Tony Blair und New
Labour
Die Unterhauswahl 2001 -
Das neue Kabinett 2001 -
Andrew Rawnsley: Servants of the People
Artikel vom 14. Juni 2001
Die Unterhauswahl 2001 in Grossbritannien
Stimmbeteiligung
2001: 59% (1997: 71.5%). Total 659 Sitze.
New Labour
Konservative
Liberaldemokraten |
2001
413
166
52 |
2001
40.7%
31.7%
18.3% |
1997
418
165
46 |
1997
43.2%
30.7%
16.8% |
Im Mai 1997 kam Tony Blairs New Labour nach einem Erdrutschsieg an die
Macht. Auf Grund des britischen Majorzsystems reichten dazu eine halbe Million
weniger Stimmen als John Majors Konservative fünf
Jahre zuvor gewonnen hatten. In den ersten
Jahren an der Macht konnte Blair teilweise über 90% der Bevölkerung
sowie fast alle Medien hinter sich scharen. Seither hat sich der
Wind zwar gedreht, doch wegen dem katastrophalen
Zustand der Opposition stand ein Machtwechsel in Grossbritannien bei den
Wahlen 2001 ausser Frage. Während dem Tony Blair die politische Mitte
für New Labour besetzte, drifteten William Hague und die Tories immer mehr
nach rechts. Sie kämpften gegen den Euro, gegen Europa und gegen Asylbewerber.
Doch diese Themen stiessen bei den Briten nicht auf den gewünschten
fruchtbaren Boden. Der Rechtspopulismus generiert zum Glück nicht immer
und überall Stimmengewinne - was
unlängst auch Jörg Haider und die FPÖ in Wien feststellen mussten. Den
Briten liegen vielmehr seit Jahren Verbesserungen im Gesundheitswesen, im
Erziehungs- und Schulwesen sowie im Transport- und Verkehrswesen am Herzen.
Gerade in diesen Domänen hat New Labour seine
vollmundigen Versprechungen nicht einhalten können, weshalb die Regierung
durchaus Angriffsflächen bot. Doch da die britischen Wähler den
Konservativen mehrheitlich auf diesen Feldern noch weniger zutrauen als
New Labour, konnte die Opposition die Gunst der Stunde nicht nutzen. Das
gilt auch für die Liberaldemokraten, die sich nun sozialdemokratischer
geben als die Arbeiterpartei und deshalb leicht zulegten, aber auf Grund
des Majorz im Zweiparteiensystem weiterhin ohne Chancen sind.
Der unerwartet massive Rückgang der Wahlbeteiligung von
71.5% auf 59% betraf vor allem New Labours Hochburgen - u.a. weil die
Arbeiterpartei unter Tony Blair weitgehend den einst von Margaret Thatcher
eingeschlagenen Kurs fortführt und deshalb traditionelle Wähler
verärgert hat. New Labour erzielte 2001 rund eine halbe Million weniger
Stimmen als bei der Wahlniederlage 1992 und im Vergleich mit 1997 sogar
2.5 Millionen Stimmen weniger.
Trotz einer robusten Wirtschaft mit einem
jährlichen Wachstum von rund 2.5% seit 1997 ist die ökonomische
Regierungsbilanz von Tony Blair ist nicht makellos. Die Arbeitslosigkeit
ist zwar von über 7% auf rund 5% gefallen und die Inflation mit etwas
über 2% unter Kontrolle, doch die Vorgängerregierung von John Major
vollbrachte ähnliches und legte vor allem das Fundament, auf dem New
Labour aufbauen konnte. Trotz Steuersenkungen stieg die Steuer- und
Abgabenlast der privaten Haushalte unter Tony Blair von 42% auf 46%, ohne
das die versprochenen Reformen im Gesundheits-, Erziehungs- und
Verkehrswesen umgesetzt worden wären. Da könnte also noch einiges auf
die Briten zukommen.
Blairs neues Kabinett 2001
| Premierminister |
Tony
Blair |
| Vizepremier |
John
Prescott |
| Schatzkanzler |
Gordon
Brown |
| Lordkanzler/Justizminister |
Lord
Irvine of Lairg |
| Aussenminister |
Jack
Straw |
| Innenminister |
David
Blunkett |
| Verteidigungsminister |
Geoff
Hoon |
| Umwelt-
und Agrarminister |
Margaret
Beckett |
| Entwicklungsminister |
Clare
Short |
| Arbeit
und Renten |
Alistair
Darling |
| Verkehr
und Regionen |
Stephen
Byers |
| Handel
und Industrie |
Patricia
Hewitt |
| Gesundheitsminister |
Alan
Milburn |
| Erziehungsminister |
Estelle
Morris |
| Kultur,
Medien und Sport |
Tessa
Jowell |
| Nordirland |
John
Reid |
| Wales |
Paul
Murphy |
| Schottland |
Helen
Liddell |
| Schatzamt |
Andrew
Smith |
| Unterhausführer |
Robin
Cook |
| Oberhausführer |
Lord
Williams |
| Chief Whip |
Hilary
Armstrong |
| Minister
ohne Portfolio |
Charles
Clarke |
Tony Blair hat Aussenminister Robin Cook,
der fest damit gerechnet hatte, im Amt zu bleiben, zum Unterhausführer
zurückgestuft und durch den
bisherigen Innenminister Jack Straw ersetzt. Der allgemeine Tenor dazu
ist, dass dies aus taktischen Gründen geschah. Der betont Europa- und
Euro-freundliche Cook wurde durch den diesbezüglich zurückhaltenderen
Straw abgelöst, um die Briten behutsam an ein kommendes Euro-Referendum
heranzuführen.
John Prescott bleibt zwar Vizepremier, doch
wurde sein Mega-Ministerium für Umwelt, Verkehr und die Regionen zerschlagen.
Fortan muss er sich mit dem Kabinettsministerium begnügen.
Insgesamt veranlasste der Premierminister
auf 13 Kabinettsposten Umbesetzungen. Die drei Reformministerien
Gesundheit, Erziehung und Verkehr besetzte er mit Leuten seines
Vertrauens. Der Gesundheitsminister Alan
Milburn wurde bestätigt. Neu als Erziehungsministerin amtet Estelle Morris.
Beiden sollen mehr privatwirtschaftlichen Wind in Krankenhäuser und
Schulen bringen. Die bisherige Fraktionsführerin Margaret Beckett
übernimmt das neue Umwelt- und Agrarministerium, dem Nick Brown in Zeiten
von BSE und Maul- und Klauenseuche nicht gewachsen war.
Weiterführende Literatur
- Tom Bower: Gordon Brown. Bestellen bei Amazon.co.uk
oder Amazon.de.
- Robert Peston: Brown's Britain. Bestellen bei Amazon.co.uk
oder Amazon.de.
- Andrew Rawnsley: Servants of the People - The Inside Story of New
Labour. Hamish Hamilton/Penguin, September 2000, 434 S. Bestellen bei Amazon.co.uk,
Amazon.com
oder Amazon.de.
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Andrew Rawnsley:
Servants of the People -
The Inside Story of New Labour.
Hamish Hamilton/Penguin, September 2000, 434 p. Bestellen bei Amazon.co.uk,
Amazon.com
oder Amazon.de.
Andrew Rawnsley, der Mitherausgeber und Chef des politischen Ressorts
beim Observer sowie Fernseh- und Radiokommentator, der die Westminster
Hour in Radio 4 präsentiert, wirft in seinem Buch "Diener des
Volkes" - so hatte sich New Labour vor dem Machtantritt 1997 angepriesen
- einen kritischen Blick hinter die Kulissen der Regierungspartei. Der
Insiderbericht beruht weitgehend auf vertraulichen Informationen, die
von politischen Akteuren stammen, deren Identität Rawnsley erst nach
Blairs Rücktritt preisgeben will. Diese Methode verhindert natürlich
die Überprüfung der Quellen des Autors, der die Meinung vertritt, die
Geschichte noch während dem Verlauf der Ereignisse festhalten zu müssen,
weil sie später in den Memoiren oft neu geschrieben werde. Dabei nimmt
sich Rawnsley die etwas zweifelhafte Freiheit, die Gefühle und Gedanken von
Akteuren wiederzugeben, gestützt auf die Aussagen von "Zeugen",
denen sie anvertraut wurden.
Gemäss Rawnsley wollte Blair Grossbritannien neu erfinden. Dabei traute
er dem Volk nicht und liess durch Umfragen die Stimmung der Briten beständig
überwachen. Blairs und New Labours Wunsch nach Hegemonie und ihr
Kontrollwahn hätten sich mit dem Sprung an die Macht noch verstärkt. Neben solch generellen Kommentaren lotet Rawnsley auch
tiefer und beschreibt detailliert die komplizierten Beziehungen zwischen
den vier Hauptakteuren, die seiner Meinung nach "in essence" New Labour
ausmachen: Tony Blair, Gordon Brown, Peter Mandelson und Alastair
Campbell. Mandelson stand einst Brown
näher als Blair, habe jedoch die Karriere von beiden gefördert. Dann habe
sich die Beziehung von Protégé und Patron zwischen
Blair und Mandelson gedreht und Mandelsons
Verehrung von Brown sei in Hass umgeschlagen. Brown seinerseits konnte
Mandelson nicht vergeben, dass dieser
sich im Labour-internen Machtkampf
auf die Seite von Blair schlug. Diese Dreiecksbeziehung
komplizierte sich zusätzlich durch den
Aufstieg von Campbell zu Blairs Pressesprecher.
Die dunkle Seite des Machtpolitikers Blair kam bereits vor den Wahlen 1997 zum
Vorschein, als er den Chef der Liberaldemokraten, Paddy Ashdown, im
Glauben liess, Labour werde eine Koalition mit seiner Partei bilden und
Ashdown als Aussenminister in sein Kabinett aufnehmen - wobei hier wohl
klar ist, auf welche vertrauliche Quelle sich Rawnsley hier stützt. Der
"ideologiefreie Pragmatist" Blair versteht es durchaus, mit harten, ja unfairen Mitteln zu kämpfen. So
verhinderte er gegen die
örtliche Basis in Wales die Wahl eines Repräsentanten des Linken Flügels von
New Labour mit undemokratischen
Mitteln - ein Rückfall in frühere Labour-Praktiken. In London
versuchte Blair um jeden Preis, aber erfolglos, den Linken Ken Livingston als Bürgermeister
zu verhindern - ein Amt, dass erst der Chef von New Labour geschaffen
hat. Zur dunklen Seite von Blair zählt Rawnsley auch den
"faustischen Pakt" mit dem
Boulevard-Blatt Sun.
In der ungeschriebenen britischen Verfassung
ist der Premierminister ein primus
inter pares, doch mit einer zuverlässigen
parlamentarischen Mehrheit und einem ergebenen
Kabinett gehört er zu den mächtigsten Männern
der westlichen Welt. Blair duldet jedoch keinen
"Gleichen" in seiner Regierung. Gemäss Rawnsley ist das kein
Ausdruck von Eitelkeit, denn Blair soll immun gegenüber Schmeicheleien
sein, sondern zeugt von einer bewussten politischen Strategie, die darin
besteht, die Fehler früherer undisziplinierter Labourregierungen zu
verhindern, wobei Blair auch das
Beispiel von John Majors Scheitern vor Augen hatte.
Zu Blairs Fehlleistungen gehört der
Millenium Dome. Das Projekt hatte eigentlich nur Gegner in der Regierung
- eine der seltenen Kabinettsrevolten gegen die Linie des Premiers. Der
einsame Befürworter des Domes war zuerst Mandelson. Als Prescott sich
diesem nach ersten Zweifeln doch anschloss, wollten Blair und Mandelson
aus dem Projekt ein Zeichen für die Wiedergeburt Grossbritanniens unter New Labour machen. Wie wir heute wissen, endete
das ganze in einem finanziellen Milliarden-Fiasko.
Bedenklich war die Entscheidung von New Labour, eine Million Pfund von
Bernie Ecclestone als Parteispende anzunehmen und danach den ursprünglich
befürworteten Bann der EU für Tabakwerbung bei Formel 1-Rennen in
Grossbritannien aufzuheben. Rawnsley verweist darauf, dass Brown im
November 1997 zur Affäre log, als er behauptete, nichts davon gewusst
zu haben. Brown versuchte die Affäre zu vertuschen und Blair fürchtete,
durch den Skandal zu stürzen. New Labour löste das Problem durch die Rückgabe
der Million an den Geber. Die Veröffentlichung von Rawnsleys Buch
verursachte im letzten September ein Rauschen im Blätterwald, das
jedoch ohne Folgen für die Regierung blieb.
Die Sozialreform der Regierung Blair geriet wegen Animositäten zwischen
Kabinettsmitgliedern ins Stocken. Auf der Public Relations-Ebene kam es
des öfteren zu peinlichen Desastern. Das nationale Gesundheitswesen,
NHS, erwies sich als ein bodenloses Loch, wie Gordon Brown Blair gegenüber
bemerkte. Aus John Prescotts hochfliegenden Plänen vom Sommer 1998 zur
Reduzierung des Chaos' auf den Strassen sowie der daraus resultierenden
Verschmutzung wurde nichts - gemäss Rawnsely wegen New Labours kurzsichtiger Strategie, die oft nicht weiter wie bis zur nächsten
Schlagzeile reiche. Ralf Dahrendorf nannte den "Dritten Weg"
denn auch eine Politik, die von harten Entscheidungen spreche, die sie jedoch
verhindere, indem sie versuche, jedermann zu befriedigen.
Zu den Erfolgen der Regierung Blair zählt Rawnsley die Idee, der
Nationalbank die Unabhängigkeit zu geben. Sie kam von Gordon Brown, der
Blair davon überzeugen konnte. Die zwei setzten ihr Anliegen ohne
Kabinettsbeschluss in die Tat um. Blair bat Brown lediglich, John
Prescott und Robin Cook davon ihn Kenntnis setzen - also sie nicht zu
konsultieren, sondern lediglich darüber zu informieren. Unter Blair
wurden Schottland und Wales mit eigenem Parlament ausgestattet. Im Mai
1998 schaffte es Blair, dass das Nordirland-Abkommen von der dortigen
Bevölkerung akzeptiert wurde. In der Frage um den Einsatz von
Bodentruppen gegen Serbien sei Blair der erste gewesen, der nach anfänglichem
Zögern den Fehler eingesehen habe, doch 1999 sei er mit seiner Befürwortung
alleine gegen Clinton und Schröder gestanden. Sein Einsatz im
Kosovokrieg sei dennoch wesentlich gewesen, um Milosevic zum Nachgeben
zu bewegen. Was den Euro-Beitritt der Briten anbetrifft, so seien der
Liberaldemokrat Ashdown sowie Blairs Berater Mandelson für ein rasches
Referendum nach den Wahlen eingetreten, währenddem Blair und Gordon
Brown bezüglich der Erfolgschancen eines solchen Vorgehens skeptisch
waren und es daher, nach einer längeren Zeit des Zögerns, nicht dazu
kam.
Geradezu grotesk wurde das Verhalten von
Blair, als das Fehlen einer starken Opposition zu
internen Diskussionen führte, in denen der fehlende politische Kampf bedauert wurde, denn dadurch würden die von New Labour
durchgesetzten Änderungen unterschätzt. Daher sei Blair, der Mann des Konsensus,
darauf verfallen, sich einige Feinde zu schaffen, indem er 1999 die Konservativen
bei seiner Parteitagsrede in Bournemouth als die "Partei der Fuchsjagd, von
Pinochet und des Erbadels" angriff: "the uneatable, the unspeakable and the
unelectable." Der Oppositionsführer William Hague war darüber im Privaten nicht unglücklich,
denn Blair gab den Konservativen endlich etwas, um New Labour zu attackieren.
Blairs Frieden, nicht nur mit der rechtsgerichteten Presse, ist seitdem vorbei.
"Servants of the People" enthält neben profunder Information
eine gute Dosis an politischem Klatsch und hier und dort Tritte gegen
das Schienbein von New Labour, wie schon die 1997 im Observer veröffentlichte
Karikatur von Chris Riddell auf dem Buchumschlag andeutet, auf der Tony
Blair hinter einer Kanzel thront, auf der zu lesen ist: "Trust
Me." Für Rawnsley liegen Tony Bair und seine Regierung über dem
Durchschnitt. Gemessen an New Labours Rhetorik seien diese allerdings
weniger beeindruckend. Noch nicht entschieden sei die Frage, ob Blair
den Mut, die Fähigkeit und die Selbstsicherheit habe, um einer der
herausragender britischen Premierminister zu werden. Das Buch ist trotz
einer stellenweise ermüdenden Sprache lesenswert, da es
keinesfalls, wie die "spin doctors" von New Labour nach der
Veröffentlichung im letzten September
prophylaktisch verkündeten, einseitig ist. Allerdings hätte man sich mehr
Informationen zur keinesfalls
makellosen wirtschaftlichen Bilanz von New
Labour gewünscht.
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