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Helmut Kohl: Mein Tagebuch 1998-2000. Helmut Kohl und seine Sicht der Dinge.
 
Artikel vom 23.1.2001
 
Helmut Kohls Mein Tagebuch 1998-2000 ist weder eine selbstkritische Rückschau noch ein eigentliches Tagebuch, wie es der Titel suggeriert, sondern eine nachträglich verfasste Rechtfertigungsschrift, die nur teilweise auf Notizen des jeweiligen Tages beruht. Dabei fördert er nichts Neues zu Tage, ausser einem unfreiwilligen Einblick sein Denken. Der ehemalige Bundeskanzler dachte anscheinend nur in einem Freund-Feind-Schema, das keine Nuancen zuliess. Sprachlich ist Mein Tagebuch überaus bescheiden, auch analytisch gibt es nicht viel her.
 
A
ltkanzler Kohl sagt das wichtigste in Vorwort und Nachwort: Ja, er habe 2,1 Millionen DM in Spendengeldern an den Rechenschaftsberichten vorbei direkt für die Parteiarbeit eingesetzt und damit gegen das Parteiengesetz verstossen. Diesen Fehler bedaure er sehr, und es tue ihm leid, wenn er dadurch der CDU geschadet habe. Er habe für sein Verhalten - das Verschweigen der Spender im Namen eines gegebenen Ehrenwortes - viel Prügel einstecken müssen. Doch Vertrauen sei für seine Art der Politik entscheidend gewesen, sowohl beim NATO-Doppelbeschluss wie bei der Wiedervereinigung. Wer sein Wort breche, verliere das Vertrauen. Der Bruch seines Ehrenwortes in einer Sache, die keinen strafbaren Tatbestand darstelle, wäre gleichbedeutend mit der Preisgabe seiner Würde (sic!), meint Kohl.
 
N
ach wie vor stellt der frühere Bundeskanzler sein Ehrenwort über das Recht, was einen verheerenden Einfluss auf das Rechtsempfinden der Deutschen hinterlässt, in einem Moment, in dem nicht nur Rechtsradikale fast täglich den Rechtsstaat herausfordern, sondern auch die "Jugendsünden" der Minister Joschka Fischer und Jürgen Trittin düstere Schatten auf ihr früheres Verhältnis zum Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung von politischen "Visionen" - falls sie denn welche hatten - werfen.
 
S
chon im Vorwort macht Altkanzler Kohl klar, dass er seit Herbst 1999 das Opfer einer beispiellosen Kampagne sei, die alle Grenzen einer fairen Berichterstattung sprenge. Neben SPD und den Grünen versuchten Teile der Medien, ihn als korrupten und machtgierigen Gegner darzustellen. Sie schreckten nicht davor zurück, Unwahrheiten, ja dreiste Lügen zu verbreiten, die bisher so gut wie nie auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft wurden oder überprüft werden sollten, so Kohl.
 
Natürlich wurde hier und da mit fragwürdigen Mitteln gekämpft und im Trüben gefischt, aus der Arbeit von Staatsanwälten und Untersuchungsbehörden wurden regelmässig Informationen der Presse zugespielt, wobei Der Spiegel und die Süddeutsche Zeitung eine wichtige Rolle spielten, allerdings nicht nur im negativen Sinn. Doch der Altkanzler will nicht einsehen, dass sein Fehlverhalten und sein Schweigen dazu die Ursache des Skandals sind. Er gibt nur die 2,1 Millionen DM zu, die man ihm nachweisen kann. Doch nur blauäugige Beobachter können ihm abnehmen, dass er nur einige Jahre lang falsch gehandelt hat. Von den Millionen der Hessen-CDU will er nichts gewusst haben. Diese Affäre erwähnt er nur kurz am Rande, ein Detail der Geschichte. Dass das gesamte Finanzgebaren der CDU auf Grund des selektiven Erinnerungsvermögens vieler Beteiligter in Frage gestellt wird, begreift er nicht. Vielmehr verweist er immer wieder auf seinen unermüdlichen Einsatz für Deutschland. Natürlich hat er Recht, wenn er auf die zweifelhafte Haltung von Joschka Fischer oder Gerhard Schröder im Vorfeld der Wiedervereinigung verweist. Doch Kohl versteht nicht, dass frühere Verdienste, vor allem europa-, deutschland- und sicherheitspolitisch, nicht einfach gegen Fehler aufgerechnet werden können, ganz abgesehen davon, dass er seine Versäumnisse, so agrar-, gesundheits-, renten-, steuer-, wirtschafts- und bildungspolitisch, verschweigt.
 
Mein Tagebuch ist nicht zuletzt eine Abrechnung mit ehemaligen Weggefährten und Kritikern aus der eigenen Partei. Leute wie Richard von Weizsäcker, Heiner Geissler, Rita Süssmuth und Kurt Biedenkopf kommen schlecht weg. Rufmord und Intrigen sind hier die Stichworte. Dass er selbst diese Leute nie mit Samthandschuhen angefasst hat, dass er selbst ein berechnender Machtpolitiker gewesen war, scheint er nicht wahrhaben zu wollen. Kohl gebärdet sich wie der sprichwörtliche Elefant, der im Porzellanlanden - sprich in seiner politischen Karriere - vieles Zerschlagen hat, doch wenn er selbst zur Zielscheibe wird, sich mimosenhaft gibt. Wolfgang Schäuble gegenüber gibt sich Kohl nicht ganz so rachsüchtig und zeigt sich über ihr Zerwürfnis bestürzt. Den FAZ-Artikel von Angela Merkel, mit dem sie sich von ihm lossagte, deutet der Altkanzler allerdings mehr oder weniger offen als abgekartetes (Zusammen-) Spiel von Schäuble und Merkel.
 
D
ie von Altkanzler Kohl gespendeten DM 700,000 haben ein tiefes Loch in seinen Haushalt gerissen - er hat die Summe mit Hilfe einer Hypothek auf seinem Haus aufgebracht. Das Geld aus dem Verkauf seines Ehrenwortes soll vielleicht die so entstandene Lücke schliessen, was ihm dank des vorliegenden Bestsellers wohl auch geglückt ist.
 


Helmut Kohl: Mein Tagebuch 1998-2000. Droemer, 2000, 351 S. Bestellen bei Amazon.de.
 

 

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