Simon
Nabatov
Biographie, Biografie, CDs, Konzertkritiken
Artikel vom 19. Juni 2001
Zwei
Kritiken zum Solopiano-Rezital von Simon Nabatov in der Alten Kaserne Winterthur,
12. April 2001, organisiert von "Jazz in Winterthur":
Glühende
Kraftfelder – weite Horizonte
Kritik von Johannes Anders
Dass die Konzerte des Veranstalterteams „Jazz in Winterthur“ fast
ausnahmslos herausragende Ereignisse sind, wie sie kaum an anderen Orten in
dieser Regelmässigkeit stattfinden, weiss man seit vielen Jahren. Nicht
verwunderlich und dennoch immer wieder überraschend, wenn diese aktuelle und
weitsichtige, nach rein musikalischen Kriterien konzipierte Programmgestaltung
nicht nur Highlights, sondern gelegentlich wahre Sternstunden ermöglicht, wie
sie auch anderswo im gewohnten Konzertbetrieb nur selten stattfinden. Zu einem
dieser vom ersten bis zum letzten Ton wunderbaren, begeisternden und einem
nahegehenden Musikabende wurde das Solokonzert des grandiosen russischen
Pianisten Simon Nabatov. Beidhändige Virtuosität, ein souveräner Umgang mit
kontrapunktischen Linien und mehrstimmigen Geflechten, mit donnernden
Akkordballungen und zuckenden Melodiefragmenten, mit unter die Haut gehenden,
melodisch intensiven Balladen, mit Romantik und Expressionismus, mit
halsbrecherischen, explosiven Exkursionen über die gesamte Klaviatur, vom
dramatischen Donnergrollen in den tiefsten Lagen bis zu kristallinen, silbrig
hellen oder beissend scharfen Figuren im höchsten Diskant...; das alles
benutzt dieser phänomenale Pianist und geniale Improvisator nicht, um die Zuhörer
mit vordergründigen Technik- und Kraftparcours zu verblüffen, sondern er
setzt all dies souverän und mit höchstem Ideenreichtum als eine riesige
Palette von Gestaltungsmitteln ein, um sein unglaubliches Phantasiepotential
in wie logisch wirkende Strukturen und formale Abläufe einzubinden. Aber
damit noch nicht genug: Faszinierend vielfältig und charakterisiert durch
einen weiten Horizont, ist auch sein musikalisches Ausgangsmaterial, mit dem
er atemberaubend und wie selbstverständlich spielt, und das fernab jeglicher
kaleidoskopartiger Effekthaschereien oder exotischer Anspielungen.
Da
improvisiert er ein langes Stück von barocker Leichtigkeit und polyphoner
Dichte, inszeniert er abstrakte Energiefelder mit Clusterkaskaden und
aggressiv aufblitzenden Motivkürzeln, die wenn überhaupt, dann nur ganz
entfernt an Cecil Taylor erinnern mögen. Oder er widmet sich mit dem Raga-artigen
Stück „Mallari“ der klassischen, karnatischen Musik Südindiens. Und dann
sein aufregender Umgang mit Monk-Kompositionen wie „Skippy“ oder „Pannonica“
oder mit „Time Remembered“ von Bill Evans, mit langen, präludienartigen,
perlenden Einleitungen und in den Durchführungen mit ausgedehnten, fast bis
zur Unkenntlichkeit verfremdenden Exkursionen in weite, improvisatorische Räume,
um schliesslich klar und konsequent wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren.
Aber auch brasilianische Melodik und Rhythmik mit ihrer typischen „Balancado“-Charakteristik
hat er im Griff, als ob er dort geboren wäre und nie etwas anders gespielt hätte,
was dem beeindruckenden Programmablauf mit Antonio Carlos Jobims berühmten
„Aguas de Marco“ oder „Chega de Saudade“ („No More Blues“) weitere
Glanzlichter aufsetzte. Mein
Eindruck: Ein mitreissender Solo-Klavierabend mit einem nie zuvor gehörten,
improvisatorischen Gestaltungsreichtum und Farbenspektrum !. Wann wird
dieser Wunderpianist endlich in grösserem Rahmen vorgestellt?
Simon Nabatov: Flügel
grenzelos
Kritik
von Jacques Rohner, Erstveröffentlichung in Der Landbote vom 14. April
2001
Was auch immer über diesen Mann und seine Kunst geschrieben wurde, es ist
bloss eine Andeutung des realen Ereignisses, ein Versuch, dem Leser ein
einzigartiges, mit Worten unfassbaren Phänomen näher zu bringen. Einzig
seine Konzerte helfen da weiter, in einmalig begeisternder Weise jenes vom
Donnerstagabend in der Alten Kaserne.
Sein
geniales Spiel mit der Musik vermittelt das Gefühl, dass es für ihn keine
Zeit gibt, ausser dem Jetzt, das alles umfasst, was je war und was es je geben
wird. Nabatov und sein Flügel werden eins, Bach, Monk, Chopin, Bill Evans,
Russland, Amerika, Indien, Südamerika, Europa, Afrika werden eins. Alles ist
Inspiration für die Reise, auf die er uns mitnimmt, die zeitlose Geschichte,
die er jetzt erfindet und uns auf die vielfältigste Weise miterleben lässt.
Mit
„Skippy“ von Thelonious Monk eröffnet Simon Nabatov den Abend, indem er
ein Motiv aus dem Thema in den
Raum setzt, es leise wiederholt mit der – leider vom Husten einer Person
gestörten - Stille im Saal kontrastieren und die Spannung wachsen lässt. Die
Steigerung und Verdichtung der Atmosphäre schafft der Pianist unter Aufgebot
einer unwahrschein- lichen schöpferischen Kraft, die den Umweg ins lautestmögliche
Chaos aller Töne des Flügels wählt. Auf
diesem schwarzen Hintergrund erweckt Nabatov
dann die Komposition in der Sprache Monks zu neuem Glanz, um sie zum
Schluss durch kunstvolle Ausdünnung in Stille aufzulösen.
„Herbie
und Pierre“ kommentiert Nabatov als Komposition, die er im Nachhinein als
seine persönliche Lebensgeschichte erkannt habe, „...beginnend in Russland,
weiter in Amerika, wo witzige Geschichten passieren und dann im ernsthaften
Europa ... Lächelnd fügt er bei: „ Sie können sich aber auch etwas ganz
Anderes vorstellen.“ In der Tat
findet hier eine Weltreise statt, eine Reise aus der Welt der russischen Seele
hinaus in das Getöse der amerikanischen Grossstadt, erkennbar am plötzlichen
Wechsel zum Stride Piano Stil, den Nabatov erst virtuos zitiert, dann
erweitert und anreichert und überführt in eine neue impressionistische
Phase, spielerisch, gefühlvoll und witzig aber nie respektlos aus dem schier
unendlich scheinenden Fundus der von diesem Genie verinnerlichten Musik schöpfend.
Wieviel harte Arbeit Nabatov wohl
verrichtet haben mag, um über diese alles überragende Kreativität zu
verfügen.
Wie
im letzten Konzert Dave Douglas nahm sich Nabatov „Pannonica“ von
Thelonious Monk als Inspirationsquelle. Wie er es aus den ersten fünf Tönen
des Stücks gleichsam neu konstruierte und zum fulminanten Höhepunkt führte,
war schlicht meisterhaft.
Mit
„Mallari“ einem Motiv aus der rituellen südindischen Tempelmusik verneigt
sich Nabatov vor der östlichen Spiritualität, die seiner eigenen Freude am
Ostinato mit stetiger Steigerung ins Furiosissimo sehr entspricht. Dass es ihm
auch südamerikanische Rhythmen und Tänze angetan haben, verriet er mit einer
unwahrscheinlichen Collage von „Aguas de Março“ von Antonio Carlos Jobim
mit einem Bachschen Motiv.
Mit
Bill Evans‘ „Time Remembered“ und „Emily“ als Zugabe gab Simon
Nabatov dem Publikum in der Alten Kaserne, das auch diesmal zahlreiche neue
Gesichter hatte, buchstäblich mit vollen Händen alles, was sich der
Musikliebhaber nur wünschen kann. Einmal mehr hat „jazz in winterhur“ vor
den Veranstaltern des grossen Zürich ein Genie entdeckt. Dass Simon Nabatov
– wie Johannes Anders bemerkte – die Tonhalle und ein Meisterflügel zu gönnen
wäre, ist unbestritten.
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Simon Nabatov.
Biographie von Simon Nabatov
Artikel von Louis Gerber
Simon Nabatov wurde 1959 in Moskau geboren. In einer Musikerfamilie
aufwachsend begann Simon bereits mit drei Jahren mit dem Klavierspiel. Sein
Vater war sein Lehrer. Mit sechs soll er seine ersten Kompositionen
geschrieben haben. Weitere Stationen seiner
musikalischen Ausbildung waren die Central School of Music und das Moskauer
Konservatorium (1976-79).
Der Vater hätte
Simon gerne in einer Laufbahn als klassischer Pianist gesehen, doch
Jazz-Platten und Konzerte der Duke Ellington Band 1971 und der Thad Jones-Mel
Lewis Band 1972 konvertierten den Jungen zum Jazz. 1979 emigrierten die
Nabatovs über Wien und Rom in die USA, wo Simon in New York die Juilliard
School of Music (1980-84) besuchte und gleichzeitig als Jazzmusiker tätig wurde. Zu
seinen Mitstudenten gehörte Ivo
Pogorelich, der als einziger aus seinem Umfeld Verständnis für seine
Jazz-Liebe zeigte. Nabatov spielte u.a. mit Chet Baker, Art Farmer, Kenny
Wheeler, Barry
Altschul, Vladimir Tarasov, Mark Feldman, Phil Minton und vielen anderen.
1984 gewann Simon
Nabatov den Wettbewerb des Keyboard Magazine/Berklee College of Music und 1985
den International Great Jazz Pianist Wettbewerb in Jacksonville, Florida. 1987
erhielt er den Förderpreis des National Endowment for the Arts und 1989 war
er Preisträger des Martial Solal Jazz Piano Wettbewerbs in Paris.
Simon Nabatov
arbeitet regelmässig mit dem Ray Anderon Quartet, dem Arthur Blythe
Quartet und der NDR Big Band aus Hamburg. Im Duo tritt er mit Steve Lacy,
Matthias Schubert und Nils Wogram auf. Mit den Quartetten von Wogram und
Schubert spielt er ebenfalls. Simon Nabatov in eigenen Projekten als Solist,
im Trio und Quartett auf. So mit Tom Rainey, Mark Helias, Herb Robertson, Mark
Feldman, Frank Gratkowski und anderen.
Daneben hat Simon
Nabatov Kammermusik aufgenommen, so Kompositionen vom Amerikaner Kenny Werner,
vom Iren Ronan Guilfoyle und vom Schweizer Daniel Schnyder. Mit dem NDR
Symphonieorchester spielte er z.B. Gershwin's Rhapsody in Blue. Daneben
hat Nabatov bei Radioproduktionen von WDR, NDR, HR, BR,
SFR, Radio France, Radio Zürich, Radio Ireland und anderen Sendern
mitgewirkt.
Seit zehn Jahren
lebt Simon Nabatov in Köln - er spricht wie sein Vater gut deutsch. Daneben
behielt Simon eine Wohnung in New York. Neben seiner Konzerttätigkeit hat er
an der Folkwang Hochschule in Essen (1989-1991) und an der International Jazz and Rock
Academy in Remscheid (1991-1993) unterrichtet. Seit 1998 unterrichtet er an
der Musikhochschule Luzern.
Zwei CDs von Simon Nabatov
Kurzkritiken von Louis Gerber

Simon Nabatov Quartet: Nature Morte. Leo Records LR 310,
April 2001. Bestellen bei Amazon.fr,
Amazon.co.uk
oder Amazon.com.
Ausgangspunkt und Inspiration für Nature Morte ist das gleichnamige
Gedicht des 1940 in Leningrad geborenen und 1996 im New Yorker Exil
verstorbenen Joseph Brodsky, der 1987 den Nobelpreis für Literatur
erhalten hat. Aus dem rund fünfminütigen Gedicht hat Nabatov ein
66minütiges experimentierfreudiges Klangwerk geschaffen. Phil Minton leiht
den übersetzten englischen Texten seine Stimme, Nils Wogram an der Posaune,
Frank Grantkowski an verschiedenen Rohrblattinstrumenten (as,cl, bcl,fl) und
natürlich Simon Nabatov am Piano geben der Komposition Kraft und Poesie.
Simon
Nabatov Trio: Sneak Preview. Hatology 548/Musicora, Mai 2000. Bestellen
bei Amazon.de,
Amazon.co.uk
oder Amazon.fr.
Auf Sneak Preview
werden sieben von Simon Nabatovs Kompositionen von seinem Trio mit ihm am
Klavier, Mark Helias am Bass und Tom Rainey am Schlagzeug vorgetragen. Die
drei spielen seit Jahren zusammen, was seine Früchte trägt. In For Steve
liefert Nabatov eine poetische Einleitung am Klavier. Danach setzen seine
Kollegen behutsam ein und führen das Stück durch ein aufregendes
Jazz-Abenteuer. Das Album präsentiert sich einheitlich, jedoch keinesfalls
monoton, sondern voll von aufregenden Klangbildern, inspiriert von
verschiedensten Stilen. Die teilweise improvisierte CD wurde vom WDR im Kölner
"Loft" aufgenommen und endet mit Happy Buchki Break Tune und
humorvollen, von Ragtime durchsetzten Rhythmen. Nabatovs technische
Fertigkeiten erlauben es ihm, Klassik und Jazz, Komposition und Improvisation,
motivische, stilistische und rhythmische Gratwanderungen und Transgressionen souverän zu
meistern.
Simon Nabatov: Three Stories, One. 2002. CD bestellen bei citydisc
Schweiz.
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