss vorzuweisen habe, der als Autodidakt "in nächtlichen Lesestunden und aus dem Leben gelernt" habe. Schröder habe als Lehrling und Verkäufer in einem Haushaltwarengeschäft gearbeitet, Fischer am Band bei Opel sowie als Taxifahrer im nächtlichen Frankfurt. Schröder habe als Rechtsanwalt mehr als nur eine Möglichkeit gehabt, für Fischer dagegen habe es nur die Politik als Karrierechance gegeben. Der Aussenminister sei mehr Staatsdarsteller, überhaupt viel mehr Schauspieler als Gerhard Schröder.
 
Marianne Duden, die schon Kanzler Helmut Schmidt als Sekretärin gedient hat, bezeichnet Schröder als "umgänglichen und lieben Menschen", der "pflegeleichter" als Schmidt sei. Unter Schröder duze man sich zudem. Krause-Burger ihrerseits beschreibt den Kanzler als bescheiden. Seine Mitarbeiter seien ihm Vater, Mutter und Familie zugleich. Die Autorin ist nicht ohne jede Kritik, so schreibt sie zu einem Auftritt des Kanzlers vor Wirtschaftsführern: "Jeder Satz sitzt, auch jede Pointe, das muss man können. Doch nichts tiefer Schürfendes lässt der Kanzler verlauten [...]." Den Auftritt Schröders an der Seite des russischen Ministerpräsidenten Jewgeni Primakow während dem Kosovo-Krieg beschreibt die Krause-Burger als "hölzern". Der Kanzler sei "einigermassen unselbständig, fast hilflos und versteinert" erschienen. Doch handelt es sich bei ihrer Kritik zumeist um sanft verpackte, fast kosmetische Randbemerkungen.
 
Zu Schröders Freunden "im weitesten Sinne" zählt Krause-Burger den Politikprofessor Oskar Negt, die Soziologen Ulrich Beck und Michael Schumann, den Philosophen Hubert Markl, die Literaten Günter Grass, Peter Schneider und Klaus Hartung. Der Regisseur Jürgen Flimm sei "schon fast so etwas wie ein persönlicher Freund". Auch Boris Becker, Thomas Gottschalk und Marius Müller-Westernhagen, Spitzen der Autobranche und die Kumpels aus den Hannoveraner Tagen wie den Anwaltskollegen und besten Freund Götz von Fromberg zählt sie auf. Doch was für eine Bedeutung die einzelnen Personen für den Kanzler haben, bleibt schleierhaft. Es bleibt eine Liste, die lediglich die Bedeutung von Schröder unterstreichen soll.
 
Wie Gerhard Schröder regiert ist zwar keine Hagiographie, aber von einer vorbildhaften journalistischen Leistung, bei der Persönlichkeit und Regierungsstil des Kanzlers umfassend analysiert würden, kann keine Rede sein. Es handelt sich um oberflächliche Momentaufnahmen und Teile eines Puzzles. Nur hier und dort gelingen Sibylle Krause-Burger einige präzise Striche, die sich jedoch nie zu einem umfassenden Bild zusammenfügen. Die Portraits anderer Politiker und der Mitarbeiter von Kanzler Schröder wie Frank-Walter Steinmeier, Chef des Bundeskanzleramtes, Staatssekretär und Beauftragter für die Nachrichtendienste, zeichnen sich ebenfalls nicht durch Schärfe und Tiefe aus. Zu Pressesprecher Uwe-Karsten Heye schreibt sie zwar, er sei vormals Journalist gewesen, doch für wen er gearbeitet oder gar wie und worüber er geschrieben hat, erfährt der Leser nicht. Zu Doris Schröder-Köpf ist ebenfalls nur zu lesen, sie sei vormals Journalistin gewesen, sie bewundere die Kraft und die Fähigkeit ihres Mannes, einzustecken, seine Bereitschaft, Menschen Freiraum zu lassen sowie sein Talent, Dinge wie ein Schachspieler zu Ende zu denken (?!).
 
Sibylle Krause-Burger: Wie Gerhard Schröder regiert. Beobachtungen im Zentrum der Macht. Gebundene Ausgabe, DVA, 2000, 159 S. Bestellen bei Amazon.de.