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Nr. 26, Juni 2001
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Simon Nabatov
Biographie, Biografie, CDs, Konzertkritiken

Artikel vom 19. Juni 2001

Zwei Kritiken zum Solopiano-Rezital von Simon Nabatov in der Alten Kaserne Winterthur, 12. April 2001, organisiert von "Jazz in Winterthur":

Glühende Kraftfelder – weite Horizonte
Kritik von Johannes Anders
 
Dass die Konzerte des Veranstalterteams „Jazz in Winterthur“ fast ausnahmslos herausragende Ereignisse sind, wie sie kaum an anderen Orten in dieser Regelmässigkeit stattfinden, weiss man seit vielen Jahren. Nicht verwunderlich und dennoch immer wieder überraschend, wenn diese aktuelle und weitsichtige, nach rein musikalischen Kriterien konzipierte Programmgestaltung nicht nur Highlights, sondern gelegentlich wahre Sternstunden ermöglicht, wie sie auch anderswo im gewohnten Konzertbetrieb nur selten stattfinden. Zu einem dieser vom ersten bis zum letzten Ton wunderbaren, begeisternden und einem nahegehenden Musikabende wurde das Solokonzert des grandiosen russischen Pianisten Simon Nabatov. Beidhändige Virtuosität, ein souveräner Umgang mit kontrapunktischen Linien und mehrstimmigen Geflechten, mit donnernden Akkordballungen und zuckenden Melodiefragmenten, mit unter die Haut gehenden, melodisch intensiven Balladen, mit Romantik und Expressionismus, mit halsbrecherischen, explosiven Exkursionen über die gesamte Klaviatur, vom dramatischen Donnergrollen in den tiefsten Lagen bis zu kristallinen, silbrig hellen oder beissend scharfen Figuren im höchsten Diskant...; das alles benutzt dieser phänomenale Pianist und geniale Improvisator nicht, um die Zuhörer mit vordergründigen Technik- und Kraftparcours zu verblüffen, sondern er setzt all dies souverän und mit höchstem Ideenreichtum als eine riesige Palette von Gestaltungsmitteln ein, um sein unglaubliches Phantasiepotential in wie logisch wirkende Strukturen und formale Abläufe einzubinden. Aber damit noch nicht genug: Faszinierend vielfältig und charakterisiert durch einen weiten Horizont, ist auch sein musikalisches Ausgangsmaterial, mit dem er atemberaubend und wie selbstverständlich spielt, und das fernab jeglicher kaleidoskopartiger Effekthaschereien oder exotischer Anspielungen.
 
Da improvisiert er ein langes Stück von barocker Leichtigkeit und polyphoner Dichte, inszeniert er abstrakte Energiefelder mit Clusterkaskaden und aggressiv aufblitzenden Motivkürzeln, die wenn überhaupt, dann nur ganz entfernt an Cecil Taylor erinnern mögen. Oder er widmet sich mit dem Raga-artigen Stück „Mallari“ der klassischen, karnatischen Musik Südindiens. Und dann sein aufregender Umgang mit Monk-Kompositionen wie „Skippy“ oder „Pannonica“ oder mit „Time Remembered“ von Bill Evans, mit langen, präludienartigen, perlenden Einleitungen und in den Durchführungen mit ausgedehnten, fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdenden Exkursionen in weite, improvisatorische Räume, um schliesslich klar und konsequent wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren. Aber auch brasilianische Melodik und Rhythmik mit ihrer typischen „Balancado“-Charakteristik hat er im Griff,  als ob er dort geboren wäre und nie etwas anders gespielt hätte, was dem beeindruckenden Programmablauf mit Antonio Carlos Jobims berühmten „Aguas de Marco“ oder „Chega de Saudade“ („No More Blues“) weitere Glanzlichter aufsetzte.  Mein Eindruck: Ein mitreissender Solo-Klavierabend mit einem nie zuvor gehörten,  improvisatorischen Gestaltungsreichtum und Farbenspektrum !. Wann wird dieser Wunderpianist endlich in grösserem Rahmen vorgestellt?

 

Simon Nabatov: Flügel grenzelos
Kritik von Jacques Rohner, Erstveröffentlichung in Der Landbote vom 14. April 2001
 
Was auch immer über diesen Mann und seine Kunst geschrieben wurde, es ist bloss eine Andeutung des realen Ereignisses, ein Versuch, dem Leser ein einzigartiges, mit Worten unfassbaren Phänomen näher zu bringen. Einzig seine Konzerte helfen da weiter, in einmalig begeisternder Weise jenes vom Donnerstagabend in der Alten Kaserne.
 
Sein geniales Spiel mit der Musik vermittelt das Gefühl, dass es für ihn keine Zeit gibt, ausser dem Jetzt, das alles umfasst, was je war und was es je geben wird. Nabatov und sein Flügel werden eins, Bach, Monk, Chopin, Bill Evans, Russland, Amerika, Indien, Südamerika, Europa, Afrika werden eins. Alles ist Inspiration für die Reise, auf die er uns mitnimmt, die zeitlose Geschichte, die er jetzt erfindet und uns auf die vielfältigste Weise miterleben lässt.
 
Mit „Skippy“ von Thelonious Monk eröffnet Simon Nabatov den Abend, indem er ein Motiv aus  dem Thema in den Raum setzt, es leise wiederholt mit der – leider vom Husten einer Person gestörten - Stille im Saal kontrastieren und die Spannung wachsen lässt. Die Steigerung und Verdichtung der Atmosphäre schafft der Pianist unter Aufgebot einer unwahrschein- lichen schöpferischen Kraft, die den Umweg ins lautestmögliche Chaos aller Töne des Flügels wählt. Auf  diesem schwarzen Hintergrund erweckt Nabatov  dann die Komposition in der Sprache Monks zu neuem Glanz, um sie zum Schluss  durch kunstvolle Ausdünnung in Stille aufzulösen.
 
„Herbie und Pierre“ kommentiert Nabatov als Komposition, die er im Nachhinein als seine persönliche Lebensgeschichte erkannt habe, „...beginnend in Russland, weiter in Amerika, wo witzige Geschichten passieren und dann im ernsthaften Europa ... Lächelnd fügt er bei: „ Sie können sich aber auch etwas ganz Anderes vorstellen.“  In der Tat findet hier eine Weltreise statt, eine Reise aus der Welt der russischen Seele hinaus in das Getöse der amerikanischen Grossstadt, erkennbar am plötzlichen Wechsel zum Stride Piano Stil, den Nabatov erst virtuos zitiert, dann erweitert und anreichert und überführt in eine neue impressionistische Phase, spielerisch, gefühlvoll und witzig aber nie respektlos aus dem schier unendlich scheinenden Fundus der von diesem Genie verinnerlichten Musik schöpfend. Wieviel harte Arbeit  Nabatov wohl verrichtet haben mag, um über diese alles überragende Kreativität zu verfügen.
 
Wie im letzten Konzert Dave Douglas nahm sich Nabatov „Pannonica“ von Thelonious Monk als Inspirationsquelle. Wie er es aus den ersten fünf Tönen des Stücks gleichsam neu konstruierte und zum fulminanten Höhepunkt führte, war schlicht meisterhaft.
 
Mit „Mallari“ einem Motiv aus der rituellen südindischen Tempelmusik verneigt sich Nabatov vor der östlichen Spiritualität, die seiner eigenen Freude am Ostinato mit stetiger Steigerung ins Furiosissimo sehr entspricht. Dass es ihm auch südamerikanische Rhythmen und Tänze angetan haben, verriet er mit einer unwahrscheinlichen Collage von „Aguas de Março“ von Antonio Carlos Jobim mit einem Bachschen Motiv.
 
Mit Bill Evans‘ „Time Remembered“ und „Emily“ als Zugabe gab Simon Nabatov dem Publikum in der Alten Kaserne, das auch diesmal zahlreiche neue Gesichter hatte, buchstäblich mit vollen Händen alles, was sich der Musikliebhaber nur wünschen kann. Einmal mehr hat „jazz in winterhur“ vor den Veranstaltern des grossen Zürich ein Genie entdeckt. Dass Simon Nabatov – wie Johannes Anders bemerkte – die Tonhalle und ein Meisterflügel zu gönnen wäre, ist unbestritten.
 
Weitere Artikel zu Jazz: deutsch + English.
 

Simon Nabatov.
 

Biographie von Simon Nabatov
Artikel von Louis Gerber
 
Simon Nabatov wurde 1959 in Moskau geboren. In einer Musikerfamilie aufwachsend begann Simon bereits mit drei Jahren mit dem Klavierspiel. Sein Vater war sein Lehrer. Mit sechs soll er seine ersten Kompositionen geschrieben haben. Weitere Stationen seiner musikalischen Ausbildung waren die Central School of Music und das Moskauer Konservatorium (1976-79).
 
Der Vater hätte Simon gerne in einer Laufbahn als klassischer Pianist gesehen, doch Jazz-Platten und Konzerte der Duke Ellington Band 1971 und der Thad Jones-Mel Lewis Band 1972 konvertierten den Jungen zum Jazz. 1979 emigrierten die Nabatovs über Wien und Rom in die USA, wo Simon in New York die Juilliard School of Music (1980-84) besuchte und gleichzeitig als Jazzmusiker tätig wurde. Zu seinen Mitstudenten gehörte Ivo Pogorelich, der als einziger aus seinem Umfeld Verständnis für seine Jazz-Liebe zeigte. Nabatov spielte u.a. mit Chet Baker, Art Farmer, Kenny Wheeler, Barry Altschul, Vladimir Tarasov, Mark Feldman, Phil Minton und vielen anderen.
 
1984 gewann Simon Nabatov den Wettbewerb des Keyboard Magazine/Berklee College of Music und 1985 den International Great Jazz Pianist Wettbewerb in Jacksonville, Florida. 1987 erhielt er den Förderpreis des National Endowment for the Arts und 1989 war er Preisträger des Martial Solal Jazz Piano Wettbewerbs in Paris.
 
Simon Nabatov arbeitet regelmässig mit dem Ray Anderon Quartet, dem Arthur Blythe Quartet und der NDR Big Band aus Hamburg. Im Duo tritt er mit Steve Lacy, Matthias Schubert und Nils Wogram auf. Mit den Quartetten von Wogram und Schubert spielt er ebenfalls. Simon Nabatov in eigenen Projekten als Solist, im Trio und Quartett auf. So mit Tom Rainey, Mark Helias, Herb Robertson, Mark Feldman, Frank Gratkowski und anderen.
 
Daneben hat Simon Nabatov Kammermusik aufgenommen, so Kompositionen vom Amerikaner Kenny Werner, vom Iren Ronan Guilfoyle und vom Schweizer Daniel Schnyder. Mit dem NDR Symphonieorchester spielte er z.B. Gershwin's Rhapsody in Blue. Daneben hat Nabatov bei Radioproduktionen von WDR, NDR, HR, BR, SFR, Radio France, Radio Zürich, Radio Ireland und anderen Sendern mitgewirkt.
 
Seit zehn Jahren lebt Simon Nabatov in Köln - er spricht wie sein Vater gut deutsch. Daneben behielt Simon eine Wohnung in New York. Neben seiner Konzerttätigkeit hat er an der Folkwang Hochschule in Essen (1989-1991) und an der International Jazz and Rock Academy in Remscheid (1991-1993) unterrichtet. Seit 1998 unterrichtet er an der Musikhochschule Luzern.
 
Zwei CDs von Simon Nabatov
Kurzkritiken von Louis Gerber
 

Simon Nabatov Quartet: Nature Morte. Leo Records LR 310, April 2001. Bestellen bei Amazon.fr, Amazon.co.uk oder Amazon.com. Ausgangspunkt und Inspiration für Nature Morte ist das gleichnamige Gedicht des 1940 in Leningrad geborenen und 1996 im New Yorker Exil verstorbenen Joseph Brodsky, der 1987 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Aus dem rund fünfminütigen Gedicht hat Nabatov ein 66minütiges experimentierfreudiges Klangwerk geschaffen. Phil Minton leiht den übersetzten englischen Texten seine Stimme, Nils Wogram an der Posaune, Frank Grantkowski an verschiedenen Rohrblattinstrumenten (as,cl, bcl,fl) und natürlich Simon Nabatov am Piano geben der Komposition Kraft und Poesie.
 
Simon Nabatov Trio: Sneak Preview. Hatology 548/Musicora, Mai 2000. Bestellen bei Amazon.de, Amazon.co.uk oder Amazon.fr. Auf Sneak Preview werden sieben von Simon Nabatovs Kompositionen von seinem Trio mit ihm am Klavier, Mark Helias am Bass und Tom Rainey am Schlagzeug vorgetragen. Die drei spielen seit Jahren zusammen, was seine Früchte trägt. In For Steve liefert Nabatov eine poetische Einleitung am Klavier. Danach setzen seine Kollegen behutsam ein und führen das Stück durch ein aufregendes Jazz-Abenteuer. Das Album präsentiert sich einheitlich, jedoch keinesfalls monoton, sondern voll von aufregenden Klangbildern, inspiriert von verschiedensten Stilen. Die teilweise improvisierte CD wurde vom WDR im Kölner "Loft" aufgenommen und endet mit Happy Buchki Break Tune und humorvollen, von Ragtime durchsetzten Rhythmen. Nabatovs technische Fertigkeiten erlauben es ihm, Klassik und Jazz, Komposition und Improvisation, motivische, stilistische und rhythmische Gratwanderungen und Transgressionen souverän zu meistern.
 
Simon Nabatov: Three Stories, One. 2002. CD bestellen bei citydisc Schweiz
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