www.cosmopolis.ch
Nr. 47, Mai 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Erich Honecker: Biografie, Biographie Teil 2
Artikel vom 2. Mai 2003

 
Ulbricht entgingen Honeckers Absetzungsversuche nicht. Im Frühjahr 1963 kritisierte er Honecker erstmals scharf und öffentlich, indem er die Jugendpolitik der FDJ und ihren "administrativen Stil, den die Jugend nicht versteht", bemängelte. Während einer urlaubsbedingten Abwesenheit Honeckers entmachtete Ulbricht dessen Vertrauten Paul Verner als Leiter der Jugendkommission.
 
1961 hatte Chruschtschow in der Sowjetunion Reformen eingeleitet. In der Kubakrise im Jahr darauf hatte seine Machtstellung allerdings stark gelitten. Ulbricht setze allerdings immer noch voll auf Chruschtschow, mit dem er 1942 in Stalingrad das Weihnachtsfest gefeiert hatte. Leonid Breschnew entwickelte sich in der UdSSR zum zweiten Mann im Staat. 1964 kam er in die DDR, wo er von Ulbricht bedrängt wurde, der ihm darlegen wollte, was in der Sowjetunion alles falsch und wie vorbildlich die DDR sei. Nach dem Essen schützte Breschnew Unwohlsein vor. Der wütende Ulbricht sandte am darauffolgenden Tag Honecker mit dem Russen auf die Jagd. Eine unbesonnene Entscheidung, denn das war der Beginn einer beinahe zwei Jahrzehnte dauernden Männerfreundschaft. Einen Tag bevor Chruschtschow am 16.Oktober 1964 gestürzt wurde, kündigte Breschnew dies Honecker telefonisch mit. Ulbricht dagegen erfuhr davon erst aus den Westnachrichten. Für Pötzl war das Nichterkennen der Allianz von Breschnew und Honecker "die wohl folgenschwerste Fehlleistung in Ulbrichts langem politischen Leben."
 
Intellektuelle und Künstler empfanden die von Ulbricht 1963 vorsichtig verordnete Liberalisierung in der Jugend- und Kulturpolitik als "Wende von oben" und "Tauwetter-Periode". Älteren galt vieles, so die "Negermusik" und die langen Haare, als dekadent. Honecker liess mit Hinblick auf die DDR die Jugendpolitik der UdSSR untersuchen und berief am 11. Oktober 1965 eine ausserordentliche Sitzung des ZK-Sekretariats "zu einigen Fragen der Jugendarbeit und dem Auftreten von Rowdy-Gruppen" ein, mit dem Zweck, Kurt Tuba zu entmachten, was in der Folge auch geschah. Honecker gebärdete sich als Hardliner. Zu den von ihm attackierten Künstlern gehörten Wolf Biermann, Stefan Heym und Heiner Müller. Als Ulbricht Honeckers Strategie erkannte, schwenkte auch er um und entdeckte ein Komplott der Kulturfunktionäre gegen die DDR, sah die Konterrevolution keimen. Spielfilme und Theaterstücke wurden verboten. Kulturinstitutionen mussten Selbstkritik üben. Ulbricht war mit seinen bescheidenen Reformversuchen gescheitert.

Als 1966 in der BRD die Grosse Koalition an die Macht kam, startete der SED-Chef eine Friedensinitiative. Ulbricht schickte Ministerpräsident Stoph in die UdSSR, um Breschnews Plazet einzuholen. Doch der KP-Chef lehnte die Initiative ab, da er eigenmächtiges Handeln der SED in der Deutschlandfrage strickt ablehnte. Honecker, der Stoph begleitete, stimmte Breschnew zu.
 
Mit der 1969 gewählten sozial-liberalen Koalition kam eine grundsätzliche Neuorientierung der Bonner Ostpolitik. Am 19. März 1970 trafen sich Brandt und Stoph in Erfurt, am 21. Mai 1970 in Kassel. Gegenüber Honecker tadelte Breschnew Ulbrichts Deutschlandpolitik im Juli 1970. Ulbrichts Wirtschaftsreform war bereits Jahre zuvor an Honeckers Widerstand gescheitert. So auch die Jugend- und Kulturpolitik. Nun war die Deutschlandpolitik im Visier Honeckers, der mit Breschnews Rückendeckung agierte. Am 30. Juli 1970 berief daher der SED-Chef an seinem 77. Geburtstag eine ausserordentliche Politbürositzung für den folgenden Tag ein. Ohne Rücksprache mit Moskau wurde Honecker als Zweiter Sekretär des ZK der SED abgesetzt. Breschnew sandte seinen Botschafter, Abrassimow, zu Ulbricht, der den SED-Chef barsch aufforderte: "[...] Sie holen das Politbüro zusammen und richten alles wieder so her, wie es war." Am 7. Juli 1970 revidierte Ulbricht seine spektakuläre Entscheidung.
 
Gemäss Pötzl hatte Honecker von den gescheiterten Palastrevolutionen von 1953 und 1956 (Hernstadt und Schirdewan) gelernt, dass es galt, rasch zu handeln. Honecker musste sich bei Breschnew noch mehr anbiedern, doch dieser war noch nicht bereit, den Machtkampf zugunsten Honeckers zu entscheiden. Breschnew sondierte noch die Alternativen zu Honecker. Als sie von Abrassimov gefragt wurden, nannten Stoph und andere jedoch nur Honecker als in Frage kommend.

In der Sitzung des Politbüros vom 8. September 1970 trug Willi Stoph, in Abwesenheit von Ulbricht, eine vernichtende Kritik an dessen Wirtschaftspolitik vor. An der ZK-Tagung vom 9.-11. Dezember 1970 hielt sich Honecker taktisch geschickt erneut zurück und überliess Paul Verner und Willi Stoph die Aufgabe, die Wirtschaftspolitik zu kritisieren. Ulbricht gestand in seinem Schlusswort Fehler bei der Planung ein, versuchte aber, sich zu rechtfertigen. Die gesamte SED-Spitze lehnte es jedoch ab, Ulbrichts Schlusswort wie gewohnt zu veröffentlichen. Der Parteichef wurde so schwer gedemütigt. In seiner Neujahransprache versuchte Ulbricht nochmals, die Initiative zurückzugewinnen, indem er der sozial-liberalen Koalition in Bonn öffentlich Verständigungsbereitschaft signalisierte. Diese Eigenmächtigkeit war für Honecker zuviel. Er wandte sich in einem zusammen mit dem ZK-Abteilungsleiter für Agitation, Werner Lamberz, entworfenen Brief an Breschnew, worin sie Ulbrichts Ablösung forderten. Auf Honeckers drängen hin unterschrieben 13 von 20 Mitgliedern und Kandidaten des Politbüros das Schreiben, das am 21. Januar 1971 bei Breschnew einging. Doch der nahm sich Zeit. Erst am 11. April 1971, am Rande eines KPdSU-Parteitags, führte der Kremlchef einzeln Gespräche mit Ulbricht und Honecker.

Einige Tage später brachte Lamberz die Nachricht aus Moskau mit: "Es ist beschlossen." Honecker eilte sofort mit seinen mit Maschinenpistolen bewaffneten Personenschützern in Ulbrichts Ferienhaus, wo er Tore und Ausgänge besetzen und die Telefonverbindungen kappen liess. Nach einem eineinhalbstündigen Gespräch unterschrieb Ulbricht sein Rücktrittsgesuch. Am 27. April 1971 verkündete Ulbricht im Politbüro in einem mit Moskau abgestimmten Text seine Abdankung. Honecker wurde am 3. Mai 1971 vom Zentralkomitee zum Ersten Sekretär gewählt. Staatsratsvorsitzender durfte er damals noch nicht werden, da die KPdSU eine Ämterhäufung und Machtfülle wie bei Ulbricht verhindern wollte. Gemäss Breschnew sollte Ulbricht Mitglied des Politbüros und Staatsratsvorsitzender bleiben. Ein Foto zum 78. Geburtstag zeigte Ulbricht in Hausmantel, Trainingshose und Pantoffel in einem Ohrensessel sitzend, wie er die Glückwünsche von Honecker entgegennahm. Das Foto sollte die Gebrechlichkeit Ulbrichts vor Augen führen. Der alte Mann verstarb am 1. August 1973.

Zu Teil 1 der Honecker-Biografie, zur Fortsetzung in Teil 3.
 

Dieser Artikel b
asiert auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA, 2002, 384 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 

 

www.cosmopolis.ch
Nr. 47, Mai 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.