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Nr. 47, Mai 2003
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Erich Honecker: Biographie Teil 4
Artikel vom 4. Mai 2003

 
Offizieller zweiter Mann in der Parteihierarchie war Paul Verner, den Honecker seit den dreissiger Jahren vom Saarland her kannte. Mit ihm zusammen gründete er nach dem Krieg die FDJ. Als Honecker Parteichef wurde, übernahm Verner seine Funktion als ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen. Als Verner 1984 aus gesundheitlichen Gründen aus Politbüro und Zentralkomitee ausschied, übernahm Egon Krenz seine Ämter. Von da an galt Krenz als Favorit für die Nachfolge Honeckers.

Willi Stoph war von 1964 bis in den Herbst 1989 Vorsitzender des Ministerrats, mit einer Unterbrechung von 1973 bis 1976. Er stand Honecker loyal gegenüber, solange der Generalsekretär das Vertrauen Moskaus besass. Als Honecker an die Macht kam, hatte Stoph darauf gedrängt, dass er sich um die Ökonomie kümmere und nicht über die anderen Politbüromitglieder erhebe. Honecker beherzigte beides nur zu Beginn, als er noch in die Betriebe ging und sich selbst vor Ort ein Bild machte. Doch bald verlor er die Bodenhaftung und den Sinn für die wirtschaftlichen Realitäten der DDR. Seine Herrschaft nahm despotische Züge an.

Als Krenz 1984 Honecker zu einem Gipfeltreffen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe nach Moskau begleitete, gab es noch Hoffnung auf einen rechtzeitigen Regierungswechsel. Als der gebrechliche Chef der KPdSU, Konstantin Tschernenko, von Michail Gorbatschow gestützt in den Saal kam und danach seine Blätter mit der Rede zu Boden fielen, sagte Honecker zu Krenz: "Egon, so etwas darf uns nie passieren." Doch in den Jahren danach fehlte dem Generalsekretär die Einsicht, dass die Zeit zum Abtreten gekommen war.

Honecker führte in der Waldsiedlung der Parteibonzen im Bernauer Forst nördlich von Berlin ein spiessbürgerliches Leben. Sein Wohnhaus mit 250 Quadratmeter Wohnfläche war die Standardausführung im exklusiven Sammellager der Parteiprominenz, doch im Vergleich mit der durchschnittlichen Plattenbau-Mietwohnung bot es höchsten Luxus mit Sanitär- und Küchentechnik aus dem Westen. Den Führern der Arbeiterklasse standen in der Siedlung 641 Domestiken (Köche, Butler, Chauffeure und Bademeister) zur Verfügung. Honecker bezahlte lediglich 467 Mark Miete im Monat, alles inklusive, bei einem Verdienst von rund 8,000 Mark monatlich. Für seine Jagendleidenschaft liess sich Honecker allerdings vom Staat drei Jagdhäuser herausputzen, mit Schwimmbädern, Tennishallen, Schiessständen und Bootshäusern. Sein privater Fuhrpark bestand zeitweilig aus 14 Fahrzeugen, darunter zwei Range Rover und einige Mercedes-Geländewagen. Aus Schalcks KoKo-Kasse bezahlt wurde ein mit allem Schnickschnack ausgerüstetes Jagdfahrzeug, das in West-Berlin massgeschneidert und verlängert worden war, für stolze 290,000 DM.

Der biedere Honecker lebte zwei Jahre lang mit Edith Baumann ohne Trauschein zusammen, ehe sie 1949 heirateten. 1950 wurde die gemeinsame Tochter Erika geboren. Doch da hatte Erich bereits eine Affäre mit Margot Feist, die Ende 1952 die Tochter Sonja gebar. Erst auf Drängen des Parteivorstands willigte Edith in die von Honecker angestrebte Scheidung ein. Er heiratete Margot 1953. Die Parteileitung sorgte allerdings dafür, dass sie gleich nach der Hochzeit zu einem einjährigen Lehrgang an die Komsomol-Hochschule nach Moskau delegiert wurde. Bis 1964 galten die Honeckers als ideales Paar. Doch dann verliebte sich Margot in einen bekannten Schauspieler, von dem sie gemäss Ex-Kulturminister Hans Bentzien ein Kind bekam. Nur eine Aussprache im Politbüro, wo die Wahrung von Moral und Parteidisziplin gefordert wurde, verhinderte die Scheidung. Honecker soll auch eine Beziehung mit einer Prostituierten gehabt haben (nach Aussage derselben gegen Ende ihres Lebens).

Zu Honeckers Familienclan gehörten sein Schwiegervater Gotthard Feist, den er zu einem führenden Gewerkschaftsfunktionär machte. Seinen Schwager Manfred Feist beförderte er zum Leiter der Abteilung Auslandsinformation im ZK der SED und zum Mitglied des Präsidiums des DDR-Friedensrats. Spötter in der DDR kamen zum Schluss: Wie wird man, wenn man Honecker nahe steht? Antwort: Feist. Honeckers Frau Margot war seit 1963 Mitglied des ZK und seit 1964 Ministerin für Volksbildung, also lange vor Honecker Amtsantritt. Sie hielt sehr darauf, kein Anhängsel ihre Mannes zu sein. Sie spielte nie die First Lady, so Egon Krenz.

Nach seinem Amtsantritt 1971 schlug Honecker zuerst einen harten Kurs in der Strafrechtspolitik ein. Ende 1973 sassen deshalb rund 43,000 Häftlinge in DDR-Gefängnissen, so viele wie seit den fünfziger Jahren nicht mehr. Das lag vor allem daran, weil hart gegen "Asoziale" und "Rowdys" vorgegangen wurde. Auch nach der Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte in Helsinki 1975 durften sich die DDR-Bürger keine grösseren Freiheiten herausnehmen. Die DDR-Führung versuchte im Gegenteil, mit einer Verschärfung der Gesetze den ansteigenden Ausreisebegehren einen Riegel zu schieben. Parallel mit der Ausbürgerung seines Freundes Wolf Biermann wollte die Stasi 1976 Robert Havemann ausweisen. Nur weil die SED über die Solidarisierung mit Biermann überrascht war, schreckte Mielkes Ministerium davor zurück, den Haftbefehl gegen Havemann zu vollstrecken. Stattdessen wurde er auf eine Datscha bei Berlin verbannt, die er nicht ohne Erlaubnis verlassen und wo er keinen ungenehmigten Besuch empfangen durfte. Weitere Schikanen folgten, um ihm "die DDR zu verekeln", wie er selbst festhielt.

Die DDR verhängte in ihrer 40jährigen Geschichte 230 mal die Todesstrafe, die 163 mal vollstreckt wurde, davon 52 mal aus politischen Gründen. Während Honeckers Amtszeit als Parteichef kam es zu 18 Exekutionen. Von 1971 bis 1976, als er noch nicht Staatsoberhaupt war, gelangten die Gnadengesuche nicht an ihn. Danach war eine seiner ersten Massnahmen, wie er nach seinem Sturz bemerkte, die Mitteilung an die Generalstaatsanwaltschaft, dass er "nicht die Absicht habe, auch nur ein Urteil zu bestätigen". Ob dem so war, ist nicht klar, da nach 1976 noch drei Menschen, alle waren Geheimdienstler, exekutiert wurden. Seit 1981 wurde die Todesstrafe auf Betreiben Honeckers nicht mehr vollstreckt. Doch erst 1987, vor Honeckers Besuch in Bonn, wurde der Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Zu Wolfgang Vogel sagte Honecker nach seinem erzwungenen Abgang, dass er durch seine eigene Haftzeit in Brandenburg zum Gegner der Todesstrafe wurde: "Das Schrecklichste waren die Hinrichtungen in einer Garage unseres Zuchthauses."

Nach vier Monaten im Amt feierte Honecker den Abschluss des "Vierseitigen Abkommens", das die Botschafter der Siegermächte des Zweiten Weltkrieges am 3. September 1971 paraphierten, wodurch gemäss Honecker die Westmächte erstmals "in völkerrechtlich gültiger Form die Existenz der DDR als eines souveränen Staates" anerkannten und zustimmten, dass West-Berlin "kein Bestandteil der BRD ist und nicht von ihr regiert wird."

Später kamen die deutsch-deutschen Gespräche ins Stocken. Franz Josef Strauss von der CSU drohte, den im Dezember 1972 unterzeichneten Grundlagenvertrag zwischen BRD und DDR, der vom Bundestag noch nicht ratifiziert war, durch eine Klage beim Bundesverfassungsgericht zu stoppen. Egon Bahr meinte, es müsse Schluss sein mit Gegenleistungen für die Ausreise von DDR-Bürgern in die BRD. Wehner war wütend, denn wie er befürchtet hatte, ordnete Honecker deshalb einen totalen Ausreisestop an. Zur Lösung dieser Probleme kam es Ende Mai 1973 bei einem Treffen zwischen Jugendfreunden: Der Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion Herbert Wehner reiste zu Honecker (zusammen mit dem Fraktionschef der Liberalen, Mischnick, um als ehemaliger Kommunist nicht noch mehr der Kungelei mit dem SED-Regime verdächtigt zu werden). Die Begegnung führte zur Lösung der "Kofferfälle" (Menschen, die im Vertrauen auf die bereits erteilten Ausreisevisa Arbeitsplätze und Wohnungen gekündigt hatten und nun auf gepackten Koffern sassen). So kam es zum innerdeutschen Dialog unter Umgehung der Sowjetunion, was Brandt und Bahr bis dahin ausgeschlossen hatten. Angeregt worden war er von Honecker, "dem niemand soviel politische Kreativität zugetraut hätte", bemerkt Pötzl. Der Anwalt Wolfgang Vogel wurde zum "persönlichen Beauftragten" für die Westkontakte des SED-Chefs, zu einem geheimen diplomatischen Kanal zwischen BRD und DDR.

Ein Schatten viel auf Honeckers Glaubwürdigkeit, als der Referent von Kanzler Brandt, Günter Guillaume, als Spion verhaftet wurde. Honecker versicherte, Guillaume sei "abgeschaltet" worden, als er im Kanzleramt Karriere machte, was der SPD-Fraktionsvorsitzende für eine Ausrede hielt. Egon Krenz dagegen ist "fest davon überzeugt, dass Honecker von Guillaume nichts wusste." Honecker habe ihm Jahre später gesagt, er habe nicht eingesehen, den Stasi-Minister Mielke und den Geheimdienstchef Wolf wegen einer Intrige des Bonner FDP-Innenministers Hans-Dietrich Genscher zu opfern. Pötzl verweist darauf, dass Genscher Beamte des Bundeskriminalamts und des Bundesamts für Verfassungsschutz in Brandts Privatleben herumschnüffeln und Frauengeschichten des Kanzler in Umlauf bringen liess. Genscher war als Innenminister zudem für Schlampereien und Versäumnisse bei der Überwachung des Spions verantwortlich, gegen den schon ein Jahr zuvor der erste Verdacht aufgekommen war. Für Honecker stürzte Brandt nicht über den Spionagefall, sondern über den Koalitionspartner. Noch 1976 ereiferte sich Honecker gegenüber Breschnew: "Genscher ist ein richtiger SA- und SS-Typ", "ein mieser Kerl", er stehe "der CDU näher" als "der SPD".
 
Teil 1 der Honecker-Biografie, Teil 2, Teil 3, Teil 5.
 

Dieser Artikel b
asiert auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA, 2002, 384 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 

 

 
 
 

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