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Peter O'Toole, Biografie, Biographie, Teil 3
Artikel vom 3. April 2003
 
Mit 21 gingen Peter O'Toole und Patrick O'Liver nach London, um sich an den Königlichen Akademien für darstellende bzw. bildende Kunst anzumelden. Auf dem Weg in die Hauptstadt machten sie in Stratford-upon-Avon halt, wo sie in einer Abendvorstellung Michael Redgrave als König Lear bewunderten. Peter O'Tooles Auffassung von Shakespeare wurde da geprägt und änderte sich nicht mehr grundlegend, was ihm später noch Probleme bereiten sollte).

Peter und Patrick gruben sich zum Schlafen in frisches Heu ein, ehe sie feststellten, dass es sich dabei um die Abdeckung von verrottendem Mist handelte. Am nächsten Morgen dufteten sie dementsprechend. Auf der Ladefläche eines Lastwagens kamen sie nach London, wo ihr Weg zur Pension an der Royal Academy of Dramatic Arts (RADA) vorbeiführte. Peter O'Toole entschied sich spontan, einen Blick hineinzuwerfen.
 
In der Eingangshalle traf er auf Kenneth Barnes, den brummigen Direktor der RADA, der ihn darüber aufklärte, dass eine Bewerbung mit einigem Papierkrieg verbunden sei. O'Toole packte seine Chance beim Schopf und fragte, ob es nicht unter Umständen - wie z.B. denen, dass er nun da sei - möglich wäre, die Präliminarien zu umgehen? Der Direktor fand ihn sympathisch und teilte dem jungen Mann mit, später am Nachmittag in sein Büro zu kommen. Dort erklärte er, dass nur 10% der Kandidaten zum zweiten Durchlauf zugelassen würden, wobei nochmals zwei Drittel der Bewerber ausgeschieden würden. Die nicht eben niedrigen Studiengebühren seien im voraus zu bezahlen, aber es gäbe diverse Stipendien. Ob er fürs Vorsprechen bereit sei? O'Toole bejahte und bekam ein zweiseitiges Dokument in die Hand gedrückt. Man sehe sich dann - übermorgen.
 
In 48 Stunden musste Peter einen auf Sir Kenneths Liste aufgeführten Monolog auswendig lernen und zudem einen selbstgewählten Text vorbereiten. Zwei Tage später schaffte es der 188 Zentimeter grosse Blonde, die erste Hürde zu nehmen. Zwei Wochen später sollte die zweite anstehen.
 
Doch dann kam der Schock. Die Royal Navy, inzwischen in den Koreakrieg verwickelt, rief den Reservisten O'Toole zurück. Er konnte noch zum zweiten Vorsprechtermin an die Akademie, doch dann verbrachte er einige Wochen auf See. Es war ihm nun klar, dass er Schauspieler werden wollte. Zurück in einer englischen Hafenstadt, las er das Telegramm seiner Eltern, dass die RADA ihn nicht nur als Schüler für das Wintersemester 1953 aufgenommen hatte, sondern dass sie ihm auch ein Stipendium gewährte. Das Semester hatte allerdings bereits 10 Tage zuvor begonnen.
 
An der RADA schätzte Peter O'Toole Lehrer wie Dame Sibyl Thorndyke, die von G.B. Shaw einst persönlich als seine erste "Jeanne d'Arc" ausgewählt worden war. Sie war an der Akademie für die Sprechausbildung zuständig. Sein wohl wichtigster Lehrer wurde Ernest Milton. Bei ihm engagierte sich Peter weit über das übliche Mass normaler Studenten hinaus. Er las nicht nur die anstehenden Stücke und lernte seine Texte, sondern durchwühlte auch sämtliche Bücher in Bezug zum jeweiligen Werk.
 
Dass er nur vor Lehrern und Schülern auftrat, änderte nichts an seinem Engagement. Doch das machte ihn für sein Umfeld bereits damals schwierig: Seine grösste Stärke und Schwäche war seine Sturheit, mit der er an gewonnenen Überzeugungen festhielt. Zudem war er höchst unpünktlich, weil er oft Abende und Nächte lebenshungrig in Theatern, Kinos, Galerien, Music Halls und anderswo verbrachte und so Teil der Londoner Szene wurde. Zusätzlich erleichterte es ihm sein Alkoholkonsum nicht, rechtzeitig aus den Federn zu kommen. Dazu kamen Wutausbrüche. Doch obwohl die RADA für gründliches Aussortieren bekannt war, stand O'Tooles Verbleib an der Akadmie nie in Frage. Ihm wurde vergeben, denn er hatte Energie und Talent.
 
Der RADA-Jahrgang 1953 war von aussergewöhnlicher Qualität. Neben O'Toole waren da Roy Kinnear, Bryan Pringle (der als Klassenbester mit der Bancroft-Medaille ausgezeichnet wurde), Richard Harris, Alan Bates, Albert Finney und Ronald Fraser.
 
Harris, Pringle und Finney gehören noch heute zu O'Tooles Freunden. Sein engster Freund jedoch blieb O'Liver. Dazu kamen die Mädchen, insbesondere eine dunkelhaarige und dunkeläugige Studentin aus Chicago, die wohl seine erste erfüllte Liebe wurde, über deren Namen er sich aber als Gentleman in Herzensangelegenheiten in seinen Memoiren ausschweigt. Sie blieben ein Jahr lang ein Paar, bis sie in die USA zurückkehrte.

Ein Zubrot verdiente sich Peter mit Nebenjobs, so auf einer Baustelle. Mit der Schauspielerei konnte er noch nichts verdienen. Oft verletzte er sich dabei. So auch 1955, als er bei der Abschlussvorstellung seiner Klasse im Little Theatre der Royal Academy auf der Bühne hinkte, weil er zuvor auf der Autobahn mit einem Lastwagen zusammen gestossen war und zuerst ins Spital musste. Peters Freund, mit dessen Auto sie bei O'Tooles Eltern in Leeds gewesen waren, hatte sich dabei sogar ernsthaft verletzt. Peters Auftritt war dennoch brillant. Leider streikten damals gerade die Drucker, weshalb die Zeitungen darüber nicht berichteten. Doch er zweifelte nicht mehr an seiner Zukunft als Schauspieler.
 
Im zentralistischen England konzentrierte sich die Theaterszene auf London. Die Theatergruppen wurden selten grosszügig unterstützt und spielen daher oft "en suite", ein Stück nach dem anderen. Deshalb entschied sich Peter O'Toole, sich eines der wenigen Repertoiretheater auszusuchen, das Bristol Old Vic. Zumindest 1955 spielten dort noch ausgezeichnete Schauspieler. Bristol war keinesfalls Provinz. Damals war das Theater ein Tochterunternehmen der Londoner Old Vic Company. Nach Bristol kamen nicht nur die Absolventen der Royal Academy, sondern auch der Theaterschule des Old Vic zum Casting. Daneben sandten alle Londoner Theateragenten ihren Nachwuchs. Peter O'Toole ging direkt nach Bristol, ohne Agenten. Er kam als einer der Letzten zum Casting. Zudem war der Direktor John Moody erkrankt. Sein Assistent Nat Brenner hörte sich die Vorsprechenden an.
 
Nach drei Jahren RADA war bei Peter der breite Yorkshire-Dialekt ebenso wie das Lispeln verschwunden, die Stimme hatte sich gesetzt. O'Toole überzeugte Nat Brenner als Cyrano de Bergerac. Ohne Rücksprache bei seinem Chef engagierte der junge Regisseur den Nachwuchsschauspieler, obwohl die Company bereits keine freie Stelle mehr hatte. Er bat gar John Moody, für eine der nächsten Produktionen, die eigentlich schon vollständig besetzt war, Platz für Peter O'Toole zu schaffen.
 
John Moody, obwohl von Peters Starqualitäten überzeugt, ersparte dem Schauspieler nicht die "Ochsentour". O'Toole bekam viele Auftritte, zuerst aber nur in kleinen Rollen. Solche gibt es ja nicht, sondern nur kleine Schauspieler. Peter überwältigte mit seiner Präsenz selbst in Kurzauftritten. Zudem lernte er Disziplin und achtete den Rat von John Moody, der gleichzeitig das Talent und die Persönlichkeit von O'Toole respektierte. Die Biografien Binder schreibt dazu, dass Peter wohl nie wieder so "zahm" gewesen sei wie in jenen Jahren in Bristol. Von dem Haus sagte er später, dass er ihm alles verdanke, was er sei und könne.
 
Bald kamen auch die Hauptrollen, so die des Vladimir in Becketts Warten auf Godot. Kritiker schrieben dazu, Peter sei einer jener Schauspieler, die das Bristol Old Vic zu einer der wichtigsten englischen Repertoirekompanien machten.
 
Neben den Hauptrollen entdeckte O'Toole seine Leidenschaft für das Cricket wieder, das er mit der ihm eigenen Intensität betrieb. Daneben feierte er auf Partys, wenn er nicht, wie für seine hübsche Schwester Patricia, die als Stewardess den Geschäftsmann Derek Combs kennengelernt und später geheiratet hat, selbst eine gab. Mehrmals verbrachte Peter Nächte in Polizeizellen wegen "Erregung öffentlichen Ärgernisses" in betrunkenem Zustand. Ohne Führerschein fuhr er Auto, oft zu schnell, parkte am falschen Ort oder fuhr in einer Nacht eine Treppe hinunter. In Bristol soll er zudem zwei Autos zusammen gefaltet haben. Seine Lebenslust hatte auch etwas Selbstzerstörerisches.
 
Am meisten beunruhigte seine Kollegen Peters Faszination am Absonderlichen im Menschen. Er kultivierte oft Freundschaften mit Leuten, die von seiner Umgebung als Psychopathen beschrieben wurden.
 
Am Theater kam O'Toole oft zu spät. Als junge hatte er an extremer Schlaflosigkeit gelitten. Er konnte oft stundenlang nicht einschlafen, wälzte sich hin und her, bis er in einen "fast komatösen Erschöpfungsschlaf" fiel. Damals wusste man noch nicht, dass Alkohol das Problem verschlimmerte. Ihm fehlte das Eintauchen in die Tiefschlafphase, weshalb er sich nicht wirklich erholen konnte.

Der ortsansässige Kammerjäger wurde engagiert, um Peter jeden Morgen aus dem Schlaf zu holen. Als das Hämmern an die Tür nicht half, händigte ihm O'Toole einen Schlüssel aus, damit ihn der Kammerjäger notfalls aus dem Bett zerren konnte.
 
Binder sieht in den Eskapaden O'Tooles ein Muster: "Du darfst das, dir sieht man das nach, weil du etwas Besonderes bist". Peter suchte Bestätigung für die Individualität, die er bewahren wollte. Indem er immer wieder einmal gegen die Regeln verstiess, entlud sich der Druck, der auf ihm lastete. Er war sich wohl nicht ganz so sicher, wie er sich gab, dass er es nach ganz oben schaffen würde.
 
Fortsetzung folgt. 
 
Peter O'Toole Teil 1, Peter O'Toole Teil 2.




Die Biografie auf dieser Seite beruht auf Sibylle Luise Binder: Peter O'Toole. Ein Porträt. Henschel Verlag, Berlin, Juli 2002, 222 S. Buch bestellen bei Amazon.de.