Lynne Arriale
und ihr Trio mit Steve Davis und Jay
Anderson
Biografie, Biographie, CD- und Konzertkritiken
Biografien
Im Alter von drei Jahren
begann Lynne Arriale
auf einem Plastik-Spielzeug-Klavier nach dem Gehör eigene Melodien zu
spielen.
Nach einigen Monaten konnte sie ihre Familie davon überzeugen, ihr einen
Klavierlehrer zu finden. Lynne Arriale wurde in Milwaukee
geboren und studierte zuerst klassische Musik am Wisconsin Conservatory of Music,
wo sie mit einem master's degree abschloss. Bis in die Mitte ihrer
zwanziger Jahre spielte sie klassische Musik. Daher rührt wohl auch ihre
stupende Technik und ihr fliessendes Spiel. In dieser Hinsicht kann sie
mit einem so herausragenden Pianisten wie Oscar Peterson verglichen werden. Lynne
Arriale wechselte zum Jazz, weil diese Musik in vielerlei Hinsicht
anspruchsvoll ist: Komposition, Improvisation und Live-Auftritt kommen
zusammen. Sie sagt dazu, dass man im Jazz nach dem Spielen einer Melodie
etwas Weitergehendes bieten müsse, etwas, das sie als "magisch"
bezeichnet. Mitte der 1980er Jahre zog sie nach New York, wo sie an der
Seite vieler Musiker ihre Sporen abverdiente.
Seit
ungefähr 1992 konzentriert sie sich auf ihre eigene Musik, die sie mit ihrem
eigenen Trio spielt. Ihre expressive, melodische Virtuosität brachten ihr 1993
den ersten Preis an der Great American
Jazz Piano
Competition ein. Nach dem Sieg nahm Lynne Arriale ihre
erste Platte auf, The Eyes Have It, die Arrangements von Yesterdays,
My Funny Valentine, Witchcraft
und My Man's Gone Now enthält. 1995 nahm Lynne zusammen mit ihrem Trio When You Listen
auf. Eigenständige Arrangements von How Deep Is the Ocean, Bess You Is My Woman Now
und anderen Standards und Originals sind hier im Zentrum. Zu ihren weiteren
Alben gehören With Words Unspoken, A Long Road Home und Melody.
Der Live-Auftritt am Jazz Festival in Montreux 1999 und die gleichnamige Platte,
die im Herbst 2000 herauskam, gaben ihrer Karriere neuen Schub. Seit Beginn
ihrer Karriere ist Lynne Arriale eine Pianistin, die ihre Musik lebt, weshalb
sie immer ehrlich klingt. Die Kritiker von Downbeat, JazzTimes, JAZZIZ
sowie das Publikum, das sie live gesehen hat, loben sie und ihr Trio zurecht in
den höchsten Tönen. Jetzt brauchen ihr eigentlich nur noch die Massen zu
folgen.
Neben den
Live-Auftritten sind die drei Musiker des Trios aktiv in der Ausbildung junger
Jazz-Musiker. Sie leiten Workshops in den USA, Grossbritannien und auf dem
europäischen Kontinent. Lynne Arriale und
Steve Davis gehören zu den Leitern der Jamey Aebersold Summer Jazz
Workshops und des Thelonious Monk Institutes in Aspen, Colorado.
Der Schlagzeuger Steve
Davis wurde 1958 in Santa Barbara, Kalifornien, geboren. Er ist mit Richie
Beirach, Bill Evans, David Liebman
und John Patitucci aufgetreten. Er gehört zur Anfangsformation des Lynne Arriale Trios,
das vor rund acht Jahren begann. In den 1970er Jahren nahm Steve Davis
drei Alben als Leader auf und spielte bei den Aufnahmen vieler anderer
Musik mit, darunter Richie Beirach, Bill
Evans, Tim Hagans und Conrad Herwig. Er ist ein respektierter Jazz-Lehrer,
der sechs Schlagzeug-Lehrbücher geschrieben hat und als Jazz-Professor am
Musikkonservatorium der Universität Berlin unterrichtet hat. Zur Zeit ist
Steve Davis "Visiting Artist in Residence" an der Indiana University.
Er betreibt ein eigenes Aufnahmestudio, in dem er über hundert CDs
aufgenommen hat, darunter A Long Road Home und Melody.
Der Bassist Jay Anderson wurde 1955 in Ontario, Kalifornien,
geboren. Er graduierte an der California State University in Long Beach.
Er war ein reguläres Mitglied der Bands von Michael Brecker, Michael Franks, Red Rodney, Ira Sullivan,
Toots Thielemans und anderen. Seit 1992 spielt er regelmässig im Duo mit
Joe Sample. Jay Anderson hat zwei Alben als Leader eingespielt. Daneben
hat er auf über 150 Aufnahmen mitgewirkt, u.a. mit Paul Bley, Randy
Brecker, Bob Berg, Bob Mintzer, Mike Stern, Lee Konitz und Donald Byrd.
Jay Anderson ist auch auf Jazz-fremden Platten zu hören, so mit Frank Zappa, Tom Waits, Michel Legrand,
Allen Ginsberg sowie auf dem Grammy Award Record of the Year aus dem Jahr
1997, Falling
Into You, von Celine Dion. Daneben wirkte Jay auf weiteren zehn
Platten mit, die für einen Grammy nominiert wurden. Er hat Jazz-Workshops
in der ganzen Welt geleitet und ist ein Fakultätsmitglied der Manhattan School of Music in New York City.
Albums
A
Long Road Home ist ein Trioalbum mit Lynne Arriale am Klavier, John
Patitucci am Bass und Steve Davis am Schlagzeug. Das erste Stück, Monks Bye-Ya
ist etwas zu konfus und laut. Doch bereits in Will o' the Wisp, von
Lynne Arriale komponiert, zeigt die Pianistin ihre bezaubernde, introspektive
Seite mit ihrem unnachahmlichen, ätherischen Spiel; ein Höhepunkt.
Gillespies A Night in Tunisia ist eine frische, originelle Version,
ebenso wie Lynnes Arrangement von A Night in Tunisia, in dem das
Trio über verschiedene Tonarten hinweg moduliert und dabei behutsam die
Melodie verändert. Das elegante Gruppenspiel wird von einem Solo von
Schlagzeuger Steve Davis unterbrochen. Wouldn't It Be
Lovely von Lerner und Lowe bildet wiederum einen Kontrast zum
vorhergehenden Titel. Lynne zeigt einmal mehr ihre lyrische Seite. Das
nachfolgende Stück, Letters From Mike
O'Brien, fährt im besinnlichen Ton weiter, in dem Lynnes Klavierspiel
am besten zum Tragen kommt. Die Komposition, von der Pianistin selbst
geschrieben, ist einem treuen Fan in Saint Louis gewidmet, der ihr viele
berührende Briefe geschrieben hat. Für Lynne zählt vor allem, den
eigenen Weg zu finden, deshalb der Titel des Albums, A
Long Road Home. Gillespies Con Alma, Parkers und Raingers I
Wished On The Moon sind die folgenden Stücke. Das volkstümlich
inspirierte The Dove fügt dem Album einen weiteren magischen
Moment hinzu, zusammen mit dem Titelsong, A
Long Road Home, beide von Lynne Arriale geschrieben. Im Zentrum der
Platte steht nicht Lynnes Virtuosität, sondern ihre Fähigkeit, Gefühle
auszudrücken.
Die
CD Melodyfährt dort fort, wo A Long Road Home
endet, mit einer poetischen Komposition, Turning. Der
Hauptunterschied zu A
Long Road Home besteht darin, dass nun Scott Colley am Bass spielt. The Forgotten Ones ist
inspiriert von Bildern verlassener, einsamer Menschen. Lynne versucht die
Komposition so einfach wie möglich zu halten. Es sei wie sprechen, meint
sie, ein Satz folge unerbittlich auf den andern. Beautiful Love ist
der erste, nicht von Arriale selbst geschriebene Titel des Albums. Er
offeriert optimistisches Funkeln. Danach folgt But
Beautiful, eine wunderbare Melodie mit einem langsam verklingenden und
dann wiederkehrenden Thema. Die Komposition Dance ist wie Turning
von keltischer Musik inspiriert und macht seinem Titel alle Ehre. Hush a Bye
baut auf einem traditionellen Volkslied auf, das Lynne von der Schule her
kannte. Ihre Version von Gershwins It Ain't
Necessarily So ist voller Stops und Starts, doch gleichzeitig immer
swingend. Touch Her Soft Lips And Part ist eine Überraschung, da
der Song vom britischen Komponisten klassischer Musik, William Walton,
stammt. Lynne hat den Song zuerst auf Peter Erskines Album Sweet
Soul gehört. Walton hatte es für die Szene in Henry V
geschrieben, in der Pistol in den Krieg zieht und nicht weiss, ob er seine
Liebe wiedersehen wird. Es ist eine weitere zarte Melodie auf Melody.
Als finalen Kontrast offeriert das Lynne Arriale Trio The Highlands,
von Lynne geschrieben. Es ist ein Mix von keltischen, jazzigen, bluesigen
und sogar funkigen Elementen.
Lynne
Arriales neuestes [Artikel aus dem Jahr 2000] Album ist Live At Montreux. Wie die oben
vorgestellten Platten ist es eine emotional überzeugende Darbietung.
Zusammen mit Steve Davis am Schlagzeug und, neu, Jay Anderson am Bass,
entstand die Aufnahme live am Jazz Festival in Montreux 1999. Zusammen mit
Lynnes Sensibilität gibt das live-Erlebnis dem Album eine zuvor
unerreichte Intensität. Das Konzert beginnt mit dem klassisch-eleganten Alone Together.
Monks Evidence
folgt, mit grossem Einfühlungsvermögen gespielt. Der Höhepunkt des
Albums - und mein Lieblingsstück von Lynne Arriale überhaupt - ist With Words Unspoken.
Das ätherische und emotionale Stück, von Lynne komponiert, gibt die
Pianistin mit Feingefühl und Fragilität wieder. Besser geht's nicht. In
Kontrast dazu folgt Seven Steps to Heaven, eine unterhaltsame,
optimistische und fröhliche Referenz an die Komposition von Victor
Feldman.
Steve Davis spielt ein grossartiges, langes Schlagzeug-Solo, bevor das
Trio zu klassischer Eleganz zurückkehrt. Think of One von Monk ist
ein weiteres Stück, dasr berauschende "Action" offeriert. Estate
dagegen ist eine introspektive Ballade von reflektierender Traurigkeit.
Zusammen mit dem fröhlichen und lustigen Calypso, einer Mardi Gras-Komposition
von Lynne, bildet es einen weiteren Höhepunkt. Das Jazz Konzert in Montreux
endete mit An Affair
To Remember, einer poetischen Ballade, die in ihrer Zerbrechlichkeit
nahe an With Words Unspoken heranreicht. Live At
Montreux ist ein hinreissendes, subtiles, anspruchsvolles, einfach
sensationelles Album.
Konzertkritik:
Live im Bären in Häggenschwil, Schweiz,
17. November 2000
Am 17.
November 2000 spielte das Lynne Arriale Trio im Barocksaal des Bären
in Häggenschwil. Es war das erste Konzert in diesem vollständig
getäfelten Saal. Gemäss dem Organisator, Peter Scherrer, könnten dort
in Abständen von drei bis sechs Monaten regelmässig akustische
Jazz-Trios auftreten. Mit seiner fast kubischen Form bietet der Holzsaal
eine fantastische Akustik. Die intime Atmosphäre mit rund 150 Zuschauern
bildete die ideale Kulisse für Lynnes Trio.
Die
drei Musikern begann mit freien Abstraktionen von The Song is
You, bevor sie der Komposition einen raschen Swing verliehen. Die
zarte Lynne spielte mit geschlossen Augen. Sie sprach buchstäblich zu
ihrer Musik, zum Klavier und mit sich selbst, vor allem im poetischen
Soloteil des Stückes von klassischer Eleganz. Die sanfte und lyrische
Ballade Feeling
Good von Newley und Bricusse folgte. Das Zusammenspiel des Trio war
harmonisch, eine perfekte Symbiose, mit Lynne Arriale als dem leuchtenden
Stern. Der Bassist Jay Anderson ist der Kitt, der das Trio zusammenhält. Anderson
spielte diskret, bildete dabei aber ein essentielles Element. Steve Davis
am Schlagzeug handelte oft in Kontrast zum Piano. Auf Feeling Good folgte
eine weitere Ballade, A House Not A Home, von Burt Bacharach.
Arriales stilistische Sicherheit war atemberaubend, das delikate Ende, das
sie dem Song bescherte, meisterhaft.
Alone
Together, eine Komposition, die auch auf Live At Montreux zu
hören ist, war voller Energie und bildete einen fröhlichen Kontrast zu
den lyrischen Tönen, die zuvor dominiert hatten. Eine neue Welt von
Gefühlen und Rhythmen öffnete sich dem Publikum. Das Trio gab sich
keinen billigen Gesten hin, die Musik wurde nicht einfach rasch und laut.
Alles hatte, wie immer bei Lynne Arriale, Hand und Fuss. In Alone
Together erhielt Bassist Jay Anderson die Gelegenheit, seine
melodische Virtuosität zu demonstrieren und zu zeigen, weshalb er ein
essentielles Element des Trios ist. Steve Davis und
Lynne Arriale brillierten danach in einer Reihe von kurzen, alternierenden
Soli, bevor die drei Musiker den Weg zur Melodie zurückfanden.
Estate,
geschrieben von Martino and Brighetti und ebenfalls auf Live in Montreux
zu finden, ist eine ruhige und warme Ballade, die als Gegenpunkt zu Alone
Together gesetzt war. Wie Lynne langsam, allmählich die Musik zum
Verstummen brachte, war grosse Kunst. Gillespies A Night In Tunisia
folgte. Das glühende Spiel und die blinde Koordination zwischen Klavier
und Schlagzeug waren umwerfend. Das Trio fuhr mit Kontrasten weiter. William
Waltons traurige Balle Touch Her Soft Lips and Part lebte von
Lynnes empfindsamem Klavierspiel. Das letzte Stück vor der Pause war Calypso.
Arriales fröhliche Komposition wurde mit Humor, Präzision, Wärme und
Leichtigkeit dargeboten.
Der zweite
Teil des Abends wurde mit Monks Bemsha Swing eröffnet. Das Trio
begann mit improvisierten Elementen, bei denen der Humor nicht zu kurz
kam. Das darauf folgende Stück, The Nearness of You, war erneut
als Kontrast gesetzt. Harmonie und Eleganz triumphierten in dieser
Ballade. Steve Davis gebrauchte lediglich seine Besen. Das Trio sandte
warme Wellen aus. Lynne zauberte helle, glockengleiche Skalen hervor.
Beautiful Love folgte. Wie der programmatische Titel des Albums,
dem das Stück entnommen ist, verkündet, triumphierte hier die Melodie.
Lynnes zauberhafte Flüge über das Piano wurden von Steve mit seinen
Besen begleitet. Gegen Ende wurde das Spiel fast orgiastisch, ehe es
langsam ausklang.
Yesterday's,
eine Komposition von Kern, die Lynne auf ihrem Debütalbum eingespielt
hat, wurde in einem Arrangement von Steve Davis vorgetragen. Das Spiel war
lebhaft, flamboyant. Lynne demonstrierte ihre virtuosen Qualitäten. Ein
spektakuläres, intensives Schlagzeugsolo von Steve durfte natürlich
nicht fehlen. Nach dem puren Vergnügen kam wieder ein berührender,
traumhafter, ja fast transzendentaler Moment mit James Taylors Don't Let Me Be
Lonely Tonight, einem weiteren Höhepunkt des Abends. Gershwins It Ain't Necessarily So
brachte die Fröhlichkeit zurück. Das Lynne Arriale Trio spielte Abdullah
Ibrahims Mountain of The
Night als Zugabe. Der einfache und gleichzeitig herrliche Rhythmus
führte nochmals zu ätherischen, tranceähnlichen Momenten, in denen
Steve Lynne auf subtile Weise, mit den blossen Händen auf dem Schlagzeug
begleitete.
Es braucht zwei starke Männer, um Lynne Arriale in Bodennähe, auf die Ebene des irdischen Zuhörers
zurück zu holen: Jay Anderson, den omnipräsenten, perfekt intonierenden
und deshalb wohl unauffälligen Bassisten und Steve Davis, den geräuschetüftelnden
Schlagzeuger, der wie keiner seiner Gilde Schlagzeug tanzt und dabei
Klangfarben malt, die bald harmonisch, bald
komplementär, auch schroff kontrastierend, zu jenen seiner beiden
Triopartnern gesetzt und für die einmalige Frische und Lebendigkeit dieses
Trios unentbehrlich sind. Die Art und Weise, wie Davis - trotz
halsbrecherischer Eskapaden ausserhalb der rhythmischen Grundmuster - die
Musik am swingen hielt, macht ihn zu einem der Meister
seines Fachs. Das Lynne Arriale Trio bot einen unvergesslichen,
kammermusikalischen Abend.
Neu seit September 2004: Come Together. Ein teilweise
impressionistisches anmutendes, ehrliches Album, ohne falsche
Prätentionen, auf der Höhe ihrer besten Aufnahmen, mit Ausnahme von
Live At Montreux (siehe unten), das am besten ihre Qualitäten
wiederspiegelt. Come Together
bestellen bei Amazon.de,
Amazon.com.
The Eyes Have It,
1994, Dmp.
When You Listen,
1995, Dmp.
Album bestellen bei citydisc
Schweiz.