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Marc Ribot
Biographie, CD Saints, Konzertkritik
Artikel vom 6. Februar 2002
Marc Ribot Guitar Solo
Diesseits
und jenseits der Jazzkonventionen - Ein Artikel von Jacques Rohner.
Einer
der eindrücklichsten Gitarristen der
Gegenwart verzauberte am 25. Januar 2002 ein aufmerksames Publikum in der Alten Kaserne mit
einer bunten Palette sehr persönlich inspirierter Neugestaltungen alter Songs
aus der Mottenkiste des Jazz, aber auch bekannten Kompositionen von Monk und
Gershwin.
Meditativ leise mit „Monk’s Mood“ auf der elektrischen Gitarre eröffnet
Marc Ribot das Konzert im Rahmen von "jazz in winterthur". Das Thema wird auf die minimal notwendigen Erkennungsmerkmale ausgedünnt, wo die Melodietöne
fehlen, setzt er die charakteristischen Monk-Akkorde und lässt dem Zuhörer
viel Raum und Zeit, im Kopf schon gehörte Phrasen aus dem Gedächtnis
abzurufen oder eigene Melodiefragmente zu erfinden. Damit fordert Ribot von
Beginn weg sein Publikum auf, seiner anspruchsvollen Musik aktiv zuzuhören.
Den Mehrfachmetamorphosen, denen er auch „These Foolish Things“ auf der akustischen Gitarre unterzieht, kann nur der aktiv Zuhörende mit
Genuss folgen. Die Art, wie der Mann aus seiner normalen Klampfe einen
musikalischen Geistesblitz nach dem anderen sprudeln lässt, begeistert auch
den Avantgarde-Skeptiker.
Noch ein allen Jazzern bekanntes Thema, und das Eis ist gebrochen. Jetzt
setzt Marc Ribot seine Elektronik in Betrieb: über mehr als zwei Duzend
Pedale und Knöpfe zur Verfremdung der Töne und Beimischung von Geräuschen,
Bildung von synthetischen Akkordkaskaden und Melodieschlaufen bedient er ein
imposantes Zusatzinstrumentarium.
Zunächst lässt er seine Gitarre zur indischen Sitar mutieren. Für die
Länge eines Ragas – oder was
der Laie als solchen vermutet – lässt Ribot seine Zuhörer dem Zauber des
Orients erliegen, um sie dann akustisch mit „Saint James Infirmary“ nach
Louisiana – so quasi ins Heimatland des Jazz - zurückzuholen.
Auf südstaatliche Gemütlichkeit folgt – der Kontrast könnte nicht grösser
sein – die Hektik von New York oder gar das Chaos des Krieges, oder beides.
„The Book of Heads“ ist eine Komposition von John Zorn, eine orgiastisch
krächzend und jaulende Klang- und Geräuschmixtur, eine Provokation mit allen
Mitteln der hier verfügbaren Tontechnik. Nur logisch der darauffolgende Gang
zum Friedhof, die Rückkehr in den ländlichen Blues, mit einem wehmütigen
Klagelied, das Marc Ribot von „Blind“ Willie Johnson gelernt hat.
Dieser Hinweis und jener auf John Zorn sind die einzigen gesprochenen Sätze,
die den Fluss des Konzerts unterbrechen. Marc Ribots Musik spricht für sich.
Sie wendet sich an ein mündiges Publikum, das bereit ist, die Spannung
zwischen zart leiser Intimität und brutal explosiver Aggressivität
auszuhalten. Von kindlich naiv bis klassisch meisterhaft Gitarre spielend,
weckt er Emotionen und Erinnerungen, wie es die Bilder der Kubisten Juan Gris
und Georges Braque auf lautlose Art tun. Jeder erkennt in einzelnen Fragmenten
oder deren kunstvollen
Anordnung – der Komposition – Altbekanntes
und letztlich sich selbst.
Auf die schwarze Wehmut lässt Ribot europäische Klassik folgen. Die
beiden kurzen Stücke erinnern an „The Intimate Bach“, eine LP von
Laurindo Almeida, einem frühen Grenzgänger aus der Gitarrenmeisterzunft. Was
darauf folgt, reisst den Zuhörer wieder aus seinen romantischen Träumen.
Verkehrslärm, Dampfgezische, Klopfen, Stampfen und Scheppern dröhnt – in
sehr erträglicher Lautstärke, dem Tonmeister sei’s gedankt –aus den
Lautsprechern. „La guitare maltraitée“ könnte das Stück ohne weiteres
heissen. Mit einer verblüffend einfachen Dreitonmelodie beruhigt Ribot den
Sturm und einem Abstecher nach Italien, begleitet vom Marschgesang der
Partisanen, erreichen wir das Paris von Django Reinhard. Auf ein
stimmiges „Nuages“ folgen weitere Ribot-Neuerfindungen von Standards, wie
„Autumn Leaves“ und „I’m Confessin“.
Mit der hochdramatischen
Version von Gershwins „Our Love is Here to Stay“ setzte Marc Ribot –
halb singend, halb rezitierend – den Schlusspunkt eines zweistündigen,
beglückend anspruchsvollen Solokonzerts. Die Zugabe, die er der scheidenden
Veranstalterin Susanne Peter widmete, hiess sinnigerweise „Everything
Happens to me“ und – weil alle noch mehr hören wollten – gab‘s ganz
zum Schluss noch ein makellos gespieltes Stück aus dem klassischen
Repertoire.
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Hinzugefügt am 17. November 2009: Marc Ribot ist auch auf der neuen CD von
Norah Jones
The Fall zu hören.

Marc Ribot: Saints. Atlantic, 2001. CD bestellen bei
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Ein Soloprojekt mit Jazz-Standards, zeitgenössischen Jazz-Kompositionen und
Pop-Klassikern. Ribot gibt den Stücken mit einer 20$-Gitarre im Lauf des
Spiels frische, neue Richtungen.

Marc Ribot: Muy Divertido. Atlantic, 2000. CD bestellen bei
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Die Platte setzt sich mit dem musikalischen Erbe Kubas und seinem Einfluss auf
die amerikanische Musik auseinander.
Biographie von Marc Ribot
Zusammengestellt von Louis Gerber im Februar 2002
Marc Ribot wurde 1954 in Newark, New Jersey, geboren. Als Teenager spielte er
in verschiedenen Garagenbands, während dem er bei seinem Lehrer und Mentor,
dem klassischen Gitarristen und Komponisten, Frantz Casseus, studierte. 1978
ging Marc nach NYC, wo er als Sideman für Musiker wie den Jazzorganisten Jack
McDuff und den Soulsänger Wilson Pickett arbeitete. 1979 spielte Ribot bei
den Realtones und der Uptown Horns Band, die ihrerseits für Stax/Volt Stars
wie Carla Thomas, Rufus Thomas oder Solomon Burke tätig war.
1984 begann Ribot seine fünfjährige Mitgliedschaft bei John Luries Lounge
Lizards, einer einflussreichen Downtown-Jazzgruppe. Er soll dort einen Mix aus
klassischer Bluesgitarre und No Wave/Knitting Factory-Ästhetik gespielt
haben. Dadurch wurden Künstler auf ihn aufmerksam, denen es ebenfalls darum
ging, unterschiedliche Musiktraditionen zu mischen, miteinander zu verbinden.
So spielte Marc u.a. auf Platten von Elvis Costello (Spike, Mighty
Like A Rose, Kojak Variety), Marianne Faithfull (Blazing Away)
und Tom Waits (Rain Dogs, Big Time, Frank's Wild Years)
mit. Ribot arbeitete auch mit Leuten wie Don Byron oder John Zorn. Daneben
komponierte und nahm er seine Downtown-Soulmusik mit seinen eigenen Bands
Rootless Cosmopolitans und Shrek sowie unter seinem eigenen Namen auf. 1996
erschien seine Solo-Platte Don't Blame Me, auf der er amerikanische
Standards neu interpretierte.
Seither arbeitete Marc u.a. mit dem inzwischen verstorbenen Alan Ginsberg und
mit John Zorn auf dessen Platte Filmworks sowie in dessen Band Bar
Kochba. Daneben komponierte Ribot die Musik für das Tanzstück Different
Altogether von Yoshiko Chuma, das im Joyce Theatre in NYC aufgeführt
wurde.
1998 erschien die Platte Marc Ribot Y Los Cubanos Postizos, die von der
Kritik hoch gelobt wurde. Dieser kubanisch inspirierte Weg wurde mit Muy Divertido
2000 fortgesetzt. Ribots neuestes Werk, Saints (2001), ist dagegen ein
Solowerk, das an Don't Blame Me anknüpft.
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