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Alberto Giacometti
Hinzugefügt am 6. Februar 2010
Am 3. Februar 2010 verkaufte
Sotheby's London L'homme qui marche - ein Bronzeguss von 1960 - von
Alberto Giacometti für £65 Millionen. Damit ist es das teuerste je verkaufte
Kunstwerk der Welt.
Retrospektive und Katalog zum
100. Geburtstag im Kunsthaus Zürich
und im Museum of Modern Art in New York. Die Biographie von James Lord, die Fotos von Ernst Scheidegger,
der Film von Heinz Bütler.
Artikel vom 9. September 2001
Der 1901 geborene Alberto Giacometti
gehört zu den herausragenden Künstlern des 20. Jahrhunderts. Die
Retrospektive im Kunsthaus Zürich, die danach im MoMA in New York zu sehen
sein wird, trägt diesem Fakt mit 190 Werken des Künstlers Rechnung. Es lohnt
sich allerdings auch, einen Blick in die Sammlung des Kunsthauses zu werfen.
Dort sind Teile der 1965 gegründeten Alberto Giacometti-Stiftung weiterhin
gesondert zu sehen. Die Stiftung umfasst insgesamt 72 Skulpturen, 17 Gemälde
und 62 Zeichnungen. Einige Werke wurden von Alberto selbst, andere von seinem
Bruder Bruno der Stiftung geschenkt.
In Zürich gehört das surrealistische Hauptwerk Palais à quatre heures du
matin von 1932 zu den Höhepunkten der Ausstellung 2001 (siehe das Foto
rechts oben). Die ursprüngliche Gipsskulptur wurde zerstört und ist uns nur
durch die Fotos von Man Ray überliefert. Die Holzausführung dagegen wurde
bereits 1936 von Alfred Barr für das Museum of Modern Art in New York
erworben; für die Zürcher Retrospektive durfte es erstmals das MoMA
verlassen. Palais à quatre heures du matin ist übrigens das erste
Werk von Giacometti, das von einem Museum angekauft wurde.
In der Schweiz, seinem Heimatland, wurde Alberto dagegen lange verkannt. Erst
spät versöhnte er sich mit dem Schweizer Kunstbetrieb, von dem er zuvor
Demütigungen erfahren hatte. Bei der Schweizerischen Landesausstellung vom
Sommer 1939 wollte er eine winzige Gipsfigur, gut fünf Zentimeter hoch,
präsentieren. Sein Ansinnen wurde abgelehnt. Ein Architekt meinte gar, das
käme einer Beleidigung der anderen Künstler gleich. Giacometti empfand dies
als Affront, gab aber für einmal nach. So wurde der Bronzeguss einer
abstrakten Plastik von 1934 nach Zürich geschafft und auf den Sockel
gestellt, auf dem Alberto eigentlich seine künstlerisch wegweisende
Kleinstskulptur hatte ausstellen wollen.
Bereits 1929 hatte Michel Leiris in einem Aufsatz in Georges Batailles
Zeitschrift Documents Giacometti hervorgehoben und so die
Aufmerksamkeit der Surrealisten auf ihn gelenkt. Herausragende Bedeutung für
die internationale Anerkennung Albertos kommt jedoch erst der
Einzelausstellung von 1948 in der New Yorker Galerie von Pierre Matisse sowie
Jean-Paul Sartres dazu verfasstem fast zehnseitigen Aufsatz The search for
the absolute zu. 1939 hatten Simone de Beauvoir, Sartre und Giacometti
Bekanntschaft geschlossen und sich danach regelmässig getroffen. Die
Begegnung mit Giacometti war gemäss James Lord auch für Sartre fruchtbar,
denn nicht lange danach entstand sein Hauptwerk L'Etre et le Néant (Das
Sein und das Nichts). Allerdings entstanden erst nach dem Zweiten
Weltkrieg die ersten für Giacometti so bezeichnenden dünnen und
zerbrechlichen Figuren. Sartre sah darin einen Ausdruck des von ihm
vertretenen Existenzialismus. In New York wurden 1948 nun diese
charakteristischen Skulpturen erstmals dem amerikanischen Publikum
präsentiert und begründeten seinen Ruhm. Dort lernte Giacometti übrigens
nicht nur den einflussreichen Kunstkritiker David Sylvester, sondern auch
seinen späteren Biographen James Lord kennen.
Albertos Werk ist vom Kubismus, vom Surrealismus, vom Existentialismus und den
Fragen um die condition humaine sowie von der Phänomenologie
beeinflusst. Tobia Bezzola betont in seinem Katalogbeitrag zur Retrospektive
2001 in Zürich und New York die Bedeutung der Phänomenologie für Alberto.
Der Ansatz ist nicht neu. Bereits James Lord verwies in seiner erstmals 1983
erschienen Giacometti-Biographie darauf, dass Giacomettis Werk für den
Philosophen Sartre phänomenologische Bedeutung hatte und dass für Alberto
selbst die Quintessenz seiner Genfer Jahre "die phänomenologischen
Lektionen" waren, die ihn dazu brachten, die sich aus seiner Sicht der
Wirklichkeit ergebenden Formen seiner Skulpturen zu akzeptieren.
Die Ausstellungsmacher 2001 betonen die Kontinuität im Schaffen von Alberto.
Seine kubistischen und surrealistischen Werke, als Beispiel die berühmte Löffelfrau
von 1927, stehen bereits ganz im Zeichen von Giacomettis lebenslanger
Beschäftigung mit der Frau und dem weiblichen Körper. Alberto besuchte
übrigens jahrlang Bordelle. Die Phänomenologie, die Lehre von der Entstehung
und der Form der Erscheinungen im Bewusstsein beschäftige Giacometti
zeitlebens. Nicht unbedingt in theoretisch-philosophischer Form, sondern in
der praktisch-künstlerischen Suche nach einer Wesensform. Das kam nicht von
ungefähr, denn Giacometti litt am zumeist erfolglosen Versuch, das Sichtbare
festzuhalten.
Das Schlüsselerlebnis kam für Alberto nach Kriegsende in einem Pariser Kino,
als er anstelle einer Person unbestimmte schwarze Flecken wahrnahm. Plötzlich
nahm er seine Umgebung neu war, so auch als er aus dem Kino auf den Boulevard
Montparnasse hinaustrat. Die Raumtiefe, die Dinge, die Farben, die Stille,
alles habe er neu erfahren. Er begann, Köpfe im Leeren zu sehen, im Raum, der
sie umgibt. Der Kopf erstarrte, wurde unbeweglich. Alle Lebenden waren tot.
Der kommerzielle Erfolg Giacomettis stellte sich nach der zweiten New Yorker
Ausstellung im November 1950 ein, bei der alle grossen Plastiken der letzten
Jahre gezeigt und auch verkauft wurden. Dazu kamen noch Gemälde und
Zeichnungen. Alberto erlebte allerdings im Gegensatz zu vielen anderen
Künstlern im Alter keinen Karriereknick, weder künstlerisch noch
kommerziell. Im Gegenteil. Sein Ruhm mehrte sich bis zu seinem Tod 1966. Er
lebte allerdings bescheiden weiter. Seine Frau Annette dagegen kaufte sich
eine Wohnung und wollte die Früchte der Arbeit geniessen. Doch Giacometti war
nicht daran interessiert, seine Lebensumstände zu verbessern. So kam es zu
einem langsames Zerwürfnis der Ehepartner.
Alberto war ein ewig Suchender, der nie das gemacht hat, was er eigentlich
wollte. Da seine Versuche immer gescheitert seien, habe er es immer wieder
erneut versucht, zu einer gültigen Form zu kommen. Zugleich wollte er sich
nicht beständig wiederholen. Doch sein Werk zeigt eben gerade für uns
bestimmte Formen, die wir als endgültige Antworten des Künstlers betrachten
und die alle ähnlich sind, auch wenn Giacometti selbst es nicht so gesehen
hat. Alberto war gleichzeitig vom Glauben getrieben, Morgen würde er finden,
was er suchte - und das jahrzehntelang. Seine letzten Worte waren gemäss
James Lord sinnigerweise: "A demain" (Bis Morgen).
James Lord hatte Giacometti einst gefragt, ob er an Selbstmord denke. Die
erstaunliche Antwort des Künstlers war: "Jeden Tag." Er dachte
daran, sich mit Benzin zu übergiessen und anzuzünden. Seine Frau Annette
konnte es nicht mehr hören und meinte: "Tue es oder hör auf, davon zu
jammern."
Giacometti stand vor seinem Tod bereits einmal am Abgrund, konnte jedoch
von einem Magenkrebs geheilt werden. Doch Alberto litt auch an einer
chronischen Bronchitis, die immer stärker wurde. Doch zu einem konsequenten
Angehen dagegen konnte er sich nie durchringen. Dadurch wurde sein Herz
geschädigt. In Verknüpfung mit seinem Zigarettenkonsum führte dies zum Tod,
den einige gar als langsamen und unausweichlichen Selbstmord deuten.
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Neu 2009 der
Artikel zur Ausstellung in der Fondation Beyeler: Giacometti, Hatje Cantz,
2009, 224 p., 194 Photos. English edition:
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Der Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich und danach im MoMA, hg. von Christian Klemm et al.: Giacometti.
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Ernst Scheidegger: Spuren einer Freundschaft - Alberto Giacometti.
Scheidegger & Spiess, Neuauflage. Die eindrücklichen Fotos von Ernst
Scheidegger zeigen den Künstler im Kreise seiner Familie und bei der Arbeit
sowie sein ärmliches Atelier und seine Werke. Der Band endet mit Fotos vom Sarg Giacomettis
und vom
Friedhof St. Giorgio, auf dem Alberto ruht. Bestellen bei Amazon.de.

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Bei NZZ Television ist der Film von Heinz Bütler Alberto
Giacometti - Die Augen am Horizont auf DVD erschienen. Gestützt auf die Ecrits
von Giacometti und mit Hilfe von Interviews mit Weggefährten und Zeitzeugen
wie Balthus, Ernst Beyeler oder Werner Spies zeichnet Bütler in knapp einer
Stunde ein skizzenhaftes Bild des Künstlers. Zudem enthält die DVD gut 25
Minuten, in denen der Giacometti-Biograf James Lord aus dem Leben des
Künstlers erzählt. Zu bestellen bei der Neuen Zürcher Zeitung.
Die Ausstellung im Kunsthaus Zürich endet am 9. September 2001. Vom 11. Oktober 2001 bis am
8. Januar 2002 ist sie im Museum of Modern
Art in New York zu sehen. Für die Webseiten der Museen: Artlinks.
Siehe auch unseren Artikel aus dem Jahr 2000 zu den
Giacometti-Ausstellungen
in Chur und Mannheim.
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