|
Ian Kershaw:
Hitler. Eine Biographie - Biografie
Der 1943 geborene englische
Historiker Ian Kershaw studierte in Liverpool und Oxford. Von 1968 bis 1989
lehrte er an den Universitäten von Manchester und Nottingham. Seit 1989 ist er
Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Historischen Instituts der
Universität Sheffield. Seine monumentale Hitler-Biographie in zwei Bänden mit
insgesamt rund 2300 Seiten steht unter dem Leitthema "dem Führer entgegen
arbeiten". Kershaw hat das Zitat bereits in einem früheren Werk verwandt.
Es stammt übrigens nicht aus eigenen Recherchen, sondern er hat es einer
englischen Studie von Jeremy Noakes entnommen. Das Zitat wurde einer Rede von
Werner Willikens, dem damaligen Staatssekretär im preussischen
Landwirtschaftsministerium, entnommen, die er am 21. Februar 1934 in Berlin
gehalten hatte. Es gibt kein von Hitler gezeichnetes Dokument, in dem er die
Ermordung der Juden anordnet, doch gleichzeitig ist klar, dass er es so wollte.
Den Inhalt seiner Reden, nicht nur was den Holocaust angeht, setzten
Funktionäre und Mitläufer oft in vorauseilendem Gehorsam um. Es bedurfte
oftmals keiner klaren Befehle, da viele Deutsche dem Führer in vorauseilendem
Gehorsam entgegen arbeiteten.
Seit über einem Jahrzehnt
beschäftigt sich Kershaw, eigentlich ein Mediävist, mit Nazideutschland. In
dieser Zeit hat er eine Reihe von Büchern und Studien zu diesem Thema
veröffentlicht. Die vorliegende zweibändige Hitler-Biographie fasst seine
Erkenntnisse weitgehend zusammen und ist von früheren Arbeiten über Hitler
beeinflusst. Kershaws Stärke und gleichzeitig sein Schwachpunkt liegt darin,
dass er Hitler in seinem historischen Kontext zeigt. Kershaw klebt nicht so
stark wie Joachim Fest in seiner herausragenden Biographie aus dem Jahr 1973 an
Hitler, doch gleichzeitig wird die Figur des Diktators dadurch blass. Das ist
natürlich zum einen dadurch bedingt, dass Kershaw Hitler als einen ausserhalb
der Politik unbedeutenden, blassen Mann sieht. Zum andern verschwindet Hitler
zeitweise in der Fülle an Informationen, die Kershaw präsentiert. Sein Werk
ist teilweise eher eine Geschichte des Nationalsozialismus, als eine Biographie
Hitlers. Zum Glück ist Kershaw kein Anhänger der Psychobiographie. Er erspart
uns zwar die psychologischen und psychosexuellen Deutungen Hitlers nicht ganz,
doch nur, um ihre Unzulänglichkeiten aufzuzeigen.
Der Historiker Kershaw wurde durch
die Sozialgeschichte auf Hitler aufmerksam. Sein Ansatz ist also ein völlig
anderer wie der von Burleigh. Die
Sozialgeschichte nimmt den auch einen breiten Raum in Kershaws Darstellung ein.
So räumt der Brite im ersten Teil von Hitler der nationalsozialistischen
Bewegung viel Platz ein. Das Individuum Hitler sowie die anderen
Führungsfiguren des Dritten Reiches stehen nicht im Zentrum seiner Analyse. Kershaw
ist weniger an Hitlers Persönlichkeit, den Erfahrungen, die seine Ideologie
formten sowie an der Ideologie selber interessiert, als vielmehr an der
Erklärung, wie es möglich war, dass Hitler seine Macht zu einer absoluten
ausbauen konnte, sodass selbst Generäle, geschulte Funktionäre und
intelligente Geister dem ehemaligen Korporal folgten, ohne dessen Befehle und
Anordnungen je in Frage zu stellen. Kershaw fragt sich, wie es zu dieser
unkritischen Gehorsamkeit gegenüber einem Autodidakten kommen konnte, dessen
einziges und unbestreitbares Talent gemäss Kershaw darin bestand, die Gefühle
der Massen in Aufruhr zu bringen.
Natürlich war in der
Nachkriegsära, insbesondere in Deutschland, die Versuchung bei Historikern,
Politikern und einfachen Bürgern zu gross, Hitler als die omnipotente Person
darzustellen, die er so nie war. Der Mythos vom Verführer eines unschuldigen
Volkes verfing bei einigen. Kershaw widerlegt diese Fantasien überzeugend.
Gleichzeitig verfällt er nicht der gegenteiligen Vereinfachung eines
Goldenhagen, der in den Deutschen nur noch willfährige Ausführende von Hitlers
Willen sieht. Kershaw vereinfacht nicht die Geschichte. Er unterschlägt nicht,
das Göring 1939 keinen Krieg wollte. Der Brite kann sich den Holocaust auch
nicht ohne Hitler vorstellen. Für Kershaw
war Hitlers Ende im Abgrund nur logisch. Der Kunstmaler kam fast durch Zufall
zur Politik. Im Nachkriegschaos entdeckte er sein rhetorisches Talent, das es
ihm erlaubte, die Massen zu begeistern. Hitler wollte die auf Versailles
beruhende Friedensordnung umstossen und für die Deutschland bereitete Schmach
Revanche nehmen. Die Juden waren in seinen Augen dafür verantwortlich. Doch
erst in der Mitte von 1920 verband Hitler Antisemitismus und Antibolschewismus.
Später wurden ein neuer Krieg und die Ausrottung der Juden zu seinen
Obsessionen. Ab 1933 wurde der Antisemitismus in Deutschland wichtig. Weite
Teile der Gesellschaft waren davon infiziert, eine wichtige Minderheit nahm
aktiv daran teil, wobei viele Menschen dem Antisemitismus gegenüber indifferent
blieben. Insgesamt waren gemäss Kershaw mehr Deutsche in die Verbrechen des
Regimes verstrickt, als viele lange wahrhaben wollten. Doch daraus schliesst er
nicht auf eine Kollektivschuld. Als General Ludwig Beck 1938 zurücktrat, war er
isoliert. Gemäss Kershaw war dies der letzte Moment gewesen, an dem die
Deutschen noch erfolgreich Widerstand gegen Hitler hätten leisten können.
Lediglich die militärischen Führer wären dazu in der Lage gewesen. 1941 war
die Radikalisierung bereits zu weit fortgeschritten. Terror, Mord und Tatschlag
waren gemäss Kershaw nicht mehr aufzuhalten. Entgegen dem Eindruck dieser
Zeilen ist Kershaws Biographie kein Werk vereinfachender Erklärungen, im
Gegenteil, der Autor fällt nuancierte Urteile, auch wenn er kein Meister der
Formulierung ist.
Kershaws Hitler steht auf
dem neuesten Stand der Forschung. Er hat auch neu veröffentlichte Quellen in
sein Werk eingebaut, die früheren Historikern nicht zur Verfügung standen;
dazu gehören die Tagebücher
von Joseph Goebbels (1924-1945). Dank
der monumentalen Grösse seines Werkes präsentiert Kershaw das bisher
umfassendste Porträt von Hitler und seiner Zeit. Der Diktator selbst und einige
seiner spezifischen Entscheidungen bleiben allerdings etwas zu blass. Kershaw
vernachlässigt zudem die Dimension der "politischen Religion" (die
Burleigh ins Zentrum stellt), welche die Nazi-Ideologie einnahm und den
Hitler-Mythos mit ausmachte. Nach Allan Bullocks (oft zu falschen Schlüssen
neigenden) Biographie, nach der Studie von Eberhard Jäckel (1969), der
umfassenden Analyse von Joachim Fest (1973) und dem nützlichen Band von Sebastian Haffner
(1978) bildet Ian Kershaws Hitler einen weiteren Meilenstein in der wohl
unendlichen Geschichte der Versuche, Hitler und sein Regime zu verstehen.
|
  
Ian Kershaw: Hitler 1889-1936.
W.W. Norton & Company, paperback, 912 p.
April 2000. Get it from
Amazon.com.
Penguin Books, paperback, new edition, 880 p.
September 1999. Get it from
Amazon.co.uk.
Commandez le premier tome chez Amazon.fr.
Hitler 1889-1936, DVA, gebunden, 972 S.
1998. Bestellen bei
Amazon.de.
  
Ian Kershaw: Hitler 1936-45. W.W. Norton & Company, hardcover, 832 p.
November 2000. Get it from
Amazon.com.
Allen Lane The Penguin Press, hardcover, 1168 p.
October 2000. Get it from
Amazon.co.uk.
Commandez le deuxième tome chez Amazon.fr.
Hitler 1936-1945. DVA, gebunden, 1343 S.
2000. Bestellen bei
Amazon.de.

Ian Kershaw: Hitler. Die Gesamtausgabe nun als Taschenbuch.
Dtv, 2002. Bestellen bei Amazon.de.
|