|
Artikel vom 7. August 2001
Nationalismus in Tatarstan -
Mythos oder Realität?
Ein Artikel von Alexej Djomin, Kasan
Wenn die russischen Politiker beginnen, sich zu
erinnern, wie "das tschetschenische Problem" aufkam, spricht die
Mehrheit von dem "tschetschenischen National-Faktor und der Schwäche der
korrupten russischen Zentralmacht bei der Neuverteilung der ökonomischen
Einflusssphären am Anfang neunziger Jahre". Der Krieg in Tschetschenien
oder wie man ihn in Russland nennt, die "antiterroristische
Operation" dauert nun schon fast 6 Jahre. In Tatarstan, das seine eigene
Unabhängigkeit fast gleichzeitig mit Tschetschenien erklärte, gibt es keinen
Krieg. Im Gegenteil, Russlands Präsident Wladimir Putin verhält sich heute
zu Tatarstan mit betonter Achtung, und an die tatarischen National-Radikalen
erinnert man sich fast gar nicht. Warum?
Der
Anfang
Die
Einwohner Kasans erinnern sich noch ausgezeichnet an das Jahr 1991. Da waren
riesige Volksmassen auf dem zentralen Platz der Stadt und schrieen "Asatlik!"
("Freiheit!" auf tatarisch). Tägliche Meetings fanden vor dem Gebäude der
Regierung Tatarstans statt, bei denen auf Plakaten zu lesen war: "Tatarstan ist ein unabhängiger
Staat", "Russen - raus!", "Kinder aus Mischehen - ins
Krematorium!". Alte Tatarinnen schlugen mit Stöcken die russischen
Abgeordneten des republikanischen Parlamentes. Die Miliz griff nicht ein.
Am Anfang den neunziger Jahre versuchte "man" den Hass zwischen Russen und
Tataren zu kultivieren. "Man", das waren merkwürdigerweise dieselben Leute, die Tatarstan
auch heute noch
leiten. Doch sind den 18 gesellschaftlichen tatarischen Organisationen,
die vor 10 Jahren registriert waren und mehr oder weniger die nationalstaatliche Unabhängigkeit anstrebten, nur noch 2 oder 3 aktiv. Sogar
die traditionell zu allem "Russischen" feindselig eingestellten
tatarischen nationalistischen Organisationen aus der Stadt Nabereschny Tschelny
zeigen jetzt nicht mehr ihre frühere Agressivität. Bedeutet das, dass der
Nationalismus
verschwunden ist?
Mit
dieser Frage habe ich mich an den Leiter des Alltatarischen gesellschaftliches
Zentrums (ATGZ) Raschit
Jagfarow
gewandt.
Nehmt
euch soviel Souveränität, wie ihr könnt
Herr
Jagfarow ist der fünfte Vorsitzende auf diesem Posten. Er behauptet, die
neueste Geschichte der nationalen tatarischen Bewegung habe 1988 angefangen.
Damals hätten einige Vertreter der tatarischen Intelligenz beschlossen, eine
eigene tatarische Nationale Front zu schaffen, um die autonome Republik
(welche Tatarstan damals war) in eine Republik der UdSSR, d.h. unabhängig von
der Russischen Föderation, zu transformieren. Aber die UdSSR sei zerfallen und
die Schwerpunkte hätten sich verlagert. Vom Alltatarischen gesellschaftlichen
Zentrum sei ein radikaler Kurs auf die Errichtung eines völlig unabhängigen
Staates genommen worden.
1990
hat Boris Jelzin bei seinem ersten Besuch in Tatarstan als Präsident der
RF seine berühmte Phrase gesagt: "Nehmt euch soviel Souveränität, wie ihr könnt". Damals hatte das allen gefallen, und
Jelzin
wurde für kurze Zeit der geliebte Präsident aller Tataren. 1992 wurde ein
Referendum abgehalten, und Tatarstan wurde eine souveräne Republik innerhalb
Russlands. Aber als die realen ökonomischen Veränderungen anfingen und
Tatarstan aufhörte, Steuern an das Zentrum zu zahlen und begann, selbständig
mit Erdöl zu handeln, da fand Jelzin, dass das Spiel mit der Souveränität
Moskau teuer zu stehen komme. Es begannen die unendlichen Verhandlungen über
die Kompetenzverteilung
zwischen Russland und Tatarstan (Aussenhandel, Gerichte, Steuern, Budget,
Erziehung, militärische Anlagen, etc.). Seitens der Nationalen setzten
Anschuldigungen an Jelzin ein, er wolle Tatarstan zu einer Kolonie
degradieren.
Das
Ergebnis der Streitigkeiten war die Unterzeichnung eines Vertrages über die Abgrenzung
der Rechte und Kompetenzen zwischen Russland und Tatarstan im Jahr 1994; er
ist seither das
grundlegende Dokument bei der Lösung aller Streitfragen zwischen Moskau und
Kasan.
Als Moskau auf
seiner Sicht der Dinge bestand, gingen bis zur Unterzeichnung des Vertrages Tausende auf die Strasse. Sie schrieen "Asatlik!",
verbrannten die russischen Fahnen und zertrampelten das russische Wappen. Der Präsident
Mintimer Schajmijew behinderte solche Demonstrationen nicht, da sie doch der
Ausdruck "des Willens des tatarischen Volkes" waren. Nebenbei
bemerkt bekamen die lokalen unabhängigen
Zeitungen aus inoffiziellen Quellen andere Informationen: wem man wie und wieviel
für die Organisation solcher Meetings bezahlte. Nach den
Demonstrationen ging Moskau auf die geforderten Kompetenz-Zessionen (so bei
der Ausbeutung der Erdölvorkommen) ein. Präsident Schajmijew konnte so politische Pluspunkte
sammeln.
|
"Der
Mohr hat seine Schuldigkeit getan..."
Dieses
Spiel fand ein Ende, als der Tschetschenienkrieg anfing. Jelzin gab zu verstehen, dass er
Tatarstan keine Zugeständnisse mehr machen wird. Daraufhin wandte sich
Schajmijew brüsk von
den Nationalen
ab. Nationalistische Aktionen in Kasan hörten fast auf, da die ökonomischen und politischen Ziele, die die Leitung
Tatarstans verfolgte, bereits erreicht waren. Schajmijew besass die uneingeschränkte
Macht in der eigenen Republik und durfte über ihre
Ressourcen verfügen, wie er wollte. 1996 wurde er zum zweiten Mal zum Präsidenten gewählt. Die Macht mit den gestrigen Alliierten zu
teilen hatte er nicht mehr nötig.
Dann
hat sich das Zentrum der nationalen Bewegung in die Stadt die Nabereschny
Tschelny verschoben, wo der Leiter der Stadtverwaltung Rafgat Altinbajew seine
eigenen ehrgeizigen
Pläne schmiedete. Doch 1998 erlitt er eine vernichtende Niederlage auf der
Tagung des republikanischen Parlamentes. Als er danach gegen den Willen von
Schajmijew seine eigene Kandidatur für den Posten des Ministerpräsidenten
der Republik vorschlug, wurde er jedoch nicht gewählt. Diese gescheiterte Rebellion
brachte den Präsidenten Schajmijew derart in Rage,
dass er mit Präsidentenerlässen alle Bezirksleiter sowie alle, die irgendwie
mit Altinbajew sympathisiert
hatten,
ihres Amtes enthob. Zusammen mit Altinbajew bekamen auch die Nationalisten, die
von ihm gedeckt worden waren, gründlich etwas ab. Die Nationalisten hatten endgültig aufgehört, den
Präsidenten zu interessieren. Ihre Kundgebungen waren nun nicht mehr
Willkommen.
Der
republikanische KGB, der sich faktisch unter Schajmijews Kontrolle befand, ehe
er unter Putin zu einer Abteilung des russischen FSB wurde, sah Tatarstan auf die Finger, so bei humanitären Lieferungen und bei den engen
Kontakten, die die tatarischen
Nationalisten mit Dudajew, Bassajew und Maschadow unterhielten. Der KGB
schritt unter Putin gegen Schajmijews
"Eigenmächtigkeiten" ein. In
Tatarstan war zuvor sogar eine offizielle Vertretung Tschetscheniens eröffnet
worden. Das
Image "Vater der tatarischen Nation" und gewisse Sympathien für
tschetschenische Politiker zwangen möglicherweise Schajmijew, die
tschetschenischen Separatisten zu unterstützen. Aber nicht lange. Am Anfang
der zweiten tschetschenischen Kampagne (1999) und dem Machtantritt Putins haben
die Beamten Tatarstans die tschetschenische Vertretung ohne offizielle Angabe
von Gründen rasch geschlossen.
Ergebnisse
und Perspektiven
"Mit
Putins Machtantritt und seiner Politik der Reichzentralisation ist es nur eine Frage der Zeit, wann Schajmijew unsere Hilfe wieder nötig
hat“, erklärt Herr Jagfarow, „und wir werden ihm gewiss helfen, weil die
Existenz unserer Republik und die Unabhängigkeit Tatarstans in Gefahr sind.
Wir müssen um unsere Freiheit kämpfen".
Aber
wie?
Als realen Schritt beabsichtigen die tatarischen Nationalpatrioten, demnächst
einen allgemeinen Kongress abzuhalten. Doch
von einem "zweiten Tschetschenien" ist auf keinen Fall die Rede. "Das tatarische Volk hat
eine andere nationale Psychologie. Wir sind nicht so feindselig wie die Tschetschenen
und haben auch nicht den grausamen Brauch der Blutrache", erklärt der
Vorsitzende des ATGZ. "Wir werden uns nicht mit den Russen schlagen".
Was
haben die Apologeten des tatarischen unabhängigen Staates in den 10 Jahren
der Souveränität real erreicht? Auf diese Frage zögert Herr Jagfarow
mit seiner Antwort.
Es gebe vielleicht gewisse Fortschritte in der Bildung und Entwicklung der
nationalen tatarischen Kultur. Die Tataren hätten angefangen, mehr über ihre
eigene Geschichte nachzudenken. Aber das Lebensniveau der Mehrheit der Bürger
Tatarstans hätte sich mit der Souveränität nicht verbessert. Im Gegenteil,
wer arm lebte, wurde, unabhängig von der Nationalität, noch ärmer. Die
Russen in Tatarstan bilden fast die Hälfte der Bevölkerung. Neid aus
nationalistischen Gründen ihnen gegenüber gebe es nicht, da alle gleich arm
seien.
"Aber
ja, wir sind zufrieden, dass die Mehrheit der Regierungsposten jetzt von
Tataren besetzt ist", sagt Herr Jagfarow. "Aber sie haben kein Interesse an
der Entwicklung des tatarischen Selbstbewusstseins, der Bildung und Kultur des
eigenen Volkes. Sie sind genau solche Gauner wie die Beamten in Moskau.
Sie denken nur an ihren eigenen Geldbeutel."
Die
Hoffnung stirbt zuletzt
Der
Traum von der staatlichen Unabhängigkeit des tatarischen Volkes, die die
Tataren vor ca. 450 Jahren nach der Eroberung des Kasaner Khanates durch
den Zaren Johann IV den Schrecklichen verloren hatten, scheint nur ein
ewiger Traum zu bleiben. Die Republik Tatarstan liegt mitten in Russland und hat keine gemeinsamen Grenzen mit anderen Staaten.
Dennoch schwindet bei
den Führern der nationalen Bewegung die Hoffnung nicht. Der
erste Vorsitzende des ATGZ Marat Muljukow sagte dazu: "Falls sich unser
Volk wirklich eint und seine Unabhängigkeit fordert, wird uns das Nichtvorhandensein eines unabhängigen
angrenzenden Staates nicht aufhalten können. Schliesslich haben wir den Fluss Wolga, und der mündet ins Kaspische Meer.
Wir können die Grenze dem Fluss entlang ziehen."
In
einem hat Herr Muljukow recht: Die Wolga mündet wirklich ins Kaspische
Meer. Das weiss in Russland jeder Schüler. Sie fliesst schon annähernd
30000 Jahre dorthin - seit der letzten Eiszeit. Was sind schon 450 Jahre im
Vergleich damit? Die Hoffnung wird ewig leben.
|