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Nr. 33, Februar 2002
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Günter Wand
Biografie 1912-1939
Dieser Artikel beruht auf Wolfgang Seifert: Günter Wand: So und nicht anders. Gedanken und Erinnerungen. Hoffmann und Campe, 1998, 528 S.
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Artikel vom 20. Februar 2002
 
Am 14. Februar 2002 ist der deutsche Dirigent Günter Wand in seinem Wohnort Ulmiz in der Schweiz verstorben. Er kam am 7. Januar 1912 im deutschen Elberfeld - das später mit anderen Städten zu Wuppertal verschmolzen wurde - als jüngstes von drei Kindern von Paul und Lydia Wand auf die Welt. Sein Vater war damals 36 und ein begüterter Kaufmann, der durch die Inflation und die Währungsreform von 1923 sein gesamtes Vermögen verlor. Er baute sein Geschäft erneut auf und war nach einigen Jahren harter Arbeit wieder wohlhabend. Günter wuchs also in einem behüteten Elternhaus mit Dienstmädchen und Putzfrau auf.
 
Der Junge nahm wie sein zwei Jahre älterer Bruder Musikstunden, und zwar bereits mit dem sechsten Geburtstage, einige Monat vor der Schule, im Konservatorium Potthof-Zimmermann. Der trocken-mechanische Unterricht durch seine erste Klavierlehrerin behagte dem Jungen allerdings nicht.
 
Mit 12 hatte er sein musikalisches Schlüsselerlebnis, das in ihm den konkreten Berufswunsch "Dirigent" auslöste. Im Elberfelder Operettentheater hörte er den Zigeunerbaron von Johann Strauss mit Richard Tauber als Barinkay. Der Junge interessierte sich allerdings nicht für den berühmten Sänger, sondern nur für den Kapellmeister und sein Orchester, auf das er von seinem Platz aus einen ausgezeichneten Blick hatte.
 
In den letzten Schuljahren stand für Günter die Musik immer mehr im Zentrum. Der Musiklehrer Wendel Wiltberger liess ihn eine Art Assistentenrolle spielen, insbesondere weil er oft am Montagmorgen verhindert war und Wand deshalb auf der Orgelbank häufiger einspringen musste. Günter übte sich auch als Dirigent und sammelte Schüler um sich, mit denen er unabhängig vom Schulorchester eine eigene Kapelle bildete. Als Unterprimaner nahm Günter Wand ab 1929 beim Wuppertaler Generalmusikdirektor Franz von Hoesslin Privatunterricht im Dirigieren. Das Klavierspiel war ihm nur ein Mittel zum Zweck. Musiktheorie, Kompositionslehre und das Komponieren eigener Stücke standen im Vordergrund. Bei Hoesslin habe er "vieles gelernt, doch Dirigieren nicht", meinte Wand später. Er sei ein besserer Klavierspieler als sein Lehrer gewesen, weshalb er im Unterricht an die Tasten musste, während dem der Lehrer den Taktstock schwang, der Günter vorenthalten blieb. Doch Dirigent kann man nur durch häufiges Dirigieren werden. 
 
Sein Vater war jedoch wenig vom Berufswunsch des Sohnes angetan. Da die erstgeborene Tochter kurz nach der Geburt gestorben war und der ältere Sohn Kurt, ein ausgebildeter technischer Kaufmann, eine eigene Firma gegründet hatte, wollte der Vater wohl seinen jüngsten Sohn zum Geschäftsnachfolger machen. Sie einigten sich schliesslich auf das Berufsziel Musikstudienrat, wofür das Studium des gerade erst eingeführten Faches Schulmusikerziehung Voraussetzung war. Doch Günter bestand die Aufnahmeprüfung nicht. Sein Desinteresse an der Pädagogen-Musik war demonstrativ, sein Hauptinteresse galt dem regulären Musikstudium.
 
Im Wintersemester 1930/31 immatrikulierte sich Günter an der Universität Köln für eine Philologiestudium. "Offiziell" belegte er die Fächer Philosophie, Germanistik, Kunst- und Musikwissenschaft, "inoffiziell" suchte er jedoch nach einer Möglichkeit zum Musikstudium. Heimlich begann er, an der Rheinischen Musikschule zu studieren. Diese hatte zwar keinen Hochschulstatus, doch unterrichteten dort in wichtigen Fächern dieselben Lehrer wie an der Musikhochschule. 
 
Wand lernte beim Schweizer Klavierlehrer Paul Baumgartner, einem Schüler von Eduard Erdmann und Walter Braunfels, der 1937 die Meiserklasse für Klavier am Konservatorium Basel übernahm. Günters Theorie- und Kompositionslehrer war Wilhelm Maler, ein Schüler von Kroyer, Grabner, Haas und Jarnach. Der dritte wichtige Lehrer war Ernst Gernot Klussmann. Die drei Fachleute versuchten Wands Vater vom Talent seines Sohnes zu überzeugen. Dieser stimmte schliesslich ohne inneres Verständnis dem Fach- und Hochschulwechsel zu, der 1931 erfolgte.
 
In jenem Sommer belegte Wand auf Anraten von Baumgartner ein Semester an der Münchner Akademie der Tonkunst. Bei Franz Dorfmüller belegte er das Hauptfach Klavier, und bei Walter Courvoisier studierte er Komposition.
 
Mit 16/17 hatte Günter seine Jugendliebe, aus der eine zu früh geschlossene Ehe folgte, die zum Scheitern verurteilt war, gefunden. Zu ihr und zu seiner Familie zog es ihn im Herbst zurück. Mit einem Brief an den Präsidenten der Kölner Musikhochschule Walter Braunfels, einem darauffolgenden Treffen mit dem Kölner Hochschuldirektor Hermann Abendroth und einer bei Karl Ehrenberg bestandenen Prüfung schaffte es Wand noch im Wintersemester 1931/32 in die Dirigentenklasse von Ehrenberg aufgenommen zu werden. Dann unterrichtete Günter seinen Vater, ohne jedoch zu erwähnen, dass seine Freundin Liesel Jüttemeier, die er demnächst zu heiraten gedachte, der Grund für seinen Wechsel war.
 
Wand nahm nun Theorie- und Kompositionsunterricht bei Philipp Jarnach, der u.a. bei Ferruccio Busoni in Zürich studiert hatte. Bei ihm lernte Günter viel. Problematisch war jedoch der Dirigierunterricht. Wie schon zuvor bei Hoesslin spürte Wand, dass die Professoren ihm, abgesehen vom blossen Taktschlagen, das für ihn wichtige ihm nicht beibringen konnten. Ehrenberg liess seine Schüler nur zuschauen, nie dirigieren. Deshalb suchte Wand den Weg in die reale Musikwelt, in die Opernpraxis.
 
1932 wurde Günter Wand mit 20, im vierten Semester seines Studiums, Korrepetitor der Wuppertaler Oper, wo er sogleich für das Rollenstudium mit den Sängern in Wagners Lohengrin herangezogen wurde. Zuerst arbeitete er als unbezahlter Volontär. Bereits im Frühjahr 1933 trat er erstmals als Dirigent ans Pult, in der Operette Venus aus Seide von Robert Stolz. Doch Günters Vater blieb von diesem ersten Erfolg ungerührt. Neben seinem Job an der Oper von 1932-34 arbeitete Wand auch als Dozent für moderne Musik an der Volkshochschule Wuppertal und als Assistent der Konzertgesellschaft Wuppertal. 
 
Als Berufsanfänger ohne NSDAP-Mitgliedschaft war es für Wand nicht einfach, 1934 eine Stelle zu finden. So ging er in die ostpreussische Provinz nach Allenstein, dem heute polnischen Olsztyn, wo ihn die Landestheater Südostpreussen GmbH in ihrem Mehrsparten-Theater als Zweiten Kapellmeister für Operette engagierte. Von 1934-38 hat Wand in Allenstein nicht nur rund 600 Aufführungen dirigiert, sondern sie von A bis Z betreut: als Korrepetitor, Ballett-Repetitor, Bearbeiter, Hauskomponist und Chordirektor. Wuppertal hatte ganz andere Möglichkeiten geboten. In Allenstein lernte Wand, mit beschränkten Mitteln umzugehen. Damals dirigierte Wand, der später als Perfektionist bekannt wurde, die populären Sommerkonzerte übrigens ohne jede Probe.
 
Am 1. Oktober 1934 heiratete Günter seine Jugendliebe Liesel Jüttemeier. Der Ehe fehlte allerdings eine solide materielle Basis. Rückblickend sprach der Dirigent von einer "Kinderehe, die kaum gut gehen konnte". Da der Schwiegervater, ein bescheidener Beamter, nicht viel Geld für die Kinder lockermachen konnte, setzte sich Wands Mutter gegen ihren Mann durch und gab dem Sohn die tausend Mark, die für ein paar Möbel in der Zweizimmerwohnung in Allenstein fehlten.
 
Wand war zwar weder Jude noch Kommunist, doch als Nicht-Parteimitglied waren die Voraussetzungen für eine Laufbahn als Kapellmeister dennoch nicht ideal. So wurde er 1935, nach dem Ausscheiden des musikalischen Oberleiters, nicht dessen Nachfolger, sondern ein untergeordneter Kollege rückte nach. Der war zwar nicht besonders qualifiziert, doch ein "alter Kämpfer", einer, der schon vor 1933 NSDAP-Mitglied gewesen war. Es kam auch zu Zusammenstössen mit übereifrigen Nazis am Theater. Der Intendant bewahrte in vor grösseren Problemen.
 
Die endgültige musikalische Weichenstellung erfolgte in Detmold in den Jahren 1938/39. Der Vater offerierte dem darbenden Dirigenten ein hohes Gehalt, eine schöne Wohnung und ein schnelles Auto, wenn er ihn nur im Geschäft vertreten und später dessen Leitung übernehmen würde. 1938, in einem Augenblick tiefster Depression, nahm der Sohn des Angebot an, aber nur, um sogleich zu erkennen, dass es für ihn keine Zukunft ohne Musik geben konnte. Auf Anraten von Baron Gudenberg bewarb er sich in Detmold für die offene Stelle als musikalischer Oberleiter für Oper und Operette. Der Regisseur Wolrad Rube und der Kapellmeister verstanden sich auf Anhieb. Beide waren nicht in der Partei. So wurde Wand also nicht Exportkaufmann, sondern, 1938/39 musikalischer Oberleiter am kleine, aber feinen Lippischen Landestheater in Detmold. Es gab zwar auch nur je acht Sänger und Sängerinnen sowie 26 festangestellte Musiker, doch wurde Detmold vorübergehend als "Vorhof von Bayreuth" genutzt. Das Niveau der allesamt direkt von der Hochschule kommenden jungen Leute war entsprechend hoch.
 
Wands Vater war zutiefst gekränkt. Er verlor damals ein Auge und befand sich, was die Geschäftsnachfolge anbetraf, in einer ausweglosen Situation, da auch der ältere Sohn nicht zurück nach Wuppertal wollte.
 
Der Detmolder Intendant Otto Will-Rasing konnte Wand jedoch nur eine Saison halten. Dorthin kamen im Unterschied zu Allenstein oft Leute mit offenen Ohren. So entdeckte ihn der Agent Wendorf aus Köln, der eng mit dem Generalintendanten der Kölner Oper, Alexander Spring, zusammen arbeitete. Sie waren auf der Suche nach einem Nachfolger für Eugen Bodart.

Fortsetzung: Günter Wand Biografie 1939-1957 sowie 1957-2002.


Günter Wand. Foto: BMG.

Günter Wand. Foto: BMG.
  

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