Erich Honecker: Biographie Teil
7
Artikel vom 5. Mai 2003
Als Egon Krenz einmal sagte, was Gorbatschow wolle - wachsam gegenüber der
BRD und China sein - sei "ja ganz vernünftig", antwortete
Honecker: "Ach, so denkst du?" Von da an, so Krenz, hätten sich die
menschlichen Beziehungen zwischen ihnen abgekühlt. Krenz wurde von der Liste
der SED-Delegation gestrichen, die zum KPdSU-Parteitag nach Moskau fuhr.
Honecker waren die neuen Modewörter "Perestroika" und
"Glasnost" vom Parteitag Ende Februar/Anfang März 1986 suspekt.
Laut dem ostdeutschen Historiker Daniel Küchenmeister war Honecker im
Gegensatz zu Gorbatschow gegen jeglichen Pluralismus in der Innen- und
Aussenpolitik. Für ihn waren "die uneingeschränkte Hegemonie der
Sowjetunion im Warschauer Vertrag und das Fortbestehen des Status quo in
Europa [...] Garantien des Sozialismus".
Laut Pötzl schlugen die Meinungsverschiedenheiten zwischen Honecker und
Gorbatschow spätestens im Oktober 1986 in offene Feindschaft um. Gorbatschow
erwähnte in einem Gespräch mit dem SED-Chef, dass er mit Hans-Dietrich
Genscher einig sei, "dass die Russen und die Deutschen eine grosse
Verantwortung für die Geschichte Europas haben". Das "Dreieck
UdSSR, DDR und BRD [habe] ein ausserordentliches Gewicht" für den
Frieden in der Welt. Honecker war über die Gespräche Genschers mit
Gorbatschow im Bilde, doch da der Bonner Aussenminister äusserte, ein neues
Blatt sei im Verhältnis zwischen Moskau und Bonn aufgeschlagen worden, wuchs
Honeckers Misstrauen gegenüber Gorbatschow, der ihn zuvor noch eindringlich
vor der "revanchistischen Bundesrepublik" gewarnt hatte.
Anfang 1988 informierte Honecker den sowjetischen Botschafter darüber, dass künftig
das Wort "Perestroika" aus den in der DDR verbreiteten offiziellen
sowjetischen Dokumenten gestrichen werde. "Wir sind gegen die Praxis der
reinsten Verleumdung der Geschichte der KPdSU, des sozialistischen Aufbaus in
der UdSSR [...]". Dem SED-Chef missfiel vor allem, dass in der
Sowjetunion, statt die Wirtschaftsreformen entschlossen anzupacken, über den
Stalinismus diskutiert wurde (Pötzl erwähnt hier nicht, dass Honecker selbst
in der DDR nichts in dieser Richtung unternahm). Im November 1988 verbot
Honecker die Auslieferung der Moskauer Monatsschrift Sputnik, die
Artikel in verschiedenen Sprachen aus aus sowjetischen Zeitungen und
Zeitschriften nachdruckte, in denen die Reformdiskussion stattfand.
Der frischgebackene Vorsitzende eines neu gebildeten wissenschaftlichen
Beirats, Daschitschew, referierte im November 1987 im Moskauer
Aussenministerium über die sowjetische Aussenpolitik und argumentierte, die
UdSSR habe ein vitales Interesse daran, nach Beendigung des Kalten Krieges
eine umfassende Kooperation mit dem Westen aufzubauen. Wenn nötig müsse dafür
der separate ostdeutsche Staat geopfert werden. Der DDR-Botschafter berichtete
Honecker über "ernsthafte Diskussionen" in Moskau, "die
deutsche Zweistaatlichkeit zu überwinden". Daschitschews altgedienter
Vorgesetzter im Aussenministerium tobte zwar über das Referat, das verbrannt
wurde, doch das war der Anfang einer neuen Deutschlandpolitik, denn wenige
Monate später setzte Daschitschew dem sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin
zwei Stunden lang auseinander, dass man nicht nur auf Honecker setzen dürfe,
sondern auch mit den neuen Gesellschaftskräften in der DDR zusammenarbeiten müsse.
Daschitschew fand im Kreml Gehör mit seiner Meinung, dass keine Ideologie die
Teilung einer grossen Nation im Herzen Europas rechtfertigen könne. Honeckers
Replik darauf kam im Januar 1989 bei der Eröffnung des Thomas-Müntzer-Jahres:
"Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert
haben, die zu ihrer Errichtung geführt haben". Der als
"Gorbatschow-Berater" angekündigte Daschitschew hielt im Juni 1989
am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche Studien in Köln einen Vortrag, in
dem er einen möglichen Fahrplan zur Verbesserung der Beziehungen zu den USA
und zur Nato skizzierte, die mit schwerwiegenden Folgen für die Souveränität
der DDR verbunden sei. Honecker erhielt den ob seiner Brisanz nie im Wortlaut
veröffentlichten Vortrag auf Umwegen über westdeutsche Teilnehmer. Der
SED-Chef erfuhr über die Westmedien, dass Gorbatschow bei seinem BRD-Besuch
vom 12. bis 15. Juni 1989 bedeutende Zugeständnisse zulasten der DDR gemacht
habe und glaubte deshalb den gegenteiligen Beteuerungen des Kreml-Chefs nicht.
Ein Bericht des Politbüros an das SED-Zentralkomitee besagte, Gorbatschow
habe sich bei seinem Bonn-Besuch "nicht klassenmässig" verhalten.
Auf gut Deutsch: Er hat uns verraten. Eine einmalige Anschuldigung an das
Bruderland. In Tat und Wahrheit hatte das Politbüro eine solche Einschätzung
gar nie besprochen. Honecker hatte sie nachträglich mit eigener Hand
eingefügt.
Der fast 77jährige Honecker sah im "Kapitalismus", was er als
junger Mann erlebt hatte: Arbeitslosigkeit, keine ausreichende medizinische
Versorgung, die Arbeiterwitwe, die sich weder Essen noch Wohnung leisten
konnte, etc. In der DDR dagegen machte die Miete nur fünf Prozent des
Einkommens des Normalverdieners aus, die medizinische Betreuung war schlecht,
aber gratis, die öffentlichen Verkehrsmittel fast kostenlos, usw. Honecker
glaubte tatsächlich, die arbeitende Bevölkerung habe es in der DDR besser
als im Westen.
Am 16. und 18. August 1989 wurde Honecker in Berlin eine entzündete
Gallenblase entfernt. Dabei entdeckten die Ärzte einen Tumor im Dickdarm, den
sich auch gleich herausschnitten. Die Chirurgen übersahen allerdings einen
zweiten Krebsherd in der rechten Niere. Nach Einschätzung von Franz Bertele,
der in jenen Monaten die Bundesrepublik in der DDR vertat, hätte Honecker
"den Sozialismus mit der Waffe verteidigen lassen", wenn er im
Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre. Als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach
Berlin kam, sprach er die Worte: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht
auf das Leben reagieren." Der Satz wurde in einer eleganteren Form zum
Leitmotiv der Wende: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".
Egon Krenz, unterstützt von Gleichgesinnten, entwarf eine Erklärung, mit der
die "unseligen Worte Honeckers" von den DDR-Bürgen, denen keine Träne
nachzuweinen sei, zurückgenommen werden sollten. Darin hiess es: "Der
Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle [...]".
In der Sitzung des Politbüros vom 10. Oktober 1989 war der konkreteste
Vorschlag, den Honecker zu bieten hatte, dass jeder DDR-Bürger einen
Reisepass erhalten müsse und einen Antrag auf ein Visum stellen könne. Doch,
so Pötzl, was wären Pässe wert gewesen, ohne die Garantie, auch wirklich
reisen zu dürfen? Der Generalsekretär gab die Parole raus: "Keine
Fehlerdiskussion." Doch bereits der erste Redner, Kurt Hager, widersprach.
Ein Novum im Politbüro. So ging es reihum, nur Günter Mittag und Hermann
Axen sprachen sich für Honeckers Linie aus, der Rest, auch Willi Stoph,
setzte sich für die Krenz-Erklärung ein. Am nächsten Tag fragte Krenz den
Ministerratsvorsitzenden Stoph, ob es nicht an der Zeit sei, den nächsten
Schritt zu gehen. Stoph fragte nicht einmal, was Krenz meinte, sondern
antwortete: "Für Erichs Absetzung brauchen wir eine Mehrheit. Wir müssen
vorher mit allen sprechen." Honeckers-Absetzung sollte bei der nächsten
Sitzung des Politbüros auf die die Tagesordnung.
Bei der nächsten Leipziger Montagsdemonstration durfte es nicht zu
Strassenschlachten und Bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Deshalb
sollte der Einsatz von Schusswaffen im Zusammenhang mit Demonstrationen
verboten werden. Honecker sträubte sich als Vorsitzender des Nationalen
Verteidigungsrates, die Order zu unterschreiben. Er wollte gar - "nur so,
nur zur Drohung" - ein Panzerregiment durch Leipzig rattern lassen. Krenz
und der Stabschef der Nationalen Volksarmee, Fritz Streletz, redeten auf den
SED-Chef ein: Panzereinsatz in Städten setze die bedingungslose Bereitschaft
zur Gewaltanwendung voraus, so wie 1968 beim Prager Frühling. Mit einem
patzigen "Na, denn nicht" zog Honecker seinen Vorschlag zurück.
Am 17. Oktober 1989 kam die Wende. Honecker fragte routinemässig zu Beginn
der Sitzung des Politbüros: "Gibt es noch Vorschläge zur
Tagesordnung?" Stoph meldete sich und schlug als ersten Punkt der
Tagesordnung vor: "Entbindung des Genossen Honecker von seiner Funktion
als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär".
Honecker schaute zuerst regungslos, fasste sich aber rasch wieder: "Gut,
dann eröffne ich die Aussprache." Nacheinander äusserten sich alle
Anwesenden, doch keiner machte sich für Honecker stark. Schabowski erweiterte
gar den Antrag und forderte auch die Absetzung Honeckers als
Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates. Sogar
der Jugendfreund Mittag rückte von Honecker ab. Ob der Heuchelei in Mittags
Intervention, forderte Alfred Neumann spontan die Ablösung von Mittag und von
Presszensor Joachim Herrmann. Nach drei Stunden fiel der einstimmige Beschluss
des Politbüros. Honecker votierte, wie es Brauch war, für seine eigene
Absetzung. Dem ZK der SED wurde vorgeschlagen, Honecker, Mittag und Joachim
von ihren ihren Funktionen zu entbinden. Bei der folgenden ZK-Sitzung waren
206 Mitglieder und Kandidaten anwesend. Lediglich 16 fehlten, darunter Margot
Honecker. Die einzige Gegenstimme kam von der 81jährigen früheren Direktorin
der Parteihochschule, Hanna Wolf, einer entschiedenen Gorbatschow-Gegnerin.
Egon Krenz wurde per Akklamation einstimmig zum neuen Generalsekretär gewählt.
Erich Honecker wurde später wegen parteischädigendem Verhalten aus der SED
ausgeschlossen. Honeckers Privatkonto mit rund 218'000 DDR-Mark wurde
beschlagnahmt. Als eine Staatsanwältin in Begleitung von Polizisten das
Ehepaar Honecker, das gerade einen Waldspaziergang machte, zum Einsteigen
aufforderte, kreischte Margot: "Siehst du, Erich, genau wie 1935".
Bei der Hausdurchsuchung fanden die Fahnder nichts von Belang.
Aus der "Aktuellen Kamera" vom 6. Januar 1990 erfuhr der geschockte
Honecker, dass er Nierenkrebs hatte. Nach dem sofort nötigen medizinischen
Eingriff sollte entschieden werden, ob Honecker in Haft genommen werden könne.
Der Eingriff war erfolgreich. Ein schwieriges Leben ohne Geld begann. Am 13. März
1991 wurde Honecker vom sowjetischen Verteidigungsminister Jasow, der im
Sommer jenen Jahres gegen Gorbatschow putschte, nach Moskau ausgeflogen. Nach
der Niederschlagung des Putsches und dem Aufstieg Jelzins wurde Honecker, nach
einem Intermezzo in der chilenischen Botschaft in Moskau und nur scheinbar
manipulierten ärztlichen Diagnosen, unter Protest in die Bundesrepublik
abgeschoben. Ehefrau Margot blieb in Moskau, da sie fürchtete, in Deutschland
wegen Zwangsadoptionen von Kindern von Republikflüchtlingen ebenfalls hinter
Gittern zu landen. Später reiste sie nach Chile aus.
Am Ende seines Lebens, als er sich Ende 1992 in Moabit vor dem Kriminalgericht
unter anderem wegen seiner Mitschuld am Tod von Republikflüchtlingen an der
von ihm massgeblich mitverantworteten Mauer verantworten musste, schloss sich
für Honecker ein Kreis. Wie einst von den Nazis, sah er sich nun erneut zu
unrecht verfolgt. "Ich hätte das mit Kohl nicht gemacht". Damit
meinte er, den westdeutschen Kanzler hätte er beim Sieg des Kommunismus über
den Kapitalismus nicht einsperren lassen. Der todkranke, haftunfähige
Honecker konnte im Januar 1993 ins chilenische Exil fliegen. Nach Honeckers
Abreise bemerkte das Gericht, dass es einen Formfehler begangen hatte.
Honecker wurde nochmals vorgeladen. Es "bestünde die Möglichkeit einer
Fortsetzung der Hauptverhandlung in Ihrer Abwesenheit", teilte der
Vorsitzende Richter mit. Und so kam es. Das Strafverfahren wurde im April 1993
"wegen eines in der schweren Erkrankung des Angeklagten liegenden
Verfahrenshindernisses" endgültig eingestellt. Der 81jährige Honecker
starb am 29. Mai 1994 im chilenischen Exil.
Pötzl hat keine Biografie mit erschöpfenden Antworten verfasst. Nicht
zuletzt Honeckers Verstrickungen in die dunklen Seiten der DDR-Diktatur
leuchtet er nicht bis ins letzte Detail aus. Seine Darstellung ist zwar
differenziert, aber insgesamt zu milde. Sie beruht auf der bereits
publizierten Literatur zum Thema sowie auf der Befragung von Zeitzeugen, deren
Aussagen allerdings manchmal mit Vorsicht zu geniessen sind, nicht zuletzt,
wenn sie aus den Machtzirkeln der DDR stammen. Gemäss dem Anmerkungsapparat
scheint Pötzl nicht selbst in Archiven recherchiert zu haben. Dennoch ist
sein faktenreiches und leicht zu lesendes Werk nicht nur "Ostalgikern"
zur Heilung zu empfehlen, sondern allen, die sich mit dem letzten
Unrechtsstaat auf deutschem Boden und der Vita seines während knapp drei
Jahrzehnten führenden Repräsentanten auseinandersetzen wollen.
Teil 1 der
Honecker-Biografie, Teil
2, Teil
3, Teil 4,
Teil 5, Teil
6.
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Dieser Artikel basiert
auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA,
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