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Von Charles de Gaulle über François Mitterrand zu Jacques Chirac
Eine kleine Geschichte Frankreichs

Nr. 3, 15. Mai/14. Juni 1999


Die Referenzfigur der französischen Nachkriegsgeschichte ist nach wie vor Charles de Gaulle, und zwar nicht nur für Bürgerliche wie Jacques Chirac mit seinem RPR. Frühere Gegner wie der Rechtsextreme Le Pen, der zur Zeit des Algerienkrieges an der Seite der putschenden Generäle stand, um de Gaulle zu ermorden, bezieht sich zumindest rhetorisch gerne auf ihn. Ebenso, am Ende seines Lebens, sah sich der sozialistische Präsident Mitterrand, der nicht nur mit seinem Buch Le Coup d'Etat permanent von 1964 zu den schärfsten Opponenten des Generals gehört hatte, nicht ungern in einer Linie mit dem übermächtigen General.
 
Seit der grossen Biographie von Jean Lacouture sind zu Beginn der neunziger Jahre eine ganze Reihe von Memoiren ehemaliger Mitstreiter de Gaulles erschienen, so von Blanc (1990), Maillard (1991 und 1995), Peyrefitte (1994 und 1997) oder Foccart (1995). Die Verehrung treibt allerdings zum Teil seltsame Blüten. So hat unlängst der Historiker Max Gallo, Staatssekretär und Regierungssprecher Mitterrands von 1983-84 (von dem er sich danach allerdings distanzierte), einen vierbändigen de Gaulle-Roman verfasst. Seine Absicht war es wohl, de Gaulle als integren Staatsmann und tugendhaftes Vorbild den heutigen französischen Politiker gegenüber zu stellen.
 
Der General war tatsächlich ein Mann mit Weitblick gewesen. Er erkannte als einsamer Rufer in der französischen Wüste die Bedeutung der Panzerwaffe in einem zukünftigen Krieg. Seine Arbeiten fanden - gemäss Peter Schunck - die Aufmerksamkeit von Adolf Hitler. Dieser verstand sofort, mit dem Resultat, das wir kennen. De Gaulle gilt zu recht als Symbol des Widerstandes gegen Hitlerdeutschland, zu dem er am 18. Juni 1940 aufrief. Nach dem Krieg wurde er allerdings als moralisches Feigenblatt missbraucht, das die Zeit der Kollaboration zudeckte und die kritische Diskussion darüber behinderte. Durch seinen Einsatz für Frankreich vom Ausland aus gelang es de Gaulle, Frankreich einen Platz an der Seite der Sieger zu sichern. Nach den politisch  turbulenten Nachkriegsjahren gelang es ihm, mit der Fünften Republik dem Staat wieder die notwendige Stabilität zu geben, durch eine neue Verfassung und neue Institutionen. Zudem beendete er den Algerienkrieg, der Frankreich zu zerreissen und in die Diktatur zu stürzen drohte, und entliess die Kolonie in die Freiheit. Darüber hinaus war er zusammen mit Adenauer der Architekt der deutsch-französischen Aussöhnung, die nur er, der Mann des 18. Juni, glaubwürdig in die Wege leiten konnte. Nicht zuletzt aber blieb er immer der erste Diener des Staates.
 
Ist de Gaulle also doch der Massstab aller Dinge? Nein. So war sein Verhältnis zu Deutschland nicht frei von Widersprüchen, die sich auch auf seine Deutschlandpolitik auswirkten, wie Knut Linsel überzeugend dargelegt hat. Bei einem Ferienaufenthalt als Achtzehnjähriger im Sommer 1908 im Schwarzwald sammelte er erste Eindrücke von Deutschland. 1916 bei Verdun in deutsche Gefangenschaft geraten, setzte er sich fortan beständig mit dem Nachbarland auseinander. Bereits früh in der Zwischenkriegszeit war er von der Unausweichlichkeit eines neuen Waffenganges mit Deutschland überzeugt. Zu früh? Gleichzeitig sah er auf lange Sicht die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der zwei Staaten. Nach dem Krieg trat er entgegen diesen weisen Gedanken zuerst für die Zerstückelung des deutschen Nationalstaates ein. Er war ganz der Vorkriegs-Machtpolitik verhaftet und suchte die französische Dominanz auf dem Kontinent. Erst spät erkannte er, dass sich in Westdeutschland mit der Bundesrepublik etwas Neues entwickelte, ein radikaler Bruch mit der Vergangenheit stattgefunden hatte. Bis zu seinem Lebensende schwankte er zwischen Bewunderung, Misstrauen und gar Ablehnung gegenüber dem Nachbarland. Davon wurde auch seine Europapolitik betroffen. Konflikte nicht nur mit Deutschland, sondern den europäischen und amerikanischen Partnern waren unvermeidlich. Diese brachen bei der Frage der europäischen Verteidigungsgemeinschaft, der Nato oder den Atomwaffen auf. De Gaulle wollte, in Verkennung seiner Möglichkeiten, ein von Frankreich dominiertes Europa. Er blieb bei aller Weitsicht und bei allem machtpolitischen Realismus zu stark dem 19. Jahrhundert verhaftet.
 
De Gaulle war Republikaner, Patriot und Staatsdiener. Als Militär war sein Verständnis für den Parteienstaat jedoch limitiert. Die von ihm geschaffene Partei war noch mehr als Adenauers Kanzlerwahlverein ein reines Instrument zur Machtausübung des Präsidenten. Der General sah sich dem Land verpflichtet, das ihm gegenüber aber auch den gebührenden Respekt schuldig sein sollte. Mauriac schrieb gar von der <schwindelerregenden Egozentrik> de Gaulles, der nur sich für fähig hielt, Frankreich wieder zur alten Grösse und Macht zu verhelfen. Dem General fehlte zudem die wirtschaftspolitische Kompetenz (Arbeiten zu seinem Verhältnis zur Wirtschaft sind Desiderat). Verdienstvoll war, dass unter ihm Pinay eine Staatsanleihe erfolgreich auflegte, die Frankreichs drohende Finanzkrise nach 1958 abwendete. Er setzte den Plan Pinay-Rueff einer Währungs-, Steuer- und Aussenhandelsreform durch. Abwertung und Abkehr vom Protektionismus sind Stichworte dazu. Der General vertraute dabei auf seine Berater Pinay, Rueff und Pompidou. Die Reform war nicht auf seinem Mist gewachsen. Sein nicht geringes Verdienst ist deren Umsetzung. Mit der Durchsetzung seiner französischen und europäischen Agrarpolitik jedoch, die mit seiner unseligen Politik des <leeren Stuhles> verbunden ist, trägt er einen wichtigen Teil der Verantwortung für Fehlentwicklungen, an denen Frankreich und Europa noch heute leiden. Die nachfolgenden Politiker verpassten die Chancen einer Korrektur. Vom heutigen Präsidenten, Jacques Chirac, ist nichts in dieser Hinsicht zu erwarten. Der Mann der Corrèze ist entschlossen, die Interessen der französischen Bauern zu verteidigen, die im übrigen mit den Interessen Frankreichs identisch seien (so Chirac am 7. März am französischen Salon de l'agriculture). Dass die Bauern in Tat und Wahrheit Opfer einer verfehlten Politik sind, realisiert er nicht und wird, wohl nicht nur deshalb, voraussichtlich nicht als visionärer Präsident in die Geschichte eingehen. Zurück zu de Gaulle: Die auffälligste Situation, in der seine wirtschaftspolitischen Limiten sichtbar wurden, kam am Schluss seiner Karriere, als er einen dritten Weg der Teilhabe (participation) zwischen Kapitalismus und Kommunismus vorschlug. Zuerst war er bereit, tiefgreifende Veränderungen in Angriff zu nehmen. Er verglich die Aufgabe mit dem Aufbau der Widerstandsbewegung (nicht nur sein Verdienst), dem Verjagen des Vichy-Regimes (auch bei weitem nicht nur sein Verdienst) und dem Wahlrecht, das er den Afrikanern gegeben habe. Vor allem dachte er an eine direkte Teilhabe der Industriearbeiter am Betriebsgewinn und an der Unternehmensführung. Industrielle und andere Wirtschaftsvertreter waren beunruhigt. Schlussendlich obsiegte die Vernunft und die participation war kein Thema mehr beim Referendum vom April 1969.
 
An de Gaulle rieb sich ein anderer wichtiger französischer Politiker, der allerdings von der Statur her nicht an den General heranreicht, obwohl er für vierzehn Jahre die Geschicke der Republik bestimmte. Die Rede ist von François Mitterrand. Während dem Krieg stand der spätere Sozialist der politischen Rechten nahe. Nach seiner Flucht aus der deutschen Gefangenschaft arbeitete er Ende 1941 für Vichy. Er hätte zum Kollaborateur werden können, wandte sich aber schlussendlich der Résistance zu (Pierre Péan). Für einen Zeitzeugen des Widerstandes war der spätere Präsident der typische Vichy-Repräsentant, der sich auf dem Hintergrund des sich abzeichnenden Sieges der Alliierten das Lager wechselte. Mitterrand wendete sich bereits im April 1942 vom herrschenden Regime ab, hörte folglich das Gras früh wachsen. Bis zu seinem Tode distanzierte er sich allerdings nicht von seinen Freunden aus der Vichy-Zeit. So behielt er selbst den Kontakt zu einem der kompromittiertesten Vertreter der Kollaboration aufrecht, nämlich zu René Bousquet. Hierin Unterschied er sich von de Gaulle. Der General war ein homme de rupture, der sich von Gefährten trennte, während dem Mitterrand sich ständig neue erschloss und gleichzeitig die alten behielten. Wie Lacouture überzeugend darstellt, war der spätere Sozialist ein französischer Mikrokosmos, der stellvertretend für die verschiedenen Haltungen der Franzosen steht, die er in seiner Person vereinte. Ambiguität und Unfassbarkeit durchziehen wie ein roter Faden sein Leben.
 
Bereits in der Vierten Republik kam Mitterrand zu Ministerehren. Zu den dunklen Punkten in dieser Zeit gehört sein Nachgeben als Justizminister gegenüber den Militärrichtern in Algerien. Der Machtpolitiker und Karrierist schreckte vor der Repression nicht zurück. Mitterrand hatte sich bereits dem Sozialismus zugewandt und entwickelte sich in jenen Jahren zum Gegner de Gaulles. Zusammen mit Pierre Mendès France gehörte er zur winzigen Minderheit jener, die sich im Juni 1958 gegen die Rückkehr des Generals an die Macht aussprachen, was beiden ihren Parlamentssitz kostete. Mitterrand hatte schon früh die Ambition, an die Spitze des Staates zu gelangen. Da war neben de Gaulle allerdings kein Platz, weshalb er sich auf eine lange Reise durch die Wüste vorbereitete, an deren Ende er allerdings die Möglichkeit der Wahl ins höchste Staatsamt sah. 1964 erschien sein eingangs erwähntes Buch Le Coup d'Etat permanent, eine brillante wie dem General gegenüber ungerechte Schrift. 1965 verlor er die Wahlen gegen de Gaulle, 1974 scheiterte er knapp an Giscard d'Estaing. Nach jahrelangen Bemühungen, vor allem ab 1971, dem Parteitag in Epinay, als er sich gegen die <alte Garde> in der Partei durchsetzte, gelang es ihm, die Sozialisten wieder als ;Machtfaktor aufzubauen und unter seinem Vorsitz zu einen. Zur Machtübernahme bedurfte er allerdings der Hilfe der Kommunisten. Ihr gemeinsames Regierungsprogramm von 1972 hätte bei seiner getreuen Umsetzung aus Frankreich eine sozialistische Republik gemacht. Auch das Projet Socialiste von 1980 lag auf der gleichen ideologischen Linie ( Udo Kempf). Nach dem Wahlsieg 1981, dank kommunistischer Wahlhilfe, integrierte Mitterrand den PCF trotz absoluter Mehrheit mit vier Ministern in die Regierung, um die Partei danach geschickt an die Wand zu spielen.
 
Vor allem in den ersten zwei Jahren seiner Regierungszeit setzte er das Linke Programm der Nationalisierungen in die Praxis um. Zusammen mit Änderungen der Betriebsverfassung und anderen Massnahmen hätte er fast das Land wirtschaftlich ruiniert, ehe er das Steuer herumriss. Massive Haushaltsprobleme zwangen ihn ab 1983 <zu einer rigorosen Austeritätspolitik>. Doch Rückfälle wie im Fall der Banken und Auslandsguthaben blieben nicht aus. Mitterrand war ein hervorragender Taktiker, dem allerdings der Weitblick de Gaulles, die strategische Tiefe, weitgehend fehlte. Er war ein typischer Repräsentant der Vierten Republik, der ironischerweise das Kleid der Präsidentschaft, das der General für sich geschaffen hatte, überstreifen konnte. Es war ihm zu gross. Der Machiavelli de Gaulle hatte die Machtfülle im Dienste Frankreichs eingesetzt. Unter Mitterrand dagegen entwickelte sich rasch ein Sumpf aus Korruption und Affären, bewohnt von Günstlingen und zweifelhaften Gestalten. Zu Mitterrands Verdiensten gehört, neben der Abschaffung der Todesstrafe, vor allem die Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses, der indirekt zum Zusammenbruch des Sowjetregimes samt seinem Netz der Satellitenstaaten beitrug. Auch löste er sein Land von de Gaulles Illusion eines französischen Europas und machte es zum konstruktiv handelnden europäischen Frankreich. In diesen Kontext gehört auch das Bemühen um die deutsch-französische Freundschaft, trotz <Irritationen> bei der Wiedervereinigung und in der beginnenden Yugoslawienkrise. Der Dialog zwischen den zwei benachbarten Nationen ruht leider auf den Schultern von viel zu wenigen Personen. Zu den verdienstvollen Ausnahmen zählen Alfred Grosser und Brigitte Sauzay. Alle Politiker beschwören die deutsch-französische Freundschaft, doch seit de Gaulle und Schuman kann sich kein führender französischer Politiker mehr mit den Freunden jenseits des Rheins in der Sprache Goethes und Schillers unterhalten. Die Kanzler von Adenauer bis Kohl ihrerseits haben nicht einmal ihre Söhne als Geste des guten Willens zum Studium nach Frankreich gesandt. Auch Gerhard Schröder spricht kein Französisch. Ausgerechnet der Brite Tony Blair macht diesbezüglich die Ausnahme. Wird englisch zur lingua franca der Europäer? Es darf nicht vergessen werden, dass eine Sprache zugleich der Zugang zu einer Kultur, der Schlüssel zum Verständnis des Nachbarn ist.
 
Kam mit Jacques Chirac das Ende der Dekadenz der politischen Kultur? Das System Chirac hatte sich in der Mairie de Paris zuvor auch nicht gerade durch Absenz von Günstlingswirtschaft ausgezeichnet. Der Mann der Corrèze, der unter anderem von 1972 bis 1974 Landwirtschaftsminister gewesen war, wird weder den Subventionsdschungel abbauen noch hat er unter seiner Präsidentschaft seit 1995 Zeichen einer fundamentalen Änderung der politischen (Un-) Kultur andeuten lassen. Ein Tiefpunkt war die vorzeitige Auflösung des Parlaments 1997, für das der Wähler ihm die Quittung präsentierte. Mit Lionel Jospin kam die programmatisch teilweise geläuterte Sozialistische Partei unerwartet frühzeitig wieder an die Regierung.
 
Die Bürgerlichen sind heute gespalten. Bei den Europawahlen werden nur RPR und Démocratie Libérale zusammen marschieren. Die UDF wird ihre eigene Liste präsentieren. Eine temporäre Schwächung der demokratischen Rechten oder der Auftakt zu ihrem Zerfall unter dem Druck des Front National? Mit dem Tod von Pompidou verloren die Gaullisten vorübergehend ihren Führungsanspruch in den siebziger Jahren an die UDF von Giscard. Chirac wollte dies nicht hinnehmen, torpedierte mit seiner Kandidatur 1981 die Wiederwahl des bürgerlichen Präsidenten und trug somit die Hauptschuld an der Wahl Mitterrands. Trotzdem konnte er sich an der Spitze des RPR halten. Als er 1988 erneut gegen Mitterrand verlor, konnte er sich nur knapp mit Hilfe von Alain Juppé gegen Philippe Séguin und andere jüngere Parteimitglieder durchsetzen. Als sich im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen von 1995 sein dreissigjahrelanger Freund Eduard Balladur als Konkurrent aufstellen liess, schienen seine Ambitionen auf das höchste Staatsamt endgültig kompromitiert. Doch Affären im politischen und privaten Umfeld Balladurs, dem zudem die Volksnähe Chiracs fehlt, die Unterstützung von Juppé und Séguin für Chirac und das lamentable Ende der Ära Mitterrand, das Jospin als sozialistischem Kandidaten keine Chance liess, führten doch noch zur wundersamen Wahl Chiracs. Doch noch heute sind die Wunden innerhalb des RPR nicht gekittet und das Verhältnis zur UDF ist weiterhin angespannt. 1998 führte die nicht abgesprochene Wahl eines Gaullisten zum Präsidenten des Senats, eine traditionelle Domäne der Zentrumsdemokraten der UDF, zu neuem Unmut. Auch der Abgang des Europakritikers Séguin konnte die UDF nicht besänftigen und zu einer Einheitsliste mit dem RPR bei den Europawahlen bewegen. Nach wie vor gibt es bei der Rechten zu viele Häuptlinge und zuviel Unordnung, während dem der Parti Socialiste unter Jospin (erstmals seit langem) äusserst geschlossen erscheint.


Jean Lacouture: De Gaulle. 1. Le rebelle. 2. Le politique. 3. Le souverain. Paris, Seuil, Coll. Points Histoire, 1984-1986, 870 S., 724 S., 866 S. Die Ausgabe beim Verlag Seuil von 2010: Den ersten Band, De Gaulle : le rebelle 1890-1944, bestellen bei Amazon.fr. Den zweiten Band, De Gaulle : le politique 1944-1958, bestellen bei Amazon.fr. Den dritten Band, De Gaulle : Le souverain 1959-1970, bestellen bei Amazon.fr.
 
Max Gallo: De Gaulle, Paris, Robert Laffont, 1998, 4 Bände. Gallo hat bereits 1997 einen ebenfalls vierbändigen Napoléon geschaffen, der sich über 800 000 mal verkauft hat. Das flüssig geschriebene, leicht lesbare Werk basiert im Wesentlichen auf den Schriften des Generals. Der Leser erlebt die Geschichte nicht aus der kritischen Distanz des Historikers, sondern mit den Augen de Gaulles. Mit Hilfe der umfangreichen Korrespondenz des Nachlasses gelingt es Gallo, auch die menschliche Seite des Generals plastisch werden zu lassen. Ein weitgehend sich auf Fakten abstützender Roman, kein gaullistisches Märchen hat er geschrieben. Trotzdem gerät er stellenweise in hagiographisches Fahrwasser.
 

Peter Schunck: Charles de Gaulle. Ein Leben für Frankreichs Grösse, Berlin, Propyläen, 1998, 704 S. Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Verständnis im deutschsprachigen Raum der Bedeutung, die der Generals für die Franzosen hat. Sein Werk lehnt sich etwas zu stark an die Schriften de Gaulles an. Eine kritischere Distanz hätte der Biographie nicht geschadet. Bestellen bei Amazon.de.
 

Knut Linsel: Charles de Gaulle und Deutschland 1914-1969, Jan-Thorbecke-Verlag, Sigmaringen, 1998, 296 S. Bestellen bei Amazon.de.
 
Pierre Péan: Une jeunesse française. François Mitterrand 1934-47, Paris, (Fayard, 1994), Livre de Poche, 1995.
 
Jean Lacouture: Mitterrand. Une histoire de Français. 1. Les risques de l'escalade. 2. Les vertiges du sommet, Paris, Seuil, 1998, 435 S. und 626 S. Den rechten Kritikern wohl noch immer zu wohlwollend, sehen die feurigen Anhänger Mitterrands in Lacouture einen Verräter. Der zur Linken gehörende Autor stand geistig Pierre Mendès France nahe. In neuerer Zeit bevorzugte er die Linie von Michel Rocard jener von Mitterrand. Seine zwei Bände sind weitgehend objektiv. Zur kommunistischen Wahlhilfe 1981 allerdings sagt er zu wenig und bleibt zu vage. Bezüglich der Rolle Frankreichs in Ruanda dürfte er - bei aller Kritik - noch nicht das letzte Wort gesprochen haben, denn seine Arbeit liegt zwischen der des Historikers und der des Journalisten. Er hat Mitterrand zwischen 1982 und 1996 rund zehnmal interviewt, eine Unzahl von Zeitzeugen befragt, Einsicht in die Parteiarchive der Sozialisten erhalten und die bereits umfassende Literatur zum Präsidenten ausgewertet. Das Präsidenten-Archiv und die persönliche Korrespondenz Mitterrands blieben aber auch ihm weitgehend verschlossen. Trotzdem, der <erste unter den Biographen Frankreichs> hat erneut bewiesen, dass er diesen Titel verdient, auch wenn sein Mitterrand nicht so wie z.B. sein de Gaulle aus der Masse der Bücher herausragt.
 
Zu Mitterrand sind, neben den drei Verbatim seines ehemaligen Beraters Jacques Attali, folgende Bücher zu empfehlen: Franz-Olivier Giesbert: François Mitterrand. Une Vie, Paris, Seuil, 1996 (bereits 1977 war er Autor der besten Biographie, die er erfolgreich reaktualisiert hat).
 
Pierre Favier, Michel Martin-Roland: La Décennie Mitterrand, 4 Bände, Paris, Seuil, 1990-1999. Vor allem die ersten Bände wurden in der Presse hoch gelobt. Der letzte Band der Journalisten von Agence France Presse reflektiert allerdings zu stark die Sicht des Präsidenten, da die Elysée-Archive ihre Hauptquelle sind.
 

Eine in deutscher Sprache hervorragende Einführung in das politische System der Fünften Republik bietet Udo Kempf: Von de Gaulle bis Chirac. Das politische System Frankreichs, 3., neubearbeitete und erweiterte Auflage, Opladen/Wiesbaden, Westdeutscher Verlag, 1997, 432 S. Der Politikwissenschafter bietet einen Einblick in die Verfassung, die Institutionen und ihr Funktionieren sowie Einführungen in die Organisation, Geschichte und Entwicklung, Ideologie und Programmatik der einzelnen Parteien. Zudem untersucht er die Struktur von Wirtschaft und Gesellschaft oder überblickt die Medienlandschaft. Zu den Lücken des Werkes gehört das Fehlen einer Analyse der Präsidentschaft von Giscard d'Estaing. Vor allem die Jahre unter Mitterrand deckt er dagegen in gedrängter Darstellung eindrücklich ab, rechte und linke Parteien analysierend. Allerdings erwähnt er Alain Madelin, heute Präsident von Démocratie Libérale, nicht (im Personenindex ist er nicht aufgeführt). Bestellen bei Amazon.de.
 

Alfred Grosser ist Politologe am Pariser Institut de Sciences-Politiques. Er wurde als jüdischer Deutscher 1925 in Frankfurt geboren, verliess 1933 mit seiner Familie Deutschland und wurde 1937 französischer Staatsbürger. 1975 erhielt er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Schon auf Grund seiner Biographie ein idealer Mittler zwischen den Nachbarländern. Doch er ist mehr als nur das. Sein neuestes Buch (Deutschland in Europa, Weinheim und Basel, Beltz Quadriga Verlag, 1998, 256 S.), handelt zwar von Deutschland, ist aber indirekt auch im Hinblick auf Frankreich von Interesse. Es spricht die gemeinsame europäische Zukunft an, räumt mit gängigen Stereotypen auf und zeichnet sich durch erfrischend kritische Anmerkungen aus. Die deutsche Phrase von <unseren ausländischen Mitbürgern> entlarvt er als Heuchelei mit dem Hinweis auf das Faktum, dass sie <zumindest im politischen Sinne keine Bürger sind>, da sie von der Gestaltung der Republik ausgeschlossen sind. Zum deutschen Sonderweg merkt er an, dass im Grundes <jedes Land in Europa einen besonderen Weg gegangen> ist. Er weist jeden historischen Determinismus mit dem Zitat aus einer Rede Walter Scheels aus dem Jahr 1976 zurück: <Hitler war keine Notwendigkeit. Er war eine Möglichkeit, die leider Wirklichkeit wurde.> Seine politisch linken wirtschaftspolitischen Vorstellungen teilen wir allerdings nicht. Den englischen Beveridge-Plan sieht er zurecht als Modell der europäischen Sozialpolitik. Was für Grosser Vorbild-Funktion hat, ist für Liberale eher eine Art Sündenfall. Zur Ostpolitik der Regierung Brandt führt er an, sie wäre klarer gewesen, hätten ihre Vertreter wie Bahr, Frank, Wehner und Brandt <eine gemeinsame und einheitliche Antwort> auf Grundfragen wie die nach dem Verhältnis von Entspannung und Annäherung zu Verwandlung und Liberalisierung gehabt. Das Buch lässt er mit einer positiven Note ausklingen. Oft werden Heinrich Heines Verse aus dem Gedicht Nachtgedanken zitiert: <Denk' ich an Deutschland in der Nacht, Dann bin ich um den Schlaf gebracht.> Er verweist darauf, dass der Dichter damit nur beklagte, nicht bei seiner Mutter zu sein. Heine führt im Gedicht weiter unten fort: <Deutschland hat ewigen Bestand, Es ist ein kerngesundes Land!> So gesund sei es zwar heute nicht, aber viel gesünder als die meisten Länder der Welt und auch Europas, so Grosser. Es hätte dem Buch zum Vorteil gereicht, wenn der Politologe sich auf weniger Themen beschränkt und diese dafür um so ausführlicher behandelt hätte. So bleibt zu vieles stichwortartig und blosse Anspielung auf Probleme. Bestellen bei Amazon.de.
 

Von Brigitte Sauzay stammt das Buch: Retour à Berlin. Ein deutsches Tagebuch, Einleitung von Richard von Weizsäcker. Aus dem Französischen von Frauke Rother. Berlin, Siedler Verlag, 1999, 335 S. (Französische Originalausgabe: Retour à Berlin, Paris, Plon, 1998). Sauzay war Dolmetscherin der französischen Präsidenten von Pompidou bis Mitterrand, Leiterin des Sprachendienstes im französischen Aussenministerium und gründete 1993 zusammen mit Rudolf von Thadden das Berlin-Brandenburgische Institut für Deutsch-Französiche Zusammenarbeit in Europa in Genshagen bei Berlin. Bereits 1986 machte sie mit Die rätselhaften Deutschen auf sich aufmerksam. Ihr nun veröffentlichtes Tagebuch bezieht sich auf das Jahr 1997. Wer Aufschlüsse über ihre Rolle als Schröders Beraterin für den deutsch-französischen Dialog erwartet, wird deshalb enttäuscht werden. Das Halbwertszeitalter der Information bringt auch komische Details mit sich, so ihre Bemerkungen zum deutschen Fussball. Für Franzosen enthält das Werk wohl viele neue Informationen, die dem deutschen Leser dagegen längst bekannt sind. Ein unnötiges Buch? Ja, wenn da nicht Anmerkungen über das deutsche und französische Selbstverständnis bzw. die gegenseitige Perzeption der Nachbarn wären. Deutsche sprechen oft von Frankreich als der Grande Nation. Ein Begriff, den die Franzosen nicht verwenden, da er für sie mit dem Grand Siècle, den Moralpredigten von Bossuet, Fénélonund Bouradaloue verbunden ist. Wobei Sauzay durchaus zugesteht, dass der Kern der Sache, die französische Nostalgie nach der vergangenen Grösse, existiert. Die allerdings findet sich vor allem im Grand Louvre, in der Grande Arche oder der Très Grande Bibliothèque. Die Deutschen dagegen hätten auf den Begriff Grossberlin verzichtet, da er mit einer unrühmlichen Vergangenheit verbunden ist. Sauzay hätte allerdings auch anfügen können, dass zwar die Grossmannssucht in Deutschland verschwunden ist, dafür aber zumindest sprachliche Relikte der obrigkeitsstaatlichen Tradition weiterleben, wovon Oberbürgermeister, Oberamtsrat oder Oberlehrer zeugen. Sauzay ärgert der deutsche Vorwurf, Frankreich wolle sich den Anforderungen der Globalisierung nicht stellen, sich mit ihrer Kultur brüsten, die heute ohne Kreativität sei: <Ja ..., natürlich ... Aber [...]> das dürfe nicht zur Akzeptierung einer vermeintlich einzigen - angelsächsischen - Wahrheit führen. Auch das <innereuropäische Zusammengehörigkeitsgefühl> vermisst sie. Unterschiede zwischen den Nachbarvölkern macht sie auch an Bestsellerlisten fest. Am 10. Januar 1997 befanden sich unter den fünfzehn meistverkauften Büchern nur zwei von deutschen Autoren im Land Goethes und Schillers. Der Franzose dagegen lese gemäss diesen Listen zu achtzig bis neunzig Prozent französische Titel. Deutsche fragten sich auch, was haben die Franzosen bloss gegen amerikanische Filme? <Weshalb soll man in der Kultur bürokratische Vorschriften und Quoten einführen? ... Die Franzosen mit ihrem Protektionismus, ihrem unverbesserlichen Merkantilismus!> Man könne sich nicht gegen die Vorlieben der Kinogänger stemmen, sagten Deutsche. Doch führt sie an, dass <die Amerikaner uns (aus Gründen der Wettbewerbsverzerrung) vorschreiben wollen, auf welche Weise wir unsere Filmindustrie subventionieren, stört kaum jemand.> Hier kommen bei ihr neben antiamerikanischen Abwehrreflexen auch sozialistische Untertöne hervor. Überzeugender führt sie danach aus: <Dass es einem Volk, einer Kultur freilich schaden könnte, wenn es sich keine Vorstellung von sich selbst hat, scheint nicht so einleuchtend zu sein, lag den Deutschen doch lange Zeit nichts weniger am Herzen, als sich selbst im Spiegel sehen ...>. Ein Satz wie vom französischen Historiker Braudel zu Beginn seines Werks Frankreich sei für einen Deutschen unerhört: <Ich liebe Frankreich.> Sauzay vergleicht die Mentalität, das Schulsystem, die politische Kultur oder auch das Nationalgefühl. Im Herausarbeiten der Vorlieben, Abneigungen und Unterschiede liegt die Stärke des Buches, wobei wir Sauzays Urteilen nicht immer folgen können. Bestellen bei Amazon.de.

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