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Lichtensteins
Weltkriegsbeteiligung
Nachholbedarf in
Vergangenheitsaufarbeitung - Von
Jürgen Schremser, Wien
Artikel vom 3. April 2001
[neu, siehe auch den Artikel vom 19. April 2005: Liechtensteins
Rolle im Zweiten Weltkrieg]
Im
Dezember 2000 erklärte Liechtensteins Regierung, „die Aufarbeitung der Rolle
Liechtensteins während des Zweiten Weltkrieges“ sei von „nationaler
Bedeutung“. Damals wurden die Einsetzung einer Historikerkommission sowie
entsprechende gesetzliche und schulische Begleitmassnahmen angekündigt. Doch zu
Ablauf und Akteuren der historischen deutschen Kapitalflucht mag man in
Liechtenstein nur ungern diskutieren. Zu sehr, scheint es, könnte sich die
aktuelle Kritik am verschwiegenen Finanzplatz durch dessen Genealogie erhärten
lassen.
Die
offizielle liechtensteinische Aufarbeitungsinitiative ist nicht hausgemacht.
Ein Pressevorstoss des World Jewish Congress (WJC) vom Juli 2000 hat sowohl
Regierungs- wie Banken- und Industrie-Repräsentanten alarmiert. Von
WJC-Vertreter Elan Steinberg wurden Dokumente angekündigt, welche
liechtensteinische Hilfe bei der Verschiebung von NS-Raubwerten belegten. Auf
Regierungsebene wurde umgehend der Kontakt zum WJC aufgenommen. Beamtete
Historiker - bislang eher mit Entwicklungen des 19.Jahrhunderts befasst -
mussten eilends einen ersten Überblicksbericht zu Dokumenten aus der
Weltkriegsphase erstellen. Schliesslich ist eine „Koordinierungsgruppe“
aus Politik- und Wirtschaftsvertretern eingesetzt worden, welche nunmehr ihre
Vorschläge zu einer Historikerkommission formuliert hat.
Bezeichnendes Schweigen
Als
das offizielle Liechtenstein den WJC-Vorwürfen umgehend mit demonstrativem
Aufarbeitungswillen entgegnete, hatte es wohl das mahnende Beispiel seiner
Nachbarländer vor Augen. In der Sache selber wird indessen kaum informiert.
Der WJC hat seiner Ankündigung keine weiteren Details folgen lassen. Und wer
danach fragt, wie denn liechtensteinische Personen und Institutionen in die
Kriegs- und Vernichtungsaktivitäten des NS-Staates verwickelt waren, stösst
in den Medien Liechtensteins auf ein bezeichnendes Schweigen. Dies liegt
weniger am Zugang zu Weltkriegsliteratur und -quellen als am Unwillen der
Liechtensteiner, sich auch als Produkt einer Historie einträglicher
Verstrickungen mit dem Ausland zu begreifen. Dabei ist die gegenwärtige
Vergangenheitspolitik der liechtensteinischen Regierung gerade auf ausländische
Hilfe angewiesen: im Landesarchiv in Vaduz liegt nur ein Teil der Quellen zu
den NS-Beziehungen des Landes. Wie weit die innere Bereitschaft, das Erbe des
Weltkrieges in seinen Langzeitfolgen anzutreten, wirklich reicht, wird sich
erst unter der neugebildeten Alleinregierung der konservativen
Fortschrittlichen Bürgerpartei (FBP) erweisen.
Verdrängung
und Aufklärung
Einen
ersten Anlauf nahm die liechtensteinische Geschichtsaufarbeitung in Bezug auf
den Zweiten Weltkrieg bereits 1945, mit behördlichen Massnahmen gegen
Personenkreise, die pronazistischer Tätigkeit verdächtig waren. Die
Dokumente dieser „Säuberungen“ wurden freilich nie publik. Sehr bald
schlug man mit Blick auf die NS-Zeit versöhnliche Töne an und setzte eine
von den zwei Parteien FBP und Vaterländische Union (VU) sowie dem Landesfürsten
tatkräftig gestützte Legendenbildung ein. Beschwiegen wurden insbesondere
jene Kooperationsbereiche mit Hitlerdeutschland, welche das Bild des
weltkriegsverschonten, von Heilsmächten durch die Kriegswirren geführten
katholischen Fürstentums befleckten. Die Ansicht des am Kriegsgeschehen
unbeteiligten Liechtenstein wird durch die wissenschaftliche Befassung mit
dessen Weltkriegsphase widerlegt. Anfänglich durch Arbeiten deutscher
Historiker erschlossen, ist die Krisen- und Kriegszeit seit 1987 Gegenstand
eines umfassenden Forschungsvorhabens des Liechtenstein-Historikers Peter
Geiger. Die quellennahe Aufarbeitung entwirft ein komplexes Bild der
Einbettung des Landes in äussere Machtverhältnisse. Während des Zweiten
Weltkrieges war das wirtschafts- und bevölkerungsschwache Fürstentum durch
Zollvertrag und diplomatische Vertretung eng mit der Schweiz liiert. Nach der
Angliederung Österreichs 1938 spalteten Anschlussängste und -sehnsüchte
gegenüber dem neu angrenzenden Nachbarn Grossdeutschland die Sippen und
Parteien des Landes. Auch die offizielle „Anpassungs- und
Beschwichtigungspolitik“ gegenüber dem Dritten Reich war nicht allein von
Arbeitsplatzsuche im Ausland und der Sorge um die staatliche Integrität geprägt.
Bis in die Führungsspitzen der Monarchie bestimmten Bewunderung, Sympathien
und kalkulierter Opportunismus die Annäherung an die grossdeutsche Neuordnung
Europas. Eine Haltung, die ähnlich wie in der Schweiz vom Kriegsverlauf
beeinflusst war und spätestens ab Sommer 1943 in eine verstärkte
Orientierung an einer westalliierten Nachkriegsordnung überging. Bis zu jenem
Zeitpunkt hatte die liechtensteinische Kooperation mit Personen und Stellen im
NS-Staat bereits ein grösseres Ausmass angenommen. Ein für den Zwergstaat
beachtliches Kontingent von rund 70 Wehrmachts- und Waffen SS-Freiwilligen kämpfte
für den „Endsieg“, durch Liechtenstein selbst unterhielten die deutsche
Abwehr und der SS-Auslandsgeheimdienst nachrichtendienstliche Verbindungen,
die bis auf Regierungsebene reichten. Fürst Franz Josef II., seit 1938 in
Vaduz residierend, trug die Beschwichtigungspolitik seiner Regierung mit.
Wiewohl ihn die lauten Töne der Nazis verschreckten, nützte er die Gunst der
historischen Stunde und liess nach 1938/39 Revisionsverhandlungen einleiten,
zur Rückgabe seiner ehemaligen Besitzungen im nunmehr deutschbestimmten Böhmen
und Mähren.
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Kriegsökonomie
Für
deutsche Stellen wiederum war das Fürstentum gerade ob seiner Unscheinbarkeit
und Grenznähe zur Schweiz von Interesse. Der militärisch mögliche Anschluss
wurde suspendiert und die liechtensteinische Peripherie zur Einschleus- und
Kontaktzone von Funktionären und Unterhändlern der deutschen
Wirtschaftsspionage und Kriegsökonomie. Als Anhängsel der Schweiz war
Liechtenstein nachgewiesenermassen im Bereich der deutschen
Industrieverlagerung von Nutzen. Der Aufbau kriegswichtiger Zulieferbetriebe
folgte dem Schwung der SüdOst-Expansion; eingeleitet über Kontakte mit SD-
und Abwehr-Vertretern und im Rahmen des kontingentierten schweizerischen
Aussenhandels mit dem Reich. Weniger durchsichtig ist Liechtensteins Rolle im
Bereich reichsdeutscher Finanzoperationen, sei es der kriegsdienlichen
Devisenbeschaffung oder - später - der teils individuellen, teils
organisierten Fluchtbewegungen deutschen Kapitals und Personals. Dafür, dass
es in diesem Bereich liechtensteinische Hilfestellung geben konnte und gab,
sprechen mehrere Umstände.
Begründeter
Verdacht
Die
technischen und personellen Voraussetzungen hierfür waren gegeben: Für
klandestine Vermögensanlagen und -transfers boten sich liechtensteinische
Finanzdienstleister seit den späten Zwanzigerjahren an, die Einkünfte aus
diesem Sektor deckten einen Grossteil des bescheidenen Staatshaushaltes. Die
wenigen Rechtsagenten, Treuhänder und Finanzinstitute, welche auch während
des Zweiten Weltkrieges den „Laden führten“ waren teils politisch
einflussreich, bedienten sowohl jüdische wie arische Kundschaft aus dem
Reich. Nach Kriegsbeginn machte die Lage im Windschatten der Schweiz und im
deutscherseits begehrten Franken-Währungsraum auch Liechtenstein für
Finanztransfers interessant. Mithin wiesen auch politische Sympathien den Weg
ins Fürstentum. An der Geschäftsspitze zweier traditioneller Finanzinstitute
- der fürstlichen Bank in Liechtenstein und der Präsidialanstalt - sassen
bei Kriegsende Nationalsozialisten. Die Vermutung einer
Liechtenstein-Fluchtroute reichsdeutscher Kapitalien lässt sich durch weitere
Quellengruppen abstützen. Ende des Krieges fanden ökonomische Dienstleister
des NS-Regimes in Liechtenstein Unterschlupf. Unter ihnen befanden sich etwa Görings
Juweleneinkäufer Kurt Herrmann, der Rüstungsberater und Waffenhändler
Rudolf Ruscheweyh oder der Bankier und „Reichstreuhänder“ Adolf Ratjen.
Die Genannten waren mit der Organisation jener Kapitalflüsse des NS-Staates
betraut, die aus Zwangsarbeit, Beraubung und Handelspressionen genährt
wurden. Diese Zusammenhänge waren in Liechtenstein bislang nur gerüchteweise
bekannt, Gegenstand ernstlicher Nachforschungen oder Nachfragen wurden sie
nie. Liechtensteinische Firmen und Personen befanden sich schliesslich auf den
schwarzen Listen der Alliierten, die im Rahmen der Operation Safehaven zur
Blockierung deutschkontrollierter Vermögenswerte angelegt wurden. Im April
1945 resümierte der US-Geheimdienst seine Ergebnisse zu den Wegen der
deutschen Vermögensflucht durch die Schweiz und nannte dabei auch Geld und
Besitz, die in Liechtenstein einbehalten werden.
Artikel
von
Jürgen Schremser, Wien
Literatur:
- Horst Carl: Liechtenstein und das
Dritte Reich. Krise und Selbstbehauptung des Kleinstaates. In: Liechtenstein-Fürstliches
Haus und staatliche Ordnung, Hg. Volker Press, Dieter Willoweit, Vaduz/München/Wien,
1987.
- Peter Geiger: Krisenzeit. Liechtenstein in den Dreissigerjahren 1928-1939,
Vaduz/Zürich, 1997.
- Jürgen Schremser: "Der einzige Mann, der die Sache auf sich nehmen
könnte...". Zur Rolle von Dr. Alois Vogt in den
liechtensteinisch-deutschen Beziehungen 1938 bis 1945 (Jahrbuch des
Historischen Vereins für das F.L. 98/1999, Vaduz 1999).
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