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Michael Burleigh.
 


Michael Burleigh: 
The Third Reich

Hardcover, Macmillan,
September 2000, 992 p.
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Michael Burleigh: 
Die Zeit des Nationalsozialismus.
Eine Gesamtdarstellung
.
Gebundene Ausgabe,
S. Fischer, 2000, 1088 S.
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Michael Burleigh:
The Third Reich.
Hardcover, Hill & Wang,
October 2000, 864 p.

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Michael Burleigh: Die Zeit des Nationalsozialismus. Eine Gesamtdarstellung.
Gebunden, S. Fischer, 2000, 1088 p. Bestellen bei Amazon.de, Amazon.com oder Amazon.co.uk.
 
Der 1955 geborene britische Historiker Michael Burleigh war ursprünglich ein Mediävist am University College of London und ein Research Fellow in Oxford. Danach verbrachte er sechs Jahre als Professor an der London School of Economics and Political Science. 1995 wurde er Research Professor in Medieval History an der Cardiff University. Seit 1999 lehrt er in den USA. Zuerst war er als Professor an der Rutgers University in New Jersey tätig. Im Jahr 2000 wechselte er auf den Lehrstuhl für Geschichte an der Washington & Lee University in in Lexington, Virginia. Michael Burleigh ist ein international anerkannter Spezialist für Nazi-Deutschland. Zu seinen früheren Werken gehören Germany Turns Eastwards: A Study of "Ostforschung" in the Third Reich, Death and Deliverance sowie "Euthanasia" in Germany 1900-1945.
 
In Burleighs Die Zeit des Nationalsozialismus beruht die Interpretation des nationalsozialistischen Deutschland auf dem Begriff der "politischen Religion". Bereits von Hitlers Zeitgenossen sowie von späteren politischen Analysten und Historikern wurde dieser Erklärungsansatz benutzt. Konrad Heiden, Eric Voegelin, Waldemar Gurian, Uriel Tal und George Mosse gehören zu ihnen. Hitler war eine Art "Messias", der die Massen seiner Bewegung leitete. Burleigh ist ein Antipode zu jenen Historiker, die das Dritte Reich als das strukturelle Resultat einer sozialen Dynamik sehen, die ausser Kontrolle geriet. In einem gewissen Gegensatz zu Kershaw insistiert Burleigh auf der Einzigartigkeit von Hitler, von dem alle wichtigen Entscheidungen ausgingen. Das Konzept der "politischen Religion" ist der Schlüssel zum Verständnis, weshalb eine der höchstentwickelten industriellen Gesellschaften Europas moralisch Zerfiel, weshalb Teile der Eliten wie der Massen einfacher Leute sich dazu entschlossen, auf ihren kritischen Geist zugunsten einer Politik zu verzichten, die auf Glaube, Hoffnung, Hass und kollektivem Zusammengehörigkeitsgefühl von Rasse und Nation beruhte.
 
Burleigh versucht nicht, eine neue grosse Theorie zum Verständnis von Nazi-Deutschland zu entwickeln. Sein Werk steht in der Schuld früherer Werke, so von Bracher, Friedländer und vielen anderen. Gleichzeitig verheimlicht er dieses Faktum nicht. Er versucht jedoch, eine umfassendere Geschichte als je zuvor zu präsentieren, in die er die Summe der zur Verfügung stehenden Kenntnisse integriert hat. Die von ihm behandelten Themen sind vielfältig und wiederspiegeln auch Tendenzen der Forschung. Dazu gehören die Utopie der "Volksgemeinschaft", die Vision des "neuen Menschen", die "Judenpolitik", Eugenik, Euthanasie, Zwangsarbeit, Holocaust, Pogrome, Polizeiterror, Bürokratie und wissenschaftliche "Rationalität" bei der Ausführung der verbrecherischen Politik, Anpassung, Kollaboration und Widerstand, die Geschichte des Rechts, der Richter und Anwälte, der Ärzte und Generale. Doch bei aller Vielfalt spart Burleigh wichtige Themenbereiche aus bzw. behandelt sie zu stiefmütterlich. Dazu gehören die Wirtschaft, die Innen- und Aussenpolitik, die Kriegführung und das Leben der Durchschnittsdeutschen. Seine Analyse ist trotz der über 1000 Seiten nicht so umfassend, wie man im ersten Augenblicke denkt.
 
Neben dem Konzept der "politischen Religion" basiert Burleighs Studie auf der Totalitarismustheorie, welche die Wesensähnlichkeit von Kommunismus und Faschismus, genauer von stalinistischem Sowjetsystem und Nazideutschland, betont. Hannah Arendt, Raymond Aron und Jacob Talmon sind hier einige Namen von Spezialisten, auf deren Werken Burleighs diesbezüglicher Ansatz beruht. Der britische Autor kommt zum Schluss, dass, nachdem das totalitäre System einmal errichtet worden war, nur noch Menschen aus dem Machtzentrum selbst dieses hätten zum Einsturz bringen können. Diejenigen, die Hitler zur Macht verholfen hatten, hätten sich gegen ihn stellen müssen. Burleigh verteidigt die Männer des 20. Juli 1944, die versucht hatten, Hitler zu ermorden und sein Regime zu stürzen, um wieder ein konservatives Regime zu errichten. Burleigh vertritt die Meinung, man solle diese Menschen nicht mit den Ideen und den Masstäben des Grundgesetzes der Bundesrepublik messen, denn sie hätten ihre prägenden Jahre zur Zeit des Kaiserreiches erlebt. Ihren Erfahrungshorizont könne man nicht mit dem unseren vergleichen.
 
Für Leser, die mit der einschlägigen Literatur vertraut sind, bringt Burleigh nicht viel Neues. Doch sein Werk ist lobenswert, weil es in einem Band versucht, die Geschichte vom Zerfall der Weimarer Republik bis zum Ende des Nazi-Regimes zu erzählen, wobei Burleigh zurecht den Rahmen seiner Darstellung über die bedingungslose Kapitulation hinaus bis ins Jahr 1948 spannt. Burleigh ist mehr an der Ideen- als an der Sozialgeschichte interessiert. Gleichzeitig insistiert er auf der Bedeutung des europäischen, ja globalen Kontextes, in dem das Nazi-Regime geboren wurde und ohne das es so nicht denkbar gewesen wäre.

 

 

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