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Anthony Giddens: Der dritte Weg
Jenseits von Links und Rechts
Nr. 4, 15. Juni/14. Juli 1999
Anthony Giddens
schrieb zurecht in seinem im August 1996 verfassten Vorwort zur deutschen
Ausgabe von Jenseits von Links und Rechts, dass die Konservativen unter Premierministerin
Thatcher sich dem <Neoliberalismus> verschrieben hatten. Wobei der Soziologe
augenscheinlich vom Liberalismus und seinen verschiedenen Strömungen
wenig Ahnung hat und wirft alles in den <neoliberalen Topf>. Zu sehr
auf Reagan und Thatcher fixiert, sieht er Widersprüche zwischen neoliberalen
Forderungen in der Wirtschaft und dem Wertekonservatismus, den diese zwei
propagierten. Er übersieht dabei, dass nicht alle Liberalen dieser
Spielart zugehören. Gemäss Giddens war Thatcher nicht an Bewahrung
interessiert, sondern setzte sich zum Ziel, <eine weitreichende Serie
von Neuerungen in Gang zu setzen>. Das gelang ihr auch weitgehend und zumeist
zum Wohl ihres Landes, was Giddens in diesem Kontext verschweigt. <Der
Markt wurde auf den meisten Gebieten zur obersten Instanz erklärt
[...]>, und eine Reihe von staatlichen Industrien sowie die Kommunikations-,
Gesundheits- und weitere Sektoren wurden privatisiert, weitgehend marktwirtschaftlich
organisiert. Für Giddens stellt <die ungezügelte Herrschaft
des Marktes eine der primären Triebkräfte bei der Zerstörung
von Tradition und Natur dar - die noch stärker werden, wenn die Märkte
sich globalisieren und dadurch lokale Traditionen und Lebensformen ihrer
Wurzeln berauben [...].> Jenseits von Links und Rechts ist allerdings <weder
ein Aktionsplan noch ein konkretes politisches Programm>, sondern ein <Beitrag
zu einer uneingeschränkten Diskussion>. Das Buch ist eine Bestandesaufnahme
vor allem der englischen Gesellschaft der 90er Jahre und ihrer Probleme.
Der englische Untertitel, The Future of Radical Politics, deutet
an, worum es Giddens geht: Um eine <radikal politische Kritik> der Politik
der Veränderung Thatchers, die zum Fortschritt führen sollte,
aber gemäss dem Soziologen <heute offenbar gescheitert> sei. Wer
sich an das England beim Amtsantritt von Margaret Thatcher zurück
erinnert, der kann allerdings kaum ernsthaft behaupten, dass die radikale
Dosis <Eiserne Lady> Grossbritannien geschadet hat. Das Vereinigte Königreich
war damals ein verkrusteter, von den Gewerkschaften im Würgegriff
gehaltener Wohlfahrtsstaat. Seine Eliten, die sich oft in nostalgischer
Verklärung an überkommenen gesellschaftlichen Modellen und Idealen
orientierten, schienen dem internationalen Wettbewerb nicht gewachsen,
ja einige daran gar nicht interessiert. Es war ein Staat, der in seiner
Entwicklung Jahre hinter dem Kontinent hinterherhinkte. Die Gesellschaft
war stärker als in jedem anderen europäischen Land klassenbewusst
und -orientiert. Das Vereinigte Königreich schien auf dem besten Weg,
in die Liga der Zweiten Welt abzusteigen.
Ist Giddens Buch eine Antwort auf Exzesse der Aera Thatcher? Ja und
Nein. Er versucht, Fehler, Widersprüche und Limiten aller wichtigen
politischen Strömungen herauszuarbeiten, von den Konservativen über
die Neoliberalen und die Sozialisten bis zu den Grünen. Den extremen
Individualismus des Liberalismus lehnt er ab. Dem Soziologen gehen wirtschaftspolitische
Kenntnisse ab, weshalb er die Entwicklung der asiatischen Tiger zu positiv,
zu unkritisch beurteilte. Vom Funktionieren der Markwirtschaft hat er keine
Ahnung, weshalb er die bereits damals durchaus feststellbaren Mängel
jener asiatischen Wirtschaftssysteme nicht zur Kenntnis nahm. Dem <Neoliberalismus>
wirft Giddens fehlende Moral und fehlende Werte vor. Blanker Unsinn. Die
Wirtschaft ist von der Politik nicht zu trennen. Sie befindet sich weder
in einem werte- noch in einem politikfreien Raum. Allein schon der Blick
auf die Titel der klasssischen Liberalen wie Adam Smith zum Beispiel mit
The
Theory of Moral Sentiments widerlegt dies. Philosophie und Recht, Ethik
und Staatsverständnis waren für diese Denker untrennbar miteinander
verbunden. Bei Friedrich August von Hayek oder den Ordoliberalen in Deutschland
war dies nicht anders. Die Verwirrung bei Giddens kommt wohl daher, dass
sich heute praktisch alle politischen Formationen auf den Liberalismus
berufen und sich unter den Liberalen auch Opportunisten befinden, die gerne
mit den Wölfen heulen, ohne den Ideen des Liberalismus wirklich verbunden
zu sein. Natürlich macht das liberale Gedankengut auch Wandlungen
durch, entwickelt sich fort. Aber darin liegt auch seine Stärke. Der
Liberalismus ist keine hermetische Ideologie, sondern eine offene, progressive,
der Zukunft und dem (auch intellektuellen) Fortschritt verbundene Geisteshaltung.
Giddens schreibt in Jenseits von Links und Rechts - wohlgemerkt bereits
1994 verfasst - für einen Linken bemerkenswerte Dinge: <Das Projekt
des Sozialstaats ist einesteils deshalb missglückt, weil es die nach
und nach sichtlich zum Scheitern verurteilten Bestrebungen des Sozialismus
verkörperte, und andernteils aufgrund der Auswirkungen umfassender
sozialer Veränderungen [...].> Oder: <Die meisten Sozialmassnahmen
sind in der Tat so angelegt, dass sie nicht an den Ursachen ansetzen, sondern
bereits eingetretene Ereignisse zurechtrücken sollen - eine Hauptquelle
des "staatlichen Versagens"[Janicke, State Failure]>. Giddens wendet
sich gegen Rechte und Linke Irrwege, von denen wir hier nur einige andeuten
können. Sein dritter Weg hat nichts mit dem <marktwirtschaftlichen
Sozialismus> zu tun, wie ihn osteuropäische Dissidenten (und zum Teil
auch westeuropäische Linke) seit den sechziger und siebziger Jahren
vertraten. Was der Soziologe nicht schreibt, ist, dass wir heute bereits
eine Art <dritter Weg> leben, mit einer Staatsquote von in vielen Staaten
um die 50 % oder wenig darunter. Protektionismus, Subventionen und Steuerquote
vervollständigen dieses Bild. Was wir brauchen ist kein neuer dritter
Weg, sondern zumindest teilweise eine Rückkehr zu liberalen Prinzipien.
Der Soziologe zeigt längst bekannte Fehlentwicklungen und Probleme
auf, ohne allerdings wirklich neue Ideen in die Diskussion einzubringen.
Nach dem Wahlsieg Tony Blairs ging Giddens im Dritten
Weg einen Schritt weiter. Dieses Buch soll den Bürgern helfen,
<sich ihren Weg durch die grossen Revolutionen unserer Zeit zu bahnen:
die Globalisierung, die Veränderung des persönlichen
Lebens und unsere Beziehung zur Natur.> Unter <dritter Weg>
versteht Giddens die Erneuerung der Sozialdemokratie, wie auch der Untertitel
der englischen Ausgabe, The Renewal of Social Democracy, klar bekennt.
Das Buch ist die Frucht <einer Reihe informeller Abendiskussionen zwischen
[Giddens], Ian Hargreaves und Geoff Mulgan [...].> Urspünglich wollten sie zusammen ein Buch herausgeben,
woraus <aus verschiedenen Gründen> nichts wurde. Ein gewaltiger
Anspruch, den Giddens an sein Werk stellt. Beruhigend ist, dass sein erstes
Kapitel mit <Nach dem Sozialismus> betitelt ist, also eine klare Absage
an alte Umverteilungsrezepte erteilt. Gemäss Giddens hat die Labour
Party bereits ab 1987 versucht, <klassische sozialdemokratische Prinzipien
zu überwinden>. Dass dies vor allem aus Opportunitätsgründen
geschah, um die politische Mitte zurückzugewinnen und so langfristig
eine Chance zu haben, wieder an die Macht zu kommen, verschweigt er vornehm.
Neben den dazu nötigen Wahlniederlagen liest man bei Giddens auch
kein Wort über die erbittert geführten Kämpfe, die Thatcher
zuerst gegen Arthur Scargill, die Bergarbeiter und den Gewerkschaftsbund
(TUC) führen musste, ehe die Modernisierung umgesetzt werden konnte.
Labour war unter Neil Kinnock reform- und damit zukunftsfeindlich. Den
nötigen Strukturwandel wollten sie mit aller Macht verhindern.
Zur korrekten Feststellung bzw. aus der Sicht des Linken Labour Flügels
zum berechtigten Vorwurf, Blair und New Labour hätten Thatchers Wirtschaftspolitik
fortgeführt, ist bei Giddens lediglich zu lesen: <Es ist im folgenden
nicht meine Absicht, die Gültigkeit solcher Beobachtungen zu beurteilen,
sondern darüber nachzudenken, an welchem Punkt die Debatte über
die Zukunft der Sozialdemokratie angelangt ist. Unter dem "dritten Weg"
verstehe ich eine Theorie und eine politische Praxis, mittels deren die
Sozialdemokratie den grundlegenden Veränderungen in der Welt innerhalb
der letzten zwei oder drei Jahrzehnte Rechnung trägt. Dies ist ein
dritter Weg in dem Sinne eines Versuches, über die Sozialdemokratie
alten Stils wie den Neoliberalismus hinauszugelangen.> Im folgenden geht
Giddens auf fünf Problemkreise ein: Globalisierung, Individualisierung,
die Kategorien Links und Rechts, neue Arten politischen Handelns und die
ökologische Krise. Die hehren Ziele des dritten Weges formuliert er
danach äusserst allgemein. <Die radikal-demokratische Mitte>, <eine
aktive Zivilgesellschaft> oder <kosmopolitische Demokratie>. Seine Antworten
sind entweder nicht neu, banal oder einfach heisse Luft.
Für Giddens vertritt der dritte Weg <das Modell einer neuen
gemischten Wirtschaft>, in der <Synergieeffekte von öffentlichem
und privatem Sektor> erzielt werden, <indem sie die Dynamik des Marktes
für das öffentliche Interesse nutzt. Dazu gehören,
auf transnationaler wie auf nationaler und lokaler Ebene, ein Gleichgewicht
zwischen Regulierung und Deregulierung und ein Gleichgewicht zwischen dem
ökonomischen und dem nicht-ökonomischen Bereich der Gesellschaft.>
Giddens wendet sich gegen die rein <meritokratische> Gesellschaft, in
welcher der Sieger alles kriegt, auch wenn er nur minim talentierter als
ein anderer ist. Als Beispiel nennt er Tennisspieler oder Opernsänger,
bei denen dieser Effekt spiele wie bei vielen <unbekannten Stars> in
der Wirtschaft. Giddens bezieht sich dabei auf R.H. Frank und P.J. Cook. Er tritt deshalb, mit Hinweis auf die USA, Neuseeland
und Grossbritannien, für eine begrenzte Meritokratie ein. Bezüglich
des Wohlfahrtsstaates anerkennt er <neoliberale> Kritiken, die zum Beispiel
auf negative Effekte durch die Arbeitslosenunterstützung verweisen,
die tatsächlich zur Steigerung der Arbeitslosigkeit beitragen können.
Zu Beveridges Bericht über Sozialversicherung und verwandte Dienstleistungen
aus dem Jahr 1942, dem Beginn des britischen Wohlfahrtsstaates, merkt Giddens
an, dass jene <Perspektive eine fast ausschliesslich negative> gewesen
sei. Er erklärte der Not, Krankheit, Unwissenheit, Elend und Faulheit
den Krieg. Giddens plädiert für eine <positive Wohlfahrt>,
die Wohlstand schafft durch Investierung in Humankapital anstelle von direkten
Zahlungen. Anstelle des Sozialstaates will er den <Sozialinvestitionsstaat>
setzen. Gemäss Giddens könne niemand sagen, <ob der globale
Kapitalismus in Zunkunft genügend arbeit schaffen wird [...]>, weshalb
er für die <Umverteilung> der Arbeit eintritt. Er zitiert hierzu Jeremy
Rifkin: das Hewlett-Packard-Werk in Grenoble ist 24 Stunden pro Tag
in Betrieb. Trotz der Einführung der 30-Stunden-Woche gegenüber
der früheren 37.5-Stunden-Woche ist dort die Arbeitsproduktivität
nun bedeutend höher.
Am Schluss wendet sich Giddens noch gegen den <Marktfundamentalismus>.
Er zeigt sich unter anderem beunruhigt darüber, dass täglich
Devisengeschäfte im Wert von einer Billion Dollar gemacht werden,
wobei 95 % davon Spekulations- und Arbitragegeschäfte sind. Das neoliberale
Rezept der Deregulierung würde in seinen Augen die Verwerfungen nur
noch verstärken. Als Alternative verweist er auf feste Wechselkurse
oder die Tobin-Steuer.
Auch die Einrichtung eines <wirtschaftlichen Sicherheitsrates innerhalb
der Vereinten Nationen> sei erwägenswert.
New Labour müsse mehr als nur <Medien-Know-how> anbieten, um
die Sozialdemokratie wiederbeleben zu können, meint Giddens. Wohl
war. Mit seinem Buch der dritte Weg glaubt er aufgezeigt zu haben, dass
die sozialdemokratischen Debatten <ein gehaltvolles Programm> enthielten.
Sein Buch ist allerdings längst nicht so substantiell, wie er glaubt.
Mit einem <dritten Weg> hat es herzlich wenig zu tun. Vielfach übernimmt
er - zumindest in der Tendenz - liberale Ideen. Protektionismus und Korruption
seien zu bekämpfen, Dezentralisierung und Selbsthilfe zu fördern.
Giddens und Blair stehen mit diesen - nicht neuen Ideen - dort, wo die
deutschen und französischen Liberalen gerne hinmöchten. Also
kein Grund zur Beunruhigung. Sollen sie es ruhig <dritter Weg> nennen.
Nur hier und da scheinen Elemente von Old Labour durch. So, wenn Giddens
glaubt, die Arbeit sei beschränkt und es gälte, sie umzuverteilen.
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Anthony Giddens, geboren 1938, aus einfachen
Verhältnissen stammend, studierte an der University of Hull
Soziologie und Psychologie, machte ein masters on sport and society
an der London School of Economics (LSE). Ende der 60er war er ein
Theoretiker der Linken, anscheinend war er Neomarxist. 1970 ging er nach
Cambridge, wo er zuerst neun Mal abgewiesen wurde, ehe er reader
werden konnte. Von 1985 bis 1996 lehrte er dort am King's College Soziologie.
Seit 1997 ist er Direktor der LSE. Sein Hauptwerk Strukturationstheorie
erschien 1984. Er zählt zu den Beratern Tony Blairs und gilt als New
Labours Vordenker. Zweifach geschieden, mit zwei erwachsenen Töchtern
aus erster Ehe, wurde er für sein Buch The Tranformation of Intimacy
(1992) angegriffen. Er trat für Beziehungen auf Zeit ein, nur solange
sie gegenseitig befriedigend seien. Die Feministin und Soziologin Jean
Seaton warf ihm vor, für <relationships without responsability>
einzutreten; auch bezüglich der Globalisierung hat sie das Heu nicht
auf der gleichen Ebene wie Giddens, der übrigens sein Soziologie-Textbuch
über seinen eigenen Verlag, Polity Press, über 400'000
verkauft hat.
Anthony Giddens: Jenseits von Links und
Rechts, Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag, 1997, 339 S. (Englische
Originalausgabe: Beyond Left and Right. The Future of Radical Politics,
1994).
Anthony Giddens: Der dritte Weg,
Frankfurt a.M., Suhrkamp Verlag, 1999, 178 S. (Englische Originalausgabe: The
Third Way. The Renewal of Social Democracy, London, Polity Press, 1998).
Ian Hargreaves: geboren am 18.6.1951,
studierte am Queens' College Cambridge Englisch und Französisch.
Arbeitete kurz als communitiy worker (Sozialarbeiter), danach als
Lehrer, später als Journalist, vor allem elf Jahr lang für die
Financial
Times (FT). 1987 ging er als Managing Editor, danach Director zu BBC
News and Current Affairs. 1990 kehrte er als Deputy Editor zur FT
zurück. 1994 Editor des Independant, 1996-98 Editor des New
Statesman, seither Director of the Centre of Journalism Studies an
der Cardiff University. Er ist Mitgründer und Mitglied des
advisory council von Demos, einem unabhängigen think tank.
Geoff Mulgan: Gründer und Direktor von
Demos,
1993 gegründet, <to help reinvigorate thinking about public policy>.
Er ist visiting professor an der University of London, war Berater
Gordon Browns von 1990 bis 1992 und ist seit 1997 Policy Advisor von Tony
Blair. Zu seinen Publikationen zählen: Life after politics,
Fontana Press, 1997; Connexity, Jonathan Cape, 1997; Politics
in an antipolitical age, Polity, 1994 (Giddens' Verlag).
R.H. Frank, P.J. Cook: The Winner-Take-All
Society, New York, Free Press, 1995.
Jeremy Rifkin: The End of Work, New York,
Putnam's, 1995 (Deutsch: Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft, Frankfurt,
Campus, 1995).
Mahbub ul Haq u.a.: The Tobin Tax,
Oxford, Oxford University Press, 1996.
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