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Nr. 47, Mai 2003
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Erich Honecker: Biographie Teil 6
Artikel vom 5. Mai 2003

 
Als die DDR bereits am Boden schien, fädelte Franz Josef Strauss einen Milliardenkredit für die DDR ein. Zuvor allerdings verlangte er eine Grenzabfertigung ohne Schikanen. Als die Umsetzung des Gewünschten vom Bundesgrenzschutz und der Bayerischen Grenzpolizei bestätigt wurde, begann die ernste Phase der Verhandlungen. Honecker bot den Abbau der Selbstschussanlagen an der innerdeutschen Grenze, erleichterte Familienzusammenführungen, Verbesserungen im Reiseverkehr und weitere Gegenleistungen an. 1983 wurde man handelseinig. Auf DDR-Seite wurde der Milliardenkredit von Honecker und Mittag einfach verfügt. Es gab weder in Politbüro nach Ministerrat einen Beschluss. 1984 folgte ein zweiter Milliardenkredit, der erneut durch eine Bundesbürgschaft der Regierung Kohl abgesichert war. Das Geld wurde nicht etwa ausgegeben, sondern gehortet. Die DDR wollte nie mehr in den Ruf eines bankrotten Schuldners kommen.
 
Gemäss Schalck hatte Strauss erkannt, dass der Kredit eine "Existenzfrage" für die DDR war, weil Honecker weder von der UdSSR noch anderen Bruderstaaten finanzielles Entgegenkommen erwarten konnte. Es blieb nur der internationale Markt. Strauss habe das Ziel gehabt, die DDR and die BRD irgendwie anzunähern. Kanzler Kohl gegenüber habe Strauss erklärt, der Kredit vergrössere den "Zugriff auf die DDR und die Erpressbarkeit der DDR schrittweise". Laut Schalck hätte ein Aushungern "möglicherweise den Zerfall nicht beschleunigt, sondern verlangsamt". Vielleicht wären noch 10 Jahr Diktatur gefolgt, in denen die Opposition erbarmungslos niedergekämpft worden wäre, ähnlich wie in China.

Die sowjetische Erdölpolitik trug wesentlich zum wirtschaftlichen Niedergang der DDR. Die Sowjetunion drehte an der Preisschraube, wodurch sich das Erdöl von 1970 bis 1985 um das zehnfache verteuerte. Honecker bat Breschnew 1981 erfolglos, die damals erfolgte Kürzung der Öllieferungen an die DDR zu überdenken. Als Ersatz blieb der ostdeutschen Diktatur nur die Braunkohle, die in landschaftszerstörendem Tagebau gefördert werden musste. Die Umstellung der Fernwärme auf Braunkohle verschlang Milliarden, die in anderen Bereichen fehlten. Doch zu Konsumverzicht, einem Abbau der Wohlfahrts- und Wohnungsbaupolitik, konnte sich Honecker nicht durchringen. Im November 1987 war die Verschuldung gegenüber dem Westen auf 38,5 Milliarden Valutamark gestiegen. 1988 war die DDR-Wirtschaft bereits im Sturzflug, doch Honecker reagierte nicht auf Vorschläge seiner Umgebung. Schalck und Schürer diskutierten miteinander gar die Möglichkeit einer Konföderation mit der BRD. "Das einzige Hemmnis" habe darin gelegen, dass man in diesem Fall der alten westdeutschen Forderung nach freiem Reiseverkehr hätte nachgeben müssen. Gemäss Schalck hätte allerdings Stasi-Chef Mielke dagegen opponiert, da er was, "wenn man die Schleusen aufmacht, ist die Macht nicht zu halten." Auch habe Honecker kaum "ernsthaft an eine Konföderation gedacht", da ihm klar gewesen sei, dass er "keinen gesellschaftlichen Einfluss auf die BRD [hätte] ausüben können", so Schalck. Honecker sah jedoch nicht, dass die DDR Bankrott war. Noch 1991 behauptete er, dass die DDR "eine aufblühende Volkswirtschaft" hatte. Das sei "auch von den grössten Miesepetern nicht zu bestreiten."

Honecker knüpfte bereits in den siebziger Jahren heimlich Kontakte zur oppositionellen CDU. So traf sich der CDU-Schatzmeister Walther Leisler Kiep Anfang 1975 im Einvernehmen mit dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl mit DDR-Vertretern und machte ihnen deutlich, dass die CDU alle von der sozial-liberalen Regierung geschlossenen Verträge akzeptieren werde. Nachdem der Bundestag am 22. November 1983 der Aufstellung von Pershing-2 Raketen und Cruise Missiles zugestimmt hatte, fror Honecker die Beziehungen zur BRD keinesfalls ein. Es sei "besser, zehnmal zu verhandeln, als einmal zu schiessen." Die Sowjets dagegen brachen am Tag nach dem Entscheid die Abrüstungsverhandlungen in Genf ab.

Honecker holte am 24. Mai 1984 seinen Westexperten Häber ins Politbüro. Er wurde auch zum ZK-Sekretär gewählt, ohne wie sonst üblich zuvor Kandidat gewesen zu sein. Häber war bis dahin Honeckers Strippenzieher im Hintergrund zur Vorbereitung seines Bonn-Besuchs gewesen. Honecker und Kohl bereiteten eine deutsch-deutsche Begegnung vor. Die Sowjets dagegen wünschten den Besuch nicht. Der Kreml-Chef Tschernenko warnte Honecker vor Eigenmächtigkeiten und drohte ihm gar mit der Absetzung, auch wenn er scheinbar konziliant bekundete, der BRD-Besuch sei "natürlich eine Sache, die von der SED zu entscheiden ist." Häber war in den Augen des SED-Politbüros der Schuldige, der den Generalsekretär in Moskau gegen eine Wand habe rennen lassen. Honecker liess Häber kurz darauf fallen. Nach einem Jahr Mobbing und Isolation erlitt Häber einen Nervenzusammenbruch. Er wurde zum Rücktritt gezwungen, da er im Spital mit den Ärzten über Differenzen zwischen Honecker und Gorbatschow erwähnt hatte.
 
1986 war auch der neue Kreml-Chef Gorbatschow gegen Honeckers Besuch in der BRD. Es sei "jetzt nicht der Zeitpunkt, die Beziehungen zur Bundesrepublik zu verbessern." Mit dem Staatsbesuch von Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Juli 1987 in der Sowjetunion deutete sich Tauwetter zwischen Bonn und Moskau an. Honecker fühlte sich ermuntert, seinen Reisplan in die Tat umzusetzen. Er wurde vier Tage nach Weizsäckers Rückkehr angekündigt. Für Pötzl war es der Höhepunkt von Honeckers politischer Karriere, als der Staatsratsvorsitzende der DDR im September 1987 von Bundeskanzler Kohl in Bonn mit militärischen Ehren empfangen wurde. Ein Besuch bei Weizsäcker folgte ebenfalls. Laut Krenz habe Honecker Gorbatschow dazu einfach nicht mehr gefragt, was dieser ihm nie verziehen habe, da Honecker ihm so den Vortritt in Bonn stahl.

Der sonst hölzerne und knochentrockene Honecker konnte auch gerührt sein, wenn seine Heimat, die Saar ins Spiel kam. Als er von Oskar Lafontaine im Saarland empfangen wurde, liess ihn die Rührung bei einer Rede in Neunkirchen vom Redemanuskript abweichen. In freier Rede sprach er von den zwei deutschen Staaten, die in zwei Blöcken verankert seien. Doch wenn alles so realisierte werde, wie man es eben im Bonner Kommunique verabschiedet habe, "dann wird auch der Tag kommen, an dem Grenzen uns nicht mehr, sondern vereinen". In die aufkommende Unruhe schob er rasch nach, "so wie und die Grenze zwischen Polen und der DDR vereint". Die Journalisten rannten zu den Telefonen. Hatte Honecker da nicht "vereint" gesagt. Laut Krenz waren dem Staatsratsvorsitzenden da "die Emotionen durchgegangen".

Doch die Freude der Menschen, die nicht sentimentale Gesten, sondern "handgreifliche Veränderungen" wünschten, hielt nicht lange an, so der Parteihistoriker Günter Benser. Aus der erwarteten Öffnung wurde nichts. Honecker war für Kirchenleute wie Stolpe plötzlich nicht mehr zu sprechen. Statt Kontakten gab es Verhärtungen. Pötzl führt aus, dass am 25. November 1987 die Stasi die Räume der Ost-Berliner Zionskirche durchsuchte und fünf Personen wegen des Verdachts auf "Zusammenschluss zur Verfolgung gesetzwidriger Ziele" festnahm. Die Aktion war gegen die bei der Kirche untergebrachte "Umweltbibliothek", ein Zentrum von Friedens-, Menschenrechts- und Ökologiegruppen, gerichtet. Vervielfältigungsapparate und alternative Informationsschriften wurden beschlagnahmt. Die Stasi verhaftete am 17. Januar 1988 bei Demonstrationen zum 69. Jahrestag der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht 120 Demonstranten. Am 6. März 1988 versammelten sich 200 Ausreisewillige in der Sophienkirche. Es kam zur Polizeikontrolle von Gottesdienstbesuchern. Am Anfang 1989 verprellte der Kirchenmann Manfred Stolpe den SED-Generalsekretär durch ein Interview mit dem westdeutschen Blatt Die Welt, in dem er meinte, "gute und gerechte Reiseregelungen" spielten "eine grosse Rolle für das Wohlbefinden der Bürger in ihrem Staat". Anderntags höhnte das Neue Deutschland auf Weisung Honeckers, Stolpe solle sich lieber um die Frage kümmern, weshalb die Kirchen immer weniger Besucher hätten, statt sich "mit staatlichen Fragen zu beschäftigen". Es sei "kein Dienst an der freien Religionsausübung", die DDR im Westen madig zu machen. Stolpe erfuhr Sympathiebekundungen aus dem ganzen Land, "bis in hohe Funktionärskreise" hinein. Stolpe erkannte darin "ein Zeichen, dass sich hier alles auflöst".

Honecker war laut Pötzl anfangs "pflegeleicht" für Moskau. Ulbricht hatte sich noch gelegentlich widersetzt, von Moskau dirigiert zu werden. Honecker dagegen bat Breschnew, "die DDR de facto als eine Unionsrepublik zu betrachten und sie als solche in die Volkswirtschaftspläne der UdSSR einzubeziehen", so der Sowjetdiplomat Julij Kwizinski. Während der Polenkrise 1980/81 bot Honecker Breschnew an, wenn notwendig, eine "Weltunion der sozialistischen Länder" zu bilden. Der Sowjetbotschafter in Ost-Berlin, Abrassimow, meinte dazu, "ohne unser Erdöl und Erdgas, unser Metall oder unsere Baumwolle hätte die DDR auch nicht ein einziges Jahr existieren können".

Erst nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan wagte Honecker einen ersten vorsichtigen Schritt zur Emanzipation von Moskau, da er über den Alleingang des Kreml empört war. Laut dem journalistischen Zeitzeugen Wessel lies sich Honecker zu einem Doppelspiel hinreissen: "Offiziell redete er von Unterstützung, intern aber liess er an seinen Vorbehalten gegenüber der sowjetischen Afghanistan-Politik keinen Zweifel". Daher kommt Pötzl zum Schluss, dass die Freundschaft mit der Sowjetunion lange vor der Entzweiung mit Gorbatschow über dessen Reformen einen Riss bekam, der sich in der Folgezeit immer mehr vertiefte.
 
Honecker war zwar überzeugt, Anfang der achtziger Jahre mit allem Nachdruck gegen die Stationierung der Pershing-2 Raketen kämpfen zu müssen, doch falle dies schwer, wenn gleichzeitig Mittelstreckenraketen im eigenen Land stünden, so Heinz Kessler. Honecker machte keinen Unterschied zwischen amerikanischen und sowjetischen Waffensystemen, was laut Egon Krenz einer Verletzung der "Blockdisziplin" gleichkam. Im Herbst 1981 kam die oben erwähnte Kürzung der sowjetischen Erdöllieferungen hinzu. Die UdSSR förderte jährlich 500 Millionen Tonnen. Die zwei Millionen Tonnen für die DDR fielen da nicht ins Gewicht, bemerkte das Politbüromitglied Werner Eberlein. Doch der Kreml war damals wegen der Kredite des Westens an die DDR verstimmt. Das Erdöl konnte gegen Devisen in den Westen verkauft werden. Honecker empfand gemäss dessen Kanzleichef Frank-Joachim Herrmann "die Erdöl-Sache damals als eine Zäsur." Breschnews Abgesandter Russakow verglich die Situation mit Brest-Litowsk, Lenins Friedensschluss mit den Mittelmächten vom März 1918, mit dem er durch gewichtige Gebietsabtretungen eine Atempause im Bürgerkrieg gewinnen wollte. In anderen Worten, 1981 stand der UdSSR das Wasser bereits bis zum Hals. Honecker erkannte, das mit sowjetischer Hilfe nicht mehr zu rechnen war. Moskau spielte die Erdölkarte bei den Olympischen Spielen vom Sommer 1984 in Los Angeles. Das DDR-Politbüro gab der sowjetischen Erpressung nach, boykottierte die Spiele und erhielt dafür Erdöl.

Als der mit 54 Jahren relative junge, dynamische und frei formulierende Gorbatschow auf der Bildfläche erschien, stand der biedere Honecker in seinem Schatten. Laut Pötzl machte das den SED-Chef, ohne dass dies auf ideologischen Differenzen beruhte. 1984, als Tschernenko Honecker wegen seiner westdeutschen Reisepläne nach Moskau zitierte, stritt sich der SED-Generalsekretär heftig mit Gorbatschow. Bereits damals war das persönliche Verhältnis der zwei Politiker zerrüttet, die sich neben der Deutschlandpolitik auch im Verhältnis zu Peking nicht verstanden. Die DDR-Führung trat trotz ideologischer Differenzen für gute Beziehungen zu China ein, die Sowjets dagegen wollten Peking international isolieren. Im August 1985 warnte Gorbatschow Honecker, die chinesische Führung spreche mit gespaltener Zunge. China sei unter Hu Yaobang öffentlich für die Wiedervereinigung Deutschlands aufgetreten. Peking betreibe eine "Politik des Versöhnlertums mit dem Imperialismus", so Gorbatschow. Laut Krenz ging es allerdings nur darum, dass Honecker nicht als erster Vertreter der "linientreuen" sozialistischen Länder Europas von Peking empfangen werden sollte. Als Willy Brandt 1985 nach Ost-Berlin reiste, erlebte er einen trotzigen Honecker, der nicht einmal Gorbatschows Anti-Alkohol-Kampagne mitmachen wollte. Honecker sagte zu Brandt, als sie sich mit dem westdeutschen Wodka der Marke "Gorbatschow" zuprosteten: Wir gehen doch alle den deutschen Weg?"
 
Teil 1 der Honecker-Biografie, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 7.
 

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asiert auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA, 2002, 384 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 
 

 
 
 

 

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