Deutsch Politik Geschichte Kunst Film Musik Lebensart Reisen
English Politics History Art Film Music Lifestyle Travel
Français Politique Histoire Arts Film Musique Artdevivre Voyages

Index  Advertise  Werbung  Links  Feedback
© Copyright www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Die Swissair ist bankrott
UBS und Credit Suisse leisten sich Unglaubliches


Hinzugefügt am 7. März 2007
Im Swissair Prozess veranschlagt Mario Corti die gesamtwirtschaftliche Vermögensvernichtung bei der Swissair-Pleite auf 21 Milliarden Schweizerfranken. Sein Plan hätte nur 4 Milliarden Franken gekostet, weshalb 17 Milliarden Franken unnötig vernichtet worden seien. Die Fluggesellschaft hätte laut ihm gerettet werden können. UBS Verwaltungsratspräsident Marcel Ospel ist hingegen der Meinung, bereits im Frühjahr 2001 sei die Swissair mit 3 Milliarden Schweizerfranken überschuldet gewesen. Im Oktober 2001, wenige Tage nach dem Grounding, äusserte er deshalb öffentlich, es sei von Anfang an klar gewesen, dass die Swissair nicht zu retten gewesen sei.

Artikel vom 3. Oktober 2001
Zugegebenermassen gehört der Schreibende auch zu jenen, der bei Flugzeug-, Bahn-, Metro- und anderen Streiks in Frankreich, Italien und Spanien regelmässig von unhaltbaren Zuständen wie in Bananenrepubliken schimpft. Nun haben sich noch schlimmere Ereignisse in der Schweiz zugetragen.
 
Am 1. Oktober sicherten die zwei helvetischen Grossbanken UBS und Credit Suisse der bankrotten Swissair die Barmittel zu, um den ordentlichen Flugbetrieb aufrecht zu erhalten. Der reibungslose Übergang zu einer Auffanggesellschaft schien damit gesichert. Doch am Tag darauf war der UBS-Chef Ospel nicht einmal mehr für den Bundesrat - die Regierung der Schweiz - erreichbar. Nicht nur war die Kommunikation unterbrochen, sondern vor allem floss kein Geld, obwohl sich die Schweizer Regierung bereit erklärte, die Hälfte der benötigten Sofortmittel von CHF 250 Millionen zur Verfügung zu stellen. Eine solche Arroganz und Inkompetenz wie von Seiten der Grossbanken war bisher in der Schweiz unbekannt gewesen. Gegen Abend stellten dann die Finanzinstitute die Barmittel zu Verfügung, doch der Schaden war schon da. Um alle Aktivitäten wieder hochzufahren, braucht es mindestens 24 Stunden. Deshalb bleibt auch heute Mittwoch die Mehrzahl der Swissairflugzeuge am Boden.
 
Der Imageschaden, nicht nur für die Swissair, die bisher als Ausdruck schweizerischer Effizienz und Pünktlichkeit gegolten hat, ist enorm. Helvetistan ganz allgemein steht vom In- und Ausland her betrachtet als Bananenrepublik da. Weltweit wurden am Dienstag 19,000 Swissair-Passagiere nicht mehr befördert. Die Wirtschaft im Grossraum Zürich, ja in der ganzen Schweiz, war vom Swissair-Desaster betroffen. Aus den Weissen Rittern UBS und Credit Suisse wurden buchstäblich über Nacht skrupellose, ignorante Raubritter aus der Finanzwelt, denen das Image der Schweiz und des helvetischen Wirtschaftsstandortes egal zu sein scheint.
 
Doch den Schwarzen Peter allein den Grossbanken zuzuschieben, ist völlig verfehlt. Die Swissair Group hat in den letzten Jahren einen Schuldenberg von unglaublichen CHF 15 Milliarden angehäuft. Die Eigenkapitalisierung von lediglich 2,5% stellte sie nun vor unüberwindbare Liquiditätsprobleme. Seit 1995 hat die einst weltweit führende Airline eine völlig verfehlte Acquisitions- und Expansionspolitik betrieben. Das finanzielle Desaster begann mit dem Erwerb von knapp 50% der belgischen Sabena. Die Beteiligung an der maroden Airline musste bereits im Jahr darauf auf Null abgeschrieben werden. In den darauffolgenden Jahren wurden munter substantielle Anteile weiterer Fluggesellschaften erworben, worunter sich wiederum einige faule Eier befanden. Im Jahr ihres 70jährigen Bestehens endet die Geschichte der einst hochgelobten Swissair.
 
Nachtrag vom 10.10.2001: Inzwischen hat der Schweizer Staat - sprich der eidgenössische Steuerzahler - CHF 450 Millionen an Krediten der Swissair zugesprochen. Wo bleibt hier die privatwirtschaftliche Lösung? Das erinnert an das Vorgehen von Kanzler Schröder, der als Held auftrat um ein bankrottes Bauunternehmen zu retten. (Der deutsche Fall war insofern bedenklicher, als dort durch den Konkurs nicht die Gesamtwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen worden wäre, da die Firma den Baumarkt nicht als quasi-Monopolist beherrschte; eine Intervention war in Deutschland also fragwürdiger).
 
Hätte die Swissair in einer Konkurrenzsituation mit vier anderen, in etwa in gleichem Umfang am Flugmarkt beteiligten Airlines gestanden - immer noch ein Oligopol -, so hätte der Zusammenbruch der Swissair nur rund 20% des Flugbetriebes gefährdet, wobei die vier überlebenden Fluglinien rasch in die Lücke gesprungen wären. Es bleibt zu hoffen, dass die Behörden daraus gelernt haben. Der Flugbetrieb am Flughafen Genf, von dem sich die Swissair vor nicht all zu langer Zeit partiell verabschiedet hat, wurde vom jetzigen Debakel kaum in Mitleidenschaft gezogen. Dort teilen sich unterdessen mehrere Gesellschaften den Flugmarkt, während dem Zürich weitgehend von Swissair abhängig ist.




 
Nachtrag vom 22.10.2001: Die Privatwirtschaft stellt CHF 1.69 Mia., Bund, Kantone und die Stadt Zürich stellen CHF 1.05 Mia. für die Schaffung einer neuen Schweizer Airline zur Verfügung. Dazu kommen nochmals CHF 1.5 Mia.: die vom Bund mit CHF 1 Mia. getragene Überbrückungsfinanzierung des reduzierten Flugbetriebs der Swissair bis zum Ende der Winterflugplanperiode sowie rund CHF 0.5 Mia. für die Konsolidierung der betriebsnotwendigen flugnahen Betriebe, wobei sich da nochmals ein tiefes Loch auftun könnte. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Rettungsaktion für die Swissair nicht Schule machen wird. Ein ordnungspolitischer Präzedenz-Sündenfall ist jedenfalls geschaffen worden.
 
Die Einzelkämpfer-Strategie der Swissair hat Schiffbruch erlitten. Langfristig wird sich die neue Fluggesellschaft einen starken Partner wie British Airways oder Lufthansa suchen müssen.
 
Es bleibt abzuklären, wer welche Verantwortung beim Swissair-Desaster trägt. Die Schuld nur allein einer falschen Strategie zuzuschreiben, ist ungenügend. Die frühere Konzerleitung um Philippe Bruggisser sowie der ehemalige Verwaltungsrat, u.a. unter der Führung von Eric Honegger, der die von der Konzernleitung entwickelte Strategie abgesegnet hat, darf bei klarem Fehlverhalten finanziell nicht ungeschoren davonkommen. Zur Schuldfeststellung gibt es ja Verwaltungsratsprotokolle und andere Papiere. Abgangsentschädigungen wie für Honegger, VR-Honorare und ähnliches müssen, sollten sich eindeutige Fehlverhalten feststellen lassen, zurückgefordert, Pensionen gestrichen werden.
 
Nachtrag vom 29.6.2002: Die Justiz hat unterdessen konkrete Schritte gegen Verantwortliche für das Swissair-Desaster unternommen. Einige dürften also doch noch zur Verantwortung gezogen werden (nicht nur wegen grobfahrlässigem Handeln, sondern wohl sogar für Straftaten).
 

Sepp Moser: Bruchlandung. Der Fall Swissair. Orell Füssli, Zürich, 2001. Bestellen bei Amazon.de .
 
Urs von Schroeder: Swissair 1931-2002. Aufstieg, Glanz und Ende einer Airline. Huber, Frauenfeld, 2002. Bestellen bei Amazon.de.


Hinzugefügt am 9. Oktober 2006
Grounding. Die DVD bestellen bei Amazon.de. P.S.: Dies ist ein Film und kein Dokumentarfilm.