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Die Geschichte der
CDU
Das Buch Macht und Machtverlust
von Frank Bösch
DVA, 2002, 312 S. bestellen bei Amazon.de
Artikel vom 12. April 2002
Frank Bösch hat bereits 2001
eine umfassende Geschichte der
Adenauer-CDU veröffentlicht, weshalb die Kapitel zu jenen Jahren besonders
dicht sind. In seiner neuen Geschichte der CDU von 2002 unterscheidet
der Autor fünf Phasen
der Entwicklung der Partei Adenauers und Kohls. Die erste Phase bildet für
ihn die alliierte Besatzungszeit von 1945-49. Damals habe sich die CDU als
eine Art "Grass-Root-Partei" deutlich vom bürgerlichen
Parteientypus der Weimarer Republik unterschieden. Sie charakterisierte sich
durch eine grosse Mitgliederbasis, die Finanzierung durch Beiträge, enge
Beziehungen zu unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft, eine dezentrale
Führungsstruktur und intensive Programmdebatten.
In der zweiten, von 1949 bis 1967 dauernden Phase entwickelte sich die CDU zu
einer bürgerlichen Sammlungspartei mit dünner Mitgliederdecke, die von
Spenden aus der Wirtschaft lebte. Programme und Parteiorganisation traten in
den Hintergrund. Gelenkt wurde sie durch die informelle Führung des
Kanzleramtes und der Staatskanzleien, wobei 1959 eine Zäsur bildete, da sich
ab da die Strukturmerkmale gemäss Bösch abschwächten. Die Autorität von
Kanzleramt und Ministerpräsidenten sank. Erste programmatische Ansätze
entwickelten sich und zaghafte Organisationsreformen wurden ausprobiert. Die
Staatsfinanzierung trat neben das Spendensystem. Die Mitgliederzahlen stiegen
langsam. 1963 wurden Parteivorsitz und Kanzleramt getrennt. Die Partei wurde
zumindest ansatzweise zu einem eigenständigen Machtfaktor.
Zu echter Bedeutung kam die Partei allerdings erst in der von 1967 bis 1982
dauernden dritten Phase, die von Reformen geprägt wurde. Das Parteiengesetz,
die Grosse Koalition, der Generationenwechsel und die gesellschaftliche
Politisierung verhalfen der CDU zu einer Reformdynamik, die sich in neuen,
ausführlich debattierten Programmen äusserte. Die Führungsgremien wurden
"verschlankt und effektiviert", neue wurden aufgebaut und ihre
Struktur zentralisiert. Organisation und Mitgliederbasis, von der die Partei
nun finanziell lebte, vergrösserten sich. Die CDU näherte sich formell der
Parteistruktur der SPD an. Die Reformdynamik erreichte in der Oppositionszeit
ihren Höhepunkt. Ab 1973 dominierte die Partei kurzzeitig die Fraktion. Der
Reformschwung erlahmte nach der verlorenen Wahl von 1976 wieder. Spätestens
nach der Verabschiedung des Grundsatzprogramms von 1978 trat der Parteiausbau
in den Hintergrund und die Absicherung von Helmut Kohls Machtposition und das
Krisenmanagement dominierten.
Die vierte Phase von 1982 bis 1998, beginnend mit dem Machtwechsel von 1982,
wurde gemäss Bösch also nicht durch die Dynamik der Reform der CDU
eingeleitet, sondern dazu bedurfte es vielmehr der Wirtschafts- und
Koalitionskrise der Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmidt. Die CDU
entwickelte sich zu einer organisierten Kanzlerpartei, wofür eine
Doppelstruktur mit Elementen der Kanzlerpartei und der Reformpartei
charakteristisch war. Die weiterhin verabschiedeten Programme und der grosse
Funktionärs- und Verwaltungsstab verloren gegenüber der Regierungspolitik
und dem informellen Umfeld des Kanzleramtes kontinuierlich an Einfluss.
Kabinett und Parteiführung waren personell eng verwoben, die Fraktion blieb
gegenüber der Regierung loyal. Ab 1982 gingen die Spenden zurück und wurden
so transparent wie nie zuvor, schreibt Bösch. Gleichzeitig habe der Kanzler
noch einzelne Sonderkonten verwaltet. Auf die weiteren CDU-Spendenskandale
geht der Autor hier nicht ein. Seit 1984 verringerte sich die Mitgliederzahl
der Partei. Im Vergleich zu den 1950er Jahren war sie aber immer noch hoch.
1989 geriet das Modell der organisierten Kanzlerpartei in eine Krise. Kanzler
Kohl war umstritten, die Wählerbindungen sanken, die Partei war hoch
verschuldet, Parteiapparat, Programme und Regierungspolitik wirkten gemäss
Bösch kraftlos. Allein die Wiedervereinigung rettete die CDU auf allen
Ebenen: Der Kanzler gewann staatsmännisches Prestige, die Partei wurde
schlagartig entschuldet und erhielt neue Wähler aus dem Osten. Kohl gestalte
die Partei um. Geschäftsstelle, Parteitage, Vorstand und Präsidium verloren
an Bedeutung. Der Kanzler setzte neu politische Akzente über die Medien.
Gleichzeitig durchlitten die Landesverbände schwere Krisen. Für Bösch waren
die Jahre 1990 bis 1994 der Inbegriff der Kanzlerpartei. Ab Mitte der 1990er
Jahre gewann die Partei wieder an Bedeutung hinzu. Alte und neue Querköpfe
forderten in den Landesverbänden und der Bundespartei Reformen ein. Die
Neuansätze in den Ländern konnten jedoch den Niedergang der CDU nicht mehr
aufhalten.
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Frank Bösch: Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU. DVA,
2002, 312 S. Bestellen bei Amazon.de.

Frank Bösch: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer
Erfolgspartei 1945 - 1969. DVA, 2001, 575 S. Bestellen bei Amazon.de.
Die fünfte Phase begann mit dem Machtverlust von 1998 und dauert bis heute
an. Die Oppositionsrolle stärkte zunächst die Fraktion, dann die
Parteiführung. Den von der CDU selbst geprägte Begriff
"Bürgerpartei" bezeichnet Bösch als "recht treffend".
Die direkte Verbindung zur Basis und zu den Nichtmitgliedern wurde ausgebaut,
wovon Regionalkonferenzen, Unterschriftenaktionen, breite Spendensammlungen,
ein offener Führungsstil und die programmatische Suche der CDU zeugen. Die
finanzielle Krise zwang die Partei zur Verkleinerung ihrer Funktionärsstäbe
und zur Entschlackung der Geschäftsstellen.
Welche Perspektiven eröffnen sich für die CDU? Der Autor sieht die aktuellen
Probleme der Partei nicht allein als ein Resultat der Spendenaffäre und des
Kampfes um die Kanzlerkandidatur, sondern ortet eine strukturelle Krise mit
vier langfristigen Schlüsselproblemen der CDU.
Erstens steht es finanziell schlecht um die Partei. So im Vergleich mit der
SPD bezüglich der Mitgliedereinnahmen, die stagnieren. Bei den
Spendeneinnahmen holt die SPD auf. Bei den staatlichen Einnahmen führten die
Wählerverluste zu Einbussen. Die SPD profitiert zusätzlich vom
Parteiengesetz, das Beiträge und Kleinspenden fördert [der
Kölner-SPD-Klüngel lässt grüssen]. Bösch sieht einen historisch
fundierten Zusammenhang zwischen Finanzstärke und Wahlsiegen bzw. Finanzkrise
und Wahlniederlagen der grossen Parteien.
Zweitens konstatiert Bösch bei der CDU seit den frühen 1990er Jahren eine
fehlende organisatorische Zielperspektive. Drittens steht die Partei seit dem
Fall der Mauer vor einem programmatisch-ideologischen Problem. Der
Antikommunismus und der Kampf gegen Sozialismus haben als zugkräftige
Integrationsformeln an Bedeutung verloren. Da die Sozialdemokraten und
Schröder weit ins politische Zentrum gerückt sind, fällt selbst der Kampf
gegen die Roten Socken nicht mehr auf fruchtbaren Boden. Das "C"
habe in den 1990er Jahren weiter an Boden verloren. Bei Asylpolitik,
Sicherheit und Gentechnik drohen die christliche und die wirtschaftliberale
Anhängerschaft zunehmend auseinander zu brechen. Viertens droht der CDU der
langsame aber kontinuierliche Verlust bei entscheidenden Wählergruppen.
Böschs Schluss ist dennoch versöhnlich, da die Geschichte der CDU zeige,
dass sie sich auf neue Anforderungen stets habe einstellen können. Die SPD
besitze trotz aller Verschiebungen keine strukturelle Mehrheit. Die Zukunft
der CDU liege auch in ihrer Geschichte.
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