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Winston Churchill
Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten
Eingefügt am 21. Juli 2008
Laut
A
Connoisseur's Guide to the Books of Sir Winston Churchill
S. 51 schrieb Churchill 1899 in London to Ladysmith via Prestoria:
Churchill remarks: "What is the true and original root of Dutch aversion to
British rule? It is the abiding fear and hatred of the movement that seeks to
place the native on a level with the white man. British government is associated
in the Boer farmer's mind with violent social revolution...the Kaffir is to be
declared the brother of the European, to be constituted his legal equal, to be
armed with political rights...nor is a tigress robbed of her cubs more furious
than is the Boer at this prospect." After the statements of his captor,
Churchill concludes, "[he and I had] no more agreement...Probing at random I had
touched a very sensitive nerve." (Churchill and race:
Winstonchurchill.org).
Eingefügt am 5. August 2007
Laut neu veröffentlichten
Dokumenten aus dem britischen Nationalarchiv war Winston Churchill in den 1950er
Jahren in einer Kabinettssitzung über die Einwanderung von Farbigen (coloured
people) ins Vereinigte Königreich beunruhigt und dachte über die Einführung
von nicht zu überschreitenden Quoten für Farbige nach. Churchill sprach sich
zudem in jenen Jahren für die Wiedereinführung von Körperstrafen (flogging)
aus, wobei er an eine drei- bis fünfjährige Evaluationsphase dachte, in der
studiert werden sollte, ob dadurch die Verbrechensrate zurückginge.
Artikel von Cosmopolis Nr. 4, 15. Juni/14. Juli 1999
Ende und Zerfall von Kommunismus, Sowjetunion und Ostblock führen
zu Neubewertungen der Geschichte auch des Westens und seiner historischen
Figuren. Wie bezüglich der Debatte um Raubgold und -Gut sowie nachrichtenlose
Konten ist anzumerken, dass das <Neue> weniger im Bereich der den Historikern
weitgehend längst bekannten Fakten liegt als in ihrer Gewichtung und
im Echo, das diese in der breiten Öffentlichkeit erzeugt.
Wenn der Spruch, wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten, zu einem
demokratischen Staatsmann des 20. Jahrhunderts passt, dann zu Winston Churchill.
Zu seiner Zeit war der Nachfahre von John Churchill, Herzog
von Marlborough (1650-1722) und Sohn von Lord Randolph, Finanzminister,
Genie, Playboy und <Demagoge von hohen Graden> (Sebastian Haffner) bereits heftig umstritten. Winston Churchill hat in seiner
Karriere mehrmals die Partei gewechselt, normalerweise politischer Selbstmord.
Verständlicherweise betrachteten ihn die jeweiligen Parteikollegen
mit misstrauen, Freunde hatte er nur wenige. Er galt als unzuverlässig.
Zumindest zu Beginn der dreissiger Jahre war er dem Faschismus nicht abgeneigt
und lobte Mussolini. Churchill war zeitlebens ein Krieger. Ein Mann, für
den Krieg geschaffen. Ob 1899 als Kriegsberichterstatter in Südafrika,
der in den Krieg eingriff, gefangen genommen wurde und dem auf abenteuerliche
Weise die Flucht gelang. Ob zu Beginn des Ersten Weltkriegs, als er als
liberaler Minister Chef der britischen Admiralität war und die unglückliche
Dardanellen- oder Gallipolli-Kampagne zu verantworten hatte, die ihn zu
Fall brachte. Für Haffner müssen vergleichbare Personen in ferner
Vergangenheit gesucht werden. Nicht Zeitgenossen wie ein Marshall oder Schukow, sondern Cromwell oder Prinz Eugen seien seine Geistesverwandten.
Churchill war kein Mann des Appeasement, ob gegenüber Deutschen
oder Indern. Nach einer lange Durststrecke in der politischen Wüste,
mit einem Zwischenspiel 1917 bis 1922 als Minister unter Lloyd George,
war er 1940 der richtige Mann am richtigen Platz. Mit seiner Entschlusskraft
brachte er innerhalb eines Jahres die englische Rüstung mit aller
Kraft voran. Nur ein Mann der Tat wie er konnte Hitler widerstehen. Churchill,
das ist die Welt als Wille und Vorstellung: mehrmals versuchte er, der
(britischen) Welt den Stempel aufzudrücken, in Reden und Taten, teilweise
und temporär durchaus erfolgreich. Mit seinem unbändigen Arbeitseifer
schuf er gleichzeitig ein immenses historisches Werk, weitgehend eine fesselnde
Mischung aus Geschichtsschreibung und Autobiographie, das ihm 1953 den
Nobelpreis für Literatur eintrug.
1993 wurde Churchill von John Charmley in seiner Biographie mit dem bezeichnenden englischen Titel
The
End of Glory scharf kritisiert. Er wirft ihm vor allem vor, die Briten
1940 zum Krieg gegen Hitler überzeugt, anstatt Frieden mit dem deutschen
Diktator geschlossen zu haben. Churchill habe so das Empire verspielt und
Grossbritannien in den Ruin getrieben. Doch dabei unterlaufen Charmley
mehrere kapitale Denkfehler. Hitlers Wort galt nichts. Von ihm geschlossene
Verträge waren das Papier nicht wert, auf dem sie niedergeschrieben
wurden. Wohl schon auf mittlere Frist hätte sich Hitler kaum auf die
Domination des Kontinents beschränkt. Er war kein Bismarck, der das
Reich als <saturiert> bezeichnet hätte. Der Kampf mit dem britischen
Weltreich wäre unvermeidlich gewesen. Als Alliierter in diesem Kampf
kamen für den Premier nur die USA mit ihrem immensen wirtschaftlichen
Potential in Frage, ganz abgesehen von demokratischen und moralischen Grundwerten.
Auf lange Sicht hätte der masslose Diktator wahrscheinlich ohnehin
die Weltherrschaft angestrebt, also die USA herausgefordert. Zum Ende des
Empire ist anzufügen, dass es in der Luft lag. Selbst der Imperialist
Churchill konnte die Emanzipation der Kolonien nicht verhindern. Der Niedergang
Britanniens hat nicht nur mit den Kriegsanstrengungen und dem Ende des
Weltreichs zu tun, sondern ist vor allem das Produkt einer verfehlten Wirtschaftspolitik
unfähiger Eliten und der fehlenden Dynamik in einer (demokratischen)
Klassengesellschaft. Charmleys Buch besitzt - neben seinen monumentalen
und moralisch bedenklichen Fehlern - auch Qualitäten, so in der Darstellung
des Verhältnisses von Chamberlain zu Churchill. Charmely hat 1989
die Studie Chamberlain and the Lost Peace sowie zuvor 1986 Duff
Cooper, The Autorized Biography verfasst. Er ist folglich ein herausragender
Kenner des Appeasement und seiner Gegner (Duff Cooper und Churchill).
Verständlicher ist Kritik an Churchills Appeasementpolitik gegenüber
der Sowjetunion. Stalin als Partner im Krieg und die zynische Weltaufteilung
unter anderem in Jalta zeigen dunkle Seiten des Premier. Doch Churchill gehörte zu jenen,
die früher als andere die Allianz auf Zeit mit den Kommunisten auflösen
wollten, da er sich der Unvereinbarkeit ihrer langfristigen Ziele bewusst
war und nicht wie Roosevelt von der One World träumte.
Der dunkelste Punkt Churchills: Er war ein Imperialist und Rassist.
In früheren Darstellungen wurden diese Ideen und Charakterzüge
nicht verschwiegen, aber zumeist nur verbrämt angedeutet. Andrew Roberts verweist darauf, dass Churchill nicht einfach - wie zu seiner
Zeit die Regel - ein Rassist war, sondern rassistischer als die meisten
seiner Zeitgenossen. Inder, Chinesen oder Afrikaner, sie waren alle minderwertig
in seinen Augen. Auch auf Italiener oder Deutsche sah er herab. Er war
von der Überlegenheit und zivilisatorischen Mission der Angelsachsen überzeugt.
Churchill war auch der Eugenik nicht abgeneigt. Einzig sein Philosemitismus
sticht positiv hervor. Erklärbar ist dieser unter anderem durch die
finanzielle Unterstützung, welche der verschuldete Vater Churchills
durch jüdische Freunde wie die Rothschilds genoss. Die weniger freundliche
Interpretation, der auch wir zuneigen, sieht in seinem Philosemitismus
lediglich eine andere Form seines Rassismus. Früher kam Kritik an
Churchill vor allem von Links. Zum Nachkriegs-Churchill merkt Roberts nun
an, dass dieser gegenüber den Gewerkschaften einen Appeasementkurs
fuhr, der zum wirtschaftlichen Niedergang Grossbritanniens beitrug. Eine
verhängnisvolle Politik, die erst von der Eisernen Lady beendet wurde.
Wer nach guten einbändigen Churchill-Biographien sucht, sollte
nach Norman Roses Buch greifen. Roberts bezeichnete den Band in seiner Besprechung in der
Times
als <erfrischend und objektiv>. Die Kritiker waren sich weitgehend einig:
die beste einbändige Darstellung. Lediglich Henry Kissinger meldete
in der New York Times (16.7.1995) Kritik an: Die Superstars suchten
nach Zustimmung, die Helden dagegen gingen ihren Weg allein. Die Parteiwechsel
Churchills sieht er nicht als reinen Opportunismus. Kissinger erinnert
daran, dass der Brite vor dem Ersten Weltkrieg aufwuchs und geprägt
wurde, und er deshalb nicht unsere Gewissheiten über das Jahrhundert
habe teilen können. Churchill habe jedoch die richtigen Einsichten
und den nötigen Mut gehabt, weshalb er der grösste britische
Staatsmann seiner Zeit gewesen sei. Vor dem Ersten Weltkrieg habe er erkannt,
dass Frankreich nicht alleine gegen Deutschland würde bestehen können,
weshalb er für eine Allianz mit Frankreich eintrat. In den zwanziger
Jahren habe er versucht, Deutschland in eine Weltordnung einzubinden. In
den dreissiger Jahren habe er <die geopolitische Natur von Hitlers Herausforderung
erkannt>. 1940 sei seine Wahl zwischen Deutschland oder den USA als Nachkriegspartner
richtig ausgefallen. In der Nachkriegszeit seien seine Reden zum Kalten
Krieg entscheidend gewesen. Seine Besprechung beendete Kissinger mit einem
bösen Spruch über Rose, der sonst auf die französischen
Eliteschulen gemüntzt ist: <The know everything. Unfortunately
they don't know anything else.> Anders gesagt: Rose habe tapfer alle Fakten
zusammen getragen, ohne das tiefere Verständnis für ihre Bedeutung
zu haben. Damit mag er teilweise recht haben. Die Grösse des Premier
ist unbestritten. Ohne ihn würden wir heute wahrscheinlich alle in
braunen Uniformen spazieren gehen und mit Heil Hitler grüssen. Aber
kein Wort Kissingers zu Churchills schweren politischen und moralischen
Fehlern. Hätte sich Churchill voll und ganz durchgesetzt, lebten wir
vielleicht in einer imperialistischen Welt mit dem zugehörigen Rassismus.
Wer eine deutschsprachige einbändige Biographie sucht, kann seit
kurzem nach dem Churchill aus der Feder von Christian Graf von Krockow greifen. Der Vielschreiber hat das vorhandene Wissen
zusammengefasst. Stilistisch nicht sonderlich überzeugend und ohne
neue Einsichten zu bieten. Bis auf den Rassismus beleuchtet er auch die
dunklen Seiten Churchills, die allerdings oft in zu mildem Licht erscheinen.
Bezeichnenderweise kommt Roberts in seiner Bibliographie nicht vor. Eine
Einführung also von Krockow, die als solche durchaus lesenswert ist.
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(Fortsetzung des Artikels von 1999): Nach wie vor bilden
Churchills Autobiographie,
seine eigenen Werke, Reden sowie seine Korrespondenz zusammen mit der offiziellen
Biographie den Grundstock jeder Beschäftigung mit Churchill. Hier
sei nur kurz verwiesen auf:
Winston S. Churchill: Der Zweite Weltkrieg, Bd 1, Der Sturm
zieht auf, Bd 2, Englands grösste Stunde, Bd 3, Die Grosse Allianz,
Bd 4, Schicksalswende, Bd 5, Der Ring schliesst sich, Bd 6, Triumph und
Tragödie. Bern, 1948-1953. Winston S. Churchill. 1874-1965 (die offizielle Biographie),
Hrsg. v. Randolph S. Churchill (die ersten Bände) sowie von Martin
Gilbert, London, 1967-82.
Sebastian Haffner: Churchill. Hamburg,
Rowohlt Taschenbuch, (1967) 14. Aufl. 1997, 192 S. Haffners elegant geschriebene Skizze ist noch immer eine empfehlenswerte
Einführung. Natürlich sind in den letzten dreissig Jahren Korrekturen
am Churchill-Bild Haffners angebracht worden. So fehlt trotz aller kritischer
Distanz der Hinweis auf den Rassismus des Kriegspremiers. Doch in der Regel
überzeugt seine prägnante Darstellung in kurzen Pinselstrichen.
Das gilt auch für die Portraits von Lloyd George, Stanley Baldwin
oder Ernest Bevin. Schliesslich war der 1907 in Berlin als Raimund Pretzel
geborene Haffner 1938 mit seiner jüdischen Freundin nach London geflohen,
wo er Germany: Jekyll & Hyde, eine Analyse Nazideutschlands
verfasste. Er begann für die Wochenzeitung Observer zu schreiben
(bis anfangs der 60er Jahre) und hatte so Zeit, sich ausführlich mit
der Politszene Grossbritanniens auseinanderzusetzen.
John Charmley: Churchill. Biographie.
Berlin, Ullstein Propyläen Taschenbuch, neueingerichtete Ausgabe Juni
1997, 706 S. (Englische Originalausgabe: Churchill. The End
of Glory. London, Hodder & Stoughton, 1993). Siehe auch John Charmley: Churchill's Grand
Alliance. The Anglo-American
Special Relationship 1940-57, New York, Harcourt Brace & Company,
1995, 427 S.
Jost Dülffer: Jalta, 4. Februar 1945.
Der Zweite Weltkrieg und die Entstehung der bipolaren Welt, München,
dtv, 262 S. (Aus der Buch- und Fernsehreihe: 20 Tage im 20. Jahrhundert). Der Titel ist leider etwas irreführend. Wer auf eine ausschliesslich
auf Jalta ausgerichtete Analyse hofft, wird enttäuscht werden. Die
jeweiligen <Tage> des Jahrhunderts sind nur der Ausgangspunkt, von dem
aus eine viel grössere Thematik angegangen wird. Positiv ausgedrückt:
man kriegt mehr als nur Jalta. Das Buch erzählt die Geschichte von
Versailles 1919 bis zum Koreakrieg 1950, wobei das ausführliche Einführungskapitel
Jalta gewidmet ist. Natürlich fehlt darin nicht der Hinweis auf Churchills
in imperialistischer machtpolitischer Manier vorgebrachten Vorschlag der
Aufteilung der Balkanländer in Interessensphären. Demokratie,
Selbstbestimmung und Moral spielten dabei keine Rolle. Auf einem formlosen
Zettel erfolgten die Verhandlungen mit dem Sowjetdiktator, der nach kurzen
Nachverhandlungen zustimmte. Stalin sagte Churchill, er solle doch die
Notiz aufbewahren. Ein unverzeihlicher und schockierender Schacher, der
sich letztlich um Menschen und Schicksale drehte. Formal unverbindlich,
waren diese Abmachungen politisch ernst gemeint und stellten Vorentscheidungen
dar, die wohl nicht in Roosevelts Sinn waren, sich aber schlussendlich
durchsetzten. Der Ostblock entstand unter gütiger Mithilfe des Westens,
insbesondere Churchills. Bestellen
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Andrew Roberts: Churchill und seine Zeit.
München, dtv, 1998, 478 S. (Englische Originalausgabe: Eminent
Chruchillians, London, Weidenfeld & Nicholson, 1994). Der englische Titel Eminent Churchillians, der bewusst auf Lytton
Stracheys Eminent Victorians anspielt, ist etwas irreführend.
Denn die Windsors, Mountbatten oder auch viele der Tories, die er beschreibt,
waren nicht seine Anhänger. Der deutsche Titel, Churchill und seine
Zeit, trifft die Sache besser. Roberts' verdienstvollem Buch fehlt
allerdings die Einordnung der beschriebenen Personen in ein Gesamtbild.
Der Autor verweist auf Kritik an Churchill nach seiner Ernennung zum Premier
von konservativer Seite. Der Tory-Mainstream, die Mehrheit der Hinterbänkler
verabscheuten den Premier, seine Freunde und Mitarbeiter wie Duff Cooper,
Brendan Bracken, Robert Boothby, Duncan Sandys oder Pressezar Lord Beaverbrook.
Gemäss Roberts traf Jack Colvilles Satz <Innerhalb von vierzehn
Tagen sah alles anders aus.> (d.h. die Torys unterstützten ihren neuen
Premier) nicht zu. Roberts Arbeit ist eine ernstzunehmende Kritik Churchills.
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Norman Rose: Churchill. An Unruly Life.
London, Simon & Schuster, 1994, 435 S.; Neuauflage 1998 als Taschenbuch
bei Touchstone. Bestellen bei Amazon.de.
Christian Graf von
Krockow: Churchill.
Eine Biographie des 20. Jahrhunderts, Hamburg, Hoffmann und Campe,
1999, 382 S. Bestellen bei Amazon.de.
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