Deutsch Politik Geschichte Kunst Film Musik Lebensart Reisen
English Politics History Art Film Music Lifestyle Travel
Français Politique Histoire Arts Film Musique Artdevivre Voyages
Google
 
 Index  Werbung  Links  Feedback
 © www.cosmopolis.ch  Louis Gerber All rights reserved.

Balthus
Biografie, Biographie - zum Tod des Malers

Dieser Artikel basiert auf Text und Biographie von Gero von Boehm
Artikel vom 20. Februar 2001
 

Das Haus des Malers Balthus im Grand Chalet
. Fotos Kishin Shinoyama, Text Gero von Boehm. Gebunden, Schirmer/Mosel, München, 2000, 85 S. Bestellen bei Amazon.de.
Painter's House Balthus at the Grand Chalet. Photographs Kishin Shinoyama, text Gero von Boehm. Get it from Amazon.com, Amazon.co.uk or Amazon.fr.
 
Der Fotograf Kishin Shinoyama wurde 1940 in Tokyo geboren. Nach Erfolgen in der Werbebranche begann er sich Anfang der 1970er Jahre als freier Fotograf zu betätigen. Zu seinen Werken gehören Aktaufnahmen, Portraitserien, Studien zum Kabuki-Theater, Fotos aus der Subkultur Tokyos und ein umfangreiches Projekt zum japanischen Haus (der japanische Beitrag zur Biennale in Venedig 1976. Die Aufnahmen vom Grand Chalet in Rossinière entstanden im Sommer 1993. Shinoyamas Bilder von Balthus' "Allerheiligstem", seinem Atelier, das selbst nur wenige Vertraute hin und wieder zu Gesicht bekamen, bilden den Höhepunkt des Bandes. Scheinbar erstmals liess sich Balthus auf eine Kamera ein, wobei die Bilder zumeist bewusst inszeniert scheinen.
 
Gero von Boehm wurde 1954 geboren. Er studierte Rechts- und Sozialwissenschaften in Heidelberg und New York, war als freier Mitarbeiter u.a. bei der Zeit, beim Hörfunk und mehreren Fernsehanstalten tätig. 1978 gründete er seine eigene Produktionsfirma. Für ARD, ZDF und ARTE konzipierte und realisierte er Dokumenarfilme, Künstlerportraits (Henri Matisse, Henri Moore, David Hockney, Ernst Jünger, Umberto Eco, Kurt Masur, u.a.) sowie Reihen zu naturwissenschaftlichen,  gesellschaftspolitischen und kulturhistorischen Themen. 1996 drehte er für das ZDF den Film Balthus - Geheimnisse eines Malers.


Balthus - Catalogue raisonné. Das Gesamtwerk
. Hg. Virginie Monnier & Jean Clair
Gebunden, Schirmer/Mosel, München, 2000, 574 S. Bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
Balthus - Catalog Raisonne of the Complete Works by Virginie Monnier & Jean Clair, editors Get it from Amazon.com or Amazon.fr.
 

28. Dezember 2002: neues Buch von und über Balthus: Vanished Splendors - A Memoir. Ecco (Harper Collins), 2002, 224 S. Bestellen bei Amazon.com, Amazon.fr, Amazon.de, Amazon.co.uk, Amazon Canada.







Biografie, Biographie


Zehn Tage vor seinem 93. Geburtstag verstarb der Maler Balthus (1908-2001) in seinem Grand Chalet in Rossinière, das zwar an der Bahnlinie von Gstaad nach Montreux, jedoch fernab des Tourismus gelegen ist. Balthus hinterlässt ein relativ schmales Werk von rund 350 Gemälden und 1600 Zeichnungen.
 
Balthus wurde 1908 als Graf Balthazar Klossowski de Rola in Paris geboren - wobei über den Grafentitel Zweifel bestehen. Er war der zweite Sohn des polnischen Kunsthistorikers und Malers mit noblen Vorfahren, Erich Klossowski, dessen in Deutschland veröffentliche Daumier-Studie (1908) noch heute als Standardwerk gilt. Balthus' Mutter war die Malerin Elizabeth Dorothea, genannt Baladine, geb. Spiro (1886-1969), eine Polin jüdischen Glaubens, deren Vater als Kantor tätig gewesen war. Balthus' älterer Bruder ist der Schriftsteller und Maler Pierre Klossowski. Die Eltern von Balthus führten in Paris einen der wichtigsten Künstler-Salons, in dem u.a. Pierre Bonnard, Paul Valéry und André Gide verkehrten.
 
1914 zogen die Klossowskis - sie besassen die deutsche Staatsangehörigkeit - von Paris nach Berlin. Nach der Trennung von ihrem Mann liess sich Baladine mit ihren zwei Söhnen 1917 zuerst in Bern, dann in Genf nieder. Zwei Jahre später lernte sie den Schriftsteller Rainer Maria Rilke kennen, dessen Geliebte sie wurde. Rilke war es auch, der dem jungen Balthazar den Künstlernamen "Baltusz" gab.
 
1921, mit noch nicht einmal 13 Jahren, wurde Balthazars Mitsous - Quarante images par Baltusz mit einem Vorwort von Rilke veröffentlicht. Es ist die Geschichte der Katze Mitsou, die Balthus zugelaufen und dann wieder verschwunden war. Noch 1921 zog Baladine mit ihren Söhnen zu ihrem Bruder nach Berlin. 1924 ging die Reise weiter nach Paris, wo Pierre Bonnard und Paul Denis dem jungen Balthus rieten, die Gemälde von Poussin im Louvre zu kopieren, was er denn auch tat.
 
1926 verbrachte Balthus einen Teil des Sommers in Italien, wo er in Arezzo und Borgo San Sepolcro Fresken und Tafelbilder von Piero della Francesca sowie in Florenz Fresken von Masaccio und Masolino kopierte. Im Jahr darauf schuf er in Paris erste eigenständige Gemälde und Zeichnungen von Strassenszenen und Ansichten des Jardin du Luxembourg.


 
Jean Cocteaus Roman Les enfants terribles (1929) ist in seinem Anfangskapitel stark von der Atmosphäre, die er bei den Klossowkis angetroffen hatte, beeinflusst. Balthus selbst zitierte das Milieu später oftmals in seinen Bildern: "Elegant, aber warm. Und ein wenig surreal."
 
1930 und 1931 leistete Balthus Militärdienst in Marokko. 1932 kehrte er nach Paris zurück, wo seine Illustrationen zur Sturmhöhe von Emily Brontë entstanden. Er lernte Pierre Jean Jouve und André Derain kennen. 1933 richtete er sein Atelier in der Rue de Furstemberg 4 ein, wo die beiden Fassungen von La Rue (Die Strasse) entstanden. Das Bild hängt heute im Museum of Modern Art in New York. Die Gestalten aus dem Struwwelpeter, mit dem er bei seiner deutschen Gouvernante lesen gelernt hatte, tauchten dort zum ersten Mal auf. Zugleich spiegelt La Rue das Leben von Saint Germain des Prés wieder. Balthus verkehrte in den Cafés Les deux Magots und Flore.
 
Bei Max Rheinhardts Inszenierung der Fledermaus am Théâtre Pigalle in Paris im Jahr 1933 arbeitete Balthus am Bühnenbild mit. 1934 zeigte die Pariser Galerie Pierre die erste Einzelausstellung von Balthus.
 
Das Bild La Leçon de guitare entstand ebenfalls 1934. Bei der Ausstellung bei Pierre Matisse in New York im Jahr 1977 verursachte es einen Skandal, da es ein nacktes Mädchen in anzüglicher Pose auf dem Schoss einer Lehrerin zeigt, die ihm scheinbar Gewalt antut. Pierre Matisse schenkte das Bild dem Museum of Modern Art - als Provokation? Das Werk wurde zunächst ins Depot verbannte, ehe es, vier Jahre später, auf Drängen eines Mitglieds des Museumskomitees, Blanchette Rockefeller, Matisse zurückgegeben wurde. Heute befindet sich La Leçon de guitare im Besitz der griechischen Reederfamilie Niarchos. Später bekannte Balthus, er habe mit dem Gemälde in den 1930er Jahren schockieren wollen. Es zählt nicht zu seinen besten Werken. Balthus schien es später beinahe aus seinem Gesamtwerk tilgen zu wollen, denn er verbat seine Reproduktion.
 
1935 entwarf Balthus das Bühnenbild und die Kostüme für Antonin Artauds Cenci. 1936 bezog er ein Atelier in der Cour de Rohan. 1937 heiratete er Antoinette de Watteville, die er aus seiner Kindheit kannte. James Thrall Soby kaufte sein Gemälde La Rue. 1938 organisierte die Galerie Pierre Matisse in New York ihre erste Balthus-Ausstellung.
 
In den 1930er Jahren lernte Balthus Alberto Giacometti kennen, den er als seinen besten Freund bezeichnete, den er immer konsultiert habe. Auch zu Diego Giacometti hatte er Kontakt. Balthus' Eltern waren mit den älteren Giacometti bekannt gewesen. Balthus selbst reiste auch zu Alberto nach Stampa und kannte dessen Mutter. Im Grand Chalet befindet sich eine Annette-Büste von Alberto (sie ist auf einem Foto von Shinoyama zu sehen).
 
1939 wurde Balthus zum Militär ins Elsass eingezogen, kurz darauf jedoch wieder entlassen. 1940 zog er mit Antoinette nach Savoyen, wo er sich auf das Gut Champrovent bei Aix-les-Bains zurückzog. 1941 kaufte Picasso Balthus' Bild Les Enfants Blanchard. 1942/43 zog Balthus in die Schweiz, zuerst nach Bern, dann nach Fribourg, wo sein Sohn Stanislas geboren wurden. Er stellte in der Genfer Galerie Moos aus. 1944 wurde Sohn Thadée geboren. 1945 zog die Familie in die Villa Diodati in Cologny bei Genf. Balthus lernte André Malraux kennen. 1946 zog er erneut nach Paris, wo er in der Galerie Beaux-Arts ausstellte.


 
1948 entwarf Balthus das Bühenbild und die Kostüme für Albert Camus Der Belagerungszustand, 1949 für Boris Kochnos Le peintre et son modèle, 1950 für Mozarts Cosi fan tutte beim Festival von Aix-en-Provence.
 
1953 liess sich der mittellose Balthus in Schloss Chassy im Morvan nieder und entwarf Bühnenbild und Kostüme für Ugo Bettis Die Ziegeninsel. 1954 sicherte ihm die finanzielle Unterstützung eines aus Sammlern und Kunsthändlern bestehenden Freundeskreises ein gewisses Auskommen.
 
1956 stellte Balthus im Museum of Modern Art in New York aus. 1960 entwarf er das Bühnenbild für Jean-Louis Barraults Inszenierung von Shakespeares Julius Cäsar.
 
1961 berief ihn André Malraux, der unterdessen zum Minister unter De Gaulle aufgestiegen war, zum Direktor der Académie de France an die Villa Medici in Rom, die unter seiner Leitung bis 1976 in ihrem ursprünglichen Zustand mitsamt Parkanlage wiederhergestellt wurde, ebenso wie der Palazzo Farnese. Einladungen zu den prächtigen Empfängen, die Balthus in der Villa Medici organisierte, waren in Rom heiss begehrt.
 
1962 lernte Balthus auf einer Reise nach Japan im Auftrag Malraux' Setsuko Ideta kennen, die er 1967 heiratete. Im Jahr darauf wurde ihr gemeinsamer Sohn Fumio geboren, der mit zwei Jahren verstarb. 1968 zeigte die Londoner Tate Gallery eine Retrospektive von Balthus' Werk. 1973 wurde seine Tochter Harumi geboren (siehe Foto links).
 
1977 verliess Balthus Rom und liess sich im Grand Chalet im freiburgischen Rossinière in der Westschweiz nieder, wo er bis zu seinem Tod wohnhaft blieb. Beim Grand Chalet handelt es sich um ein 1754 von Jean David d'Henchoz gebautes stattliches, vierstöckiges Haus mit über einhundert Fenstern, das zuvor als Hotel gedient hatte. Es war für Balthus die ideale Bühne, auf der er seiner Lust an Charade, Verkleidung und Inszenierung frönen konnte. Der Maler war übrigens nur dank der Hilfe von Pierre Matisse, der ihm dafür eine bedeutende Summe vorstreckte, in der Lage, das Haus zu kaufen. Zu seinem Unterhalt und um den repräsentativem Lebensstil samt standesgemässem Diener finanzieren zu können, musste Balthus seine seltenen Bilder in der Regel fortlaufend verkaufen.
 
1980 wurden an der Biennale in Venedig 26 Werke von Balthus gezeigt. 1983/84 widmeten das Musée national d'art moderne Centre George Pompidou in Paris, das Metropolitan Museum in New York und das Municipal Museum of Art in Kyoto dem Künstler Retrospektiven. 1996 folgte im Madrider Centro de Arte Reina Sofia ebenfalls eine Retrospektive. 1998 verlieh die Universität Wroclaw (Breslau) Balthus die Ehrendoktorwürde. Im Jahr 2000 schliesslich erschien der Catalogue raisonné von Balthus' Gesamtwerk.
 
Zu Balthus' Freunden zählten so illustre Zeitgenossen wie Rilke, Picasso, Miró, Dalí, die Giacomettis, Braque und der Regisseur Federico Fellini. Zeit seines Lebens hatte er sich Kubismus, Surrealismus und anderen Kunstströmungen entzogen und war seiner figurativen Malerei treu geblieben. Balthus bezeichnete sich als Autodidakten. Gegen Ende seines Lebens, als sein Augenlicht nachliess, konzentrierte er sich auf die Landschaftsmalerei.
 
Die Meinungen zu Balthus' Gesamtwerk sind geteilt. Die meisten betrachten ihn zwar als singuläre Erscheinung, doch einige fügen nicht zu unrecht an, dass manche Bilder handwerklich nicht so hervorragend sind, wie die Bewunderer es gerne hätten, und sich oft eine starke Dosis Kitsch in seine Werke geschlichen hat. Ist Balthus der überragende Hüter der Tradition oder ein mittelmässiger Maler, der sich nur durch sexuelle Perversionen und Snobismus hervortat? Zeugen seine typischen Mädchenbilder von Sehnsüchten jenseits der Tabuzone oder sind es "unberührbare Archetypen der Reinheit"? Balthus, der sein Leben gekonnt inszenierte, seine Vita teilweise konstruierte und sich mit einer Aura von Geheimnissen umgab, gibt Kunsthistorikern und -freunden weiterhin manche Rätsel auf.

Deutsch Politik Geschichte Kunst Film Musik Lebensart Reisen
English Politics History Art Film Music Lifestyle Travel
Français Politique Histoire Arts Film Musique Artdevivre Voyages
Google
 
 Index  Werbung  Links  Feedback
 © www.cosmopolis.ch  Louis Gerber All rights reserved.