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Nr. 47, Mai 2003
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Erich Honecker
Biografie, Biographie

Artikel vom 2. Mai 2003

 
Altkanzler Helmut Schmidt sagte über ihn: "Mir ist nie klar geworden, wie dieser mittelmässige Mann sich an der Spitze des Politbüros so lange hat halten können." Dieser Frage geht auch der Journalist Norbert F. Pötzl, der einst Stasi-Verbindungen von Manfred Stolpe und Gregor Gysi aufgedeckt hat, in seiner Honecker-Biografie nach. Nach der Lektüre der 384 Seiten hat der Leser zwar einige, aber keine völlig befriedigenden Antworten gefunden. Das liegt weniger am Biografen als vielmehr am DDR-System und an Erich Honecker. Wie der intellektuell von seinem Amt überforderte und rhetorisch limitierte ehemalige Dachdeckergehilfe, der seine Lehre nicht abschloss, an die Macht kommen und sich dort von 1971 bis 1989 halten konnte, bleibt teilweise ein Rätsel, auch wenn Pötzl einige überzeugende Erklärungen liefert.
 
Der 1912 in Neunkirchen, der zweitgrössten Stadt des Saarlandes geborene Honecker wurde bereits mit zehn Jahren von seinem Vater, einem Bergmann, in die regionale kommunistische Kindergruppe geschickt. Als umtriebiger Agitator wurde er vom Kommunistischen Jugendverband Deutschlands an die Schule der Kommunistischen Jugendinternationalen in Moskau delegiert, wo er vom August 1930 bis im Frühsommer 1931 fast ein Jahr lang Kurse besuchte, die in der Muttersprache der Schüler gehalten wurden. Kontakt mit Russen gab es kaum.

Im Sommer 1931 kam Honecker zusammen mit 27 anderen deutschen Jungkommunisten in einer internationalen Stossbrigade zu einem mehrwöchigen Arbeitseinsatz im südlichen Uralgebirge. Es galt, ein metallurgisches Kombinat zu errichten, das zu jenen ökonomisch unsinnigen und sozial fragwürdigen Monumentalbauten gehörte, die Stalin 1928 in seinem ersten Fünfjahresplan durchgesetzt hatte. Honecker schwärmte später von den "russischen Volksliedern und Liedern der Revolution", die nach getaner Arbeit "durch die Steppe [klangen]." Dabei verdrängte er das Schicksal der rund 50,000 Häftlinge, die in der Nähe der Baustelle als Zwangsarbeiter dahinvegetierten und deren Gesundheit beim Bau ruiniert wurde.

1933 wurde Honecker Teil des Widerstandes im Ruhrgebiet gegen die Diktatur. Er setzte sich für die Sammlung aller antifaschistischen Kräfte ein. Im Saarland agierte der spätere SPD-Spitzenpolitiker Herbert Wehner, damals Kandidat des KPD-Politbüros und ab 1930 KPD-Abgeordneter im sächsischen Reichstag, als einer der Baumeister der antifaschistischen Einheitsfront. Das sich im Untergrund befindende KPD-Politbüro sandte Honecker im Herbst 1934 zurück ins Saargebiet, wo er zusammen mit Wehner im Vorfeld der Abstimmung zum Anschluss der Saar an das "Reich" die Provinz bereiste. Doch nicht einmal 10% der Bevölkerung stimmten für den von der KPD vertretenen Status quo. Honecker ging nach Paris ins Exil.

Zurück in Deutschland, erwischten ihn die Nazis 1935 und steckten ihn ins Zuchthaus, wo er bis 1945 blieb. Nach dem Krieg wurde er, der nur acht Jahre Volksschulausbildung hatte, mit dem Aufbau der 1946 gegründeten kommunistischen Jugendorganisation FDJ betraut. Als am 16. Juni 1953 eine Mehrheit im SED-Politbüro gegen Ulbricht aufbegehrte, stand nur zwei Mann zum Parteichef. Einer davon war Honecker. Gemäss Pötzl wäre Honecker wohl mit Ulbricht untergegangen, wenn nicht der Arbeiteraufstand vom folgenden Tag dazwischen gekommen wäre, auf den die Sowjets mit Panzern antworteten. Doch bereits im Juli wackelte Ulbrichts Stuhl erneut. Und wieder standen ihm nur die zwei gleichen Männer, also auch Ulbricht, zur Seite. Dann fiel Berija in Russland und Ulbricht konnte nochmals Zeit gewinnen. Er liess einige Kritiker kaltstellen. 

Honeckers Stellvertreter und engster Mitarbeiter flüchtete in den Westen. Zudem kam eine grosse Zahl von FDJ-Karteileichen zum Vorschein. Der Mitgliederschwund und die Flucht des Mitarbeiters liessen das Politbüro die FDJ durch eine Kommission zu durchleuchten. Honecker Verbleib im Politbüro wurde von Grotewohl in Frage gestellt. Ulbricht delegierte daraufhin Honecker an die Parteihochschule der KPdSU nach Moskau. Das war allerdings nicht wirklich eine Strafe, sondern bedeutete die Vorbereitung auf höhere Aufgaben. Bis im Mai 1955, als er schon 43 war, amtete Honecker noch als Chef der FDJ.

Honecker konnte kaum russisch, studierte aber in Moskau. Bentzien sollte ihm Nachhilfeunterricht geben. Doch das half nichts, da Honecker selbst Grundkenntnisse des Deutschen fehlte. Er gab daher das Studium der russischen Sprache auf. Dennoch absolvierte er das Studium mit positiver Abschlussbeurteilung. Kaum war er zurück in Berlin, ernannte ihn Ulbricht 1956 zum ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Er war zuständig für die Nationale Volksarmee, die Polizei und die Staatssicherheit.

Die Unruhen in Polen und Ungarn im Herbst 1956 lieferten Ulbricht den Vorwand, die drohende "Konterrevolution" in der DDR zu bekämpfen. Zusammen mit Honecker ging er gegen innerparteiliche Gegner und kritische Intellektuelle vor. In einem fast zwei Jahre dauernden Machtkampf zwischen Ulbricht/Honecker und Schirdewan/Wollweber, wobei Mielke Ulbricht/Honecker ständig Informationen über Wollebers vertrauliche Kontakte lieferte und den Stasi-Chef als "Alkoholiker" denunzierte. Das MfS wurde der Aufsicht des ZK-Sekretärs Honecker unterstellt. Als Aufpasser installierte dieser zwei alte Kumpel. Im Februar wurden Wollweber, Schirdewan und Oelssner als "Parteifeinde" aus dem ZK ausgeschlossen. Honecker hielt die Anklagerede. Dafür belohnte ihn Ulbricht mit der Vollmitgliedschaft im Politbüro.

Honecker wachte darüber, dass keine neue Opposition aufkam und gab die Parole heraus: "Wer Walter Ulbricht angreift, greift die Partei an." Aus Sicherheitsgründen zog zog fast das gesamte Politbüro im Sommer 1960 in die Waldsiedlung Wandlitz nördlich von Berlin um. Honecker war als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen Ende der 1950er Jahre mit entsprechenden Planungen beauftragt worden.

Zu Beginn der 1960er Jahre verschärfte sich das Problem der "Republikflüchtlinge". Menschen, die nach politischen, persönlichen und beruflichen Freiheiten strebten, erlagen in steigender Zahl den Verlockungen des kapitalistischen Westens. Ulbricht bedrängte Chruschtschow, die Abwanderung müsse durch eine wirksame Grenzsicherung unterbunden werden. Am 16. März 1961 legte er dem ZK der SED erstmals sein Vorhaben vor, das die Schliessung der Berliner Sektorengrenze vorsah. Ein Haupteinsatzstab unter der Leitung von Honecker wurde gebildet. Damals galt noch Alfred Neumann als Kronprinz Ulbrichts, doch Honecker begann sich nun Hoffnungen zu machen, einst Ulbricht beerben zu können. Am 13. August 1961, um 1 Uhr früh, war es soweit: Der Mauerbau begann. Kennedy, McMillan, de Gaulle und Adenauer reagierten nicht (sofort). Einzig Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt, Kanzlerkandidat der SPD, brach seine Wahlkampftour in Westdeutschland ab und stand am selben Abend vor dem Brandenburger Tor. Bis 1989 sollten an der Mauer fast tausend Menschen zu Tode kommen. Honecker war der Erbauer und Gestalter des Todesstreifens, ohne den an der Grenze nichts ging. Am 20. September 1961 gab er seinem Zentralen Stab den Befehl: "Gegen Verräter und Grenzverletzer ist die Schusswaffe anzuwenden." Am 3. Mai 1974 fasste Honecker die gängige Praxis als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates mit den Worten zusammen, die als der "Schiessbefehl" gelten: "Nach wie vor muss bei Grenzdurchbruchsversuchen von der Schusswaffe rücksichtslos Gebrauch gemacht werden, und es sind die Genossen, die die Schusswaffe erfolgreich angewandt haben, zu belobigen."

Ab 1963 ging Honecker, der bis dahin treue Gefolgsmann, auf einen zunächst verdeckten, später immer offeneren Konfrontationskurs zu Ulbricht, vor allem in der Deutschland-, der Kultur- und der Wirtschaftspolitik, vor allem aus Machtstreben und Lust am Widerspruch, denn später, als er selbst an der Macht war, griff er die Politik seines Vorgängers in diesen Bereichen wieder auf: die Gesprächsbereitschaft gegenüber der Bonner Regierung, die Liberalisierung der Kunst und die Öffnung zur Marktwirtschaft. Einen Verbündeten fand Honecker in Günter Mittag, selbst ein Protégé von Ulbricht.
 
Zu Teil 2 der Honecker-Biografie.
 

Dieser Artikel b
asiert auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA, 2002, 384 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 

 

 

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