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Nr. 44, Januar 2003
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Die Collection FNAC
Le Fonds national d'art contemporain
Die Ausstellung zeitgenössischer Kunst "French Collection" im Mamco in Genf

Artikel vom 19. Januar 2003
 
Der 1976 gegründete französische Fonds national d'art contemporain, kurz Fnac genannt, kümmert sich, wie der Name sagt, um die zeitgenössische Kunst. In gut 25 Jahren sind so rund 70,000 Werke zusammen gekommen, von denen etwa 18,000 seit 1991 in einem modernen Gebäude bei der Défense in Paris aufbewahrt werden.
 
Der Fnac ist kein Museum, sondern die Werke des Fonds werden vor allem in Museen der französischen Provinz, nationalen Palästen und Residenzen, Kirchen, Ministerien und Botschaften ausgestellt. Jährlich werden so rund 2000 Kunstwerke in etwa 300 Ausstellungen gezeigt.
 
Den Franzosen wird oft (nicht ganz zu unrecht) vorgeworfen, einen kulturellen Chauvinismus zu betreiben. Insofern ist es bemerkenswert, dass sich der Fnac keineswegs der Nabelschau der nationalen Kunstproduktion verschrieben hat, sondern im Gegenteil zeitgenössische Kunst aus aller Welt ankauft. Der Fnac betont ausdrücklich seine xénophilie (Ausländerfreundlichkeit).
 
Die drei Kommissionen des Fnac, unterteilt in "arts plastiques", "photographie" und "art décoratifs, métiers d'art, création industrielle", die alle drei Jahre ausgewechselt werden, haben bisher über 19,000 Kunstwerke angekauft. Zur Zeit beträgt das jährliche Budget dazu 3,2 Millionen Euros.

Heute geht die Ausstellung "French Collection" der Collection FNAC im Muséee d'art moderne et contemporain (Mamco) im schweizerischen Genf zu Ende, die Werke von 49 zeitgenössischen Künstlern auf fünf Etagen präsentiert, darunter 26 Kunstschaffende, deren Arbeiten zuvor noch nie im Mamco zu sehen waren. Die Kunstwerke des Fnac werden dabei jenen aus den Beständen des Genfer Museums gegenübergestellt.
 
Die nebenstehenden Fotos zeigen Kunstwerke, die ihm Rahmen der Ausstellung "French Collection" im Mamco in Genf zu sehen waren. E Che Homo des 1959 in Brüssel geborenen und heute in Paris wohnhaften Olivier Blanckart ist eine Installation mit neun Personen. Wie in anderen plastischen Werken interpretiert Blanckart eine emblematische Fotografie neu, in dreidimensionaler Form, mit Hilfe von Karton, Klebeband und Verpackungspapier. Hier geht es um Fotografien zum Tod von Che Guevara im Jahr 1967, in denen der Revolutionär Christus ähnelt, wie er vom Meister der oberitalienischen Frührenaissance, Andrea Mantegna (1431-1506), dargestellt wurde.
 
Das Werk von Blanckart ist mehrdeutig. Es weist darauf hin, dass unsere Wahrnehmung von unser Kultur abhängig ist, hier vom Christentum und dem Wissen um die Darstellung von Christus. Religiöse, ideologische, politische oder soziale Ikonen beeinflussen sich gegenseitig, eine "reziproke Ikonisation" findet statt: Christus, Mantegna, Che Guevara. Der Werktitel E Che Homo ist eine Anspielung auf das Ecce Homo des fünften römischen Statthalters von Judäa, Pontius Pilatus, mit dem dieser den dornengekrönten Jesus dem Volke vorstellte.
 
Die Wahl der von Blanckart in seiner Arbeit verwendeten Materialen ist nicht zufällig: Karton, Klebeband und Verpackungspapier verwandeln ein Objekt in eine Ware der Konsumgesellschaft. Massengesellschaft, Ikonen der Massen und Darstellung der Ikonen bedingen sich (Che Guevara auf T-Shirts ist eine andere Konsequenz dieses Sachverhalts). Kurzum, Blanckarts Werk ist bewusst vieldeutig und tiefschichtig.
 
Daneben realisiert Blanckart auch Fotografien, in denen er sich mit den Gesichtszügen von mediatisierten Persönlichkeiten wie dem 1936 geborenen französischen Schriftsteller Philippe Sollers oder dem 1986 verstorbenen Schauspieler und Komiker Coluche abbildet.
 
Vom 1949 im kanadischen Vancouver geborenen und dort auch heute noch lebenden Rodney Graham ist die neunminütige Videoinstallation Vexation Island zu sehen. Die Szene spielt nicht auf einen Piratenfilm an, sondern auf Robinson Crusoe. Die Videoinstallation zeigt in einer Endlos-Schlaufe einen Mann, der mit seinem Papagei auf einer einsamen Insel gestrandet ist. Nach einiger Zeit steht der Mann auf, geht zu einer Palme und rüttelt daran, bis eine Kokosnuss herunter fällt und ihn K. o. schlägt. Danach beginnt der Film neu. Der Mann nimmt seine Sisyphosarbeit wieder auf, auf ewig zum Scheitern verurteilt. Robinson Crusoe wird zu einem Helden, dessen Geschichte auf der Insel einfach nicht beginnen kann.
 
Das Werk von Rodney Graham ist ebenfalls vielschichtig und kann z.B. auch als Auseinandersetzung mit dem Medienzeitalter gedeutet werden.
 
Übrigens: Vor einigen Wochen meldete eine Nachrichtenagentur die Anzahl an Menschen, die jährlich von herabfallenden Kokosnüssen erschlagen werden. Die genaue Zahl entfällt mir, doch war sie weit höher als die von bei Haiattacken getöteten Menschen. Hüten Sie sich also davor, an Kokospalmen zu rütteln bzw. darunter zu schlafen.
 
Das Musée d'art moderne et contemporain zeigt rund alle drei Monate neue Werke aus den eigenen Beständen bzw. Ausstellungen wie "French Collection", welche die Fahrt nach Genf immer wieder neu lohnen. Verbesserungswürdig ist die Ausschilderung. Wer nicht weiss, wo genau sich das Museum befindet, hat Mühe bei der Suche. Zur Hilfe: Es liegt nahe der Plaine de Plainpalais, direkt neben dem Musée Jean Tua de l'automobile, de la moto et du cycle sowie fast gegenüber dem sehenswerten Uhrenmuseum von Patek Philippe.
 
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Olivier Blanckart: E Che Homo. 1999. Installation.
Collection FNAC, Paris © photo droits réservés.
  

Rodney Graham: Vexation Island. 1997. Installation vidéo, 9 mn.
Collection FNAC, Paris © photo droits réservés.
 

Maurizio Cattelan: Sans titre. 1997. Autruche mâle naturalisée. 130X60X160 cm.
Collection FNAC, Paris © photo Galerie Emmanuel Perrotin.
 

 

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