Friedbert Pflüger:
Ehrenwort.
Das System Kohl und der Neubeginn
Artikel vom 24.1.2001
Friedbert Pflügers Buch Ehrenwort ist
eine in wenigen Wochen entstandene lesenswerte, schonungslose Analyse des Systems
Kohl, die die Verdienste des Kanzlers nicht verschweigt, auch wenn sie
nicht im Zentrum stehen. Der
1955 geborene heutige Vorsitzende des Europaausschusses des Deutschen
Bundestages und stellvertretende Vorsitzende der CDU in Niedersachen
begegnete Helmut Kohl erstmals am 23. Mai 1975. Damals war er der
Stellvertretende Bundesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer
Studenten (RCDS). Zusammen mit dem RCDS-Vorsitzenden besuchte er den
damaligen Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und
CDU-Bundesvorsitzenden, Dr. Helmut Kohl, der die zwei vielversprechenden
jungen Talente zum Mittagessen in den Keller der Staatskanzlei in Mainz
zu Speis, Trank und politischer Diskussion eingeladen hatte.
Helmut Kohl gab den zwei Studenten das
Gefühl, ernst genommen zu werden. Er ermutigte sie in ihrem Kampf gegen
die Linksextremisten und sagte ihnen Unterstützung zu. Rückblickend
folgert Friedbert Pflüger aus dieser ersten Begegnung einige Lehrsätze
für die Machtpolitik des späteren Bundeskanzlers: "1. Treffe dich
mit jedem neugewählten Vorstand einer CDU-Vereinigung - von der
Frauenunion über die Sozialausschüsse bis zur Jungen Union und dem
RCDS - sowie jedem neuen Landesvorstand der Partei, mit dem Ziel, die
neuen Leute persönlich kennenzulernen und <einzubinden>. Der
frühe Kontakt erspart später viel Zeit, verhindert Missverständnisse
und schafft dir in der Regel treue Gesellschaft. 2. Nimm die
<Neuen> ernst, motiviere sie für ihre Arbeit und vermittle ihnen
das Gefühl, dass sie bei guter und loyaler Mitarbeit von höchster
Stelle alle mögliche Unterstützung erhalten."
Das erste Kapitel, in dem Friedbert
Pflüger seine "persönlichen Erlebnisse" mit dem
Parteivorsitzenden und Kanzler Helmut Kohl schildert, enthält insgesamt
21 "Lehrsätze" über die Funktionsweise des Kohlschen
Herrschaftssystem. Im zweiten Kapitel schildert er die Ereignisse des
Winters 1999/2000 aus der Sicht eines Partei-Insiders, von der
Bekanntwerdung der Übergabe eines Geldkoffers an den CDU-Schatzmeister
Walther Leisler Kiep bis zum Rücktritt Wolfgang Schäubles und der
Neuwahl von Friedrich Merz zum Vorsitzenden der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion.
Im dritten Kapitel setzt sich
Friedbert Pflüger mit der Politik als Beruf(ung) auseinander und
schildert Erfahrungen aus dem politischen Alltag. Die Politikkritik
hält er "im einzelnen oft für berechtigt, aber nicht selten auch
für überzogen und pauschal." Im vierten und letzten Kapitel
schliesslich versucht er, "grundsätzliche und konkrete Vorschläge
für die Reform der parlamentarischen Demokratie und der Parteien, die
sich in einer tiefen Vertrauenskrise befinden", zu geben.
Friedbert Pflüger bezeichnet Helmut Kohl
als "Demokrator", der Max Webers drei Herrschaftstypen -
rationalen, traditionellen und charismatischen Charakters - auf sich
vereinigte. Das ist an und für sich ein Charakteristikum einer
Diktatur, doch Kohl habe spätestens als "Kanzler der Einheit"
alle drei Herrschaftstypen verkörpert.
Ehrenwort enthält die Einsichten eines Politikers, der
als einer der engsten Mitarbeiter von Richard von Weizsäcker in den
Jahren 1981 bis 1989 bei Kohl in Ungnade fiel, weil er sich für den
Posten des Pressesprechers beim neugewählten Bundespräsidenten
entschied. Von da an schied er als nützlicher Informant oder gar zu
fördernder Vertrauensmann
in Kohls System aus.
Kritische Fragen und eigene Positionen
bekamen Friedbert Pflügers Karriere auch nach dieser Zeit nicht gut.
Rasch habe er den Ruf eines Nörglers bekommen, während dem Kollegen,
mit denen er 1990 im Bundestag angefangen habe, plötzlich Positionen
erlangt hätten. So wurde Brigitte Baumeister Parlamentarische
Geschäftsführerin, Cornelia Yzer Parlamentarische Staatssekretärin
und Claudia Nolte gar Ministerin. Von 1982 bis 1992 habe Kohl die Zahl
der Parlamentarischen Staatssekretäre von 20 auf 33 erhöht und dann -
unter dem Druck der kritischen Öffentlichkeit - allmählich wieder auf
27 gesenkt. Diese Positionen seien "sozusagen die Wurst [gewesen],
die er [Kohl] uns ständig vor die Nase hielt."
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