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Tiny Bell Trio
Biografie, Biographie, Konzert- und CD-Kritiken

Dave Douglas, Trompete; Brad Shepik, Gitarre; Jim Black, Schlagzeug.

Artikel vom 5. März 2001
 
Tiny Bell Trio
  
Das Tiny Bell Trio mit Dave Douglas an Trompete, Brad Shepik an Gitarre und Jim Black am Schlagzeug ist eines der wenigen, wirklich innovativen und zugleich aufregenden Jazz-Trios. 1991 gegründet, leitet es seinen Namen von der winzigen Ecke im Bell Café im New Yorker Stadtteil Soho ab, wo die drei Musiker ihre Sporen abverdienten, vom Publikum, das gleichzeitig munter schwatzte, weitgehend ignoriert.
 
Kurz nach der Ankunft von Shepik und Black in New York ins Leben gerufen, ist das Repertoire des Trios weitgehend von der osteuropäischen Volksmusik beeinflusst, die Dave Douglas zuvor mit der Akkordeonistin Nabila Schwab gespielt hatte. Das erste, 1994 veröffentlichte Album nannten die Musiker einfach The Tiny Bell Trio. Im selben Jahr gingen sie auf ihre erste Europatournee. 1995 folgte die zweite CD, Constellations. Erneut ging das Trio auf Tournee, durch Nordamerika und Europa. Neben der Volksmusik des Alten Kontinents, vor allem vom Balkan, wird der Sound vom traditionellen bis avantgardistischem Jazz, von der klassischen Musik eines Robert Schumann bis hin zu den populären Klängen von George Brassens beeinflusst.
 
1997 folgte das Album Live in Europe. Es ist ein Mix von serbischer, mazedonischer, ungarischer und bulgarischer Musik, von Klezmer, Klassik und Jazz. Diese unnachahmlich-originelle Fusion ist immer voller Humor. Das Album ist das beste Zeugnis für die herausragenden Live-Qualitäten des Trios. Die neuste CD der drei Musiker ist Songs of Wandering Souls aus dem Jahr 1999.
 
Biographien
 
Für die Biographie des Komponisten und Trompeters Dave Douglas, der 1963 in Montclair, New Jersey, geboren wurde, sowie für CD- und Konzertkritiken einiger seiner anderen Gruppen sei auf folgende Artikel verwiesen: Dave Douglas' Sextet und Dave Douglas' Charms of The Night Sky (im Downbeat Critics' Poll des Jahres 2000 wurde Soul on Soul als Album des Jahres geehrt; Dave Douglas wurde zudem als Trompeter sowie als Künstler des Jahres ausgezeichnet). Im Herbst 2001 wird Douglas' neuestes Werk erscheinen, mit Tom Waits und einem grösseren Ensemble aufgenommen.
 
Der Komponist und Gitarrist Brad Shepik wurde 1966 in Walla Walla, WA, geboren. Er wuchs in Seattle auf. 1990 zog er nach New York City, wo er kurz darauf ein Teil des Tiny Bell Trios wurde. Brad Shepik führt auch ein eigenes Quintet, die Commuters, das aus Peter Epstein (Saxophone), Skuli Sverisson (Bass), Mike Sarin (Schlagzeug) und Seido Salifoski (Dumbek und Perkussion) besteht. Ihre erste CD heisst The Loan. Shepik ist daneben auch ein regelmässiges Mitglied von Pachora, Babkas, dem Paradox Trio und dem akustischen Trio Tridruga. Daneben hat er mit folgenden Musiker gespielt und/oder aufgenommen: Paul Motions Electric Bebop Band, Carla Bleys Escalator over the Hill, Charlie Hadens Liberation Music Orchestra, Yuri Yunakovs Bulgarian Wedding Band, Tim Berne, Steve Swallow, Kenny Werner, Julian Priester, Andy Laster, Jerry Granelli, Jay Clayton, Ken Schaphorst und Franz Kogelman.
 
Der Schlagzeuger Jim Black wurde 1967 geboren und wuchs in Seattle, WA, auf. Als Teenager spielte er Musik von Garage Rock bis zum Big Band Swing. 1985 wurde er ans prestigereiche Berklee College of Music in Boston, MA, aufgenommen. Bereits als Student spielte er auf Platten mit, trat in Europa auf und lehrte in den Sommerklassen in Berklee. 1999 zog er nach Brooklyn, New York City, wo er bald darauf ein Mitglied des Tiny Bell Trios wurde. Jim Black hat daneben getourt und/oder aufgenommen mit: Pachora, Human Feel, Tim Bernes Bloodcount, dem Ellery Eskelin Trio und Uri Caines Mahler Project. Daneben führt Jim Black sein eigenes Quartett, Beat Table, zu dem Skuli Sverrisson, DJ Olive und Ted Reichmann gehören.
 
Konzert des Tiny Bell Trios in der Alten Kaserne in Winterthur, 3. März 2001
 
Das Konzert des Tiny Bell Trios in Winterthur war eine wunderbare Demonstration des Faktums, dass Avantgardemusik weder langweilig noch todernst sein muss. Es war der dritte Auftritt von Dave Douglas in der Alten Kaserne innerhalb eines Jahres. Zuvor überzeugte der Trompeter mit zwei seiner anderen Gruppen, dem Dave Douglas' Sextet und Dave Douglas' Charms of The Night Sky.
 
Im zehnten Jahr seines Bestehens ist das Tiny Bell Trio zu einer Referenz für Kreativität und Spielvergnügen geworden. Wie Dave Douglas bekannte, hat das Trio heute ein Repertoire von rund 100 Stücken, über die Hälfte davon können die Musiker jederzeit, ohne Vorbereitung, spielen. So kommt es denn, dass sie auf ihrer Konzerttournee erst im letzten Moment entscheiden, was sie am Abend spielen werden.
 
Die meisten der in Winterthur vorgetragenen Kompositionen können auf den CDs des Trios gefunden werden, einige Stücke waren allerdings neu. Beeindruckend ist die Breite der Musik, die in den unverwechselbaren Sound des Tiny Bell Trios einfliesst und von der Klassik eines Robert Schumann über den Jazz eines Thelonious Monk oder Wayne Shorter bis zu Klezmer und Volksmusik, Schlafliedern und Geräuschen aus dem Kinderzimmer reicht.
 
Auf ein wildes Einstiegsstück folgte On Shot aus dem Album Songs for Wandering Souls. Dave Douglas begann die elegische Ballade solo. Bald darauf unterstützten ihn seine einfühlsamen Partner. Das Tiny Bell Trio ist keine One-Man-Show, die nur auf Dave Douglas abstellt. Der Schlagzeuger Jim Black ist herausragend und daher ein gefragter Mann in der Jazz-Szene und darüber hinaus. Er ist kein simpler Rhythmusmusiker, sondern wie Douglas ein Virtuose. Neben den üblichen Instrumenten des Schlagzeugs setzt er Ketten, Rasseln, einen Violinbogen sowie eine Fülle von unbeschreibbaren Hilfsmitteln ein, um Töne hervorzuzaubern. Black und Douglas brechen gewohnte musikalische Formen kontinuierlich auf, verwandeln sie und bringen so die Stücke beständig in neue Bahnen. Das Tiny Bell Trio ist ein Ensemble des unaufhörlichen, ruhelosen, ja oft exstatischen Wandels. Es gibt keinen Stillstand, keinen uninspirierten Moment. Der Gitarrist Brad Shepik ist der melodischste der drei Musiker, der für Harmonie und Zusammenhang sorgt, während dem Trompete und Schlagzeuge vermehrt auf Experimentiertour gehen.
 
Auf die Ballade On Shot folgte ein schnelles, jazziges Stück mit einer lausbubenhaften Ironie, die in praktisch allen vierzehn Kompositionen des Abends präsent war. Dave Douglas blies nicht nur einfach in seine Trompete, sondern sprach wörtlich darauf, gurgelte und pfiff, zauberte zuvor nie gehörte Töne hervor. In jedem Moment des Konzert war die Spielfreude des Trios mit Händen greifbar, und Jim Black hatte beständig ein ekstatisches Lächeln auf den Lippen. Es darf angenommen werden, dass das Tiny Bell Trio nach lange weiterbestehen wird.
 
Alle Kompositionen waren äusserst komplex. Es handelte sich um Arrangements voller Anspielungen, Bezüge und Reminiszenzen, von Mardi Gras-Paraden bis Freejazz, von Klezmer über bulgarische bis zu ungarischen Stücken, von Miles Davis bis zum Kinderzimmer. Melodramatische Momente wurden sofort durch Ironie und Spielfreude gebrochen. Am Ende des ersten Teils des Abends spielte das Trio eine früher auf CD aufgenommene Komposition, die sich an Robert Schumanns Fünf Stücke im Volkston op. 102 anlehnt. Die ausgelassen-fröhliche Musik mit Einflüssen von Osteuropa begeisterte.
 
Nach der Pause begann Shepik an der Gitarre mit einer traurigen, spanisch-angehauchten Melodie. Es war der erste und einzige Moment des Abends, an dem ein Stück durch und durch "ernst" gespielt wurde. Darauf folgte eine Komposition mit Anspielungen auf Fanfaren, feierliche Musik, Klezmer und Volksmusik vom Balkan. Beeindruckend war wie immer, dass die hochkomplexen Stücke ohne Verständigungsschwierigkeiten gespielt wurden, wobei sich Schlagzeug und Gitarre an der Trompete orientierten. Die zehnjährige Zusammenarbeit des Trios zahlte sich voll aus.
 
In einer weiteren Komposition erzeugte Dave Douglas eine Vielzahl von Staccato-Tönen, die von düsteren und melodramatischen Paukenschlägen von Jim Black begleitet wurden. Dies war der Höhepunkt eines Abends, der von A bis Z aus herausragenden Darbietungen bestand. Darauf folgte ein fröhliches, orgiastisches Stück, bei dem Jim Black am Schlagzeug peitschenartige Töne erzeugte. Als vorletzte Nummer bot das Trio seine Interpretation von Kurt Weills The Drowned Girl.
 
Die erste der zwei Zugaben, die das Tiny Bell Trio dem begeisterten Publikum bot, war Czardas aus dem Album Live in Europe. Das Stück illustrierte die naive und eher unbedarfte Seite des Trios zu Beginn seiner Zusammenarbeit im Bell Cafe in Soho. Daraufhin folgte Thelonious Monks Ask My Know, das von Dave Douglas mit den Worten eingeleitetet wurde: "But after this, please by merciful" - denn das Trio war erst an diesem Tag von New York her kommend in der Schweiz gelandet und begann nun doch langsam dem Jetlag Tribut zu zollen. Wer hat hier behauptet, Jazz sei eine trübe Angelegenheit einer vergangen Musikform, die in die Jahre gekommen sei? Das Tiny Bell Trio ist die aufregendste musikalische Live-Erfahrung, die es zur Zeit zu hören gibt.


Photo: Dave Douglas, Trompete.
 




Dave Douglas.
 

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Tiny Bell Trio: Live in Europe, 1997. Bestellen bei:
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Tiny Bell Trio: Constellations, 1995. 1995 bei Radio DRS in Zürich aufgenommen. Bestellen bei:
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Tiny Bell Trio: The Tiny Bell Trio, 1994 (2000). Bestellen bei:
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