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Die Parlamentswahlen in Serbien
2000
Das demokratische Wahlbündnis
DOS gewinnt
über zwei Drittel der Parlamentssitze.
Jugoslawien von Milosevic zu Kostunica und
Djindjic.
Artikel vom 28. Dezember
2000
Gemäss dem offiziellen Endergebnis
der Parlamentswahlen in Serbien gewann das 18-Parteienbündnis
Demokratische Opposition Serbiens (DOS) von Jugoslawiens Präsident Vojislav Kostunica
mit 64.08% der
Wählerstimmen 176 der 250 Abgeordnetenmandate. Milosevics Sozialistische Partei
(SPS) gewann 13.76% und
37 Sitze. Die ultranationalistische Radikale Partei von Vojislav Seselj hat mit 8.5% 23 Mandate
erobert. Die ebenfalls extremistische Serbische
Einheitspartei des verstorbenen Kriegsverbrechers Zeljko Raznatovic,
besser bekannt als Arkan, die nun von Borislav Pelevic geführt wird, wird mit
5.33% 14
Abgeordnete ins serbische Parlament entsenden. Vuk
Draskovics Serbische Erneuerungsbewegung, einst die mächtigste
Oppositionspartei,
scheiterte wegen der erratischen Politik ihres Führers ebenso an der 5%-Hürde
wie die Jugoslawische Linkspartei von Mirjana Markovic,
Milosevics Frau.
Lediglich
57.72% der Wähler begaben sich an die Urnen. In
lediglich 19 von über 8,000 Wahllokalen wurden die Resultate wegen
Unregelmässigkeiten annulliert. In Kosovo öffneten 56 Lokale nicht. Gemäss den
Berichten der OSZE und
anderer Beobachter verlief der Urnengang insgesamt korrekt. Damit erhält Serbien erstmals seit über 50 Jahren eine
nichtsozialistische Regierung.
Im Kosovo hatten im Oktober Kommunalwahlen stattgefunden. Die im Kosovo lebenden
Albaner, rund 90% der dortigen Bevölkerung, boykottierten die serbischen Wahlen. Der
montenegrinische Präsident Djukanovic möchte nächstes Jahr das Volk seiner
Teilrepublik über die Unabhängigkeit Montenegros abstimmen lassen. Der wohl
zukünftige serbische Premierminister Zoran Djindjic
sagte am Montag, Milosevic werde sich in Serbien für seine Taten, „angefangen von
Korruption,
Verbrechen und Wahlbetrug bis hin zu Mordbefehlen“, verantworten müssen.
Doch bis jetzt lehnen es Serbien und Jugoslawien ab, Milosevic an den
Gerichtshof in Den Haag auszuliefern. Jugoslawien wird uns folglich auch in
Zukunft weiter beschäftigen.
Biografie von Slobodan Milosevic
Der 1941 geborene Slobodan Milosevic
schloss 1964 sein Jurastudium ab und trat der Kommunistischen Partei bei. Er
heiratete die Professorin für Marxistische Soziologie an der Universität von
Belgrad, Mirjana Markovic. Milosevic erklomm die Karriereleiter als
Administrator u.a. der staatlichen Gasgesellschaft und als Direktor der
Beobanka, einem der grossen Finanzinstitute in Staatsbesitz.
Milosevic wurde zum Protege des früheren serbischen Präsidenten Ivan
Stambolic, den er 1989 absetzen liess, um seinerseits die Position an der
Spitze Serbiens einzunehmen. Bald danach schritt er zur Aufhebung der
Autonomie Kosovos. In den postkommunistischen Jahren gebärdete sich der
Diktator zwecks Machterhaltung als Nationalist, zettelte Kriege an, die er
allesamt verlor.
1990 reduzierte Milosevic in die Rechte der
Provinzen in der serbischen Verfassung, was 1991 zu Gegenreaktionen in
Slowenien, Kroatien und Mazedonien führte, die sich allesamt unabhängig
erklärten. Als die Muslime und Kroaten in Bosnien-Herzegowina ebenfalls der
Sezession zustimmten, unterstützte Milosevic die serbischen Milizen, die ein
Grossserbien schaffen wollten. Ethnische Säuberungen in dreijährigen
Kämpfen waren die Folgen, bei denen sich auch die Kroaten nicht von ihrer
zimperlichen Seite zeigten. Die Übereinkunft von Dayton sollten dem Treiben
ein Ende bereiten.
196 demonstrierten Studenten und Opposition
mehrere Monate lang unter dem Banner von "Zajedno" (Gemeinsam) gegen Milosevic,
der zuletzt der Opposition die Kontrolle über einige bankrotte Städte
übergab, wobei ihm die zerstrittenen und teilweise wirren Führer der
Opposition in die Hände spielten bzw. sich einspannen liessen. Da die
serbische Verfassung Milosevic 1997 die Wiederwahl verbot, nannte er sich
einfach in Präsident Jugoslawiens um. und musste 1999 im Krieg mit der NATO
die Zerstörung der jugoslawischen Infrastruktur hinnehmen.
Im Sommer und Herbst 1999 verlangten Tausende
von jugoslawischen Demonstranten der Allianz für den Wandel ein Ende der
Diktatur von Milosevic, der wiederum nur Hohn, Spott und Flüche für die
aufmüpfigen Bürger übrig hatte. Einige Führer der Opposition hatten es ihm
in der Vergangenheit mit ihrer Zerstrittenheit und teilweise teilzeitigen
Wiedereinordnung in sein Regime einfach gemacht. Doch diese Zeit war nun
vorbei. Zudem war Milosevic im Mai 1999 vom Haager Kriegstribunal anklagt
worden.
Erst durch Massendemonstrationen sah sich
Milosevic zur Abhaltung vorgezogenen Wahlen gezwungen, nachdem er seine
Niederlage bei den Präsidentenwahlen im September nicht anerkannt hatte. Doch
schliesslich musste er in der Teilrepublik Serbien eine Übergangsregierung
aus Vertretern des Milosevic-Regimes und dem demokratischen
Oppositionsbündnis DOS akzeptieren.
Anfangs Oktober 2000 jagte die Opposition
Milosevic buchstäblich aus dem Amt. Der Exdiktator räumte nach einer Zeit
der Funkstille über das Fernsehen seine Niederlage ein und legte sein Amt als Vorsitzender der
Sozialistischen Partei nieder, behielt aber noch immer die Fäden in der Hand. Ende November liess er sich von der Sozialistischen Partei erneut zum Vorsitzenden wählen.
Bei den Parlamentswahlen in Serbien konnte er, wie oben erwähnt, nur noch
rund 37 Sitze gewinnen.
Als Milosevic an der Belgrader Universität
studierte, brachte sich sein Vater um. Elf Jahre später folgte der Suizid
seiner Mutter. Milosevics Bruder, ein ehemaliger General, nahm sich ebenfalls
das Leben. Ist es nun an Slobodan, von eigener Hand aus dem Leben zu scheiden?
Der Exdiktator, der zusammen mit seinen Günstlingen Milliardenwerte ins
Ausland geschafft haben soll, scheint noch wie vor überzeugt, ungeschoren
davon zu kommen.
Einer der DOS-Führer ist der zukünftige
Regierungschef Serbiens, der 48jährige Zoran Djindjic, der 1974 als
kritischer Geist zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt wurde und
deshalb nach
Deutschland ging, bei Jürgen Habermas studierte und 1979 in Philosophie
promovierte.
Heute möchte er Serbien zu einem Rechtstaat
mit einer funktionierenden Marktwirtschaft umbauen - wobei er in den
Kriegsjahren zwischendurch auch schon mal mit extremistischen serbischen
Kräften geliebäugelt hat. So wollte er 1993 einer Expertenregierung mit
Milosevic angehören, 1994 wallfahrtete er zum serbischen Extremistenführer
Karadzic nach Bosnien. 1996 gehörte er dem Oppositionsbündnis "Zajedno"
an, wurde Bürgermeister von Belgrad, aber noch Intrigen einige Monate später
wieder abgesetzt.
Djindjic wie auch
Kostunica sind nicht bereit, Milosevic dem Haager UN-Tribunal zu übergeben,
da die serbische Verfassung dies untersage. Djindjic steht der Demokratischen
Partei vor, einer der 18 Partner des Wahlbündnisses DOS, das nach der
gewonnen Schlacht vielleicht schon bald in einen Haufen Splitter zerfallen
wird. Zudem sind Djindjic und Kostunica
zwei Männer, die sich nicht voll vertrauen. Zudem sind sie sich über die
Geschwindigkeit der voranzutreibenden Reformen nicht einig.
Sollte Montenegro sich in einem Referendum für
die Unabhängigkeit entscheiden, so dürfte dieses Recht Kosovo nicht weiter
vorenthalten werden können und selbst in der Republik Srpska,
dem serbisch-dominierten Teil von Bosnien-Herzegowina, dürften dann die Rufe
nach Eigenständigkeit nicht mehr zu überhören sei.
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22.
September 2004: Siehe zum grösseren Zusammenhang der Geschichte und Politik
der Region Edgar Hösch u.a., Hg.: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas.
UTB/Böhlau, Wien, 2004, 776 S. Buch bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Biografie von Vojislav Kostunica
Der jugoslawische Präsident Vojislav Kostunica wurde 1944 in Belgrad geboren. Er studierte Jurisprudenz und schloss
1966 das Grundstudium ab und erhielt 1974 sein Doktorat. Ab 1970 war er als
Assistent an der Rechtsfakultät in Belgrad tätig. Doch 1974 wurde er aus
politischen Gründen zum Abgang bewegt - er hatte es gewagt, das Regime zu
kritisieren. Als ihm 1989 ein Professorenposten an jener Fakultät angeboten
wurde, lehnte er ab. Seit 1974 war an am Institut für Sozialwissenschaften
tätig, seit 1981 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für
Philosophie und Sozialtheorie, wo er für einige Zeit als Direktor amtierte.
Kostunica hat Arbeiten im Bereich des Verfassungsrechts sowie der politischen
Theorie und Philosophie verfasst. Er ist Chefredaktor mehrerer Publikationen
und ein Mitglied des serbischen PEN-Zentrums.
Seit den 1980er Jahren setzt sich Kostunica
aktiv für die Menschenrechte und eine freie Wirtschaft ein. 1989
gehörte er zu den Gründern der Demokratischen Partei. 1992 spaltete er sich
mit einigen Anhänger ab und gründete die Demokratische Partei Serbiens, der
er seit der Gründung 1992 vorsteht. Von 1990 bis 1997 war Kostunica ein
Mitglied des serbischen Parlaments.
Doch Kostunica tritt nicht nur für die
Menschenrechte ein, er ist auch ein serbischer Nationalist, der gegen die
Unabhängigkeit von Kosovo eintritt. Nach dem Balkankrieg
1992 kritisierte er Milosevic für den Verlust der von Serben eroberten
Gebiete in Kroatien und Bosnien. 1995 weigerte er sich, die
Beschlüsse von Dayton zu unterstützten. 1998 posierte er mit einem
Sturmgewehr in der Hand, um seine Solidarität mit den serbischen Truppen im
Kosovo zu demonstrieren. Den USA hat er wiederholt die kalte Schulter gezeigt.
Doch Kostunica gilt als absolut integer, er ist kein Kriegsverbrecher und
liess sich auch nicht wie z.B. Vuk Draskovic zwischenzeitlich mit Milosevic
ein. Jugoslawien ist bereits wieder Mitglied von UNO und OSZE. Doch um Belgrad
in Europa integrieren zu können, müssen Kostunica und Djindjic noch einen
weiten Weg gehen.
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