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Geschichte Chinas
Von den Anfängen bis zu Deng Xiaoping
Artikel vom Juli 1999
Die Periodisierung der chinesischen Geschichte ist kein leichtes Unterfangen.
Auf hochneolithische Kulturen von 5000 bis 3000 v. Chr., über die
wir vor allem über die Archäologie Kenntnisse haben, folgte eine
Phase des Übergangs, zu der die Xia-Dynastie gehört. In die Blüte
der Bronzezeit fallen die Dynastien der Shang und der Zhou. Hierzu gibt es erste schriftliche
Zeugnisse. In der Chunqiu-Zeit von 722 bis 481 v.Chr. lebten die Philosophen
Konfuzius und Laozi, und auf die streitenden Reiche folgte die Reichseinigung
durch die Qin. Mit ihnen beginnt eine neue Periode der chinesischen Geschichte.
Einen guten Einstieg in die Zeit vom Einheitsreich der Qin (3.Jh. v.Chr.)
bis zum Zusammenbruch des Song-Reiches (1279 n.Chr.) unter dem Ansturm
der Mongolen bietet Helwig Schmidt-Glintzer. Unter den Qin, auf die unsere Benennung Chinas zurückgeht,
setzte der führende Beamte Shang Yang (356-338 v.Chr.) die Zentralisierung
der Verwaltung durch. Landwirtschaft und Armee wurden gefördert, Handel
und Handwerk <eher behindert>. Mit dem ersten Kaiser 221 v. Chr. begründeten
die Qin nicht nur die Institution und Herrschaftsform, die bis zu
Beginn des 20. Jahrhunderts massgeblich war, sondern es traten bereits
alle Besonderheiten des Kaiserreiches zu tage. So <der Konflikt zwischen
dem Kaiser als Repräsentanten des Einheitsgedankens und den partikularen,
insbesondere den regionalen Interessen, zum anderen das Bedürfnis
nach Legitimation seiner Herrschaft als der für seine Zeit in jeder
Hinsicht vollkommenen. Damit hängen der Kaiserkult und die Stellung
des Kaisers zur Bürokratie zusammen, die ihm unterstand und von der
er zugleich abhängig war.> Eine wesentliche Neuerung der Qin war die
Vereinheitlichung der chinesischen Schrift, die vor allem von Kanzler Li
Si vorangetrieben wurde und eine für eine einheitliche Verwaltung
unabdingbare Reform darstellt.
Auf die Qin folgte die Dynastie der Han (206 v.Chr.-220 n.Chr.), in
deren Epoche sich das Ideal des Imperiums festigte. China wurde in den
Augen der Han zum Zentrum der Welt, ja <aller Kultivierung überhaupt>.
Damals lebte auch der Begründer der monographischen und biographischen
Geschichtsschreibung des Reichs der Mitte, Sima Qian (ca. 145-90 v.Chr.).
Nach ihm entstand die Dynastiegeschichte, die jedoch erst mit der Tang-Zeit
(618-907 n.Chr.) zu einer staatlichen Angelegenheit wurde. Im 2.Jh.v.Chr.
anerkannte der Herrscher Han Wudi die Konfuzianer, deren Lehren durch den
Theoretiker und Berater des Kaisers Dong Zhonshu (179-104 v.Chr.) derart
umgestaltet wurden, <dass sie den Herrschaftsbedürfnissen der Dynastie
und den politischen Machtverhältnissen entsprachen.>
Wir können hier selbstverständlich nicht einmal in grober
Form die Geschichte Chinas nachzeichnen, weshalb wir einen Sprung in die
Tang-Zeit machen, in der nach Perioden der Zersplitterung das Reich wieder
vorübergehend geeint wurde. Diese Epoche ist auf Grund der besseren
Quellenlage seit Jahrzehnten ein Schwerpunkt der Forschung. In dieser Phase
der kulturellen Entfaltung herrschten aber auch - wie anderswo in der Welt
- rauhe Sitten. Als die Konkubine Wu Zhao dem Kaiser einen Sohn schenkte
und danach im Jahr 655 formal in den Rang der Kaiserin erhoben wurde, liess
sie ihre Vorgängerin Wang sowie die Konkubine Xiao Shufei mit abgeschnittenen
Armen und Beinen in einem Weinfass sterben (Schmidt-Glintzer).
In der Song-Dynastie (960-1279) setzte sich die bürokratische Verwaltung
und formalisierte Beamtenrekrutierung endgültig durch. Es war <die
Zeit der grossen Orientierungsdebatten zu Grundfragen der Politik, der
Philosophie und der Literatur, vor allem aber auch die Zeit einer wirtschaftlichen
Blüte bis dahin nicht gesehenen Ausmasses, des Aufkommens neuer Märkte
und der Städtebildung>. Die Zivilverwaltung wurde professionalisiert,
ein Beamtenethos bildete sich heraus, wobei im 11. Jh. eine Aufbruchsstimmung
herrschte, während dem im 12. Jh. eine <Wendung nach Innen> erfolgte.
Die Song-Zeit war eine Art frühneuzeitliche Epoche, in der aufklärerisches
Denken sich verbreitete und Quellenkritik betrieben wurde. Dadurch wurden
<nicht nur die Wahrnehmungsweisen und die Sinnstrukturen, sondern das
gesamte Lebensgefühl [verändert]>. Gleichzeitig war es auch eine
Periode, in der das Heer unter zivile Aufsicht gestellt wurde und in der
Kaiser Song Taizu durch die Reduzierung der Kompetenzen der wichtigsten
Hofbeamten den institutionellen Rahmen für eine absolutistische Regierung
schuf. Deshalb zerfiel das Reich danach nie mehr auf Dauer (Schmidt-Glintzer).
Im 13. Jh. wurde China Teil des mongolischen
Weltreiches. Weil der letzte
Song-Kaiser durch seine ungeschickte Politik die Loyalität zur Dynastie
aufgeweicht hatte, ergaben sich viele Kommandanten kampflos Khubilai Khan.
In der Yuan-Dynastie existierte ein duales System chinesischer und mongolischer
Verwaltung. Sie wurden 1368 mit der Ausrufung der Dynastie der Ming (Han-Chinesen)
nach der Eroberung Pekings abgelöst. Die Wiedervereinigung Chinas
wurde allerdings erst 1387 abgeschlossen. Das Ming-Reich konsolidierte
sich gar erst um 1435 mit dem Abschluss der Ausbildung der Institutionen
des Ming-Reiches. Zhu Yuanzhang, der erste Kaiser dieser Dynastie, war
zugleich ihr bedeutendster. Den Ming gelang es, die Reichseinheit aufrechtzuerhalten
und die Gefahr einer <Refeudalisierung> (Schmidt-Glintzer) zu verhindern.
Das Heer wurde erneut vollständig der zivilen Kontrolle unterworfen.
Es war eine Periode wirtschaftlichen Wachstums, institutionaler Erneuerung
und diplomatischer und militärischer Expansion (Mongolei, Südostasien,
Indischer Ozean, Zentralasien). Im 16. Jh. erfolgte ein rascher sozialer Wandel. Eine neue Mittelschicht
entstand, Grosskaufleute und Bankiers traten
in Aktion, Manufakturen entstanden vielerorts. Der Welthandel war schon
damals eine Tatsache. China exportierte als bekanntestes Gut Porzellan
und führte u.a. die Süsskartoffel und den Mais ein, wodurch die
einheimische Landwirtschaft die Ernährungssituation wesentlich verbessern
konnte. Trotzdem führten eine Krise der Staatsfinanzen, agrarsoziale
Spannungen und die Unfähigkeit der Politik, diese zu mildern, zu
Bauernunruhen.
Die verstärkte Mobilität und die Verbreitung von Feuerwaffen
begünstigten die Aufstände. Die Hauptstadt Peking liegt jenseits
der Mauer, was dem Dschurdschen-Stamm, der sich später <Mandschu>
nennen und die Dynastie der Quing bilden sollte, die Eroberung des Song-Reiches
erleichterte.
Unter den Mandschu erreichte China seine grösste territoriale
Ausdehnung.
Sie förderten Wissenschaft und Kunst und setzten die Konfuzianisierung
erst endlich durch. Zensur und Indoktrinierung waren Mittel ihrer Herrschaft.
Der Transfer von Wissen und Gütern zwischen Ost und West verstärkte
sich, Tee und Seide sind Stichworte dazu. Da die Europäer den Chinesen
keine attraktiven Handelsgüter anbieten konnten, bezahlten sie mit Silber, später mit Opium. Im Gegensatz zu Europa war in China die
Landwirtschaft hochentwickelt, Handwerk und (insbesondere Textil-) Manufakturen
zeichneten sich durch eine hohe Produktivität aus. Die Bevölkerung
wuchs in der zweiten Hälfte des 18. Jh. von 143 auf 360 Mio. Menschen
(in Europa von 144 auf lediglich 193 Mio.). Das wiederum führte zu
sozialen Spannungen und Aufständen, auch in den Randgebieten mit unterworfenen
Völkern. Ökologische Katastrophen häuften sich. Der Staat wurde
durch die strukturellen Probleme überfordert. Die Beamten nutzten
ihre Stellung hemmungslos aus. Korruption und Nepotismus bestimmten das Bild. Innere Krisen verbunden mit dem Druck der Kolonialmächte, die
Ende des 18. und im 19. Jh. China militärisch überflügelt hatten, führten zum unaufhaltsamen Niedergang der
Qing, die dem Modernisierungsdruck
nicht gewachsen waren.
Schon Mitte des 19. Jh. geriet das Mandschu-Reich als Folge der europäischen
Aggression im Opiumkrieg und dem Zweiten Öffnungskrieg zusammen mit internen
Aufstandsbewegungen (so der Taiping-Rebellion) an den Rand des Zusammenbruchs.
Den Engländern und Franzosen waren die Mandschu zuerst mit starrem
Widerstand und Verweigerung der Umsetzung mancher Bestimmungen begegnet
und hatten so den zweiten Krieg provoziert. Nun fielen sie ins andere Extrem
und gewährten den Europäern wohl mehr Konzessionen als notwendig
gewesen wäre. Zu den Privilegien und Sonderrechten zählten die
Treaty-Ports.
China verlor die Kontrolle über die Vasallenstaaten Vietnam (1885)
und Korea (1910) sowie - vor allem als Folge der Niederlage im Krieg gegen
Japan (1895) - über periphere Teile des Reiches wie Taiwan (1895),
die Südmandschurei (1905) oder die Aeussere Mongolei (1911). Zu den
Ursachen der Revolution von 1911, die zum Sturz des seit 221 v. Chr. bestehenden
kaiserlichen Herrschaftssystems führte, müssen auch die gescheiterte
konstitutionelle Reformbewegung von 1898 und die Niederschlagung der rückwärtsgewandten
und fremdenfeindlichen Volksbewegung der <Boxer> (Yihetuan) durch eine
Expeditionsarmee der vereinigten ausländischen Mächte im Jahr
1900 gezählt werden. Die sturen Verteidiger der alten Verhältnisse
wurden durch diese Niederlage endgültig diskreditiert (Jürgen Osterhammel).
Doch die Geschichte endet nicht mit Sun Yat-sen (1866-1925), der auf
seiner Reise in die USA von der Revolution überrascht wurde und zurück
in China als erster Präsident der Chinesischen Republik nur sechs
Wochen lang ohne nachhaltige Wirkung regierte. Auch die verschiedenen Verfassungen
konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass in Wirklichkeit weiterhin
extrakonstitutionelle Machtverhältnisse herrschten. Die Diktatur des
ehemaligen kaiserlichen Gouverneurs und Generals Yuan Shikai wurde durch
eine Offiziersrevolte beendet. Die extreme Militarisierung vor allem der
Landbevölkerung seit der Taping-Zeit erleichterte nun gut ein halbes
Jahrhundert später die Etablierung der Warlords, die als korrupte
und blutsaugende regionale Militärmachthaber die Regierung übernahmen.
1923/24 schlossen die nationalrevolutionären Guomindang (GMD) von
Sun Yat-sen eine Einheitsfront mit den Kommunisten. Die <Grosse Revolution>
(da geming) von 1925-27, bei der nicht die soziale Komponente, sondern
der Hass auf die europäischen und japanischen Imperialisten entscheidend
war, beendete allerdings nur die Herrschaft der Warlords. Das Bündnis
der GMD mit den Kommunisten zerbrach bereits 1927. Letztere wurden fortan
verfolgt. Chiang Kai-shek etablierte sich nicht nur als Führer der GMD, sondern er wurde der Staatsmann Chinas. Bis 1937 beherrschten
die GMD von ihrer Hauptstadt Nanjing aus China, während dem sich 8000
Kommunisten nach dem <Langen Marsch> von Oktober 1934 bis Oktober 1935
in die Provinz Shaanxi retten konnten. Ihr Schicksal schien besiegelt zu sein, als die
Japaner, die schon 1931 in die Mandschurei eingefallen waren,
1937 die Kernlande Chinas überfielen und den GMD-Truppen verheerende
Niederlagen beibrachten. Das zwang die Nationalisten erneut zur Zusammenarbeit
mit den Kommunisten, was diesen das Überleben als politische Kraft sicherte.
Die GMD waren keinesfalls <bürgerlich>
gewesen, wie die kommunistische
Propaganda verbreitet hatte und Teile im Westen glaubten. So liess sich
Henry Luce mit seinem Time Magazine durch Chiang Kai-sheks in den
USA erzogene Frau, die sich als Demokratin und Christin präsentierte,
und ihre Schmeicheleien täuschen. Die Kommunisten betonten den Klassenkampf,
währenddem die GMD den Akzent auf die Harmonie zwischen Arbeit und
Kapital bei der Modernisierung setzten. Die Privatindustrie hatte es nach
1928 unter den GMD jedoch schwerer als zu Ende des Kaiserreichs oder in
den ersten Jahren der Republik. Die Regierung war dirigistisch, wollte Bergbau, Industrie und Banken staatlich
kontrollieren. In den Jahren der
Weltwirtschaftskrise versagte sie völlig, belastete die Industrie
unnötig und benachteiligte z.B. die nationale Tabakindustrie steuerlich
gegenüber B.A.T., dem grössten ausländischen Konzern in
ihrem Herrschaftsgebiet. Die GMD hatten die Warlords mit dem Versprechen
verjagt, an ihre Stelle eine rationale Staatsverwaltung zu setzen. Binnenländische
Transitsteuern sollten abgeschafft und die Korruption eingeschränkt werden. Doch bis zum Kriegsbeginn hatten die GMD wenig davon
umgesetzt.
Je nach Region war die Herrschaft höchst unterschiedlich. In vorher
kommunistischem Rätegebieten der Provinz Jiangxi leitete die Armee
im Herbst 1934 <eine reaktionäre Politik der Wiederherstellung
der alten Ordnung, des Weissen Terrors und der pseudo-konfuzianischen
Indoktrinierung> ein. In Sichuan dagegen kehrte das GMD-Regime <sein massvoll modernisierendes
[...] Gesicht hervor> (Osterhammel).
In den 1930er Jahren lebten noch 73 % der Gesamtbevölkerung Chinas
von der Landwirtschaft. Die Situation der Bauern im Norden unterschied
sich von denen im Süden, wo Grundherren eine wichtigere Rolle spielten.
Dazu kamen Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie. Die Bauern waren
in ihren Protesten nicht solidarisch gewesen. Ihre Aktionen konnten sich
so nie zu Flächenbränden ausdehnen. Die Kommunisten verstanden
die Situation der Bauern besser als die GMD. Mao Zedong hatte bereits im
September 1926 die Situation der Bauern <zur zentralen Frage der nationalen
Revolution> erklärt. Die Kommunisten waren nicht von Moskau ferngesteuert,
übernahmen aber später Elemente des leninistischen und stalinistischen
Systems, so die Nomenklatura-Hierarchie sowie die Geheimpolizei. Sie passten
ihre Strategie den Gegebenheiten in China an. Von 1928 bis 1931 suchten
Hungersnöte z.B. die arme Provinz Shaanxi heim, rund drei Millionen
Menschen starben oder flüchteten. Da lag Maos Aufruf zu einer relativ
gemässigten Landreform im Jahr 1933 voll im Trend. Für Mao war
allerdings auch klar, dass die politische Macht aus den Gewehrläufen kommt. Sein Mittel sollte der <Volkskrieg>, der Partisanenkampf
werden,
wobei auch er sich auf die aus dem 19. Jh. herrührende Militarisierung
der Gesellschaft abstützte. Er setzte sich aber erst auf dem Langen
Marsch als primus inter pares der kollektiven Parteiführung der KPCH durch. Nach dem Krieg hielt er an seiner Linie fest:
Guerillakrieg, Landrevolution
und Abstimmung und Abstützung der Politik auf die Wünsche, Stimmungen
und Ansichten der Massen. Dadurch gewannen die Kommunisten eine Nähe
zum Volk, die den GMD fehlte.
Chiang Kai-shek gehörte nach dem Krieg zu den <Big
Four>. Er
wurde von den USA wie von der UdSSR als legitime Zentralmacht Chinas anerkannt.
Doch Chiang selbst <prangerte die Unfähigkeit, Lügenhaftigkeit
und Korruption seiner Offiziere an, die sich selbstsüchtig wie kleine
Warlords verhielten, und die noch schlimmere Korruption der zvilen Politiker>
(Osterhammel). Dem wäre hinzuzufügen, das die GMD eine leninistisch
organisierte Partei war und Chiang selbst auch kein Kind von Traurigkeit.
Zudem hatte er die von Sun Yat-sen vor seinem Tod geforderte Landreform
und Demokratisierung und Selbstverwaltung auf lokaler Kreisebene nicht
durchgesetzt. Durch eine verfehlte Geldpolitik stieg die Inflation nach
1945 ins Unermessliche und ruinierte die chinesische Mittelklasse. Sogar
die Unterstützung der liberal, nicht kommunistisch ausgerichteten
städtischen Mittelschichten verspielte Chiang (Osterhammel). 1948/49
triumphierten die Kommunisten im Bürgerkrieg über die korrupt
und parasitär gewordenen GMD. Die grossen Städte fielen ohne
ernsteren Widerstand in die Hände der Volksbefreiungsarmee. Erst auf
Taiwan raffte sich Chiang - mit Unterstützung der USA - zu einer allmählichen
Neuorientierung auf.
Die Kommunisten verstaatlichten Banken, Industrie und Handel. Grundherren
und <reiche> Bauern wurden enteignet. Die Entstalinisierung in der
UdSSR verursachte in China einen Schockeffekt. Zuerst schien mit der <Hundert-Blumen-Bewegung>
ebenfalls eine Abrechnung mit den Fehlern der Vergangenheit möglich,
doch die schonungslose Kritik überraschte die Führung und bewog
sie zu einem Politik-Schwenk um 180 Grad. In der <Anti-Rechts-Kampagne>
vom Jahr 1957 wurde mit den Kritikern brutal abgerechnet. <Der Grosse
Sprung nach vorn> (1958) endete mit einer Bruchlandung in der schlimmsten
Hungersnot der jüngeren Geschichte Chinas, die Millionen von Toten
forderte. Die fachmännisch orientierten wie Liu Shaoqi und Deng Xiaoping
gewannen 1959 gegen die Mao-Linie, die einseitig auf <rote> Moral und
Massenbewegungen setzte, die Oberhand. Liu Shaoqi übernahm das Amt
des Staatspräsidenten von Mao. Doch bereits 1966 schlug dieser in
der Kulturrevolution mit Hilfe der von ihm fanatisierten Roten Garden,
einer ideologisch manipulierten Jugend-Massenbewegungn, zurück. Unter
dem gemässigten Ministerpräsidenten Zhou Enlai kam es anfangs
der 1970er Jahre zu einer langsamen Normalisierung, die sich aber erst
nach dem Tod Maos und der Ausschaltung der Viererbande um seine Frau durchsetzte.
Bereits zuvor hatte sich China durch den UNO-Beitritt (1971) und den
Besuch des amerikanischen Präsidenten Nixon (1972), dem die Aufnahme
diplomatischer Beziehungen zwischen den zwei Staaten folgte, aus der internationalen
Isolierung gelöst. Deng Xiaoping setzte im Dezember 1978 an der Plenartagung
des Zentralkomitees die Weichen für wirtschaftliche Reformen. Doch
bereits im Jahr darauf zeigten sich die Limiten der Öffnungspolitik, als der <Pekinger Frühling> unterdrückt
wurde. China verabschiedete sich zwar vom totalitären maoistischen
Terrorregime
und verzichtete auf die unseligen Massenbewegungen, die Reformen sollten
sich aber weitgehend auf die Wirtschaft (Industrie und Landwirtschaft)
beschränken. Am politischen (Gewalt-) Monopol der Partei durfte nicht
gerüttelt werden. Das bestätigte sich erneut im Januar 1987,
als der Generalsekretär Hu Yaobang entmachtet wurde. Doch selbst
ein Reformer wie Zhao Ziyang, der ebenfalls - nach nur zwei Jahren - von
einer konservativen Reaktion weggefegt wurde, wollte die Partei nur modernisieren,
um so ihre führende Rolle über Politik und Gesellschaft zu verstärken
(Cabestan). Die Ereignisse von 1989 auf dem Tiananmen-Platz
untermauerten diese These nochmals, die bis heute ihre Gültigkeit
hat. Die Verwaltung - die unter Deng rationalisiert wurde - behindert noch
immer den Reformprozess. China ist noch immer weit von einem legal-rationellen
System entfernt. Die politische Bürokratie hält immer noch weite
Teile der - maroden - Wirtschaft in ihren Händen. Korruption und Nepotismus
sind deshalb weit verbreitet. Cabestan schrieb bereits 1992, dass wahre
Reformer an die Spitze der KPCH gelangen müssten, um das System zu
ändern. Unter Deng sei dies nicht möglich. Das hat sich bewahrheitet,
leider bis heute, denn nach wie vor konnten sich keine wirklichen Reformer
durchsetzen. Bei allen augenfälligen Veränderungen, die in den
letzten Jahren unübersehbar wurden, wollen die Parteiführer weiterhin
hauptsächlich das bestehende System stabilisieren, seinen Zusammenbruch
verhindern. Wie lange noch können sie unabwendbare, bitter nötige
Reformen hinauszögern?
Zum Abschluss sei noch auf vom Westen sich klar unterscheidende Verhaltensweisen
im Land des Lächelns verwiesen, damit sie Missverständnisse und
peinliche Situationen vermeiden können. Karl-Heinz Pohl beschreibt Chinas Grundpfeiler der Höflichkeit, die Bescheidenheit,
die sich u.a. durch Herabsetzung der eigenen Person bei gleichzeitiger
Aufwertung des Gegenüber manifestiert. Sie spiegelt sich in sprachlichen
Formeln wie den folgenden wieder: <mein niedriger/bescheidener Name
ist>, <meine wertlose, unmassgebliche, verbesserungswürdige Schrift>,
<Ihr grosses Werk>. Beim Essen oder Trinken, beim Bezahlen im Restaurant
oder beim Akzeptieren von Geschenken wird ein Angebot oder eine Aufforderung
zuerst dankend abgelehnt, in der Erwartung, man werde erneut dazu aufgefordert,
der höfliche Widerstand werde durch Insistieren gebrochen werden.
Pohl zählt hierzu Anekdoten von Chinesen in Deutschland, die auf Grund
dieser kulturellen Unterschiede zum Beispiel hungrig von Einladungen nach
Hause kehrten. Er merkt auch zum chinesischen Alltag an, dass die Höflichkeit
in öffentlichen Verkehrsmitteln oft ruppigen Umgangsformen Platz macht.
Das führt er einerseits auf das Fehlen einer Beziehung zwischen Personen,
die in einen Bus einsteigen, zurück. Andererseits auf den ungeheuren
Bevölkerungsdruck in den Städten, der Stress erzeugt. Zur Höflichkeit
gehört ebenso, dass man den Gegenüber nicht blosstellt, ihn
selbst bei eklatanten Fehlern nicht korrigiert, und Situationen mit unvereinbaren
Positionen durch ein Lächeln zu überbrücken sucht. Wenn
Kritik geäussert wird, dann oft in ein Lob eingekleidet: <Sie haben
Ihre Arbeit gut gemacht. Ich hoffe aber, dass sie noch weitere Anstrengungen
unternehmen werden.> Ladies first gilt in China nicht, zuerst wird der Älteste oder Ranghöchste begrüsst. Händeschütteln
gilt als unhygienisch. Nach einer Verbeugung reicht man sich eine Visitenkarte,
die man mit beiden Händen haltend übergibt. Man sollte sie daraufhin
nicht gleich achtlos wegstecken, sondern eine Zeitlang betrachten oder
sie auf dem Tisch liegen lassen, erklärt Pohl. Wichtig zu wissen ist
auch, dass <nein> sagen unhöflich wäre. Anstelle der direkten
Ablehnung sagt man <vielleicht>, und ein <ja> bedeutet oft nur vielleicht.
Weitere Tips zum Essen und Trinken: sich zuviel auf einmal auf den Teller
legen, gilt als gierig. Den Deckel der Teetasse darf man beim Trinken nicht
abnehmen, sondern man sollte in nur leicht mit dem Finger anheben. Schlürfen
ist erlaubt. Es regt die Geschmacksnerven an, ist Ausdruck von Genuss und
gehört zum guten Ton. Wer sich über solche und andere Unterschiede
zuerst informiert, wird in China bessere Geschäfte machen und erholsamere
Ferien verbringen.
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Literatur zur chinesischen Geschichte:
Siehe zu Kunst und Kultur der Zeit
von 5000 v.Chr. über die Shang und Zhou bis zur Han-Dynastie den Band
zur Ausstellung Das Alte China. Menschen und Götter im Reich der
Mitte, Kunsthaus Zürich 4.4.-14.7.1996, München, Hirmer Verlag,
500 S.
Helwig Schmidt-Glintzer: Geschichte Chinas
bis zur mongolischen Eroberung 250 v.Chr.-1279 n.Chr., München,
Oldenbourg (Grundrisse der Geschichte Bd 26), 1999, 235 S., geb. DM 68.-/brosch.
Der Autor ist Professor an der Universität Göttingen und
Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Sein Buch verzichtet
auf die chinesische, japanische und russische Literatur zum Thema, da sie
<- in der Regel mit einer gewissen Verzögerung - in der westlichen
Forschung berücksichtigt wird>. Den Leser erstaunt allerdings, dass
die 959 Bücher umfassende Bibliographie praktisch keine westlichen
Werke aus den Jahren 1995-1999 beinhaltet. Auch das Fehlen von Hinweisen
auf Arbeiten über die chinesische Kunst (mit der löblichen Ausnahme
der Literatur) ist zu erwähnen. Wie in allen Bänden der Reihe
Grundrisse der Geschichte ist die Bibliographie thematisch vorbildlich
gegliedert und erlaubt es dem Leser, rasch die massgebliche Literatur zu
einem Thema zu finden. Nach der Darstellung der Geschichte im ersten Teil
folgt die Diskussion der Grundprobleme und Tendenzen der Forschung im zweiten
Teil. Auf rund 200 Seiten in eine über eintausendjährige Geschichte
einzuführen, führt natürlich zu Verkürzungen und unbefriedigenden
Anspielungen. So weist Schmidt-Glintzer darauf hin, dass die 936 gegründete
Dynastie Jin <von manchen als pseudo-chinesisch bezeichnet> werde. Der
Leser erfährt allerdings nicht, warum dem so ist. Bestellen bei Amazon.de.
Siehe auch von Helwig Schmidt Glintzer: Das alte China. Von den
Anfängen bis zum 19. Jahrhundert. (Demnächst auch als) Taschenbuch,
München, Beck, 1999, 143 S.
Empfehlenswert ist auch der Länderbericht China der Bundeszentrale
für politische Bildung, Bonn, 1998, 698 S., mit Beiträgen zu
Kultur, Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.
ürgen Osterhammel: Shanghai,
30. Mai 1925. Die chinesische Revolution, aus der Reihe 20 Tage im
20. Jh., München, dtv, 1997, 276 S. Osterhammel ist eine analytisch überzeugende Darstellung der Geschichte
Chinas vom Ende des 19. Jh. bis zur Gründung der Volksrepublik China
1949 gelungen. Sie bietet die beste deutschsprachige Synthese der massgeblichen
Sekundärliteratur der erwähnten Periode. Bestellen bei Amazon.de.
Das westliche Standardwerk zur chinesischen Geschichte ist die Cambridge
History of China, daneben sind zum 20. Jh. zu nennen: Lucien Bianco: Les
Origines de la révolution chinoise. 1915-49, Paris, Gallimard,
Neuauflage (brochiert), 1997, 400 S. Jonathan D. Spence: The
Search for Modern China, Paperback 2nd edition 1999), W W Norton & Co. (Deutsch:
Chinas Weg in die Moderne, aus dem Amerikanischen
von G. Kurz u. S. Summerer, München, Wien, Hanser Verlag, 1995, 984 S.
Zu den Limiten der Reformen unter Deng Xiaoping
siehe eine Studie aus dem Jahr 1992: Jean-Pierre Cabestan: L'administration
chinoise après Mao. Les réformes de l'ère Deng Xiaoping
er leurs limites, Paris, Ed. CNRS, 1992, 545 S.
Zum Terror siehe: Stephane Courtois u.a.: Das
Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen, Terror,
München, Piper-Verlag, 1998, 987 S. - 5.9.2002: Ausgabe 2000 bestellen bei Amazon.de.
Karl-Heinz Pohl: China für Anfänger.
Hintergrund Kultur - ein Begleiter für Geschäftsreisende und
Touristen, Freiburg im Breisgau, Herder, 1998, 159 S. Pohl ist Professor für Sinologie an der Universität Trier
und organisiert regelmässig Seminare für Geschäftsleute
im China-Handel. Sein nützliches Büchlein enthält neben
den oben erwähnten Hinweisen auf Verhaltensweisen auch eine Einführung
in Geschichte, Philosophie und Religion, Gesellschaft und Individuum.
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