www.cosmopolis.ch
Nr. 47, Mai 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Erich Honecker: Biographie Teil 7
Artikel vom 5. Mai 2003

 
Als Egon Krenz einmal sagte, was Gorbatschow wolle - wachsam gegenüber der BRD und China sein - sei "ja ganz vernünftig", antwortete Honecker: "Ach, so denkst du?" Von da an, so Krenz, hätten sich die menschlichen Beziehungen zwischen ihnen abgekühlt. Krenz wurde von der Liste der SED-Delegation gestrichen, die zum KPdSU-Parteitag nach Moskau fuhr. Honecker waren die neuen Modewörter "Perestroika" und "Glasnost" vom Parteitag Ende Februar/Anfang März 1986 suspekt. Laut dem ostdeutschen Historiker Daniel Küchenmeister war Honecker im Gegensatz zu Gorbatschow gegen jeglichen Pluralismus in der Innen- und Aussenpolitik. Für ihn waren "die uneingeschränkte Hegemonie der Sowjetunion im Warschauer Vertrag und das Fortbestehen des Status quo in Europa [...] Garantien des Sozialismus".

Laut Pötzl schlugen die Meinungsverschiedenheiten zwischen Honecker und Gorbatschow spätestens im Oktober 1986 in offene Feindschaft um. Gorbatschow erwähnte in einem Gespräch mit dem SED-Chef, dass er mit Hans-Dietrich Genscher einig sei, "dass die Russen und die Deutschen eine grosse Verantwortung für die Geschichte Europas haben". Das "Dreieck UdSSR, DDR und BRD [habe] ein ausserordentliches Gewicht" für den Frieden in der Welt. Honecker war über die Gespräche Genschers mit Gorbatschow im Bilde, doch da der Bonner Aussenminister äusserte, ein neues Blatt sei im Verhältnis zwischen Moskau und Bonn aufgeschlagen worden, wuchs Honeckers Misstrauen gegenüber Gorbatschow, der ihn zuvor noch eindringlich vor der "revanchistischen Bundesrepublik" gewarnt hatte.

Anfang 1988 informierte Honecker den sowjetischen Botschafter darüber, dass künftig das Wort "Perestroika" aus den in der DDR verbreiteten offiziellen sowjetischen Dokumenten gestrichen werde. "Wir sind gegen die Praxis der reinsten Verleumdung der Geschichte der KPdSU, des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR [...]". Dem SED-Chef missfiel vor allem, dass in der Sowjetunion, statt die Wirtschaftsreformen entschlossen anzupacken, über den Stalinismus diskutiert wurde (Pötzl erwähnt hier nicht, dass Honecker selbst in der DDR nichts in dieser Richtung unternahm). Im November 1988 verbot Honecker die Auslieferung der Moskauer Monatsschrift Sputnik, die Artikel in verschiedenen Sprachen aus aus sowjetischen Zeitungen und Zeitschriften nachdruckte, in denen die Reformdiskussion stattfand.

Der frischgebackene Vorsitzende eines neu gebildeten wissenschaftlichen Beirats, Daschitschew, referierte im November 1987 im Moskauer Aussenministerium über die sowjetische Aussenpolitik und argumentierte, die UdSSR habe ein vitales Interesse daran, nach Beendigung des Kalten Krieges eine umfassende Kooperation mit dem Westen aufzubauen. Wenn nötig müsse dafür der separate ostdeutsche Staat geopfert werden. Der DDR-Botschafter berichtete Honecker über "ernsthafte Diskussionen" in Moskau, "die deutsche Zweistaatlichkeit zu überwinden". Daschitschews altgedienter Vorgesetzter im Aussenministerium tobte zwar über das Referat, das verbrannt wurde, doch das war der Anfang einer neuen Deutschlandpolitik, denn wenige Monate später setzte Daschitschew dem sowjetischen Botschafter in Ost-Berlin zwei Stunden lang auseinander, dass man nicht nur auf Honecker setzen dürfe, sondern auch mit den neuen Gesellschaftskräften in der DDR zusammenarbeiten müsse. Daschitschew fand im Kreml Gehör mit seiner Meinung, dass keine Ideologie die Teilung einer grossen Nation im Herzen Europas rechtfertigen könne. Honeckers Replik darauf kam im Januar 1989 bei der Eröffnung des Thomas-Müntzer-Jahres: "Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert haben, die zu ihrer Errichtung geführt haben". Der als "Gorbatschow-Berater" angekündigte Daschitschew hielt im Juni 1989 am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche Studien in Köln einen Vortrag, in dem er einen möglichen Fahrplan zur Verbesserung der Beziehungen zu den USA und zur Nato skizzierte, die mit schwerwiegenden Folgen für die Souveränität der DDR verbunden sei. Honecker erhielt den ob seiner Brisanz nie im Wortlaut veröffentlichten Vortrag auf Umwegen über westdeutsche Teilnehmer. Der SED-Chef erfuhr über die Westmedien, dass Gorbatschow bei seinem BRD-Besuch vom 12. bis 15. Juni 1989 bedeutende Zugeständnisse zulasten der DDR gemacht habe und glaubte deshalb den gegenteiligen Beteuerungen des Kreml-Chefs nicht. Ein Bericht des Politbüros an das SED-Zentralkomitee besagte, Gorbatschow habe sich bei seinem Bonn-Besuch "nicht klassenmässig" verhalten. Auf gut Deutsch: Er hat uns verraten. Eine einmalige Anschuldigung an das Bruderland. In Tat und Wahrheit hatte das Politbüro eine solche Einschätzung gar nie besprochen. Honecker hatte sie nachträglich mit eigener Hand eingefügt.

Der fast 77jährige Honecker sah im "Kapitalismus", was er als junger Mann erlebt hatte: Arbeitslosigkeit, keine ausreichende medizinische Versorgung, die Arbeiterwitwe, die sich weder Essen noch Wohnung leisten konnte, etc. In der DDR dagegen machte die Miete nur fünf Prozent des Einkommens des Normalverdieners aus, die medizinische Betreuung war schlecht, aber gratis, die öffentlichen Verkehrsmittel fast kostenlos, usw. Honecker glaubte tatsächlich, die arbeitende Bevölkerung habe es in der DDR besser als im Westen.

Am 16. und 18. August 1989 wurde Honecker in Berlin eine entzündete Gallenblase entfernt. Dabei entdeckten die Ärzte einen Tumor im Dickdarm, den sich auch gleich herausschnitten. Die Chirurgen übersahen allerdings einen zweiten Krebsherd in der rechten Niere. Nach Einschätzung von Franz Bertele, der in jenen Monaten die Bundesrepublik in der DDR vertat, hätte Honecker "den Sozialismus mit der Waffe verteidigen lassen", wenn er im Vollbesitz seiner Kräfte gewesen wäre. Als Gorbatschow Anfang Oktober 1989 nach Berlin kam, sprach er die Worte: "Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren." Der Satz wurde in einer eleganteren Form zum Leitmotiv der Wende: "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Egon Krenz, unterstützt von Gleichgesinnten, entwarf eine Erklärung, mit der die "unseligen Worte Honeckers" von den DDR-Bürgen, denen keine Träne nachzuweinen sei, zurückgenommen werden sollten. Darin hiess es: "Der Sozialismus braucht jeden. Er hat Platz und Perspektive für alle [...]". In der Sitzung des Politbüros vom 10. Oktober 1989 war der konkreteste Vorschlag, den Honecker zu bieten hatte, dass jeder DDR-Bürger einen Reisepass erhalten müsse und einen Antrag auf ein Visum stellen könne. Doch, so Pötzl, was wären Pässe wert gewesen, ohne die Garantie, auch wirklich reisen zu dürfen? Der Generalsekretär gab die Parole raus: "Keine Fehlerdiskussion." Doch bereits der erste Redner, Kurt Hager, widersprach. Ein Novum im Politbüro. So ging es reihum, nur Günter Mittag und Hermann Axen sprachen sich für Honeckers Linie aus, der Rest, auch Willi Stoph, setzte sich für die Krenz-Erklärung ein. Am nächsten Tag fragte Krenz den Ministerratsvorsitzenden Stoph, ob es nicht an der Zeit sei, den nächsten Schritt zu gehen. Stoph fragte nicht einmal, was Krenz meinte, sondern antwortete: "Für Erichs Absetzung brauchen wir eine Mehrheit. Wir müssen vorher mit allen sprechen." Honeckers-Absetzung sollte bei der nächsten Sitzung des Politbüros auf die die Tagesordnung.

Bei der nächsten Leipziger Montagsdemonstration durfte es nicht zu Strassenschlachten und Bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen. Deshalb sollte der Einsatz von Schusswaffen im Zusammenhang mit Demonstrationen verboten werden. Honecker sträubte sich als Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates, die Order zu unterschreiben. Er wollte gar - "nur so, nur zur Drohung" - ein Panzerregiment durch Leipzig rattern lassen. Krenz und der Stabschef der Nationalen Volksarmee, Fritz Streletz, redeten auf den SED-Chef ein: Panzereinsatz in Städten setze die bedingungslose Bereitschaft zur Gewaltanwendung voraus, so wie 1968 beim Prager Frühling. Mit einem patzigen "Na, denn nicht" zog Honecker seinen Vorschlag zurück.

Am 17. Oktober 1989 kam die Wende. Honecker fragte routinemässig zu Beginn der Sitzung des Politbüros: "Gibt es noch Vorschläge zur Tagesordnung?" Stoph meldete sich und schlug als ersten Punkt der Tagesordnung vor: "Entbindung des Genossen Honecker von seiner Funktion als Generalsekretär und Wahl von Egon Krenz zum Generalsekretär". Honecker schaute zuerst regungslos, fasste sich aber rasch wieder: "Gut, dann eröffne ich die Aussprache." Nacheinander äusserten sich alle Anwesenden, doch keiner machte sich für Honecker stark. Schabowski erweiterte gar den Antrag und forderte auch die Absetzung Honeckers als Staatsratsvorsitzenden und Vorsitzenden des Nationalen Sicherheitsrates. Sogar der Jugendfreund Mittag rückte von Honecker ab. Ob der Heuchelei in Mittags Intervention, forderte Alfred Neumann spontan die Ablösung von Mittag und von Presszensor Joachim Herrmann. Nach drei Stunden fiel der einstimmige Beschluss des Politbüros. Honecker votierte, wie es Brauch war, für seine eigene Absetzung. Dem ZK der SED wurde vorgeschlagen, Honecker, Mittag und Joachim von ihren ihren Funktionen zu entbinden. Bei der folgenden ZK-Sitzung waren 206 Mitglieder und Kandidaten anwesend. Lediglich 16 fehlten, darunter Margot Honecker. Die einzige Gegenstimme kam von der 81jährigen früheren Direktorin der Parteihochschule, Hanna Wolf, einer entschiedenen Gorbatschow-Gegnerin. Egon Krenz wurde per Akklamation einstimmig zum neuen Generalsekretär gewählt. Erich Honecker wurde später wegen parteischädigendem Verhalten aus der SED ausgeschlossen. Honeckers Privatkonto mit rund 218'000 DDR-Mark wurde beschlagnahmt. Als eine Staatsanwältin in Begleitung von Polizisten das Ehepaar Honecker, das gerade einen Waldspaziergang machte, zum Einsteigen aufforderte, kreischte Margot: "Siehst du, Erich, genau wie 1935". Bei der Hausdurchsuchung fanden die Fahnder nichts von Belang.

Aus der "Aktuellen Kamera" vom 6. Januar 1990 erfuhr der geschockte Honecker, dass er Nierenkrebs hatte. Nach dem sofort nötigen medizinischen Eingriff sollte entschieden werden, ob Honecker in Haft genommen werden könne. Der Eingriff war erfolgreich. Ein schwieriges Leben ohne Geld begann. Am 13. März 1991 wurde Honecker vom sowjetischen Verteidigungsminister Jasow, der im Sommer jenen Jahres gegen Gorbatschow putschte, nach Moskau ausgeflogen. Nach der Niederschlagung des Putsches und dem Aufstieg Jelzins wurde Honecker, nach einem Intermezzo in der chilenischen Botschaft in Moskau und nur scheinbar manipulierten ärztlichen Diagnosen, unter Protest in die Bundesrepublik abgeschoben. Ehefrau Margot blieb in Moskau, da sie fürchtete, in Deutschland wegen Zwangsadoptionen von Kindern von Republikflüchtlingen ebenfalls hinter Gittern zu landen. Später reiste sie nach Chile aus.

Am Ende seines Lebens, als er sich Ende 1992 in Moabit vor dem Kriminalgericht unter anderem wegen seiner Mitschuld am Tod von Republikflüchtlingen an der von ihm massgeblich mitverantworteten Mauer verantworten musste, schloss sich für Honecker ein Kreis. Wie einst von den Nazis, sah er sich nun erneut zu unrecht verfolgt. "Ich hätte das mit Kohl nicht gemacht". Damit meinte er, den westdeutschen Kanzler hätte er beim Sieg des Kommunismus über den Kapitalismus nicht einsperren lassen. Der todkranke, haftunfähige Honecker konnte im Januar 1993 ins chilenische Exil fliegen. Nach Honeckers Abreise bemerkte das Gericht, dass es einen Formfehler begangen hatte. Honecker wurde nochmals vorgeladen. Es "bestünde die Möglichkeit einer Fortsetzung der Hauptverhandlung in Ihrer Abwesenheit", teilte der Vorsitzende Richter mit. Und so kam es. Das Strafverfahren wurde im April 1993 "wegen eines in der schweren Erkrankung des Angeklagten liegenden Verfahrenshindernisses" endgültig eingestellt. Der 81jährige Honecker starb am 29. Mai 1994 im chilenischen Exil.
 
Pötzl hat keine Biografie mit erschöpfenden Antworten verfasst. Nicht zuletzt Honeckers Verstrickungen in die dunklen Seiten der DDR-Diktatur leuchtet er nicht bis ins letzte Detail aus. Seine Darstellung ist zwar differenziert, aber insgesamt zu milde. Sie beruht auf der bereits publizierten Literatur zum Thema sowie auf der Befragung von Zeitzeugen, deren Aussagen allerdings manchmal mit Vorsicht zu geniessen sind, nicht zuletzt, wenn sie aus den Machtzirkeln der DDR stammen. Gemäss dem Anmerkungsapparat scheint Pötzl nicht selbst in Archiven recherchiert zu haben. Dennoch ist sein faktenreiches und leicht zu lesendes Werk nicht nur "Ostalgikern" zur Heilung zu empfehlen, sondern allen, die sich mit dem letzten Unrechtsstaat auf deutschem Boden und der Vita seines während knapp drei Jahrzehnten führenden Repräsentanten auseinandersetzen wollen.
 
Teil 1 der Honecker-Biografie, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5,
Teil 6.
 

Dieser Artikel b
asiert auf Norbert F. Pötzl: Erich Honecker. Eine deutsche Biographie. DVA, 2002, 384 S. Buch bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 
 

 

 

 
 
 

 

www.cosmopolis.ch
Nr. 47, Mai 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel

© Copyright 2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.