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Nr. 48, Juni 2003
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Der 17. Juni 1953  
Ein Rückblick auf die gescheiterte Revolution mit Hinweisen auf Literatur, Bücher zum Aufstand

 
Artikel vom 16. Juni 2003 [ergänzt am 4.7.2003]
 
Vor fünfzig Jahren fand in der DDR der "Aufstand der Massen" vom 17. Juni statt. Je nach Einschätzung gingen gut eine halbe Million bis über eine Million Bürger der DDR auf die Strasse, um gegen den sozialistischen Zwangsstaat zu protestieren, der weder demokratisch noch eine Republik war.

Das DDR-Regime hatte bis zum Schluss Angst vor einer Wiederholung der Ereignisse von 1953. So fragte denn auch der Stasi-Chef Mielke am 31. August 1989 bei einer Besprechung mit Generälen und Offizieren im Ministerium für Staatssicherheit: "Ist es so, dass morgen der 17. Juni ausbricht?" So ähnlich kam es dann ja auch, mit dem Unterschied, dass die Revolution 1989 erfolgreich und unblutig verlief und nicht wie 1953 mit Hilfe sowjetischer Panzer niedergeschlagen wurde.

Ein Blick in die heute offen stehenden Archive der DDR, von SED, Stasi und Volkspolizei, zeigt, wie umfassend das Aufbegehren gewesen war. Die sowjetischen sowie die Archive der Westmächte USA, England und Frankreich wurden erstaunlicherweise von den Autoren der nebenstehenden Bücher scheinbar noch nicht systematisch ausgewertet.
 
Vom 16. bis 21. Juni 1953 demonstrierten und streikten die Menschen in über 700 Orten (Ilko-Sascha Kowalczuk). Es wurden Manifeste und Resolutionen zur Veränderung der Situation in der DDR verfasst. Parolen wie "Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille" - 2003 von Hans-Peter Löhn als treffender Buchtitel aufgenommen - klingen wie ein Vorgeschmack auf 1989.

Der sozial motivierte Protest der Berliner Bauarbeiter, deren Petition vom 15. Juni von Grothewohl ignoriert wurde, und der Widerstand der Stahlarbeiter von Henningsdorf gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen erfasste noch am 17. Juni alle Bevölkerungsschichten. Forderungen nach "freien Wahlen" und der "Zulassung gesamtdeutscher Parteien" wurden laut. Es kam im Juni sogar zur Erstürmung von neun Gefängnissen, wobei gemäss den Quellen der DDR-Behörden 1297 Gefangene befreit wurden, von denen rund 260 definitiv entkamen (Volker Koop). Die Protestwelle erfasste die gesamte DDR.

Die DDR verhängte das Kriegsrecht und mit Hilfe der Sowjetunion wurde der Flächenbrand mit brutalen Mitteln unter Kontrolle gebracht. Bei der Niederschlagung der Revolte von 1953 wurden je nach Quelle zwischen 2'000 und 15'000 Menschen von den DDR- und Sowjetbehörden verhaftet. Mindestens 20 Menschen wurden sofort hingerichtet. Gemäss Hubertus Knabe starben am 17. Juni über 50 Personen.
 
Viele DDR-Bürger zogen daraus die Konsequenzen und wanderten in den Westen ab, sodass sich die DDR-Führung 1961 dafür entschied, die Berliner Mauer zu errichten, die Grenze zum Westen abzuschotten und so die Gesamtbevölkerung zu Gefangenen des Ostblocks zu machen. Doch die Ereignisse in Ungarn von 1956 und in der  Tschechoslowakei von 1968 zeugen davon, dass der Sozialismus auch danach der Bevölkerung in Osteuropa nur mit Gewalt aufgezwungen werden konnte.

Unter den heutigen Analysen der Ereignisse von 1953 ist Hans Bentzien wohl ein Einzelfall. Er war war seit 1946 SED-Mitglied, in den 1960er Jahren DDR-Kulturminister. 1966 wurde er wegen "ernsthafter Fehler im Amt" entlassen. Danach war er für verschiedene Verlage tätig. Doch das Ende seiner DDR-Karriere erlebte er als letzter Intendant des DDR-Staatsfernsehens. Für ihn bleibt der Aufstand "konterrevolutionär", denn "die politischen Forderungen [wurden] von westlicher Seite in die Streiks hineingetragen". Für Bentzien handelte es sich zudem um eine von Berija inszenierte Intrige mit dem Ziel, die DDR dem Westen auszuliefern. Zum Glück steht der Autor heute mit seiner Deutung ziemlich alleine da.
 
Die Bürgerrechtler und anderen Regimekritiker sowie die "Massen" in der DDR beriefen sich bei der Wende 1989 erstaunlicherweise nicht auf 1953. Wohl, weil sie der Mär vom "faschistischen Putschversuch", wie das DDR-Regime den niedergeschlagenen Aufstand nannte, zumindest teilweise aufgesessen waren.

Im Westen haben viele bei der SPD und den Grünen - unter dem Eindruck der DDR-Propaganda und dem durch eigene sozialistische Fantasien getrübten Blick  - den 17. Juni 1953 lange nicht richtig eingeschätzt. Im Jahr 2003 finden glücklicherweise einige von ihnen klare Worte zu den Falscheinschätzungen der Vergangenheit.
 
Im Westen Deutschlands wurde der 17. Juni bereits am 4. August 1953 vom Bundestag zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Ab 1954 wurde jährlich den Ereignissen von 1953 gedacht. Der Feiertag wurde 1963 sogar zum "nationalen Gedenktag" erhoben. Mit dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung wurde der 17. Juni durch den 3. Oktober, den "Tag der deutschen Einheit", ersetzt.

Der Feiertag vom 17. Juni war für die überwiegende Mehrzahl der BRD-Bürger rasch zu einem gewöhnlichen Ferientag geworden. "Einheit in Freizeit" statt "Einheit in Freiheit" war das Motto des Tages. Bei CDU/CSU und FDP (mit Abstrichen während der sozialliberalen Koalition) war die Einschätzung zwar weitgehend korrekt, die offizielle Erinnerung geriet aber bei ihnen oft zur Routine. Und wie für alle Gedenktage wird uns die weitgehend geschäftsmässige Erinnerung wohl auch in Zukunft begleiten. Einzig runde Geburtstag wie der diesjährige 50. dürften zu einer eingehenderen Beschäftigung mit dem Thema führen.
 

 
Literatur, Bücher zum 17. Juni 1953

- Hans Bentzien: Was geschah am 17. Juni? Vorgeschichte, Verlauf und Hintergründe. Edition Ost im Verlag das Neue Berlin, Berlin, 2003, 214 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Torsten Diedrich: Waffen gegen das Volk. Der 17. Juni 1953 in der DDR. Hg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Oldenbourg Verlag, München, 2003, 261 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Thomas Flemming: Kein Tag der deutschen Einheit. Bebra, 2003, 168 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: Der "Tag X" und die Staatssicherheit. Reaktionen und Konsequenzen im DDR-Machtapparat. Edition Temmen, Bremen, 2003, 351 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Haruriko Hoshino: Macht und Bürger. Der 17. Juni 1953. Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M., 2002, 231 S.
- Hubertus Knabe: 17. Juni 1953. Ein deutscher Aufstand. Propyläen, München, 2003, 485 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Guido Knopp: Der Aufstand. Der 17. Juni 1953. Mitarbeit: Friederike Dreykluft und Ricarda Schlosshan. Dokumentation Patrick Obrusnik. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg, 2003, 320 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Volker Koop: Der 17. Juni 1953. Legende und Wirklichkeit. Siedler Verlag, Berlin, 2003, 428 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Ilko-Sascha Kowalczuk: 17. Juni 1953 - Volksaufstand in der DDR. Ursachen, Abläufe, Folgen. Vorwort von Marianne Birthler. Edition Temmen, 2003, 311 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Hans-Peter Löhn: Spitzbart, Bauch und Brille sind nicht des Volkes Wille. Edition Temmen, Bremen, 2003, 211 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Ulrich Mählert, Hg.: Der 17. Juni 1953. Ein Aufstand und seine Vorgeschichte. Dietz, Bonn, 2003, 320 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Das Parlament, Nr. 23, 2. Juni 2003. Dem 17. Juni 1953 gewidmete Ausgabe.
- Heidi Roth: Der 17. Juni 1953 in Sachsen. Einleitendes Kapitel von Karl Wilhelm Fricke. Böhlau, Köln, 1999, 656 S. Bestellen bei Amazon.de.
- Rolf Steininger: 17. Juni 1953. Der Anfang vom langen Ende der DDR. Olzog, München, 2003, 206 S. Bestellen bei Amazon.de.
 

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