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Nr. 21, Dezember 2000
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Das Regierungsteam von George W. Bush
Dick Cheney - Vice President/Vizepräsident
Colin Powell - Secretary of State/Aussenminister
Condoleezza Rice - National Security Adviser/Nationale Sicherheitsberaterin
Donald Rumsfeld - Defense Secretary/Verteidigungsminister
John Ashcroft - Attorney General/Justizminister
Paul O'Neill - Treasury Secretary/Finanzminister
Donald Evans - Commerce Secretary/Wirtschaftsminister
Anne Veneman - Agriculture Secretary/Landwirtschaftsministerin
Mel Martinez - Housing and Urban Development Secretary/Minister für Wohnungsbau und Stadtentwicklung
Christine Todd Whitman - Environmental Protection Agency Administrator/Leiterin des Umweltschutzamtes
Andrew H. Card jr. - White House Chief of Staff
Mitchell E. Daniels jr. - Office of Management and Budget Director
Alberto L. Gonzales - White House Counsel
Karen P. Hughes - White House Counselor
 
  
Artikel vom 28. Dezember 2000
 
 Zahlen zu den Wahlen
 Elektorenstimmen:
 Bush 271
 Gore  267
 
 National gewonnene
 Stimmen:
 Bush       49,820,518
 Gore       50,158,094
 Andere   3, 835,394
 
 Gore hat vom Volk  337,576 Stimmen  mehr erhalten als  Bush.
  
 Stimmen in Florida:
 Bush 2,912,790
 Gore  2,912,253
 
 Bush hat in Florida mit 537 Stimmen  Vorsprung gewonnen
 und damit die Wahl für sich entschieden.
 
 Repräsentantenhaus: 
 Republikaner  223
 Demokraten    210 
 Unabhängige     2
 
 Senat:
 Republikaner   50
 Demokraten     50

 
Nach einer nicht enden wollenden juristischen Schlacht behält George W. Bush das bessere Ende für sich. Der designierte amerikanische Präsident ist wohl intellektuell schwächer und in Sachfragen weniger beschlagen als Al Gore, doch gleichzeitig wird er es als Washingtoner Neuling wahrscheinlich leichter haben, die in der Clinton-Ära aufgerissenen Gräben auf ein politisch vernünftiges Mass zu reduzieren. In Texas hat er in der Zusammenarbeit mit einem von den Demokraten dominierten Parlament bewiesen, dass er breit abgestützte Lösungen erarbeiten kann. Eine von Gore geleitete Regierung wäre von den Republikaner wohl als eine Weiterführung der bisherigen Administration betrachtet worden. Von einem Neuanfang wäre wohl keine Rede gewesen. Zudem haben die Beispiele von Mitterrand und Kohl in Europa zu genüge gezeigt, dass es keiner Partei und vor allem keinem Land gut tut, wenn ein Mann mehr als acht Jahre an der Spitze eines Staates steht. Verschleisserscheinungen wie die Arroganz der Macht, Korruption und Reformunfähigkeit werden intolerabel, ein Wechsel tut Amerika deshalb sicherlich gut. Vielleicht wird nun wieder weniger auf Ereignisse bloss reagiert und das Regieren weniger von Umfrageergebnissen gesteuert werden.
 
Die Wahlen in den USA haben trotz aller Peinlichkeiten gezeigt, dass Amerika eine funktionierende Demokratie ist. Es kam zu keinen Ausschreitungen, zu keinen Strassenschlachten, nie bestand die Gefahr bürgerkriegsähnlicher Zustände. Die Bürger blieben ruhig und liessen die Gerichte arbeiten. Auch wenn nicht alle mit der Entscheidung des höchsten Gerichts glücklich sind, so sind doch alle bereit, sie zu akzeptieren. Doch gleichzeitig wurden die Schwächen des Systems offengelegt. Das betrifft weniger das Faktum, dass Gore landesweit mehr Wählerstimmen gewann und dennoch verlor - denn das ist weitgehend eine Konsequenz des föderalen Systems, in dem die Gliedstaaten ihr Gewicht haben -, als vielmehr die Rolle, welche Anwälte und Gerichte im Ringen um die Macht spielten. Bereits der Franzose Alexis de Tocqueville stellte in den 1830er Jahren fest, dass in den USA letztlich alles von einem Gericht entschieden werde. Leider ist es zu bezweifeln, dass sich daran etwas ändern wird. Immerhin hat Bush als Gouverneur von Texas, wo soviel wie sonst nirgendwo in den USA geklagt wurde, versucht, das Klagerecht einzuschränken.
 
Auf der positiven Seite steht, dass die amerikanischen Bürger und vor allem die Schulkinder und Studenten das Funktionieren der Demokratie so interessiert wie schon lange nicht mehr verfolgten. Nicht zuletzt wurde allen bewusst, dass bei den Wahlen jede Stimme zählt - wenn sie denn korrekt abgegeben wird und gezählt werden kann.
 
Der designierte amerikanische Präsident George W. Bush jr. wurde 1946 in New Haven, Connecticut, geboren. Sein Vater studierte damals noch in Yale. Die Familie Bush zog nach Westtexas, noch bevor Bush Junior zwei Jahre alt wurde. Als Sohn aus reichem Haus versuchte Bush Senior, sich in der Ölstadt Odessa sein eigenes Glück zu schmieden. Die Familie zog in eine kleine Wohnung. Gemäss einigen Quellen sollen sich die Bushs dort das Badezimmer mit einem nebenan lebenden Mutter-Tochter-Prostituiertenteam geteilt haben. Nach einem einjährigen Zwischenspiel in Kalifornien zogen die Bush nach Midland, Texas, wo sie einen 847 Quadratfuss Bungalow bezogen. Bald konnten Sie in immer grössere Häuser umziehen.
 
Als George Junior sieben Jahre alt war, starb seine dreijährige Schwester Robin an Leukämie. Seit damals soll er eine sehr enge Beziehung zu seiner Mutter haben. Georges Geschwister sind Jeb (sechseinhalb Jahre jünger), Neil (neun Jahre jünger), Marvin (zehn Jahre jünger) und Dorothy (dreizehn Jahre jünger). Bush Junior ist kein Intellektueller und bis heute kein grosser Buchleser, obwohl seine Frau eine gelernte Bibliothekarin ist. Er spielte vielmehr als Fänger für die Cubs, ein Little League Baseballteam, und er schaffte es sogar ins Little League All-Star-Team der Stadt. Von 1964 bis 1968 studierte Bush jr. an der Yale University, wo er in Geschichte graduierte. Von 1968 bis 1973 diente als Pilot einer F-102 in der Texas Air National Guard, verstand es aber, nicht nach Vietnam einberufen zu werden. 1975 erwarb er einen MBA an der Harvard Business School.
 
Bush begann seine berufliche Karriere 1975 im Öl- und Gasbusiness von Midland, wo er bis 1986 tätig war. Er ist ein moderater konservativer, der von dieser kleinen Öl-Boomstadt geprägt wurde, die rund 25,000 Einwohner hatte als er klein war und heute 100,000 Menschen zählt. Bush ist von der Kleinstadt-Philosophie geprägt. Regierungsinterventionen misstraut er und setzt dagegen mehr auf Privatinitiative und die freie Wirtschaft.
 
Bush Junior arbeitete für seinen Vater in der Kampagne für die Präsidentschaft 1988. Im Jahr nach der Wahl kaufte er sich mit Partnern das Baseball Team der Texas Rangers, half ein neues Stadion bauen und arbeitete als einer von zwei Managing-Partnern des Teams. Der 54jährige George jr. ist nicht nur der Sohn des Präsidenten Bush, sondern machte selbst auf dem politischen Parkett von sich reden. Nachdem er 1978 mit 47% eine Kongresswahl für die GOP gegen den Demokraten Kent Hance verloren hatte, gelang ihm 1994 mit 53.5% überraschend ein Sieg im Kampf um den Gouverneursposten des Bundesstaates Texas gegen die Demokratin Anne Richards. Vier Jahre später wurde Bush jr. mit eindrücklichen 68.6% wiedergewählt. Dazu trugen die 49% der Hispanics und 65% der Frauen bei, die ihn wählten. Bushs Familie respektierte die hart arbeitenden Mexikaner, die über die Grenze kamen, um in den Ölfeldern zu arbeiten. George W. Bushs werben um die Hispanics und die Afroamerikaner war mehr als nur ein taktischer Zug. Der designierte Präsident spricht spanisch und Hispanics haben in seine Familie eingeheiratet.
 
Als Gouverneur erwarb sich Bush Verdienste um die Verbesserung der Zusammenarbeit mit der demokratischen Opposition in Texas. Gleichzeitig mit der Erhöhung der Ausgaben für Schule und Erziehung in seinem Bundesstaat setzte er eine umfassende Steuererleichterung durch. Bush hat sich wiederholt offen gegen die in Texas mächtige religiöse Rechte gestellt. Er setzte sich für die Rechte der Homosexuellen in der GOP ein, brauchte danach aber viel Zeit, ehe er sich zu einem Treffen mit ihren Führern innerhalb der Republikaner durchringen konnte. Bush gilt als gewinnende Persönlichkeit, die jedoch Probleme mit dem "vision thing" hat. Von Kritikern wird er als "intellektuelles Leichtgewicht" abgetan. Immerhin versteht er es, sich mit Männern und Frauen wie Colin Powell, Dick Cheney und Condoleezza Rice zu umgeben, denen eben diese Fähigkeiten nicht abgesprochen werden können. Doch er ist kein Intellektueller und Büchern gegenüber "indifferent", obwohl seine Frau eine gelernte Bibliothekarin ist.
 
1977 lernte Bush seine Frau Laura Welch kennen. Drei Monate später heirateten sie. Laura ist eine ehemalige Lehrerin und Bibliothekarin, die ebenfalls in Midland aufwuchs. Die Bushs haben zwei Töchter (18jährige Zwillinge). George W. Bush jr. ist der Enkel des verstorbenen Methodisten und republikanischen Senators von Connecticut Prescott Bush, der Sohn des Präsidenten George W. Bush (1988-92), der Bruder des republikanischen Gouverneurs von Florida, Jeb Bush, und, auf der Seite seiner Mutter, sind die Bushs mit Franklin Pierce, Amerikas 14. Präsidenten verwandt. Auch die GOP hat ihre Politik-Dynastie, auch wenn die Bushs nicht das Charisma, die Ausstrahlung und Berühmtheit der demokratischen Kennedys haben, die in den USA die Rolle einer Art Ersatz-Königsfamilie einnahmen.
 
Der designierte amerikanische Präsident George W. Bush hat bereits einige Schlüsselfiguren seines Regierungsteams vorgestellt. Dazu gehört natürlich sein Vizepräsident, Dick Cheney, der mit ihm zusammen das republikanische Ticket teilte. Zu Bushs bereits designierten Ministern, die noch der Bestätigung durch den Senat bedürfen, gehört der zukünftige Aussenminister Colin Powell. Er wurde 1937 in Harlem als Sohn einfacher Jamaikanischer Immigranten geboren. Powell wuchs in den 1940er und 1950er Jahren in der South Bronx auf, bevor sie in Armut und Verbrechen versank - und auch bevor die Civil Rights-Bewegung und Affirmative Action entstanden. Zu seinen Freunden gehörten Schwarze, Weisse und Hispanics. Powell besuchte das City College of New York, schloss sich der ROTC an und begann sich langsam die Karriereleiter in der Armee emporzuarbeiten. 1963 musste er erstmals für zehn Monate nach Vietnam. 1968-69 folgte eine zweiter Aufenthalt als Stabsoffizier der 23. Division, die vor Powells Ankunft für das My Lai-Massaker verantwortlich war. Von 1969 bis zu seiner Pensionierung 1993 arbeitete Powell in Washington.

 

 

 
Unter Nixon diente er im Office of Management and Budget. Er erwarb ein Masters in Business Administration. Unter Carter arbeitete er im Pentagon an der Ausarbeitung der nationalen Sicherheitspolitik mit. Später war Powell der military assistant von Reagans Verteidigungsminister Caspar Weinberger. Danach war er eng mit Richard Armitage, einem Vietnam-Veteranen wie er selbst, verbunden. Nach dem Iran-Contra-Skandal ernannte Reagan Powell zum Stellvertretenden Nationalen Sicherheitsberater. Als Frank Carlucci ein Jahr später zum Verteidigungsminister ernannt wurde, rückte Powell auf den Chefposten des Nationalen Sicherheitsrates (NSC) auf.
 
Nach dem Sieg im Golfkrieg wurde Colin Powell zu einem Nationalhelden und war gar als möglicher Präsidentschaftskandidat im Gespräch. Charles Lane untersuchte am 17. April 1995 in einem Artikel in The New Republic den Mythos-Powell. Unter Caspar Weinberger widersetzte sich Powell dem geheimen Waffen-gegen-Geiseln-Geschäft, das als Iran-Contra-Skandal in die Geschichte einging, doch gleichzeitig soll er bei der Erledigung des zweifelhaften Handels mitgearbeitet und den Kongress bewusst im Dunkeln gehalten haben. Powell soll 4,508 tow missiles mit Hilfe des Economy Act von der Armee zur CIA transferiert haben, von wo sie in den Iran geliefert wurden. Dadurch wurde der Kongress ausgeschlossen, der normalerweise darüber hätte informiert werden sollen.
 
A
ls Vorsitzender der Joint Chiefs in der Bush-Administration sprach sich Powell im Golfkrieg gegen den Sturz von Saddam Hussein aus. Gemäss Charles Lane wollte er keine Truppen ohne ein klares Ziel in den Kampf schicken, sondern den Sanktionen mehr Zeit geben, um Wirkung zu zeigen. Er fürchtete auch Fernsehbilder von fliehenden Irakern, die von den Amerikaner sinnlos getötet wurden. Die Erfahrung von Vietnam wirkte bei Powell. Das Militär sollte ehrenvoll aus dem Golfkrieg hervorgehen.
 
P
owell stellte sich auch gegen amerikanische Interventionen auf dem Balkan. Bis 1993 war Powell ein Teil der Clinton-Administration, deren Sitzungen er später als "graduate student bull sessions" und "think-tank seminars" bezeichnete. Powell war noch im Amt, als die Somalia-Intervention, ursprünglich von Präsident Bush aus humanitären Gründen lanciert, zum Fehlschlag wurde. Als zwei Dutzend pakistanischer Soldaten getötet wurden, verabschiedete die UNO auf Drängen der USA eine Resolution, die es erlaubte, den somalischen Führer Mohamed Farah Aideed zu. Der UN-Kommandeur, ein Amerikaner, verlangte nach schweren Mitteln zu seiner Verfügung. Das Pentagon stimmte zu, doch Powell widersetzte sich zuerst der Forderung nach der Entsendung der Delta Force. Powell gab später nach und ging wenige Tage bevor 18 amerikanische Soldaten in einem Hinterhalt getötet und 75 verwundet wurden in Pension.
 
D
ie Powell-Doktrin besagt, dass amerikanische Truppen nur in den Krieg gesendet werden dürfen, wenn "vitale nationale Interessen" auf dem Spiel stehen, der Wille zum Sieg eindeutig ist, die amerikanische Bevölkerung und der Kongress die spezifische Operation unterstützen. Wenn die USA sich für Krieg entscheiden, müssen übermächtige Kräfte eingesetzt werden, um den Gegner so rasch wie möglich zu besiegen. Das war z.B. im Kosovo nicht der Fall. Die Ironie des Schicksals will es, dass Powell im Golfkrieg dank seiner meisterhaften Pressekonferenzen zum Helden wurde, in einem Krieg, gegen den er sich ursprünglich ausgesprochen hatte. Die Frage stellt sich, wie Powell heute zu Friedensmissionen, Vergeltungsschlägen aus der Luft und humanitären Interventionen steht, die er ja alle bei strikter Auslegung seiner Doktrin ablehnen müsste. Als Aussenminister der Regierung Bush wird Powell erst der Dritte Militär in einem Jahrhundert auf diesem Posten sein, nach George C. Marshall und Alexander M. Haig.
 
D
ie designierte Nationale Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice steht weitgehend auf der Linie von Powell. Amerika könne nicht weiterhin "the world's 911" (Amerikas Notrufnummer) sein. Rice ist eine Russland-Spezialistin, die Bush Senior als Beraterin beim Ende der Sowjetunion beistand. Zum Ende der Spaltung Europas und zur Einheit Deutschlands hat sie zusammen mit Philip Zelikow ein herausragendes Werk verfasst (Sternstunde der Diplomatie. Die deutsche Einheit und das Ende der Spaltung Europas. Taschenbuch, Ullstein TB-Vlg., 1999 (1995), 632 S. Bestellen bei Amazon.de; siehe die Kritik in Cosmopolis Nr. 17).
 
W
ie Powell ist Rice eine Afroamerikanerin. Sie verweist darauf, dass ihr Vater den Republikanern beigetreten sei, weil ihm im Jim Crow-Alabama des Jahres 1952 die Demokraten das Recht auf Registrierung als Wähler verweigert hätten. Sie dagegen sei der GOP beigetreten, weil diese Partei sie als Individuum und nicht als Teil einer Gruppe betrachten. - Eine Zwischenbemerkung: Zu wenige Menschen wissen, dass die Republikanische Partei in den 1850er Jahren u.a. von Aktivisten gegründet wurde, die sich gegen die Sklaverei wandten, und dass der erste republikanische Präsident Abraham Lincoln liess.
 
I
n einem Interview mit Policy.com hat Rice einige ihrer aussen- und sicherheitspolitischen Prinzipien umrissen. Der Präsident müsse eine Agenda festlegen. Die nationalen amerikanischen Interessen definiert sie mit Marktzugang und Freihandel, was zu mehr demokratischen Regierungen in der Welt führen werde. Die wichtigste Aufgabe der USA sei die Erhaltung des Weltfriedens. Die amerikanische Armee sei als einzige in der Lage, einen Krieg von globaler Bedeutung zu verhindern, z.B. im Persischen Golf, in der Strasse von Taiwan oder auf der Koreanischen Halbinsel. Die USA sollten nur in lokalen Konflikten intervenieren, die sich zu grösseren Kriegen von vitaler strategischer Bedeutung ausweiten könnten.
 
K
onkret meinte Condoleezza Rice, dass Amerika Milosevic nicht im voraus hätte mitteilen sollen, dass die USA keine Bodentruppen einsetzen würden. Weniger überzeugt dagegen ihr Argument, es sei unmöglich gewesen, Saddam Hussein von der Spitze des Irak zu vertreiben, denn dazu hätte man ihrer Meinung nach bis Bagdad marschieren müssen. Dabei wäre die Kriegskoalition zerbrochen. Einige Fehler seien in der Vorkriegsphase passiert, doch, selbst retrospektiv betrachtet, sei die Entscheidung richtig gewesen, Hussein nicht zu stürzen. Damit liegt sie voll auf der Linie von Bush Senior, der die gleichen Argumente immer wieder vorbringt.
 
1
999 unterstützte Rice die Militäraktion im Kosovo, warnte aber davor, dass die USA zu sehr von den strategischen Luftkräften und insbesondere den Cruise Missiles abhängig würden. Sie kritisierte auch jene Republikaner, die sich gegen die Bombardierungen aussprachen, während dem sie stattfanden. Dadurch sei die Klarheit der amerikanischen "Nachricht" an Milosevic, dass die USA ihn geschlossen besiegen würden, in Gefahr geraten. Rice unterstützt die Entwicklung eines nationalen Raketenabwehrsystems. Die chinesischen Kommunisten leben ihrer Meinung nach von "geborgter Zeit", da die wirtschaftliche Liberalisierung den Druck für politische Freiheiten schaffen werde.
 
Z
um Justizminister ernannte Bush den 58jährigen Senator John Ashcroft. Der Attorney General repräsentiert die Vereinigten Staaten in rechtlichen Fragen und berät den Präsidenten und die Minister. Zusammen mit Vizepräsident Cheney ist Ashcroft bisher der einzige Vertreter des konservativen GOP-Flügels in Bushs Team. Ashcroft graduierte 1964 mit Auszeichnung an der Yale University und schloss 1967 sein Studium der Rechte an der University of Chicago ab. Bevor er in den Staatsdienst eintrat, lehrte Ashcroft Wirtschaftsrecht an der Southwest Missouri State University. Von 1973 bis 1975 arbeitete er als Auditor des Staates Missouri, 1975 und 1976 als Vize-Justizminister und von 1976 bis 1985 als Justizminister. Ashcroft wurde 1984 zum Gouverneur des Staates Missouri gewählt und 1988 in seinem Amt bestätigt. In den 1990er Jahren wurde er Senator, verlor aber bei den Wahlen von November 2000 seinen Sitz. Er ist wie die Mehrheit der Amerikaner ein Befürworter der Todesstrafe und will das von Präsident Clinton erst vor kurzem verfügte Moratorium für die Vollstreckung von Todesurteilen, die von Bundesgerichten verhängt worden sind, nicht verlängern. Ashcroft ist verheiratet und hat drei Kinder.
 
B
ush hat Paul O'Neill als Finanzminister nominiert - und zum Erstaunen vieler keinen der ursprüngich favorisierten (früheren) Wall Street Banker. O'Neill wurde 1935 in St. Louis, Mo., geboren. Er erwarb am Fresno State College einen bachelor's degree in Wirtschaft und danach ein Masters in public administration an der Indiana University. O'Neill arbeitete als Ingenieur für Morrison-Knudsen Inc. in Anchorage und als Computersystemanalyst für die U.S. Veterans Administration. Von 1985 an war er Präsident der International Paper Company in New York. Von 1987 bis 1999 arbeitete er als Vorsitzender und CEO des in Pittsburgh domizilierten Aluminiumkonzerns Alcoa. Wie Bushs kommt O'Neill also nicht gerade aus umweltbewussten Branchen der Wirtschaft. Er ist allerdings kein Washingtoner Outsider wie Bush, sondern arbeitete von 1967 bis 1977 unter den Präsidenten Nixon und Ford im Office of Management and Budget, dem Rechnungsbüro des Weissen Hauses, in den letzten drei Jahren unter Ford als stellvertretender Leiter. Zu jener Zeit war Dick Cheney der White House Chief of Staff. Unter Präsident Bush Senior arbeitete O'Neill in mehreren Expertenkommissionen mit, darunter jener zur staatlichen Altersvorsorge. O'Neill hat auch Clinton beraten und amtet als Präsident der Rand Corporation, einem einflussreichen Think Tank. Nicht zuletzt ist Paul O'Neill ein langjähriger Freund des amerikanischen Notenbankchefs Alan Greenspan. Bush erhofft sich von diesem Umstand eine reibungslose Zusammenarbeit. Sein Vater, Bush Senior, kreidete ja Greenspan an, er habe das geldpolitische Ruder zu spät rumgeworfen und mit seiner rigiden Geldpolitik seine Wiederwahl 1992 verhindert, weil die Wirtschaft zu spät wieder in Schwung gekommen sei, um sich an den Urnen auszuwirken. Paul O'Neill kommt eine Schlüsselrolle in Bushs Kabinett zu, da er dessen Steuersenkungspläne sowie die Teilprivatisierung der Social Security im Kongress durch- und danach umsetzen sollte.
 
Zum Wirtschaftsminister ernannte Bush den 54jährigen Donald L. Evans. Evans kommt wie der designierte Präsident aus der texanischen Ölbranche. Beide wurden 1946 geboren, sind sportlich und praktizierende Methodisten. Evans leitete unentgeltlich Bushs Wahlkampf, für den er zudem $100 Millionen aufgetrieben hat. Evans ist der Vorsitzende der Tom Brown Inc. in Denver, Texas. Er bringt allerdings keine Regierungserfahrung mit.
 
E
vans wuchs in Houston, Texas, auf. An der University of Texas traf er seine Frau, Susie Marinis. Das zweite Kind der Evans', die 1976 geborene Jenny, ist geistig behindert und hat nie sprechen gelernt. Evans graduierte in mechanical engineering. Bevor er ins Ölbusiness ging, öffnete er für kurze Zeit ein Reisebüro. 1975 zog Evans in die Heimatstadt seiner Frau - Midland - wo er bei Tom Brown Inc. anfing. Innerhalb von fünf Jahren schaffte es Evans an die Spitze von Tom Brown Inc., zuerst als Präsident. 1989 wurde er Chairman und CEO.
 
I
n Midland traf Don Evans auch George W. Bush, der mit Susie zusammen graduiert hatte und gerade dabei war, ins Ölgeschäft einzusteigen. Evans soll auch an jenem Tag im Jahr 1986 bei Bush gewesen sei, an dem dieser sich dafür entschied, das Trinken aufzugeben. Von Beginn an war Evans ein Teil von Bushs politischer Karriere. 1978 sammelte er Spenden für Georges Kongresswahlkampf, der mit einer Niederlage endete, sowie für die nachfolgenden erfolgreichen Gouverneursrennen. 1995 ernannte Gouverneur Bush Evans zu einem Mitglied des Vorstandes (Board of Regents) der University of Texas, von dem er 1997 zum Vorsitzenden gewählt wurde.
 
A
ls Minister für Wohungsbau und Stadtentwicklung wählte Bush den 54jährigen Mel R. Martinez, der als 15jähriges kubanisches Flüchtlingskind in die USA gekommen war und zum gewählten Chairman der Regierung von Orange County, in dem auch Orlando liegt, aufstieg. Martinez wurde vor allem als Anwalt der in Florida wohnenden Verwandten des kubanischen Flüchtlingskindes Elian Gonzalez, dessen Mutter starb und dessen Vater das Kind nach Kuba zurückholen wollte, bekannt.
 
B
ush nominierte Christie Todd Whitman als Leiterin des Umweltschutzamtes, ein Posten mit Kabinettsrang. Der designierte Präsident bezeichnete die Gouverneurin von New Jersey als Freundin.
 
Z
ur Agrarministerin ernannte Bush die 51jährige ledige Ann M. Veneman. Sie erwarb einen Bachelor's degree in Politologie an der University of California at Davis, einen Magister in public policy an der University of California at Berkeley sowie einen law degree am Hastings College of Law. Veneman ist eine Anwältin aus Sacramento, die bereits unter Bush Senior als stellvertretende Agrarministerin amtiert hat. Von 1995 bis 1999 war sie in Kalifornien als Ministerin für Food and Agriculture tätig. Zu ihren Prioritäten in jenen Jahren zählten die expandierenden Überseemärkte.
 
B
ush ernannte den 45jährigen Alberto R. Gonzales, den Sohn eines Bauarbeiters aus Houston, Texas, zum White House Counsel. Gonzales hat zuerst an der U.S. Air Force Academy studiert, dann ging er an die Rice University und schliesslich absolvierte er erfolgreich die Harvard Law School. Der Vater von drei Kindern amtet zur Zeit als Richter am Obersten Gericht von Texas. Er gehört zum inneren Machtkreis um Gouverneur Bush in Texas, dem der politische Strategieberater Karl Rove, Joe Allbaugh, der Chief of Staff des Gouverneurs, sowie die Kommunikationsdirektorin Karen Hughes, die Bush zu ihrem White House Counselor ernannt hat, angehören.
 
1
982 hatte Gonzales seine Karriere bei Vinson & Elkins, einer der mächtigsten texanischen Anwaltsfirmen begonnen. Bald stieg er zu einem Partner auf. Er spezialisierte sich aufs Wirtschaftsrecht. 1995 wurde er von Bush, den er damals nicht kannte, angefragt, ob er nicht sein general counsel werden wolle - und Gonzales akzeptierte. Er beriet den Gouverneur u.a. in vielen Fällen von zum Tode Verurteilten. Über den Posten als Aussenminister von Texas stieg Gonzalez zum Richter am Obersten Gerichtshof des Staates auf, was aus ihm ein Vorbild für die hispanische Gemeinde machte.
 
D
en 53jährigen Andrew H. Card machte Bush zu seinem White House Chief of Staff. Der dreifache Vater hat einen Bachelor in Ingenieurswissenschaften an der University of South Carolina erworben, ging danach auf die U.S. Merchant Marine Academy und die John F. Kennedy School of Government an der Harvard University. Card stieg später zum Vizepräsidenten für Regierungsfragen innerhalb von General Motors auf. Er war Präsident und Chief Executive des Verbandes amerikanischer Automobilhersteller. Im Weissen Haus war er bereits unter Bush Senior als stellvertretender Chief of Staff tätig. Zuvor war er unter Reagan Direktor im Office of Intergovernmental Affairs gewesen. Card hat als Mitglied des Massachusetts House of Representatives auch Erfahrung auf der legislativen Ebene sammeln können.
 
Nachtrag vom 28. Dezember 2000, 21 Uhr 30 Schweizer Zeit:
Der designierte Präsident George W. Bush hat heute Donald Rumsfeld als Verteidigungsminister nominiert. Der 68jährige Rumsfeld hat bereits unter den drei Republikanischen Präsidenten Nixon, Ford und Reagan gedient. Unter Nixon nahm er verschiedene Funktionen wahr. Er diente u.a. als Direktor des Office of Economic Opportunity sowie als amerikanischer Botschafter bei der NATO. 1975 diente er Ford kurzzeitig als jüngster Verteidigungsminister in der Geschichte der USA. Für Reagan war er als Sonderbeauftragter im Mittleren Osten unterwegs. Rumsfeld tritt für den Aufbau eines Raketenabwehrsystems ein.

 
Nachtrag vom 29. Dezember 2000, 21 Uhr Schweizer Zeit:
Bush nominierte heute weitere vier Minister: Tommy Thompson, den am längsten amtierenden Gouverneur der USA, der seit 1986 in Wisconsin im Amt ist, wählte er für den Posten als Sozialminister (Health and Human Services Secretary) aus. Medicare und Medicaid, die Abtreibungsfrage sowie Sozialprogramme fallen in sein Ressort. Die Gesundheits- und Sozialreformen werden in der folgenden Legislaturperiode erneut im Zentrum der politischen Debatte stehen. Der afroamerikanische Schulfachmann Rod Page, superintendent of schools in Houston, Texas, soll Erziehungsminister werden. Gale Norton, früher acht Jahre lang attorney general des Bundesstaates Colorado, nominierte Bush als Innenministerin. In früheren Republikanischen Administrationen war sie im Innen- sowie im Landwirtschaftsministerium tätig. Der ehemalige Kongressabgeordnete Anthony Principi aus Rancho Santa Fe, Kalifornien, soll das Ministerium für die Kriegsveteranen übernehmen. Er kämpfte in Vietnam und wurde für seinen Einsatz ausgezeichnet. Bereits unter Bush Senior war er stellvertretender Chef des nun von ihm zu übernehmenden Ministeriums. - Nebenbei: Der 40jährige Ari Fleischer ist der zukünftige Pressesekretär des Weissen Hauses. Während der Wahlkampagne von Bush füllte er bereits die Funktion des Pressesprechers aus. Zuvor war Fleischer einige Zeit für Elizabeth Dole, eine Rivalin von Bush um die Präsidentschaftsnomination der Republikaner, tätig gewesen.

 
Nachtrag vom 3. Januar 2001:

Gestern nominierte Bush den bisherigen Demokratischen Handelsminister Norman Y. Mineta als Verkehrsminister. Damit gelang es dem designierten amerikanischen Präsidenten doch noch, ein Mitglied der Demokratischen Partei für sein Kabinett zu gewinnen. Der aus Kalifornien stammende 69jährige Mineta ist ein Amerikaner japanischer Abstammung, der als Kind im Zweiten Weltkrieg in einem amerikanischen Internierungslager für Japaner landete. Mineta sass früher lange im Kongress, ging jedoch vor fünf Jahren in die Privatwirtschaft, zum Waffenproduzenten Lockheed Martin. Im Präsidentschaftswahlkampf gehörte er zu Gores informellen Beratern. Mineta erklärte, er bleibe den Grundsätzen der Demokratischen Partei treu, es gebe "keine Demokratischen oder Republikanischen Autobahnen", sowenig wie es "Republikanische oder Demokratische Verkehrsstaus“ gebe. Bush wählte zudem den bei den November-Wahlen nach nur einer Amtsperiode knapp unterlegenen 48jährigen Senator Michigans, Spencer Abraham, als zukünftigen Energieminister. Der in Harvard ausgebildete Rechtsanwalt ist der Enkel libanesischer Einwanderer. Er gilt als nicht besonders "umweltfreundlich". Vor einigen Jahren gehört er zu jenen Parlamentariern, die das "überflüssige" Departement abschaffen wollten, das er nun leiten soll. Die 53jährige Menschenrechtsaktivistin Linda Chavez soll Bushs Arbeitsministerin werden. Unter Präsident Reagan war sie als staff director of the United States Commission on Civil Rights tätig. Ihre Ernennung fiel auf harsche Kritik von Seiten des Gewerkschaftsbundes AFL/CIO, weil Chavez gegen die Rechte von Arbeitern aufgetreten sei und die gezielte Förderung Farbiger (affirmative action) wie auch die zweisprachige Erziehung (englisch/spanisch) ablehnt. Damit ist Bushs Kabinett komplett. Nun muss es noch vom Senat bestätigt werden. Noch unbesetzt sind einige wichtige Posten ohne Kabinettsrang. So gilt es noch den Direktor der CIA, den UNO-Botschafter sowie den Handelsbeauftragten zu ernennen.

 

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