Erich Honecker: Biographie Teil
6
Artikel vom 5. Mai 2003
Als die DDR bereits am Boden
schien, fädelte Franz Josef Strauss einen Milliardenkredit für die DDR ein.
Zuvor allerdings verlangte er eine Grenzabfertigung ohne Schikanen. Als die
Umsetzung des Gewünschten vom Bundesgrenzschutz und der Bayerischen
Grenzpolizei bestätigt wurde, begann die ernste Phase der Verhandlungen.
Honecker bot den Abbau der Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze,
erleichterte Familienzusammenführungen, Verbesserungen im Reiseverkehr und
weitere Gegenleistungen an. 1983 wurde man handelseinig. Auf DDR-Seite wurde
der Milliardenkredit von Honecker und Mittag einfach verfügt. Es gab weder in
Politbüro nach Ministerrat einen Beschluss. 1984 folgte ein zweiter
Milliardenkredit, der erneut durch eine Bundesbürgschaft der Regierung Kohl
abgesichert war. Das Geld wurde nicht etwa ausgegeben, sondern gehortet. Die
DDR wollte nie mehr in den Ruf eines bankrotten Schuldners kommen.
Gemäss Schalck hatte Strauss erkannt, dass der Kredit eine
"Existenzfrage" für die DDR war, weil Honecker weder von der UdSSR
noch anderen Bruderstaaten finanzielles Entgegenkommen erwarten konnte. Es
blieb nur der internationale Markt. Strauss habe das Ziel gehabt, die DDR and
die BRD irgendwie anzunähern. Kanzler Kohl gegenüber habe Strauss erklärt,
der Kredit vergrössere den "Zugriff auf die DDR und die Erpressbarkeit
der DDR schrittweise". Laut Schalck hätte ein Aushungern "möglicherweise
den Zerfall nicht beschleunigt, sondern verlangsamt". Vielleicht wären
noch 10 Jahr Diktatur gefolgt, in denen die Opposition erbarmungslos niedergekämpft
worden wäre, ähnlich wie in China.
Die sowjetische Erdölpolitik trug wesentlich zum wirtschaftlichen Niedergang
der DDR. Die Sowjetunion drehte an der Preisschraube, wodurch sich das Erdöl
von 1970 bis 1985 um das zehnfache verteuerte. Honecker bat Breschnew 1981
erfolglos, die damals erfolgte Kürzung der Öllieferungen an die DDR zu überdenken.
Als Ersatz blieb der ostdeutschen Diktatur nur die Braunkohle, die in
landschaftszerstörendem Tagebau gefördert werden musste. Die Umstellung der
Fernwärme auf Braunkohle verschlang Milliarden, die in anderen Bereichen
fehlten. Doch zu Konsumverzicht, einem Abbau der Wohlfahrts- und
Wohnungsbaupolitik, konnte sich Honecker nicht durchringen. Im November 1987
war die Verschuldung gegenüber dem Westen auf 38,5 Milliarden Valutamark
gestiegen. 1988 war die DDR-Wirtschaft bereits im Sturzflug, doch Honecker
reagierte nicht auf Vorschläge seiner Umgebung. Schalck und Schürer
diskutierten miteinander gar die Möglichkeit einer Konföderation mit der
BRD. "Das einzige Hemmnis" habe darin gelegen, dass man in diesem
Fall der alten westdeutschen Forderung nach freiem Reiseverkehr hätte
nachgeben müssen. Gemäss Schalck hätte allerdings Stasi-Chef Mielke dagegen
opponiert, da er was, "wenn man die Schleusen aufmacht, ist die Macht
nicht zu halten." Auch habe Honecker kaum "ernsthaft an eine Konföderation
gedacht", da ihm klar gewesen sei, dass er "keinen
gesellschaftlichen Einfluss auf die BRD [hätte] ausüben können", so
Schalck. Honecker sah jedoch nicht, dass die DDR Bankrott war. Noch 1991
behauptete er, dass die DDR "eine aufblühende Volkswirtschaft"
hatte. Das sei "auch von den grössten Miesepetern nicht zu
bestreiten."
Honecker knüpfte bereits in den siebziger Jahren heimlich Kontakte zur
oppositionellen CDU. So traf sich der CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep
Anfang 1975 im Einvernehmen mit dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl mit
DDR-Vertretern und machte ihnen deutlich, dass die CDU alle von der
sozial-liberalen Regierung geschlossenen Verträge akzeptieren werde. Nachdem
der Bundestag am 22. November 1983 der Aufstellung von Pershing-2 Raketen und
Cruise Missiles zugestimmt hatte, fror Honecker die Beziehungen zur BRD
keinesfalls ein. Es sei "besser, zehnmal zu verhandeln, als einmal zu
schiessen." Die Sowjets dagegen brachen am Tag nach dem Entscheid die Abrüstungsverhandlungen
in Genf ab.
Honecker holte am 24. Mai 1984 seinen Westexperten Häber ins Politbüro. Er
wurde auch zum ZK-Sekretär gewählt, ohne wie sonst üblich zuvor Kandidat
gewesen zu sein. Häber war bis dahin Honeckers Strippenzieher im Hintergrund
zur Vorbereitung seines Bonn-Besuchs gewesen. Honecker und Kohl bereiteten
eine deutsch-deutsche Begegnung vor. Die Sowjets dagegen wünschten den Besuch
nicht. Der Kreml-Chef Tschernenko warnte Honecker vor Eigenmächtigkeiten und
drohte ihm gar mit der Absetzung, auch wenn er scheinbar konziliant bekundete,
der BRD-Besuch sei "natürlich eine Sache, die von der SED zu entscheiden
ist." Häber war in den Augen des SED-Politbüros der Schuldige, der den
Generalsekretär in Moskau gegen eine Wand habe rennen lassen. Honecker liess
Häber kurz darauf fallen. Nach einem Jahr Mobbing und Isolation erlitt Häber
einen Nervenzusammenbruch. Er wurde zum Rücktritt gezwungen, da er im Spital
mit den Ärzten über Differenzen zwischen Honecker und Gorbatschow erwähnt
hatte.
1986 war auch der neue Kreml-Chef Gorbatschow gegen Honeckers Besuch in der
BRD. Es sei "jetzt nicht der Zeitpunkt, die Beziehungen zur
Bundesrepublik zu verbessern." Mit dem Staatsbesuch von Bundespräsident
Richard von Weizsäcker im Juli 1987 in der Sowjetunion deutete sich Tauwetter
zwischen Bonn und Moskau an. Honecker fühlte sich ermuntert, seinen Reisplan
in die Tat umzusetzen. Er wurde vier Tage nach Weizsäckers Rückkehr angekündigt.
Für Pötzl war es der Höhepunkt von Honeckers politischer Karriere, als der
Staatsratsvorsitzende der DDR im September 1987 von Bundeskanzler Kohl in Bonn
mit militärischen Ehren empfangen wurde. Ein Besuch bei Weizsäcker folgte
ebenfalls. Laut Krenz habe Honecker Gorbatschow dazu einfach nicht mehr
gefragt, was dieser ihm nie verziehen habe, da Honecker ihm so den Vortritt in
Bonn stahl.
Der sonst hölzerne und knochentrockene Honecker konnte auch gerührt sein,
wenn seine Heimat, die Saar ins Spiel kam. Als er von Oskar Lafontaine im
Saarland empfangen wurde, liess ihn die Rührung bei einer Rede in Neunkirchen
vom Redemanuskript abweichen. In freier Rede sprach er von den zwei deutschen
Staaten, die in zwei Blöcken verankert seien. Doch wenn alles so realisierte
werde, wie man es eben im Bonner Kommunique verabschiedet habe, "dann
wird auch der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr, sondern
vereinen". In die aufkommende Unruhe schob er rasch nach, "so wie
und die Grenze zwischen Polen und der DDR vereint". Die Journalisten
rannten zu den Telefonen. Hatte Honecker da nicht "vereint" gesagt.
Laut Krenz waren dem Staatsratsvorsitzenden da "die Emotionen
durchgegangen".
Doch die Freude der Menschen, die nicht sentimentale Gesten, sondern
"handgreifliche Veränderungen" wünschten, hielt nicht lange an, so
der Parteihistoriker Günter Benser. Aus der erwarteten Öffnung wurde nichts.
Honecker war für Kirchenleute wie Stolpe plötzlich nicht mehr zu sprechen.
Statt Kontakten gab es Verhärtungen. Pötzl führt aus, dass am 25. November
1987 die Stasi die Räume der Ost-Berliner Zionskirche durchsuchte und fünf
Personen wegen des Verdachts auf "Zusammenschluss zur Verfolgung
gesetzwidriger Ziele" festnahm. Die Aktion war gegen die bei der Kirche
untergebrachte "Umweltbibliothek", ein Zentrum von Friedens-,
Menschenrechts- und Ökologiegruppen, gerichtet. Vervielfältigungsapparate
und alternative Informationsschriften wurden beschlagnahmt. Die Stasi
verhaftete am 17. Januar 1988 bei Demonstrationen zum 69. Jahrestag der
Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 120 Demonstranten. Am 6. März
1988 versammelten sich 200 Ausreisewillige in der Sophienkirche. Es kam zur
Polizeikontrolle von Gottesdienstbesuchern. Am Anfang 1989 verprellte der
Kirchenmann Manfred Stolpe den SED-Generalsekretär durch ein Interview mit
dem westdeutschen Blatt Die Welt, in dem er meinte, "gute und
gerechte Reiseregelungen" spielten "eine grosse Rolle für das
Wohlbefinden der Bürger in ihrem Staat". Anderntags höhnte das Neue
Deutschland auf Weisung Honeckers, Stolpe solle sich lieber um die Frage kümmern,
weshalb die Kirchen immer weniger Besucher hätten, statt sich "mit
staatlichen Fragen zu beschäftigen". Es sei "kein Dienst an der
freien Religionsausübung", die DDR im Westen madig zu machen. Stolpe
erfuhr Sympathiebekundungen aus dem ganzen Land, "bis in hohe Funktionärskreise"
hinein. Stolpe erkannte darin "ein Zeichen, dass sich hier alles auflöst".
Honecker war laut Pötzl anfangs "pflegeleicht" für Moskau.
Ulbricht hatte sich noch gelegentlich widersetzt, von Moskau dirigiert zu
werden. Honecker dagegen bat Breschnew, "die DDR de facto als eine
Unionsrepublik zu betrachten und sie als solche in die Volkswirtschaftspläne
der UdSSR einzubeziehen", so der Sowjetdiplomat Julij Kwizinski. Während
der Polenkrise 1980/81 bot Honecker Breschnew an, wenn notwendig, eine
"Weltunion der sozialistischen Länder" zu bilden. Der
Sowjetbotschafter in Ost-Berlin, Abrassimow, meinte dazu, "ohne unser Erdöl
und Erdgas, unser Metall oder unsere Baumwolle hätte die DDR auch nicht ein
einziges Jahr existieren können".
Erst nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan wagte Honecker einen ersten
vorsichtigen Schritt zur Emanzipation von Moskau, da er über den Alleingang
des Kreml empört war. Laut dem journalistischen Zeitzeugen Wessel lies sich
Honecker zu einem Doppelspiel hinreissen: "Offiziell redete er von
Unterstützung, intern aber liess er an seinen Vorbehalten gegenüber der
sowjetischen Afghanistan-Politik keinen Zweifel". Daher kommt Pötzl zum
Schluss, dass die Freundschaft mit der Sowjetunion lange vor der Entzweiung
mit Gorbatschow über dessen Reformen einen Riss bekam, der sich in der
Folgezeit immer mehr vertiefte.
Honecker war zwar überzeugt, Anfang der achtziger Jahre mit allem Nachdruck
gegen die Stationierung der Pershing-2 Raketen kämpfen zu müssen, doch falle
dies schwer, wenn gleichzeitig Mittelstreckenraketen im eigenen Land stünden,
so Heinz Kessler. Honecker machte keinen Unterschied zwischen amerikanischen
und sowjetischen Waffensystemen, was laut Egon Krenz einer Verletzung der
"Blockdisziplin" gleichkam. Im Herbst 1981 kam die oben erwähnte Kürzung
der sowjetischen Erdöllieferungen hinzu. Die UdSSR förderte jährlich 500
Millionen Tonnen. Die zwei Millionen Tonnen für die DDR fielen da nicht ins
Gewicht, bemerkte das Politbüromitglied Werner Eberlein. Doch der Kreml war
damals wegen der Kredite des Westens an die DDR verstimmt. Das Erdöl konnte
gegen Devisen in den Westen verkauft werden. Honecker empfand gemäss dessen
Kanzleichef Frank-Joachim Herrmann "die Erdöl-Sache damals als eine Zäsur."
Breschnews Abgesandter Russakow verglich die Situation mit Brest-Litowsk,
Lenins Friedensschluss mit den Mittelmächten vom März 1918, mit dem er durch
gewichtige Gebietsabtretungen eine Atempause im Bürgerkrieg gewinnen wollte.
In anderen Worten, 1981 stand der UdSSR das Wasser bereits bis zum Hals.
Honecker erkannte, das mit sowjetischer Hilfe nicht mehr zu rechnen war.
Moskau spielte die Erdölkarte bei den Olympischen Spielen vom Sommer 1984 in
Los Angeles. Das DDR-Politbüro gab der sowjetischen Erpressung nach,
boykottierte die Spiele und erhielt dafür Erdöl.
Als der mit 54 Jahren relative junge, dynamische und frei formulierende
Gorbatschow auf der Bildfläche erschien, stand der biedere Honecker in seinem
Schatten. Laut Pötzl machte das den SED-Chef, ohne dass dies auf
ideologischen Differenzen beruhte. 1984, als Tschernenko Honecker wegen seiner
westdeutschen Reisepläne nach Moskau zitierte, stritt sich der
SED-Generalsekretär heftig mit Gorbatschow. Bereits damals war das persönliche
Verhältnis der zwei Politiker zerrüttet, die sich neben der
Deutschlandpolitik auch im Verhältnis zu Peking nicht verstanden. Die DDR-Führung
trat trotz ideologischer Differenzen für gute Beziehungen zu China ein, die
Sowjets dagegen wollten Peking international isolieren. Im August 1985 warnte
Gorbatschow Honecker, die chinesische Führung spreche mit gespaltener Zunge.
China sei unter Hu Yaobang öffentlich für die Wiedervereinigung Deutschlands
aufgetreten. Peking betreibe eine "Politik des Versöhnlertums mit dem
Imperialismus", so Gorbatschow. Laut Krenz ging es allerdings nur darum,
dass Honecker nicht als erster Vertreter der "linientreuen"
sozialistischen Länder Europas von Peking empfangen werden sollte. Als Willy
Brandt 1985 nach Ost-Berlin reiste, erlebte er einen trotzigen Honecker, der
nicht einmal Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne mitmachen wollte. Honecker
sagte zu Brandt, als sie sich mit dem westdeutschen Wodka der Marke
"Gorbatschow" zuprosteten: Wir gehen doch alle den deutschen Weg?"
Teil 1 der
Honecker-Biografie, Teil
2, Teil
3, Teil 4,
Teil 5, Teil
7.
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Dieser Artikel basiert
auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA,
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