Marcel Duchamp
Biographie, Biografie, Leben und Werk - basierend auf Calvin Tomkins: Ein Leben zwischen Eros, Schach und
Kunst
Nr. 3, 15. Mai/14. Juni 1999
Der seit 1960 für den New Yorker arbeitende Calvin Tomkins
interviewte Marcel Duchamp erstmals 1959 für Newsweek. Damals
gab ihm der Künstler die berühmt gewordene Antwort, er sei einfach
<ein Atmer>. Tomkins verfasste 1966 das Buch The World of Marcel
Duchamp. Diese langjährige Auseinandersetzung mit Duchamp trägt
heute seine Früchte. Dem Journalisten ist eine leichtflüssige,
allgemein verständliche Biographie gelungen, die das Leben und Werk
von Marcel Duchamp, sein persönliches und künstlerisches Umfeld
auslotet sowie eine Einführung in die Kunst des 20. Jahrhunderts bietet.
Unverständlich ist nur, weshalb die Abbildungen in der Biographie
von Tomkins durchgehend nur schwarzweiss sind.
Der 1887 in der Normandie geborene Duchamp begann sein Leben wie Jackson
Pollock im Schatten seiner Brüder. Gaston arbeitete unter dem Namen
Jacques Villon. Er war fast von den Anfängen des Kubismus bis zu seinem
Tod 1963 jenem von Picasso und Braque entwickelten Stil verbunden. Um die
Jahrhundertwende waren die von ihm geschaffenen Reklametafeln in ganz Paris
zu sehen. Daneben malte er Genreszenen und schuf Zeichnungen für humoristische
Publikationen. Raymond, der für Marcel immer das eigentliche Wunderkind
der Familie blieb, war unter dem Namen Duchamp-Villon tätig. Seine
erste Skulptur nahm der Salon des Beaux-Arts 1902 an. Er blieb dem
Kubismus bis zu seinem frühen Tod 1918 treu.
Marcel folgte bereits 1904 seinen Brüdern nach Montmartre. In Paris
besuchte er eine private Kunstakademie. Um nur einen einjährigen Militärdienst
leisten zu müssen, begann er eine Lehre in Rouen als Buchdrucker.
Nach dem Jahr im Militär machte er in Paris die Bekanntschaft von
Juan Gris. Beide versuchten, mit humoristischen Illustrationen ihr Geld
zu verdienen, was ihnen erstmals nach zwei Jahren gelang. Marcel lebte
auf Kosten seines Vaters, einem pensionierten Bürgermeister und Notar.
1908 konnte er drei Gemälde im Salon d'Automne ausstellen,
in dessen Jury sein Bruder Jacques Villon sass. Die Kritik nahm keine Notiz
davon. Duchamp versuchte sich bis 1911 im Impressionismus, Postimpressionismus,
Fauvismus und Symbolismus. Nach seiner eigenen Aussage beeinflussten ihn
damals hauptsächlich Redon und Cézanne. Der Einfluss des letzteren
ist zum Beispiel im Porträt des Vaters des Künstlers von 1910
überdeutlich. Doch es waren <Schwimmübungen>, wie Duchamp
später selbst seine Bemühungen bezeichnete.
1911 wandte er sich dem Kubismus zu, wobei sein Portrait de Joueurs
d'Echecs (1911) gemäss Tomkins zeigt, wie Schachspieler Schach
<denken> und damit auf seine spätere Entwicklung hinweist.
Mit dem <Elementarparallelismus> entwickelte er seinen eigenen
Stil. Die Idee stammt von Zeitrafferphotos von sich bewegenden Menschen
und Tieren. Entgegen dem Futurismus, der dieselbe Idee ein Jahr früher
aufgenommen hatte, wollte Duchamp allerdings nicht <den Eindruck von
Bewegung auf der Leinwand wiedergeben>, sondern <einen visuellen Eindruck
der Idee von Bewegung>. 1912 reichte er Akt eine Treppe herabsteigend,
Nr. 2 beim Salon des Indépendants von 1912 ein. Das Bild
erschien der kubistischen Puteaux-Gruppe als Verspottung ihres Stiles.
Vor allem der Titel erregte Anstoss. Duchamp war es allerdings gemäss
Tomkins nicht um eine gewollte Provokation gegangen. Seine Brüder
unterrichteten ihn von der Ablehnung des Bildes durch die Jury. Ein Wendepunkt
für Duchamp: <Ich sah, dass ich mich danach nie mehr allzusehr
für Gruppen interessieren würde.>
Der Akt eine Treppe herabsteigend wurde erstmals einen Monat
nach seiner Ablehnung in Paris in Barcelona gezeigt, wo es <keine besondere
Aufmerksamkeit erregte>. Der Medienrummel um das Bild begann erst 1913
mit der Internationalen Ausstellung moderner Kunst im New Yorker Waffenarsenal.
Die Leute standen Schlange vor dem Saal mit dem <Skandalbild> und die
Zeitungsreporter überboten sich mit vernichtenden und verspottenden
Beschreibungen wie Julian Street mit <Explosion in der Schindelfabrik>.
Die Ausstellung war allerdings ein Erfolg, auch für alle drei Duchamp-Brüder,
auch wenn Marcels Werke keine besonders hohen Preise erzielten. Entscheidend
war, dass er mit 25 Jahren begann, sich selbst zu finden und seinen eigenen
Weg zu gehen, der ihn für die nächsten zehn Jahre auf das Terrain
des <Verbal-Visuellen> führte. Zwei Monate im Sommer 1912 hatte
Duchamp in München verbracht, ohne jedoch von den Ideen des Blauen
Reiters und des deutschen Expressionismus beeinflusst zu werden. Das war
ja <retinale> Kunst, von der er sich entfernte. In den fünf Monaten
zwischen der Entstehung des abgelehnten Bildes und seiner ersten Bleistiftskizze
zu Die Braut von ihren Junggesellen nackt entblösst, sogar
entwickelte er Ideen, die das Fundament der konzeptionellen Kunst bilden
sollten.
Duchamp reiste 1915 reiste nach New York, wo er <bereits berühmter
als Picasso oder Matisse> war, im Gepäck unter anderem Studien - so
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männische Formen - für eines seiner Hauptwerke, das
Grosse
Glas, an dem er von 1915 bis 1923 arbeitete. Walter Conrad Arensberg und seine Frau Louise, er Sohn eines Stahlwerk-Mitbesitzers,
sie Tochter eines Textilfabrikanten, wurden zu den wichtigsten Sammlern
und Gönnern von Duchamp. Dieser setzte sich später dafür
ein, dass sein gesamtes Werk in die Hände der Arensberg gelangt, was
ihm allerdings nicht gelang. Marcel suchte in diesen ersten drei Jahren
in New York nicht den kommerziellen und künstlerischen Erfolg, sondern
hielt sich mit Französischstunden über Wasser. Leicht hätte
er mit kubistischen Gemälden ein Vermögen verdienen können,
doch daran war er nicht interessiert. Zudem lag ihm nicht, der kubistischen
Bewegung anzugehören, einem Führer folgend. Kunst sollte in seinen
Augen nichts <mit eindeutigen Theorien gemein haben>, das ähnle
zu sehr der Propaganda. Er wollte sich voll und ganz von der Tradition
lösen. In diesem Punkt bewunderte er die Amerikaner, die sich in seinen
Augen <keinen Deut um Shakespeare scherten>.
Er war allerdings künstlerisch nicht untätig. Er kaufte sich
eine amerikanische Schneeschaufel, ein maschinell hergestelltes Massenprodukt
ohne ästhetische Qualitäten, auf dessen Metallleiste er In
advance of the broken arm schrieb und mit seinem Namen signierte. Das
Ready-made war geboren. Die vage Idee dazu trug er bereits seit zwei Jahren
mit sich herum. Das Fahrrad-Rad auf dem Küchenschemel gilt
zwar als das erste Ready-made, doch war es gemäss Tomkins <kein
visuell indifferentes Objekt>. Zusammen mit dem Gestell zum Trocknen von
Flaschen in seinem Pariser Atelier hatte er es nicht mit Titel und Namen
versehen und so zum Kunstobjekt gemacht. Der entsprechende Telefonanruf
erreichte seine Schwester Suzanne zu spät, sie hatte den nutzlosen
Kram bereits fortgeworfen. Duchamp war sich klar darüber, dass die
Zahl der Ready-mades zu limitieren sei, nur so könne man dem Geschmack,
<dem grössten Feind der Kunst>, entgehen. Deshalb schuf er in seinem
ganzen Leben nicht mehr als zwanzig Ready-mades.Er ignorierte allerdings
nicht, dass der Künstler allein schon mit der Auswahl eines Objektes
Geschmack ausübt. Duchamp fand denn auch nie zu einer Definition des
Ready-mades, die ihn vollständig zufrieden stellte. Alle seine Objekte
wiederspiegeln seine Ironie, so auch das Pissoir, das er zur Fontaine
deklarierte. Es ging 1917 in die Kunstgeschichte ein, weil es von der Jury
der Ausstellung der Independents in New York, der Duchamp selbst
angehörte, zurückgewiesen wurde. Er hatte es unter dem Pseudonym
R. Mutt eingereicht. Duchamp und Arensberg, der in die bewusste Provokation
eingeweiht war, traten sofort unter Protest vom Vorstand zurück, ohne
ihre <Täterschaft> offen zu legen. Eine Woche später wurde
das Urinal in der Galerie von Alfred Stieglitz gezeigt. Duchamp wandte
sich weiterhin gegen die Vermarktung, die Kommerzialisierung der Kunst
und dachte nicht einmal daran, seine Ready-mades zu verkaufen. Das Original
von Fontaine teilte das Schicksal von
Fahrrad-Rad und Flaschentrockner
und landete auf dem Müll. Für Duchamp war seine neue Kunst zwar
<im selben Geist> wie Dada gewesen, aber nicht der Aktion verschrieben
und nicht gegen das Publikum gewandt. Tomkins fügt hinzu, dass den
Dada-Künstlern (mit Ausnahme von Arp) zudem die Ironie gefehlt habe.
1918 malte Duchamp sein letztes Gemälde auf Leinwand,
Tu m'
(in der Regel als Tu m'emmerdes gedeutet). Es war eine Art Sythese
oder Résumée seiner bisherigen Aktivitäten. Gemäss
Tomkins hatte Marcel wohl Angst, <in die Falle der Kunst zu geraten>,
denn Tu m' war wieder <ein höchst "retinales" Bild>. 1919
versah Duchamp eine Mona Lisa-Postkartenreproduktion mit einem Schnurrbart
und fügte am Rande die Buchstaben L.H.O.O.Q. (lies:
Elle
a chaud au cul). Eine dadaistische Provokation und eine Art erweitertes
Ready-made, mit dem er unsere Vorstellung des Bildes von Leonardo veränderte,
so Tomkins, der sich allerdings gegen die in der Kunstkritik ausufernden
und in seinen Augen verfehlten Vergleiche Leonardo-Duchamp wehrt.
Duchamps Geist entsprang 1920 der Künstlername
Rose Sélavy
- Eros ist das Leben -, der zugleich sein Lebensmotto war. Marcel schuf
Werke, die er mit diesem Namen versah und Man Ray photographierte ihn als
Frau verkleidet. Die Zeichnung Dimanches aus dem Jahr 1910 illustriert
Duchamps mehr oder weniger lebenslange Einstellung zur Ehe. Neben seiner
hochschwangeren Frau gehend schiebt ein Mann einen Kinderwagen durch einen
trostlosen Vorort von Paris, beide mit trauriger Miene.
Der Eros steht auch im Zentrum von Das Grosse Glas, LA MARIEE MISE
A NU PAR/SES CELIBATAIRES, MEMES (1915-23), ein Fenster, durch das
<der Betrachter an einem endlos aufgeschobenen Akt des Koitierens teilnehmen
kann, der keine Strafe (kein Bedauern) nach sich zieht, weil er niemals
vollzogen wird.> Tomkins verwirft überzeugend freudianische Deutungen
des enigmatischen Werkes, bietet aber selbst keinen Ersatz dafür an.
Duchamps Grosses Glas wurde ab November 1926 erstmals (und letztmals
im Originalzustand, da darauf auf dem Transport teilweise zerstört)
in New York öffentlich gezeigt, doch die Kunstkritik nahm bei der
umfassendsten Schau der Moderne in der Stadt seit 1913 keine Notiz davon,
obwohl es bei der Vernissage als Meisterwerk vorgestellt worden war.
<Von 1921 an schien er allerdings weniger und weniger dazu zu neigen,
irgend etwas zu machen, das nach Kunst roch. Er blieb auf Distanz zu den
Dadaisten [...].> Zum Ende seiner Malerei bemerkte Duchamp später,
er habe einfach keine Ideen mehr gehabt und habe sich nicht wiederholen
wollen. Gleichzeitig aber versuchte er Metallkettchen mit den vier Buchstaben
D A D A zu verkaufen, als Armband oder Krawattennadel. Doch aus der kommerziellen
Idee wurde nichts wie er auch mit vielen andern Unternehmungen scheiterte.
So versuchte er sich zusammen mit einem Partner als Stoff- und Federnfärber.
Das Unternehmen, für das er sich von seinem Vater dreitausend Francs
lieh, endete sechs Monate später im Konkurs der Firma (Duchamps Eltern
verstarben übrigens 1925). Duchamp versuchte sich auch mit einem Gewinnsystem
im Roulette. Die Monte Carlo Obligation, die er ausstellte, wurde
kein Erfolg, da die Gewinnspanne sich als zu gering erwies und er deshalb
rasch das Interesse daran verlor. Wer jedoch die Originalzertifikate behielt,
konnte später auf dem Kunstmarkt damit Kasse machen.
Bis 1933 hatten seine Aktivitäten nur noch wenig mit Kunst zu tun.
Dieser <Ausstieg> wurde oft <zu einer wichtigen künstlerischen Äusserung hochstilisiert>, was er gemäss Tomkins nicht war. Vielmehr
hatte Duchamp den Ehrgeiz, ein professioneller Schachspieler zu werden,
als er im Februar 1923 New York verliess. Ihm gelang gar der Sprung in
die französische Nationalmannschaft, doch der richtige Durchbruch
kam nicht, was er 1933 auch einsah. In dieser Zeit kappte er nie wirklich
die Verbindung zu den Künstlern, hielt sich aber von der Szene selbst
fern. In Paris ging er eine Liaison mit einer amerikanischen Kriegerwitwe,
Mary Reynolds, ein, die fast zwei Jahrzehnte andauern sollte. Zu den Widersprüchen
in Duchamps Leben gehört auch, dass er sich einerseits gegen die
Kommerzialisierung
der Kunst wandte, andererseits während zweier Jahrzehnte seinen (bescheidenen)
Lebensunterhalt in erster Linie mit dem Kauf und Verkauf von Werken anderer
Künstler bestritt. Zu den Inkonsequenzen gehört auch seine Heirat
1927 mit der hässlichen Tochter eines wohlhabenden Pariser Automobilfabrikanten.
Die Mitgiftjagd misslang, da der Vater der Braut nur wenig Geld mit in
die Ehe gab, die denn auch nach sieben Monaten wieder geschieden wurde.
Seine Ex-Frau <verstand nie, was ihr widerfahren war>, schliesst Tomkins
aus ihren Memoiren. Der gleiche Duchamp lehnte aber die Aufforderung eines Kunsthändlers
ab, für zehntausend Dollar pro Jahr wieder zu malen. Er hielt sich
auch von den Surrealisten und ihren <Schismen und Aufständen>
fern. Gleichzeitig erlaubte er dagegen die öffentliche Ausstellung
seiner Werke, half bei ihrer Restauration nach Beschädigung und äusserte
sich weiterhin zu seinen Arbeiten.
Von der Grünen Schachtel produzierte er dreihundert Exemplare
und zehn De-Luxe-Ausgaben. Es handelte sich um Notizen und Skizzen zum
Grossen
Glas, das ja <eine Akkumulation von Ideen>, eine <Verschmelzung
mentaler und visueller Reaktionen> war. Damit bestätigte er, dass
die Idee des Künstlers für ihn wichtiger war als deren Umsetzung.
Von der Boîte en valise aus dem Jahr 1941 stellte er zwanzig
De-Luxe-Ausgaben her. Die valise enthielt eine ausgewählte
Anzahl von Reproduktionen seiner Bilder, Ready-mades und Texten im Kleinformat.
Es war quasi ein Museum im Koffer und gleichzeitig eine Suche nach dem
kommerziellen Erfolg, wie Duchamp selbst festhielt, auch wenn heute darin
teilweise eine Kritik an der Institution Museum gesehen wird.
Duchamp führte Peggy Guggenheim - nach deren eigenen Angaben -
in die moderne Kunst ein. Unter Anleitung von Duchamp und einem jungen
kalifornischen Kunsthändler kaufte sie billig Kunst der Moderne im
von den Nazis bedrohten Europa auf, ohne dass sie verstand, was für
ein <Glück> sie dabei hatte. So entstand der Grundstock ihrer weltberühmten
Sammlung. Tomkins teilt der <grande Dame> wiederholt Seitenhiebe aus.
Wenn jemand nicht so wollte wie sie, konnte sie ungnädig werden, wie
Tomkins an einem Beispiel erläutert. Etwas abschätzig schreibt
er auch von ihrer Promiskuität (Duchamp lebte auch nicht gerade enthaltsam).
Sie habe mit allen Künstlern schlafen wollen, was ihr mit Duchamp
entgegen ihren eigenen Äusserungen gemäss Tomkins nicht gelang. Der
Biograph erzählt auch die Anekdote von Pollocks Stenographic Figure
- eines seiner Hauptwerke (siehe Cosmopolis Nr.1), das sie Mondrian gegenüber
in ihrer New Yorker Galerie als <ziemlich furchtbar> bezeichnete. Dieser
entgegnete, es sei das aufregendste Gemälde, das er seit langer Zeit
gesehen habe. Noch am gleichen Abend führte Peggy ein anderes Jurymitglied
zu eben jenem Pollock mit den Worten: <Ich möchte Ihnen etwas sehr,
sehr Interessantes zeigen.>
Duchamp verliess Europa erst im Juni 1941 auf einem portugiesischen
Schiff. In New York fühlte er sich als <einziger> europäischer
Künstler wohl. Er liebte den <Rhythmus der Stadt und das Gefühl
der Freiheit, das sie ihm gab>. Dort lebte er vom Verkauf seiner Schachteln
und seinen Französischstunden. Er schuf fast keine Kunst, entwarf
aber den Katalogumschlag für Man Rays Ausstellung in der Julien Levy
Gallery 1944. Ebenfalls entwarf und produzierte er 1947 den Katalog für
die Ausstellung <Le Surréalisme en 1947>, das Tomkins als das
<letzte Hurra der Bewegung> bezeichnet.
Maria Martins, die Gattin des brasilianischen Botschafter und Doyens
des diplomatischen Korps wurde zu einer guten Freundin. Sie war bis 1948
in New York. Bis 1951 hielten sie brieflichen Kontakt, der nach einem letzten
Treffen in New York abbrach. In der
Valise, die er ihr gab, befand
sich eine seltsame Zeichnung, die keine weitere Entsprechung in seinem
Werk findet. 1989 wurde festgestellt, dass Duchamp bei Paysage fautif
ejakulierte
Samenflüssigkeit als Zeichenmedium benutzt hatte. Maria Martins war
die Muse für sein letztes grosses Werk, Etant donnés,
an dem er im Geheimen von 1946 bis 1966 arbeitete - eine Skizze dazu trägt
den Untertitel Maria, la chute d'eau et le gaz d'éclairage.
Das ein Jahr nach seinem Tod 1969 im Philadelphia Museum of Art der Öffentlichkeit
zugänglich gemachte Hauptwerk besteht aus einem fensterlosen Raum.
An einer Wand befindet sich eine Holztür, die von einem Backsteinbogen
umfasst wird. Durch zwei Gucklöcher sieht der zum Voyeur gemachte
Betrachter eine nackte Frau rücklings auf einem Lager aus Ästen,
Zweigen und Blättern liegend (Courbets
Der Ursprung der Welt
als Vorbild?). In einer Hand hält sie eine Gaslampe. Im Hintergrund
ist ein Teich oder See sowie ein winziger Wasserfall (ein Trompe-l'oeil-Effekt)
zu sehen. Wie im Grossen Glas ist der sexuelle Akt das Thema. Doch
im Gegensatz dazu ist er nicht bevorstehend, aber permanent aufgeschoben,
sondern wahrscheinlich vollzogen worden. Tomkins erklärt das dreidimensionale
durch und durch <retinale> Werk mit Duchamps Worten: <Ich habe mich
gezwungen, mir selbst zu widersprechen, um es zu vermeiden, dass ich meinem
eigenen Geschmack entspreche.> Auch hier findet Tomkins zu keiner Deutung
des Werks, vor allem auch, weil Duchamp keinerlei erklärende Aufzeichnungen
dazu hinterlassen hat.
Der Junggeselle Duchamp steuerte 1954 überraschend nochmals den
ehelichen Hafen an, zusammen mit Alexina <Teeny> Matisse, der früheren
Frau des Kunsthändlers Pierre Matisse, Sohn des berühmten Henri
Matisse. Teeny war eine attraktive Frau, Kennerin der Kunstwelt, Schachspielerin
und gute Köchin. Duchamp erhielt ab 1953 vom Bruder seiner verstorbenen
jahrzehntelangen Freundin Mary Reynolds vierteljährliche Schecks von
einem Treuhandfonds. Fünf- bis sechstausend Dollar pro Jahr, was in
etwa allen seinen andern jährlichen Einkünften 1953 entsprach
und ihm wohl den Schritt zur Heirat erleichtert hatte.
Duchamp war lebenslang eine Art Geheimtip, der Künstler der Künstler.
Viele seiner Werke waren nicht öffentlich zugänglich bzw. in
Ausstellungen waren nur Replika zu sehen, da die Originale zerstört
oder stark restauriert worden waren. Die Idee seines Werkes ist tatsächlich
stärker als die einmalige Originalkunst. Ironischerweise vertrat Duchamp
die Ansicht, dass ein Kunstwerk unvollständig sei, solange es nicht
von einem oder mehreren Betrachter gesehen und bedacht worden sei. Der
Künstler vollbringe <nur einen Teil des schöpferischen Aktes>.
Damit stand er im Gegensatz zum Ego der meisten seiner Kollegen, besonders
distanzierte er sich damit vom abstrakten Expressionismus. Für Duchamp
existiert eine Kluft zwischen den Intentionen des Künstlers und den
Endergebnissen, die vom Publikum mit abhängen - ein Seitenhieb auf
seine Kritiker und ihre psychoanalytischen Deutungen seines Werkes. Tomkins
nimmt sich ebenfalls einige frühere Biographen zur Brust. Vor allem
Arturo Schwarz' Monographie mit Catalogue raisonné hat es ihm angetan.
Er verwirft viele der zum Teil abstrusen psychologischen Erklärungen
des Werkes von Duchamp durch den Mailänder Kunsthändler. Der
<arme Schwarz> habe von der Existenz von Etant donnés
erst kurz vor der Drucklegung seiner Biographie erfahren und in wenigen
Tagen seine psychologischen Erklärungen dazu verfasst. Tomkins wendet
sich vor allem gegen die vermeintlich inzestuöse Beziehung Marcels
zu seiner Schwester Suzanne, die z.B. in Jeune Homme et Jeune Fille
dans le Printemps aus dem Jahr 1911 oder in Etant donnés
zum Ausdruck kommen solle. Auch die von anderen vorgebrachten Thesen, die
Alchimie oder die Werke von Alfred Jarry (Roi Ubu) seien Quelle
und Schlüssel zu Duchamps Werk, verwirft er mit dem Hinweis auf des
Künstlers' Äusserungen dazu. Die Quellen jeden schöpferischen
Aktes seien zu Komplex, als dass sie sich <in solch absurd pedantischer
Weise festnageln liessen>, meinte Duchamp, für den das wahre Kunstwerk
unabhängig vom Künstler war oder sein sollte. Zur Erklärung
des Grossen Glases fügte er einen seiner Lieblingssprüche
an: <Es gibt keine Lösung, weil es kein Problem gibt.>
Für Tomkins hat Duchamp - mit seiner Form des Kubismus, den Ready-mades
und der Idee der konzeptionellen Kunst - das 20. Jahrhundert stärker
geprägt als Picasso. Warhol lässt sich gemäss Tomkins mit
seiner Werbung, der Wiederholung und totalen Kommerzialisierung als <B-Seite
der Indifferenz à la Duchamp auffassen>. Rauschenberg, der die Barriere
zwischen Leben und Kunst einreissen wollte, steht wie viele heutige Kunstrichtungen
mehr oder weniger in der Schuld von Duchamp, dem Vater vor allem der konzeptionellen
Kunst. Allerdings blieb Duchamps Haltung gegenüber der Pop-Art oder
Neo-Dada ambivalent, da er sie <für "einen leichten Ausweg" und
eine falsche Lesart von Dada> hielt, denn er verneinte ja jede Ästhetik
in seinem Werk, wie Tomkins ebenfalls festhält. Seltsam ist, dass
der Biograph, der die Ironie von und im Werk Duchamps betont, dessen Äusserungen
immer zum Nennwert nimmt und nie hinterfragt.

Calvin Tomkins: Marcel Duchamp. Eine
Biographie. Aus dem amerikanischen
von Jörg Trobitius. München, Carl Hanser Verlag, 1999, 601 S.,
108 s/w-Abbildungen.
Ebenfalls zu Duchamp:
Marcel Duchamp: Respirateur. Hatje Cantz, 1999. Bestellen bei Amazon.de.
Marcel Duchamp: Die Schriften II.
Interviews und Statements.
Marcel Duchamp: Marcel Duchamp. Hatje Cantz, 2002. Katalog zur von
Harald Szeemann kuratierten Ausstellung im Museum Jean Tinguely in Basel.
Bestellen bei Amazon.de.
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