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Tony Blair
New Labour und der Dritte Weg
Nr. 4, 15. Juni/14. Juli 1999
Tony Blair übernahm
1994 den Parteivorsitz der Labour Party. Sogleich begann er die Partei
vom sozialistischen Ballast zu befreien. Bereits ein Jahr später gelang
es ihm, die berüchtigte Clause 4, die Forderung nach der Verstaatlichung
der Produktionsmittel, aus dem Parteikanon zu entfernen. Gegen den Wiederstand
der Gewerkschaften und Parteilinken setzte er die Abwendung von der Planwirtschaft
durch. Damit gelang ihm nicht nur, was die SPD bereits 1959 beschlossen hatte, sondern er überholte die französischen und deutschen Sozialisten
und Sozialdemokraten auf der rechten Spur, indem er den von Margaret Thatcher
eingeschlagenen und John Major fortgesetzten Reformweg nicht in Frage stellte.
New Labour bekannte sich zum Markt, wie Blair in seiner Vision vor der Wahl selbst dargelegte. Eine kritische Analyse von
Blairs Agenda beginnt bezeichnenderweise mit der Studie des fortdauernden
Erbes des Thatcherismus. Die wirkliche Modernisierung ging von der Eisernen
Lady aus, die wiederum auf das von Edward Heath ausgearbeitete Programm zurückgriff: Reduzierung des Einflusses
von Staat und Gewerkschaften auf die Wirtschaft. Gleichzeitig Förderung
der Marktkräfte, der freien Unternehmer. Heath konnte den aussenpolitischen
Teil seines Reformprogramms in seiner Regierungszeit selbst umsetzen: der
Beitritt der Briten zur Europäischen Gemeinschaft. Blair möchte
ebenfalls diese Linie fortsetzen und Britannien stärker in Europa
integrieren.
Blairs eigener Beitrag zur Modernisierung besteht unter anderem aus der
Betonung der sozialen Gerechtigkeit und der community. Es handelt
sich um Korrekturen des Thatcherismus, die ohne Steuererhöhungen durchgeführt
werden. Die Jugend- und Langzeitarbeitslosigkeit wird mit Geld aus der Windfalltax
finanziert, ein Betrag von rund 14 Milliarden DM, der von den privatisierten
Monopolunternehmen eingetrieben wird. Blair führte auch erstmals einen
garantierten Mindestlohn ein. Die Sozialleistungen sind nun allerdings
nicht mehr für jedermann. Wer sie nicht braucht, kriegt teilweise
weniger oder gar nichts mehr, so Witwen oder Behinderte. Labour führte
auch Studiengebühren ein, gestaffelt je nach Einkommen. Langfristig
entscheidend könnte sich die Vorantreibung der Dezentralisierung auswirken.
Das Volk hat Blairs Referendumsvorlagen zugestimmt, die Schottland und
Wales mehr Autonomie bringen. So im Polizei- und Rechtswesen, im Gesundheits-
und Erziehungssektor, bezüglich der Wirtschaftsentwicklung, der Landwirtschaft
oder auch der Fischerei. Natürlich bleiben die Verteidigungs- und Aussen-, aber auch zum Beispiel die
Finanz- und Wirtschaftspolitik Sache
des Parlaments in Westminster. Bei den Referenden erfolgte zudem die Einführung
des Proporzwahlrechts, das erneut bei den Wahlen zum Europäischen
Parlament Anwendung gefunden hat, übrigens nicht zum Nutzen Labours.
Des weiteren hat Blair die Reform des Oberhauses in Angriff genommen. An
die Abschaffung aller Titel wagt er sich allerdings nicht. Auch an der
Institution der Monarchie rüttelt er nicht. Ist Blairs Politik nun
eine linke oder rechte? An der Marktwirtschaft wird nicht gerüttelt.
Renationalisierungen sind nicht in Sicht. Seine Politik ist in etwa so
liberal wie die Postulate der FDP in Deutschland. Zudem führt er von
Thatcher vernachlässigte liberale Programmpunkte wie die Dezentralisierung
in die Praxis um. Auch die Unabhängigkeit der Bank of England, die
der Schatzkanzler, Blairs (ehemaliger?) Rivale Gordon Brown, durchgesetzt hat, gehört dazu.
Am meisten Kritik brachte Blair bisher sein von Clinton übernommener
Vermarktungsstil ein. Dieser ist nicht ganz so neu, Kennedy hatte ähnliche,
noch nicht so perfekt orchestrierte Wahlkampagnen durchgeführt, die
in Europa letztendlich erfolgreich von Willy Brandt imitiert wurden. Blair
gelang am 1. Mai 1997 ähnliches, als er mit 45 % der Wählerstimmen
auf Grund des Majorzystems eine Mehrheit von 179 Mandaten errang. Wobei
nicht nur die Wahlstrategen für den Sieg verantwortlich waren, sondern
die Torys selbst. Nach fast zwei Jahrzehnten an der Macht waren sie nicht
nur personell völlig verbraucht, sondern auch in der Europafrage zerstritten
und von Skandalen arg gebeutelt. Bereits 1992 hatten die Torys am Rande
der Niederlage gestanden. 1997 erhielt Blair entscheidende Unterstützung
von den Medien, so zum Beispiel vom Boulevardblatt The Sun. Vor
allem aber zahlte sich die durch permanente Telefonumfragen gestützte
Kampagne aus, die sich opportunistisch an der kurzfristigen Volksmeinung
orientierte. Systematisch wurde auf die Fehler der Torys verwiesen, was
sich auch in den Medien niederschlug. Zugleich zu dieser Negativkampagne
konnte Blair sich ein positives Image erarbeiten. Ein Mann, der seine Worte
in Taten umzusetzen versteht (he can deliver), die Gewerkschaften
auch in der Partei in die Schranken zu weisen verstand und gleichzeitig
jeder Ideologie fern steht. Zu Blairs Erfolgsteam gehört der spin
doctor Alastair Campbell, sein Sprachrohr und seine <Bulldoge> (Frankfurter
Allgemeine Zeitung). Die Times bezeichnete ihn gar als <Blairs
Rasputin>. Vor allem gehört aber Peter Mandelson dazu. 1987 half er bereits Neil Kinnock, den verstaubten
Parteiapparat auf Vordermann zu bringen. Ab 1996 war er Labours Wahlkampfmanager.
In Blairs Kabinett war er als Minister ohne Portfolio für den Verkauf
der Regierungspolitik verantwortlich. Er stolperte vor Weihnachten über
ein <Darlehen> für einen Hauskauf im Wert von £ 373 000.-,
das er 1997 vor den Wahlen vom Geschäftsmann Geoffrey Robinson erhielt,
der später als Minister ins Kabinett Blair aufgenommen wurde und beim
Bekanntwerden des Skandals ebenfalls zurücktrat oder treten musste.
Zu den Beratern gehört auch Geoff Mulgan (siehe den Artikel zu Giddens),
Sozialexperte und zuvor Chef des think tanks Demos. Die Kritik am
Regierungsstil bezieht sich auf die Arroganz einiger Berater sowie auf
die Entwicklung eines Court government, wie der Journalist und Historiker
Peter Hennessy schreibt. Blair lässt sich auch seltener als alle anderen
Nachkriegspremiers im Unterhaus blicken, was ihm als Geringschätzung
des Parlaments ausgelegt wird. Thomas Fischermann und Jürgen Krönig
fragten sich zurecht im September 1998, ob das Zeitalter der plebiszitären
Demokratie begonnen habe.
Wie geht es mit New Labour weiter? Was ändert das von Blair und
Schröder gemeinsam präsentierte Papier "Europe: The Third Way/Die
Neue Mitte - Tony Blair and Gerhard Schröder" [30.3.2000: Labour hat das
Papier vom Web genommen]? Für
New Labour eigentlich nichts. Inhaltlich bedeutet es für die Briten
keinen Politikwechsel. Für sie ist lediglich das europäisch Signal
wichtig. Von Schröder dagegen ist es ein weiterer Wink an die Partei,
dass das Zeitalter der Neuen Mitte angebrochen ist. Das Dokument hält
fest, in der Vergangenheit seien Eigenverantwortlichkeit und Kreativität
vernachlässigt worden. Das soziale Gewissen könne nicht über
die Höhe der Staatsausgaben gemessen werden. Der Glaube an Staatsinterventionen
zur Behebung von Schäden durch Marktversagen habe zu zuviel Bürokratie
geführt. Flexibilität und Wettkampf seien gefordert. Die Modernisierung
könne nur über Investitionen ins Humankapital erfolgen. Mit dem
deficit
spending und Staatsinterventionen sei es vorbei. Der Text gleicht einer
liberalen Agenda. Die Ausnahme macht die Anspielung auf den <runden Tisch>,
d.h. Schröders Bündnis für Arbeit. Bei dieser Passage
wird allerdings klar festgehalten, dass es sich um eine Aktion der deutschen
Sozialdemokratie handelt. Blair wollte sich damit nicht identifizieren.
Danach geht es munter weiter: Europa solle sich für die Liberalisierung
des Welthandels einsetzen. Eine Steuerreform, mit Senkungen für Unternehmen
und Vereinfachungen wie in Grossbritannien durchgeführt sei auch in
Deutschland geplant. Die Produkte-, Kapital- und Arbeitsmärkte müssten
alle flexibel sein. In der Dienstleistungsgesellschaft müssten die
traditionellen Arbeitszeiten überdenkt werden. Bei der Erwähnung
des Welfare to Work Programmes zur Arbeitsplatzbeschaffung für
junge Leute in Grossbritannien und dem ähnlichen Programm der von der
SPD geführten Regierung
kommt der Staat zum Zuge, der den lebenslangen Zugriff auf Erziehung und
Ausbildung garantieren soll. Allerdings soll dies für den Bürger
nicht gratis sein, sondern vom Staat nur gefördert werden. Europa
solle nicht in einen Superstaat verwandelt werden. Eine deutsch-britische
Kooperation auf Minister- und Expertenebene, offen auch für andere
EU-Länder, soll die Durchsetzung dieses Programms ermöglichen.
Das Papier war von Mandelson und Hombach seit letztem November ausgearbeitet
worden. Die Veröffentlichung verhinderte bis vor kurzem scheinbar
Oskar Lafontaine. Die Veröffentlichung vor dem europäischen Urnengang
entsprach Wahlkampfzwecken. Sollten sich die Partner jedoch an diese Grundsätze
halten, brechen für liberale und konservative Parteien in Europa schwere
Zeiten an. Nicht, weil ihre eigenen Ideen keine Chance hätten, sondern
weil sie von der Linken durchgesetzt würden. Den Unternehmern und
Bürgern wäre das allerdings egal. Die deutschen Arbeitgebervertreter
schöpfen wieder Hoffnung. Für die SPD käme es einem zweiten
Godesberg gleich. Traditionelle Linke, gerade auch Jospin in Frankreich,
distanzieren sich natürlich von diesem Vorhaben. Gelingt Schröder
der Schwenk mit der Partei im Rücken, so hätte dies eine europaweite
Signalwirkung.
Die Wahlen zum Europäischen Parlament sind der erste grössere
Rückschlag für Tony Blair in der Gunst der Wähler. Die Europa-
und Euroskeptiker in Grossbritannien sind gestärkt worden. Allerdings
ist bei einer Stimmbeteiligung von unter 25 % die Aussagekraft des Urnenganges
beschränkt. Zudem hat Labour sich schlecht verkauft, sodass gemäss
der Times (14.6.99) im Kabinett bereits der Ruf nach dem spin
doctor Peter Mandelson erklang. Er solle rehabilitiert werden und zusammen
mit Gordon Brown Labours nächste landesweite Wahlkampagne (voraussichtlich
im Jahr 2001) leiten. Kurzfristig ist eine abwartende Haltung Blairs in
europäischen Fragen wahrscheinlich. Bisher schien er ja bereit, die
Dinge zusammen mit europafreundlichen Torys forcieren zu wollen. Einschneidendere
Auswirkungen dürften die Europa-Wahlen dagegen in Deutschland haben.
Die Wahlschlappe der Sozialdemokraten bringt Schröder in Zugzwang
und dürfte genügend Druck erzeugen, sodass vielleicht endlich
der Kurs der Neuen Mitte resolut in die Tat umgesetzt wird. Schröder
würde so die Wähler der Mitte zurückgewinnen. Indirekt dürfte
dies wiederum Blairs europafreundliche Position stärken, da das Gespenst
eines linkssozialistischen Europas endgültig gebannt wäre (in
Grossbritannien fürchtete man sich vor allem vor einer Achse
Jospin-Lafontaine).
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Die einzige auf deutsch erschienene
Biographie:
Jon Sopel: Tony Blair: Der Herausforderer, Stuttgart, Quell-Verlag,
Oktober 1996 (Englische Originalausgabe: Tony Blair, Transworld
Publishers Ltd, Dezember 1995).
Wie der Titel schon klarmacht, entstand das Buch vor der Wahl Blairs,
sagt also nichts über seine Regierungszeit aus.
Tony Blair: Meine Vision, Stuttgart,
Quell-Verlag, 1997, 376 S., DM 48.- (Englische Originalausgabe: New Britan: My Vision of a Young Country, Westview Press, Februar 1997).
Mark Perryman, editor: The Blair Agenda,
Lawrence & Wishart, März 1998, 224 S.
Edward Heath: The Course of my Life, London,
Hodder & Stoughton, 1998.
Paul Routledge: Gordon Brown. The Biography,
Simon & Schuster, London, 1998.
Link zu biographischen Angaben über Peter
Mandelson [3.3.2002: Link wurde inzwischen entfernt].
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