Erich Honecker:
Biografie, Biographie Teil 2
Artikel vom 2. Mai 2003
Ulbricht entgingen Honeckers Absetzungsversuche nicht. Im Frühjahr 1963
kritisierte er Honecker erstmals scharf und öffentlich, indem er die
Jugendpolitik der FDJ und ihren "administrativen Stil, den die Jugend nicht
versteht", bemängelte. Während einer urlaubsbedingten Abwesenheit
Honeckers entmachtete Ulbricht dessen Vertrauten Paul Verner als Leiter der
Jugendkommission.
1961 hatte Chruschtschow in der Sowjetunion Reformen eingeleitet. In der
Kubakrise im Jahr darauf hatte seine Machtstellung allerdings stark gelitten. Ulbricht
setze allerdings immer noch voll auf Chruschtschow, mit dem er 1942 in
Stalingrad das Weihnachtsfest gefeiert hatte. Leonid Breschnew entwickelte
sich in der UdSSR zum zweiten Mann im Staat. 1964 kam er in die DDR, wo er von
Ulbricht bedrängt wurde, der ihm darlegen wollte, was in der Sowjetunion
alles falsch und wie vorbildlich die DDR sei. Nach dem Essen schützte
Breschnew Unwohlsein vor. Der wütende Ulbricht sandte am darauffolgenden Tag
Honecker mit dem Russen auf die Jagd. Eine unbesonnene Entscheidung, denn das
war der Beginn einer beinahe zwei Jahrzehnte dauernden Männerfreundschaft.
Einen Tag bevor Chruschtschow am 16.Oktober 1964 gestürzt wurde, kündigte
Breschnew dies Honecker telefonisch mit. Ulbricht dagegen erfuhr davon erst
aus den Westnachrichten. Für Pötzl war das Nichterkennen der Allianz von
Breschnew und Honecker "die wohl folgenschwerste Fehlleistung in
Ulbrichts langem politischen Leben."
Intellektuelle und Künstler empfanden die von Ulbricht 1963 vorsichtig
verordnete Liberalisierung in der Jugend- und Kulturpolitik als "Wende
von oben" und "Tauwetter-Periode". Älteren galt vieles, so die
"Negermusik" und die langen Haare, als dekadent. Honecker liess mit
Hinblick auf die DDR die Jugendpolitik der UdSSR untersuchen und berief am 11.
Oktober 1965 eine ausserordentliche Sitzung des ZK-Sekretariats "zu
einigen Fragen der Jugendarbeit und dem Auftreten von Rowdy-Gruppen" ein,
mit dem Zweck, Kurt Tuba zu entmachten, was in der Folge auch geschah.
Honecker gebärdete sich als Hardliner. Zu den von ihm attackierten Künstlern
gehörten Wolf Biermann, Stefan Heym und Heiner Müller. Als Ulbricht
Honeckers Strategie erkannte, schwenkte auch er um und entdeckte ein Komplott
der Kulturfunktionäre gegen die DDR, sah die Konterrevolution keimen.
Spielfilme und Theaterstücke wurden verboten. Kulturinstitutionen mussten
Selbstkritik üben. Ulbricht war mit seinen bescheidenen Reformversuchen
gescheitert.
Als 1966 in der BRD die Grosse Koalition an die Macht kam, startete der SED-Chef
eine Friedensinitiative. Ulbricht schickte Ministerpräsident Stoph in die
UdSSR, um Breschnews Plazet einzuholen. Doch der KP-Chef lehnte die Initiative
ab, da er eigenmächtiges Handeln der SED in der Deutschlandfrage strickt
ablehnte. Honecker, der Stoph begleitete, stimmte Breschnew zu.
Mit der 1969 gewählten sozial-liberalen Koalition kam eine grundsätzliche
Neuorientierung der Bonner Ostpolitik. Am 19. März 1970 trafen sich Brandt
und Stoph in Erfurt, am 21. Mai 1970 in Kassel. Gegenüber Honecker tadelte
Breschnew Ulbrichts Deutschlandpolitik im Juli 1970. Ulbrichts
Wirtschaftsreform war bereits Jahre zuvor an Honeckers Widerstand gescheitert.
So auch die Jugend- und Kulturpolitik. Nun war die Deutschlandpolitik im
Visier Honeckers, der mit Breschnews Rückendeckung agierte. Am 30. Juli 1970
berief daher der SED-Chef an seinem 77. Geburtstag eine ausserordentliche
Politbürositzung für den folgenden Tag ein. Ohne Rücksprache mit Moskau
wurde Honecker als Zweiter Sekretär des ZK der SED abgesetzt. Breschnew
sandte seinen Botschafter, Abrassimow, zu Ulbricht, der den SED-Chef barsch
aufforderte: "[...] Sie holen das Politbüro zusammen und richten alles
wieder so her, wie es war." Am 7. Juli 1970 revidierte Ulbricht seine
spektakuläre Entscheidung.
Gemäss Pötzl hatte Honecker von den gescheiterten Palastrevolutionen von
1953 und 1956 (Hernstadt und Schirdewan) gelernt, dass es galt, rasch zu
handeln. Honecker musste sich bei Breschnew noch mehr anbiedern, doch dieser
war noch nicht bereit, den Machtkampf zugunsten Honeckers zu entscheiden.
Breschnew sondierte noch die Alternativen zu Honecker. Als sie von Abrassimov
gefragt wurden, nannten Stoph und andere jedoch nur Honecker als in Frage
kommend.
In der Sitzung des Politbüros vom 8. September 1970 trug Willi Stoph, in
Abwesenheit von Ulbricht, eine vernichtende Kritik an dessen
Wirtschaftspolitik vor. An der ZK-Tagung vom 9.-11. Dezember 1970 hielt sich
Honecker taktisch geschickt erneut zurück und überliess Paul Verner und
Willi Stoph die Aufgabe, die Wirtschaftspolitik zu kritisieren. Ulbricht
gestand in seinem Schlusswort Fehler bei der Planung ein, versuchte aber, sich
zu rechtfertigen. Die gesamte SED-Spitze lehnte es jedoch ab, Ulbrichts
Schlusswort wie gewohnt zu veröffentlichen. Der Parteichef wurde so schwer
gedemütigt. In seiner Neujahransprache versuchte Ulbricht nochmals, die
Initiative zurückzugewinnen, indem er der sozial-liberalen Koalition in Bonn
öffentlich Verständigungsbereitschaft signalisierte. Diese Eigenmächtigkeit
war für Honecker zuviel. Er wandte sich in einem zusammen mit dem
ZK-Abteilungsleiter für Agitation, Werner Lamberz, entworfenen Brief an
Breschnew, worin sie Ulbrichts Ablösung forderten. Auf Honeckers drängen hin
unterschrieben 13 von 20 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros das
Schreiben, das am 21. Januar 1971 bei Breschnew einging. Doch der nahm sich
Zeit. Erst am 11. April 1971, am Rande eines KPdSU-Parteitags, führte der
Kremlchef einzeln Gespräche mit Ulbricht und Honecker.
Einige Tage später brachte Lamberz die Nachricht aus Moskau mit: "Es ist
beschlossen." Honecker eilte sofort mit seinen mit Maschinenpistolen
bewaffneten Personenschützern in Ulbrichts Ferienhaus, wo er Tore und
Ausgänge besetzen und die Telefonverbindungen kappen liess. Nach einem
eineinhalbstündigen Gespräch unterschrieb Ulbricht sein Rücktrittsgesuch.
Am 27. April 1971 verkündete Ulbricht im Politbüro in einem mit Moskau
abgestimmten Text seine Abdankung. Honecker wurde am 3. Mai 1971 vom
Zentralkomitee zum Ersten Sekretär gewählt. Staatsratsvorsitzender durfte er
damals noch nicht werden, da die KPdSU eine Ämterhäufung und Machtfülle wie
bei Ulbricht verhindern wollte. Gemäss Breschnew sollte Ulbricht Mitglied des
Politbüros und Staatsratsvorsitzender bleiben. Ein Foto zum 78. Geburtstag
zeigte Ulbricht in Hausmantel, Trainingshose und Pantoffel in einem
Ohrensessel sitzend, wie er die Glückwünsche von Honecker entgegennahm. Das
Foto sollte die Gebrechlichkeit Ulbrichts vor Augen führen. Der alte Mann
verstarb am 1. August 1973.
Zu Teil 1 der
Honecker-Biografie, zur
Fortsetzung in Teil 3.
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Dieser Artikel basiert
auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA,
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