www.cosmopolis.ch
Nr. 28, August 2001
Aktuelle Ausgabe mit Archiv
Musik  Film  Kunst  Geschichte  Politik  Gesamtarchiv

Links  Werbung  Feedback  English edition  Travel/Reisen
 
Copyright 2001  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Artikel vom 7. August 2001
 
Nationalismus in Tatarstan - Mythos oder Realität?
Ein Artikel von Alexej Djomin, Kasan

Wenn die russischen Politiker beginnen, sich zu erinnern, wie "das tschetschenische Problem" aufkam, spricht die Mehrheit von dem "tschetschenischen National-Faktor und der Schwäche der korrupten russischen Zentralmacht bei der Neuverteilung der ökonomischen Einflusssphären am Anfang neunziger Jahre". Der Krieg in Tschetschenien oder wie man ihn in Russland nennt, die "antiterroristische Operation" dauert nun schon fast 6 Jahre. In Tatarstan, das seine eigene Unabhängigkeit fast gleichzeitig mit Tschetschenien erklärte, gibt es keinen Krieg. Im Gegenteil, Russlands Präsident Wladimir Putin verhält sich heute zu Tatarstan mit betonter Achtung, und an die tatarischen National-Radikalen erinnert man sich fast gar nicht. Warum?
 
Der Anfang
 
Die Einwohner Kasans erinnern sich noch ausgezeichnet an das Jahr 1991. Da waren riesige Volksmassen auf dem zentralen Platz der Stadt und schrieen "Asatlik!" ("Freiheit!" auf tatarisch). Tägliche Meetings fanden vor dem Gebäude der Regierung Tatarstans statt, bei denen auf Plakaten zu lesen war: "Tatarstan ist ein unabhängiger Staat", "Russen - raus!", "Kinder aus Mischehen - ins Krematorium!". Alte Tatarinnen schlugen mit Stöcken die russischen Abgeordneten des republikanischen Parlamentes. Die Miliz griff nicht ein. Am Anfang den neunziger Jahre versuchte "man" den Hass zwischen Russen und Tataren zu kultivieren. "Man", das waren merkwürdigerweise dieselben Leute, die Tatarstan auch heute noch leiten. Doch sind den 18 gesellschaftlichen tatarischen Organisationen, die vor 10 Jahren registriert waren und mehr oder weniger die nationalstaatliche Unabhängigkeit anstrebten, nur noch 2 oder 3 aktiv. Sogar die traditionell zu allem "Russischen" feindselig eingestellten tatarischen nationalistischen Organisationen aus der Stadt Nabereschny Tschelny zeigen jetzt nicht mehr ihre frühere Agressivität. Bedeutet das, dass der Nationalismus verschwunden ist?
 
Mit dieser Frage habe ich mich an den Leiter des Alltatarischen gesellschaftliches Zentrums (ATGZ) Raschit Jagfarow gewandt.
 
Nehmt euch soviel Souveränität, wie ihr könnt
 
Herr Jagfarow ist der fünfte Vorsitzende auf diesem Posten. Er behauptet, die neueste Geschichte der nationalen tatarischen Bewegung habe 1988 angefangen. Damals hätten einige Vertreter der tatarischen Intelligenz beschlossen, eine eigene tatarische Nationale Front zu schaffen, um die autonome Republik (welche Tatarstan damals war) in eine Republik der UdSSR, d.h. unabhängig von der Russischen Föderation, zu transformieren. Aber die UdSSR sei zerfallen und die Schwerpunkte hätten sich verlagert. Vom Alltatarischen gesellschaftlichen Zentrum sei ein radikaler Kurs auf die Errichtung eines völlig unabhängigen Staates genommen worden.
 
1990 hat Boris Jelzin bei seinem ersten Besuch in Tatarstan als Präsident der RF seine berühmte Phrase gesagt: "Nehmt euch soviel Souveränität, wie ihr könnt". Damals hatte das allen gefallen, und Jelzin wurde für kurze Zeit der geliebte Präsident aller Tataren. 1992 wurde ein Referendum abgehalten, und Tatarstan wurde eine souveräne Republik innerhalb Russlands. Aber als die realen ökonomischen Veränderungen anfingen und Tatarstan aufhörte, Steuern an das Zentrum zu zahlen und begann, selbständig mit Erdöl zu handeln, da fand Jelzin, dass das Spiel mit der Souveränität Moskau teuer zu stehen komme. Es begannen die unendlichen Verhandlungen über die Kompetenzverteilung zwischen Russland und Tatarstan (Aussenhandel, Gerichte, Steuern, Budget, Erziehung, militärische Anlagen, etc.). Seitens der Nationalen setzten Anschuldigungen an Jelzin ein, er wolle Tatarstan zu einer Kolonie degradieren.
 
Das Ergebnis der Streitigkeiten war die Unterzeichnung eines Vertrages über die Abgrenzung der Rechte und Kompetenzen zwischen Russland und Tatarstan im Jahr 1994; er ist seither das grundlegende Dokument bei der Lösung aller Streitfragen zwischen Moskau und Kasan.
 
Als Moskau auf seiner Sicht der Dinge bestand, gingen bis zur Unterzeichnung des Vertrages Tausende auf die Strasse. Sie schrieen "Asatlik!", verbrannten die russischen Fahnen und zertrampelten das russische Wappen. Der Präsident Mintimer Schajmijew behinderte solche Demonstrationen nicht, da sie doch der Ausdruck "des Willens des tatarischen Volkes" waren. Nebenbei bemerkt bekamen die lokalen unabhängigen Zeitungen aus inoffiziellen Quellen andere Informationen: wem man wie und wieviel für die Organisation solcher Meetings bezahlte. Nach den Demonstrationen ging Moskau auf die geforderten Kompetenz-Zessionen (so bei der Ausbeutung der Erdölvorkommen) ein. Präsident Schajmijew konnte so politische Pluspunkte sammeln.
 

"Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan..."
 
Dieses Spiel fand ein Ende, als der Tschetschenienkrieg anfing. Jelzin gab zu verstehen, dass er Tatarstan keine Zugeständnisse mehr machen wird. Daraufhin wandte sich Schajmijew brüsk von den Nationalen ab. Nationalistische Aktionen in Kasan hörten fast auf, da die ökonomischen und politischen Ziele, die die Leitung Tatarstans verfolgte, bereits erreicht waren. Schajmijew besass die uneingeschränkte Macht in der eigenen Republik und durfte über ihre Ressourcen verfügen, wie er wollte. 1996 wurde er zum zweiten Mal  zum Präsidenten gewählt. Die Macht mit den gestrigen Alliierten zu teilen hatte er nicht mehr nötig.
 
Dann hat sich das Zentrum der nationalen Bewegung in die Stadt die Nabereschny Tschelny verschoben, wo der Leiter der Stadtverwaltung Rafgat Altinbajew seine eigenen ehrgeizigen Pläne schmiedete. Doch 1998 erlitt er eine vernichtende Niederlage auf der Tagung des republikanischen Parlamentes. Als er danach gegen den Willen von Schajmijew seine eigene Kandidatur für den Posten des Ministerpräsidenten der Republik vorschlug, wurde er jedoch nicht gewählt. Diese gescheiterte Rebellion brachte den Präsidenten Schajmijew derart in Rage, dass er mit Präsidentenerlässen alle Bezirksleiter sowie alle, die irgendwie mit Altinbajew sympathisiert hatten, ihres Amtes enthob. Zusammen mit Altinbajew bekamen auch die Nationalisten, die von ihm gedeckt worden waren, gründlich etwas ab. Die Nationalisten hatten endgültig aufgehört, den Präsidenten zu interessieren. Ihre Kundgebungen waren nun nicht mehr Willkommen.
 
Der republikanische KGB, der sich faktisch unter Schajmijews Kontrolle befand, ehe er unter Putin zu einer Abteilung des russischen FSB wurde, sah Tatarstan auf die Finger, so bei humanitären Lieferungen und bei den engen Kontakten, die die tatarischen Nationalisten mit Dudajew, Bassajew und Maschadow unterhielten. Der KGB schritt unter Putin gegen Schajmijews "Eigenmächtigkeiten" ein. In Tatarstan war zuvor sogar eine offizielle Vertretung Tschetscheniens eröffnet worden. Das Image "Vater der tatarischen Nation" und gewisse Sympathien für tschetschenische Politiker zwangen möglicherweise Schajmijew, die tschetschenischen Separatisten zu unterstützen. Aber nicht lange. Am Anfang der zweiten tschetschenischen Kampagne (1999) und dem Machtantritt Putins haben die Beamten Tatarstans die tschetschenische Vertretung ohne offizielle Angabe von Gründen rasch geschlossen.
 
Ergebnisse und Perspektiven
 
"Mit Putins Machtantritt und seiner Politik der Reichzentralisation ist es nur eine Frage der Zeit, wann Schajmijew unsere Hilfe wieder nötig hat“, erklärt Herr Jagfarow, „und wir werden ihm gewiss helfen, weil die Existenz unserer Republik und die Unabhängigkeit Tatarstans in Gefahr sind. Wir müssen um unsere Freiheit kämpfen".
 
Aber wie? Als realen Schritt beabsichtigen die tatarischen Nationalpatrioten, demnächst einen allgemeinen Kongress abzuhalten. Doch von einem "zweiten Tschetschenien" ist auf keinen Fall die Rede. "Das tatarische Volk hat eine andere nationale Psychologie. Wir sind nicht so feindselig wie die Tschetschenen und haben auch nicht den grausamen Brauch der Blutrache", erklärt der Vorsitzende des ATGZ. "Wir werden uns nicht mit den Russen schlagen".
 
Was haben die Apologeten des tatarischen unabhängigen Staates in den 10 Jahren der Souveränität real erreicht? Auf diese Frage zögert Herr Jagfarow mit seiner Antwort. Es gebe vielleicht gewisse Fortschritte in der Bildung und Entwicklung der nationalen tatarischen Kultur. Die Tataren hätten angefangen, mehr über ihre eigene Geschichte nachzudenken. Aber das Lebensniveau der Mehrheit der Bürger Tatarstans hätte sich mit der Souveränität nicht verbessert. Im Gegenteil, wer arm lebte, wurde, unabhängig von der Nationalität, noch ärmer. Die Russen in Tatarstan bilden fast die Hälfte der Bevölkerung. Neid aus nationalistischen Gründen ihnen gegenüber gebe es nicht, da alle gleich arm seien.
 
"Aber ja, wir sind zufrieden, dass die Mehrheit der Regierungsposten jetzt von Tataren besetzt ist", sagt Herr Jagfarow. "Aber sie haben kein Interesse an der Entwicklung des tatarischen Selbstbewusstseins, der Bildung und Kultur des eigenen Volkes. Sie sind genau solche Gauner wie die Beamten in Moskau. Sie denken nur an ihren eigenen Geldbeutel."
 
Die Hoffnung stirbt zuletzt
 
Der Traum von der staatlichen Unabhängigkeit des tatarischen Volkes, die die Tataren vor ca. 450 Jahren nach der Eroberung des Kasaner Khanates durch  den Zaren Johann IV den Schrecklichen verloren hatten, scheint nur ein ewiger Traum zu bleiben. Die Republik Tatarstan liegt mitten in Russland und hat keine gemeinsamen Grenzen mit anderen Staaten. Dennoch schwindet bei den Führern der nationalen Bewegung die Hoffnung nicht. Der erste Vorsitzende des ATGZ Marat Muljukow sagte dazu: "Falls sich unser Volk wirklich eint und seine Unabhängigkeit fordert, wird uns das Nichtvorhandensein eines unabhängigen angrenzenden Staates nicht aufhalten können. Schliesslich haben wir den Fluss Wolga, und der mündet ins Kaspische Meer. Wir können die Grenze dem Fluss entlang ziehen."
 
In einem hat Herr Muljukow recht: Die Wolga mündet wirklich ins Kaspische Meer. Das weiss in Russland jeder Schüler. Sie fliesst schon annähernd 30000 Jahre dorthin - seit der letzten Eiszeit. Was sind schon 450 Jahre im Vergleich damit? Die Hoffnung wird ewig leben.
 

www.cosmopolis.ch
Nr. 28, August 2001
Aktuelle Ausgabe mit Archiv
Musik  Film  Kunst  Geschichte  Politik  Gesamtarchiv

Links  Werbung  Feedback  English edition  Travel/Reisen
 
Copyright 2001  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.