Erich Honecker:
Biografie, Biographie Teil 3
Artikel vom 3. Mai 2003
In den "goldenen siebziger Jahren"
hatte Wohnungsbau für Honecker oberste Priorität. Er versprach, bis 1990 die
Wohnungsfrage durch 2,8 bis 3 Millionen Neuwohnungen zu lösen. An Qualität
und Ästhetik wurden keine hohen Anforderungen gestellt. So entstanden die
"Arbeiterschliessfächer" und "Schnarsilos", wie sie im
Volksmund genannt wurden, aus industriell vorgefertigten Elementen und
genormten Teilen. Honecker sah darin einen grossen Erfolg. Doch als er am 12.
Oktober 1988 einem verdienten Werktätigen die angeblich dreimillionste
Wohnung übergab, waren in Tat und Wahrheit erst 1,9 Millionen Wohnungen neu
gebaut oder vollständig saniert worden.
Der bescheidene "Wohlstand" hatte den Hacken, dass sich die
Konsumschraube nicht zurückdrehen liess. Im Sommer 1977 kam es bei der "Kaffeekrise"
zu einem "veritablen Verbraucheraufstand", bemerkt Pötzl. Als die
Weltmarktpreise für Kaffee in den Himmel schossen, konnte die DDR nicht mehr
die gewohnten Quantitäten kaufen und produzierte deshalb einen mit Zichorie,
Spelzen, Roggen, Gerste und getrockneten Zuckerrübenschnitzeln gestreckten
Muckefuck unter dem Namen "Kaffee-Mix", der von der Bevölkerung als
"Erichs Krönung" verspottet wurde. Zudem ruinierte das
ungeniessbare Gebräu die Kaffeemaschinen in Grossküchen und Gaststätten.
Auf die Kaffeekrise folgte ein "Bettwäschekrieg". Um an der
Preisschraube drehen zu können, sorgte das Ministerium für Handel und
Versorgung dafür, dass die Erzeuger neue Produkte in anderer Verpackung oder
unter anderem Namen produzierten. Als Gerüchte von höheren Preisen für
Baumwollerzeugnisse kursierten, kam es zu Hamsterkäufen. Zucker, Mehl, Kakao,
Zigaretten und andere Produkte wurden von den DDR-Bürgern sofort gehortet,
sobald Teuerungen angesagt wurden.
Honecker beendete definitiv die Wirtschaftsreformen der sechziger Jahre mit
ihren marktwirtschaftlichen Ansätzen. Er schaffte die Privatbetriebe
weitgehend ab, also auch noch die letzten selbständigen Industrie- und
Handelsbetriebe, die noch relativ rentabel arbeiteten. Den Abschluss dieser
Phase meldete er Breschnew am 13. Juli 1972.
Die Intershops waren ab 1.
Februar 1974 nicht nur für Westbesucher, sondern nun auch DDR-Bürgern zugänglich,
sofern sie Devisen hatten. Das schuf eine Zweiklassengesellschaft. Damit
setzte ein Run auf Westwaren ein, Ostprodukte wurden als minderwertig
betrachtet. Im September 1977 sprach Honecker das Problem an. Die Intershops
seien "kein ständiger Begleiter des Sozialismus". Doch die zuletzt
450 Läden blieben bis zum Ende der DDR bestehen. Sie tarnten sich bis zum
Schluss, indem sie schaufensterlos blieben.
Honecker versuchte neben dem materiellen auch das
kulturelle Lebensniveau zu heben. Auf dem 4. Plenum des ZK der SED im Dezember
1971 kündigte er den kulturellen Frühling an. Volker Brauns Unvollendete
Geschichte sowie drei bis dahin unveröffentlichte Romane von Stefan Heym
durften danach erscheinen. Günter Kunert und Stephan Hermlin waren wieder
gelitten. Erstaunlich, wenn man bedenkt, das Honecker 1965 die oben erwähnten
Attacken gegen die Kulturschaffenden geritten hatte. Doch bereits im November
1976 ging es mit der Aufbruchstimmung zu Ende. Pötzl nennt die dem
Liedermacher Wolf Biermann verweigerte Rückkehr nach einem Konzert in Köln
und die damit verbundene Ausbürgerung als den "grössten taktischen
Fehler" der Parteiführung; Biermann war bereits 1963 aus der SED
ausgeschlossen und zwei Jahre später mit Auftritts- und Publikationsverbot
belegt worden.
1976 kam es also zum endgültigen Bruch zwischen den
Intellektuellen und der Partei. Dabei gab es gar eine Verbindung von Margot
Honecker zu Wolf Biermann: Der Frau des SED-Chefs war einst in einem Akt
"roter Solidarität" von Biermanns legendärer "Oma Meume"
geholfen worden, als Margots und Biermanns Vater von den Nazis verfolgt wurden.
Margots Vater überlebte die Haft, Biermanns Vater wurde in Auschwitz ermordet.
Gemäss eigener Aussage traf sich Biermann viermal mit Margot Honecker in
deren Büro, nachdem sie 1964 Volksbildungsministerin geworden war. 1965 kam
sie gar einmal in seine Wohnung, um ihm mitzuteilen: "Wolf, komme zur
Vernunft! Hör auf mit solchen Liedern! Das geht zu weit. Wenn du bloss zur
Vernunft kämest - du könntest unser bester Dichter sein."
Nach Biermanns Ausbürgerung verfassten bzw. unterschrieben zwölf bekannte
DDR-Autoren sowie der Bildhauer Fritz Cremer am 17. November 1976 einen
offenen Brief an den Generalsekretär. Der sozialistische Staat müsse
Biermanns kritische Lieder "gelassen nachdenkend ertragen können".
Biermann habe "nie, auch nicht in Köln, Zweifel daran gelassen, für
welchen der beiden deutschen Staaten er bei aller Kritik eintritt." Die Künstler
protestierten gegen die Ausbürgerung und baten darum, "die beschlossene
Massnahme zu überdenken". Den offenen Brief übergaben die Unterzeichner
dem Neuen Deutschland sowie, mit einer Sperrfrist von drei Stunden, der französischen
Nachrichtenagentur AFP. Honecker konnte, selbst wenn er gewollt hätte, nicht
frei entscheiden, da die Westmedien die Nachricht bereits verbreiteten, als er
das Papier nach dreieinhalb Stunden in der Hand hielt. Den 13
Erstunterzeichnern schlossen sich bis Ende November 1976 weitere 93 Künstler
an. Ein kultureller Exodus begann. Hunderte von Intellektuellen beantragen
Ausreiseanträge. Viele emigrierten, nach teilweise langen Wartezeiten, in den
Westen.
Das Politbüro tagte einmal wöchentlich, dienstags um 10 Uhr. Es galt als
ungehörig, Fragen ausserhalb der Tagesordnung aufzuwerfen, ohne sie vorher
mit dem Generalsekretär abgestimmt zu haben. Auf die Tagesordnung kam
lediglich, was Honecker für wichtig hielt. Ins Zentralkomitee, wo gemäss
Alexander Schalck-Golodkowski die Macht lag, kamen nur Leute von Honeckers
Gnaden, die ihm gegenüber absolut loyal waren. Durch Ämterpatronage
konzentrierte er die Macht bald auf sich. Die Generalsekretäre der
wichtigsten ZK-Abteilungen waren ihm unterstellt. So die Kaderabteilung,
wodurch Honecker die Personalvorschläge kontrollieren konnte. Bis zum Herbst
1989 war deshalb seine Position nie gefährdet. Egon Krenz bemerkte im nachhinein, dass Honecker "nicht die intellektuelle Grosse hatte, um das Land
als Staatsoberhaupt zu führen." Aber keiner habe ihm ernsthaft Paroli
geboten.
Gemäss Pötzl beruhte Honeckers Macht auf drei Säulen: Der Einheit von
Wirtschafts- und Sozialpolitik, dem Überwachungsapparat, der seine
vorsichtige Liberalisierung in kontrollierten Bahnen halten sollte, sowie der
Verkündigung seiner erfolgreichen Politik. Deshalb hielt er besonders enge
Beziehungen zu dem für die Wirtschaft zuständigen Günter Mittag, dem
Minister für Staatssicherheit Erich Mielke und dem Propagandachef Joachim
Herrmann.
"Mittag war Honeckers Mephisto, ihm hatte der Wirtschaftslaie seine Seele
verkauft [...]." Mit seinem Fehlurteil, Mittags Sachverstand zu überschätzen,
sei Honecker nicht alleine gewesen, so Pötzl, auch der Westen sei geblendet
gewesen. Helmut Schmidt habe ihn für "einen der fähigsten Kommunisten
in Ost-Berlin" gehalten, weil "der etwas von Ökonomie versteht."
Die Staatsicherheit, als "Schild und Schwert der Partei", wurde
unter Honecker kräftig aufgerüstet, von 45,500 hauptamtlichen Kräften bei
Machtantritt auf 91,015 hauptamtliche und 173,000 inoffizielle Mitarbeiter
Ende der achtziger Jahre. Somit kam rein rechnerisch ein hauptamtlicher
Stasi-Mann auf 180 DDR-Bürger und auf knapp 100 ein heimlicher Spitzel.
Propagandachef Joachim Hermann war ein ungelernter Transportarbeiter, den
Honecker als FDJ-Chef, der als Bote bei der Berliner Zeitung angefangen
hatte, zum Chefredakteur der FDJ-Zeitung Junge Welt gemacht. 1960 holte
er ihn als Mitarbeiter ins ZK der SED und berief ihn 1962 zum Chefredaktor der
Berliner Zeitung. Hermann war Honecker sklavisch ergeben, wie Karl
Seidel, ehemaliger Abteilungsleiter der BRD im Aussenministerium, urteilt.
Honecker dirigierte die staatlichen Medien durch persönliche Anweisungen an
seinen Propagandachef, der ihm jeden Mittag die Schlagzeilen der nächsten
Ausgabe des Neuen Deutschland zur Genehmigung vorlegte.
Teil 1 der
Honecker-Biografie, Teil
2, Teil
4.
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Dieser Artikel basiert
auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA,
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