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Jiang Zemin
Biografie - China und Taiwan heute
Artikel vom Juli/August 1999
Chinas Präsident und Parteichef
Jiang Zemin ist neben Premierminster Zhu Rongji die im Westen bekannteste
Führungsfigur der Volksrepublik China. Er wurde am 17. August 1926
in Yangzhou als Drittes von fünf Kindern eines Schriftstellers und
Teilzeit Elektrikers und einer Bäuerin geboren. Das in der Nähe
von Nanjing stromaufwärts gelegene Yangzhou jener Jahre vergleicht
Bruce Gilley mit Bath in England oder New Haven in den USA. Der Vater spielte
für Jiang keine wichtige Rolle. Nach chinesischer Tradition wurde
er nach dem Tod seines Onkels von dessen Frau adoptiert. Seine Onkel waren
Intellektuelle, kommunistische Schriftsteller. So wurde er zum <Sohn>
eines kommunistischen Märtyrers. Jiang war ein <kosmopolitischer
junger Mann>, der sich ebenfalls für Literatur interessierte. 1945
ging er allerdings für ein technisches Studium (Ingenieur) nach Schanghai.
Er sprach den nördlichen Jiangsu-Dialekt. Sein Yangzhou-Akzent stempelte
ihn damals in der mondänen Stadt zum Aussenseiter, was ironisch anmutet,
da er heute als der Mann aus Shanghai gilt. Beim Studium war übrigens
die englische Sprache ein wichtiger Faktor in Unterricht wie Fachliteratur.
Im Juni 1946 trat Jiang der kommunistischen Partei bei, weshalb er offiziell
der dritten Generation der kommunistischen Führung angehört (die
erste nahm am Langen Marsch teil, die zweite trat der Partei noch vor Ausbruch
Bürgerkriegs nach Japans Niederlage bei). Über seine Motivation kann
Gilley nur spekulieren. Jiang tat sich nicht durch ideologisches Feuer
hervor und strebte nicht sofort eine Parteikarriere an. Auf Grund seines
familiären Hintergrunds erscheint die Wahl jedoch als logisch. Ende
1949 heiratete Jiang eine Schulfreundin, die für seine Karriere ohne
Bedeutung ist und von der er während seiner Laufbahn insgesamt jahrzehntelang
getrennt (in verschiedenen Städten) lebte.
Bereits 1949 wurde Jiang in eine wichtige Position im Industriesektor
gehievt. Die Kampagne gegen Rechtsabweichler in den 50er Jahren berührte
ihn nicht. Mit 28 Jahren kam er zu seinem ersten Auslandaufenthalt, als
er 1955 nach einem viermonatigen Intensiv-Sprachkurs von seiner Changchun-Autofabrik
nach Russland gesandt wurde. Bereits 1956 kehrte er von Moskau zurück
und bekleidete nun in seiner alten Fabrik den Posten eines Vizedirektors.
In den Wirren der Kulturrevolution trat Jiang nicht als militanter Fanatiker
hervor, sprach sich aber auch nicht gegen die Parteilinie aus. Ende der
60er Jahre geriet er in die Schusslinie der Roten Garden. Sein heroischer
Beitrag zur Industrialisierung des Landes in der Autofabrik und sein bescheidener,
besitzloser Lebensstil bewahrten ihn vor brutaler Verfolgung. Seine Karriere
kam jedoch mit 41 Jahren zu einem Stillstand, der drei Jahre andauerte.
Sein Comeback begann 1970 in der Kaderschule des First Machine Building
Ministeriums.
Einige Monate später fand er sich bereits dort im Aussenpolitischen
Büro wieder. Ende desselben Jahres übernahm er die diplomatische
Verantwortung für die Reformen in einer Maschinenfabrik in Rumänien.
Gilleys kurze Bemerkung, China habe Osteuropa damals überholt gehabt,
weshalb die Chinesen nun im Gegensatz zur Moskauzeit als Entwickler gekommen
seien, übersieht, dass Rumänien kein pars pro toto für
Osteuropa war und ist. Zudem scheint Gilley in diesem Punkt die Volksrepublik
China mit Taiwan oder Singapur zu verwechseln ... Das Rumänien-Projekt
jedenfalls war ein Erfolg und zwei Jahre nach seiner Rückkehr nach
China wurde Jiang 1974 zum Vizedirektor des Foreign Affairs Bureaus
seines Ministeriums, 1976 zum Direktor ernannt. Nach einem Zwischenjahr
in Schanghai kehrte er in die Pekinger Zentralverwaltung zurück.
1978 wurde Wang Daohan rehabilitiert und Deng Xiaoping trat für
wirtschaftliche Reformen ein. Das gab Jiangs Karriere neuen Schwung. Auslandreisen
überzeugten ihn von der Richtigkeit des Reformprogramms. Besonders
beeindruckte ihn eine Freihandelszone in Irland sowie Singapurs Jurong
Industriepark. Jiang empfahl (zusammen mit andern Mitgliedern seiner <Reisegruppe>)
die Bildung von ökonomischen Sonderzonen in China. Sein Vortrag im November
1981 vor dem Ständigen Komitee des Nationalen Volkskongresses überzeugte
die Mehrheit des gespaltenen Gremiums. Seine Bedeutung innerhalb von Dengs
Reformplan stieg, zumal anfangs der 80er Jahre die Reformer Zhao Ziyang
und Hu Yaoband Premierminister bzw. Chairman (später Generalsekretär)
der Partei wurden. Jiang war zwar gemäss Biograph Gilley nur zufälligerweise
zu seiner Sonderzonenmission gekommen, doch nun erhielt er Applaus, wohin
er auch ging. Als Wang Daohan 1985 als Bürgermeister Schanghais zurücktrat,
übernahm der von ihm empfohlene Jiang das Amt (was ihn nach zwei Jahrzehnten
wieder zu Frau und Familie zurückbrachte). Bereits 1986 hatte er in
einer schwierigen Situation zu bestehen, als er mit Studentenprotesten
(für schnellere und demokratische Reformen) konfrontiert wurde. Jiang
hielt sich an eine Mischung aus Verständnis und Tadel, ohne jedoch
Strafmassnahmen zu verordnen, obwohl er wenig Sympathie für die Studenten
hatte. Die Presse ignorierte ihre Proteste. Jiang schaffte es (wie schon
mehrmals), es allen recht zu machen. Dies scheint zu seiner Überlebens-,
oder besser Karrierestrategie zu gehören. Jiang ist ein Politiker,
der das Gras wachsen hört. Und tatsächlich entschied Deng, zusammen
mit den Parteigrössen, dass Hu Yaobang den Hut nehmen musste. Die <bürgerliche
Liberalisierung> sollte verhindert werden. Hu Yaobang verschwand 1986 nicht
vollständig in der Versenkung. Das hätte China und dem Zufluss
von Auslandkapital geschadet. Er verblieb weiterhin als machtloser Aussenseiter
in der Machtzentrale, verstarb aber bereits im April 1989. Zhao wurde 1986
Generalsekretär, Li Peng Premierminister. Gemäss Gilley zeigte
Jiang hier sein konservatives Gesicht. Wäre Hu Yaobang nicht gewesen,
wäre Jiang seiner Meinung nach härter gegen die Studenten vorgegangen.
Das äusserte sich auch in seinem Umgang mit der Presse, deren Einfluss
und Macht er hoch einschätzte. Ende Dezember 1986 insistierte er darauf,
dass die Presse <den Interessen der Menschen, der Reformen und der Öffnungspolitik
dienen muss>. So wurde in seiner knapp fünfjährigen Tätigkeit
als Bürgermeister die Shanghai shehui bao geschlossen und der
World
Economic Herald nach den 1986er Protesten <reorganisiert>. Die Shanghaier
Medien wagten es danach nie mehr, seinen Regierungsstil zu kommentieren.
Im Oktober 1987 wurde Jiang ins fünfzehn Personen umfassende Politbüro,
das Machtzentrum Chinas, aufgenommen. Zugleich wechselte er auf den Parteichef-Posten
in Schanghai, der damals noch unbekannte heutige Premierminister Zhu Rongji
folgte ihm als Bürgermeister nach. Zhu hatte eine Pekinger Eliteuniversität
absolviert. Sein Stil war rauer und direkter als der von Jiang. Die beiden
bildeten ein hervorragendes Team. Zhu wurde als durchschlagenderer Politiker
als Jiang empfunden. Doch auch er profitierte von Zeitumständen. Die
soeben erst verabschiedete Politik begann zu greifen. Ausländische
Direktinvestitionen begannen stärker nach Schanghai zu fliessen, von
58 Mio. $ 1979-85 stiegen sie auf 1 Mia. $ 1985-89. Für China beliefen
sie sich in den 80er Jahren auf 15 Mia. $ und stiegen in den 90er Jahren
(bis und mit 1998) auf rund 250 Mia $. Shanghais Anteil wuchs von 1 %
im Jahr 1985 auf 12 % 1989. Jiang und Zhu erhielten für ihren Kampf
gegen die Bürokratie (red tape) im Zusammenhang mit den Direktinvestitionen
Lob sowohl vom Ausland als auch von Peking. In Schanghai wurde vor allem
in Immobilien und Hotels investiert. Der Bruder des damaligen amerikanischen
Präsidenten Bush baute einen Golfkurs.
Für Gilley ist Jiang auf Grund seiner traditionellen Erziehung
ein <natural conservative> mit einer paternalistischen Sicht
der Rolle von Partei und Regierung. Jiang war auch kein fähiger Wirtschaftsmanager
in Schanghai, dazu brauchte es Leute wie Zhu Rongji. Er genoss in Schanghai
den Ruf <all show and no substance>. Er wurde wenig schmeichelhaft
als<Panda Bear> und <Flower Pot> bezeichnet. Ihm wurde
nachgesagt, er drehe sich nach dem Wind. So 1986 beim Ende Hu Yaobangs
und 1988, als die galoppierende Inflation Zhao Ziyangs Ende einläutete.
Gleichzeitig galt er in den Augen ausländischer Beobachter als der
westlichste aller chinesischen Spitzenpolitiker.
Als Zhao 1989 in Nordkorea weilte und im Land im Zusammenhang mit Hu
Yaobangs Tod und der steigenden Inflation die Studenten wieder aktiv wurden,
liessen Falken - und auch Jiang - Ausgaben der liberalen Schanghaier Zeitung
World
Economic Herald wegen <Aufruhr> nicht erscheinen. Zhao war darüber
erzürnt, der Reformprozess gerate dadurch in Gefahr. Ein Jahr später
wurde der Herald geschlossen. Jiang habe den schwindenden Einfluss von
Zhao bereits gespürt, meint Gilley. In Peking wurde der Kampf Zhaos
und Li Pengs um die den Demonstranten gegenüber einzunehmende Haltung
erst am 17. Mai 1989 in Dengs Residenz entschieden. Unter den anwesenden
Politbüromitgliedern sowie einigen Parteiveteranen fand sich keiner,
der an der Seite Zhaos gegen die Einführung des Kriegsrechts kämpfte,
das am 20. Mai eingeführt wurde. In dieser Zeit entschied sich Jiang
gegen den Einsatz von Gewalt in Schanghai. In Gilleys Augen dachte er bereits
daran, wie die Geschichte das harte Vorgehen gegen die Studentenbewegung
beurteilen würde. Doch gleichzeitig gehörte Jiang zu den ersten
Lokalführern, die Li Pengs Einführung des Kriegsrechts öffentlich
unterstützten.
Zhaos Sturz war gemäss Gilley wahrscheinlich schon lange vor den
Tiananmen-Protesten unabwendbar. Mit seinem Einsatz für Reformen um
beinahe
jeden Preis sei er selbst unter den Reformkräften isoliert gewesen.
Deng entschied sich nun in der Krise für Jiang als nächsten Generalsekretär
der Partei, gerade weil dieser im Umgang mit politisch Andersdenkenden
politischen Instinkt bewiesen hatte. Von Peking aus machte es auch den
Anschein, dass Jiang, wenn nötig, auch Härte zeigen konnte. Zudem
sollte Jiang garantieren, dass die Ende der 70er Jahre initiierten Wirtschafts-
und die 1987 verabschiedeten politischen Reformen nicht von der Agenda
verschwanden. Mit Hilfe von Jiangs langjährigen Mentoren Wang Daohan
und Chen Pixian setzte Deng seinen Favoriten durch, dessen weitflächige
Beziehungen zur Pekinger Elite (darunter Li Peng, Chen Yun; Qiao Shi und
Qian Qichen, die er aus den Zeiten der kommunistischen Untergrundpartei
in Schanghai kannte), die er seit anfangs der 80er Jahre aufgebaut hatte,
sich nun auszahlten (dabei hatte Jiang keine eigene Faktion).
Als erste Amtshandlung musste Jiang den in Schanghai zwischenlandenden
Vorsitzenden des Nationalen Volkskongresses (NPC), Wan Li, der gerade von
einer Kanadareise zurückkam, davon überzeugen, sich gegen eine
Petition von 57 der 156 Mitglieder des Standing Committee des NPC
zu wenden, die sich gegen die Ausrufung des Kriegsrechts richtete. Jiang
setzte Wan unter eine Art Hausarrest bis er ihn überzeugt hatte. Das
war Jiangs Beitrag zur Niederschlagung der Studentenunruhen. Nach Gilley
wäre das Blutvergiessen unnötig gewesen, wenn die Parteiführung
nur länger Geduld gehabt hätte. So aber mussten nach Schätzungen
über 1000 Menschen vor allem in Strassen um den Tiananmen-Platz sterben.
Der Ruf zur Niederschlagung <kam zweifellos von Deng selbst, nach Konsultation
mit Parteiälteren>. Zhao wurde beschuldigt, <Aufruhr und Parteispaltung
zu unterstützen> und verschwand von der politischen Bildfläche.
Jiang selbst hatte keinen Anteil an der Entscheidung zum harten Vorgehen
gegen die Studenten und fühlte sich dafür auch nicht verantwortlich.
Das erleichterte ihm als Führer den Umgang mit den Ereignissen, währenddem
direkt involvierte wie Li Peng nie <Fehler> zugeben wollten. Als in
Schanghai die Studenten für ihre Kollegen in Peking auf die Strasse
gingen, reagierten Zhu Rongji zusammen mit zwei Vizeparteisekretären,
mit Jiang in ständigem Kontakt stehend, besonnen. So wurden Strassensperren
von einem permanenten 40 000 Mann Kommando bestehend aus normalen Bürgern
und Kadern fortlaufend entfernt. In Schanghai blieb die Lage unter Kontrolle.
Deng gab Jiang drei bis sechs Monate, um sich als Führer zu bewähren.
Das Ziel war die Versöhnung mit den Studenten und die Wieder-in-Gang-Bringung
des Reformprozesses, was zwei Jahre in Anspruch nahm. Dabei machte Jiang
auch Konzessionen an die linken Hardliner: <[...] unsere Medien sollten
nie ein Forum für bourgeoise Liberalisierung werden>. 1990 existierten
im Vergleich mit dem Höhepunkt der Pressevielfalt von 1988 38 % weniger
Zeitungen und 10 % weniger Magazine. Ironischerweise hatten die Nationalisten
in den 20er und 30er Jahren fortlaufend die kommunistischen Zeitungen geschlossen,
welche Jiangs Onkel gegründet hatten.
International blies der chinesischen Regierung der Wind entgegen: Präsident
Bush suspendierte alle hochrangigen Militär- und Regierungskontakte
und drängte die Weltbank, China keine neuen Kredite zu gewähren.
Innenpolitisch reagierte Jiang mit einer Antikorruptionskampagne. Das interessiere
fokussierte sich sofort auf Jiangs zwei Söhne. Der eine weilte zur
Zeit der Tiananmen Proteste gerade zur Weiterbildung bei Siemens in Deutschland,
der andere studierte in den USA. Beide hatten sich nichts zu schulden kommen
lassen. Sie waren keine Roten Prinzen. Jiang war strikt gegenüber
seiner Familie. Als er bei einem Staatsbesuch des Nordkoreanischen Präsidenten
sah, dass der älteste Sohn seiner foster sister eine vor seiner
Wahl zum Generalsekretär für ihn verfasste Andenkensschrift -
in einer Grösse von zehn Fuss reproduziert - am zehnstöckigen Bürogebäude,
dessen Generalmanager er war, angebracht hatte, ordnete er die sofortige
Entfernung an. Lediglich eine foster sister Jiangs, Jiang Zehui,
kann als kleine Rote Prinzessin bezeichnet werden. Sie sass in der
Anhui Provinz als Vizepräsidentin im regionalen Volkskongress, obwohl
sie dafür nicht qualifiziert war. 1998 wurde sie Mitglied des nationalen
Volkskongresses. Jiang hatte also saubere Hände. Die Antikorruptionskampagne
erfasste tatsächlich auch Rote Prinzen. Selbst Deng Pufang, der verkrüppelte
Sohn von Deng Xiaoping, entging ihr nicht. Er wurde Ende August 1989 wegen
finanziellen Vorteilen, die er aus der Tätigkeit bei der Chinesischen
Federation der Behinderten zog, zu einer Geldstrafe von 3 Mio. $ verurteilt.
Das hatte Signalwirkung und erhöhte die Glaubwürdigkeit der ganzen
Aktion.
Im Januar 1990 wurde das Kriegsrecht aufgehoben. Doch die Veränderungen
im Ostblock, die Ceausescus z.B. wurden in jener Zeit hingerichtet, hielten
den Druck auf China aufrecht. Jiang unternahm im März 1990 seine erste
Auslandreise als Generalsekretär nach Nordkorea, was nicht als Reformsignal
nach Innen gedeutet werden konnte. Gorbatschow unternahm Schritte zum Mehrparteienstaat.
Die offizielle Parole in Peking lautete nun <Stabilität hat Vorrang>.
Jiang wollte kein neuer Gorbatschow werden. Das bewegte ihn mehr als die
ökonomische Debatte im Land. Die Wirtschaft begann sich nach einer
kurzen Wachstumskrise wieder zu erholen. Deng war noch immer der Paramount
Leader, obwohl er nicht mehr in der ersten Linie stand. Er instruierte
Jiang bezüglich der anstehenden jährlichen Dezember-Debatte im
Parteiplenum. Den ideologischen Hardlinern sollte Jiang durch folgende
Unterscheidung von Kapitalismus und Sozialismus entgegen treten: <It
is not the same as the difference between a market economy and a planned economy. Socialism has some regulation by market
forces, and capitalism
has some control through planning.> Es galt, von der alten Definition des
Sozialismus wegzukommen. Die Marktkräfte seien nützlich für
China, das sonst ins Hintertreffen gerate. Tatsächlich war die Armut
im Land seit 1978 stark zurückgegangen. Von 250 Millionen Menschen
über 1985 mit 125 Millionen auf rund 80 Millionen Arme im Jahr 1992,
die praktisch alle in ländlichen Gebieten lebten. Der Reformkurs hatte
sich bewährt.
Für Jiang galt es noch immer, seine Machtposition zu festigen.
Der Propaganda-Apparat war in den Händen von Deng Liqun und Gao Di,
das Militär wurde von den Yang Brüdern dominiert, und Li Peng
hatte trotz allem noch immer das letzte Wort in Sachen Wirtschaftspolitik.
Im Januar 1992 unternahm Deng eine Reise in den Süden Chinas, welche
die Entscheidung für den Reformkurs brachte. Im März verkündete
das Radio, es solle mehr Öffnung und Reform gewagt werden. Dabei kam es
allerdings auch zu Fehlleistungen. Der neue Vizepremier Zhu Rongji bedauerte
später, dass die zu lockere Kreditpolitik 1992 zu hoher Inflation
führte. Doch damals konnten und wollten weder Zhu noch Jiang eingreifen,
um den Linken Ideologen keinen Auftrieb zu geben. Jiang hatte durch Dengs
Tour in den Süden seine Position gefestigt, und die Phase der Versöhnung
mit der Mehrheit der Bevölkerung war drei Jahre nach Tiananmen abgeschlossen.
Die Faktionskämpfe lagen hinter Jiang. Er begann langsam, seine Leute
in Peking zu installieren, so auch in der Volksbefreiungsarmee. Das wurde
ihm erleichtert durch Yang Baibing, der sich mit Forderungen, die der Armee
eine politische Rolle zuordneten, zu weit aus dem Fenster lehnte. Im Oktober
1992 wurde er, der am Parteikongress weiterhin von der <speziellen Mission>
der
Volksbefreiungsarmee sprach, aller militärischer Ämter enthoben.
Es kam zu einer Säuberung, die sich gegen den Yang-Clan richtete.
Der 85jährige Yang Shangkun wurde von der Militärkommission entfernt.
Mehr als 300 ältere Offiziere und 1000 regionale Kommandanten wurden
neuen Aufgaben zugeführt oder in Pension geschickt, die grösste
Umstellung seit Gründung der Volksbefreiungsarmee.
Jiang gewann die Kontrolle über die Armee, aber auch über
die drei führenden politikformulierenden Organe: bezüglich Taiwan,
Rechts- und Wirtschaftsfragen. Dem ehemaligen grossen Rivalen Li Peng blieb
nur die Aussenpolitik. Zhu Rongji wurde ins Ständige Komitee des Politbüros
aufgenommen, zusammen mit andern, die konservative ältere Mitglieder
ersetzten. Mehr als die Hälfte der über 300 Mitglieder des Zentralkomitees
wurden ausgewechselt. Es wurde auch entschieden, die Ämter von Generalsekretär
und Präsident nicht in eine Hand zu geben. Jiang Präsident, Li
Peng Premierminister, so hiess die Formel. Jiang installierte politische
Freunde im Propaganda und Sicherheitsapparat. Zu den negativen Ereignissen
gehörten 1993 in ländlichen Gebieten 23 (16 im Jahr zuvor) gewalttätige
Massenproteste gegen Steuererhöhungen, die für die Infrastruktur-
und Fabrikbau-Finanzierung gedacht waren. Das Problem entschärfte
sich allerdings in den Folgejahren durch die Retablierung der Finanzordnung
und fallende Preise für Produktionsmittel.
1993 drohte mit Bill Clinton, der in seiner Wahlkampagne harte Töne
gegenüber China angeschlagen hatte, ein Disput über Menschenrechte
und Konflikte wegen Chinas Handelsüberschuss mit Amerika. Bereits
unter Bush waren Kampfflieger an Taiwan verkauft und im Kongress ein Gesetz
zur Überwachung der Übergabe Hong Kongs an China verabschiedet worden.
Jiang war kein Hardliner, was die Beziehungen mit den USA betrafen. Er
hatte vor allem Beziehungen zur chinesischen Gemeinde in San Francisco
und zu Wirtschaftsführern entwickelt. Doch war er von ewigen fundamentalen
Unterschieden der zwei Länder überzeugt: China ist China und
die Vereinigten Staaten sind die Vereinigten Staaten. In ironischem Ton
berichtet Gilley vom Treffe Jiang - Clinton im November 1993, bei dem nichts
Substantielles herauskam, das Jiang aber in China als grossen Erfolg verkaufen
konnte. Die Beziehungen sollten verbessert werden, ohne dass China in Menschenrechts-
und andern kontroversen Fragen Konzessionen gemacht hatte.
Dengs Schatten lastete nicht mehr auf Jiang. Eine letzte Photographie
vom 1. Oktober 1994 zeigte den alten Mann dem Tod nahe. Seine Generation
wurde bei Entscheidungen nun nicht mehr konsultiert. Jiang half in Partei
und Bevölkerung, dass er im Gegensatz zu Li Peng, der arrogant ist
und sich bitter ernst nimmt, Humor hat und jemand ist, den niemand hasst
oder fürchtet, weder in China noch im Ausland. Zudem ist er im Gegensatz
zu Mao und Deng ein guter Redner. Von 1994 an schreibt Gilley von der Ära
Jiang Zemin. China schien sich nun in Richtung <developmental dictatorship>
zu bewegen, Singapur, Malaysia und den früheren Südkorea und
Taiwan nacheifernd, wirtschaftliche und soziale Freiheiten mit einer strikten
politischen und medialen Kontrolle verbindend. Selbst die Wirtschafts-
und Finanzkrise von 1997/98 habe dieses Ideal in den Augen von Chinas Führern
nicht beschädigt.
Ende Januar 1995 veröffentlichte Jiang seine <acht Ansichten
und Vorschläge> zu Taiwan. Sie waren nicht wirklich neu, abgesehen
von sofortigen direkten Gesprächen und dem Ende des offiziell noch
immer existierenden Kriegszustands zwischen den zwei Staaten. Doch Taiwan
antwortete nicht direkt darauf. Präsident Lee Teng-hui verwarf in
einer Rede im April die acht Punkte. Er sei nur zu Gesprächen an einem
neutralen Ort bereit und nur nachdem Peking auf Gewalt als Mittel zur Wiedervereinigung
verzichtet habe. Jiang war verärgert, die Chance auf Lorbeeren in
der Taiwan-Frage war für ihn vorbei. Zudem wurde Lee auf Grund einer
Entscheidung des Kongresses 1995 in die USA eingeladen. Jiang liess sich
auf eine unfruchtbare Spirale rhetorischer Angriffe mit den USA ein. Drohgebärden
vor den taiwanesischen Wahlen vom 23. März 1996 gegen die <abtrünnige
Provinz> wie das Abschiessen von vier M-9 Raketen ins Meer nördlich
von Taiwan sowie wochenlange Manöver im Ostchinesischen Meer gehörten
zu Chinas Waffenrasseln. Gilleys Schilderung wird der Dramatik der Ereignisse
um die Entsendung der amerikanischen Flugzeugträger Independance
und
Nimitz
samt Begleitflotten in die Taiwan Straits nicht gerecht. Die Aktion
sei <wohl gar kontraproduktiv> gewesen, da Lee mit 54 % der Stimmen
die Wahlen in Taiwan gewann, ist zu vage. Schätzungen gehen von 10
% zusätzlicher Wählerstimmen für Lee Teng-hui und seine
Guomindang aus. Gemäss Gilley folgte Jiang eher der chinesischen Armee,
als dass er sie in die <Schlacht> mit Taiwan führte. Die Volksbefreiungsarmee
erreichte eine Bedeutung, die sie seit 1950 in der Wiedervereinigungsfrage
nicht mehr gehabt hatte. Das gefährliche Spiel mit Zuckerbrot und
Peitsche führte zu nichts, Jiang konnte nicht als Wiedervereinigungspräsident
in die Geschichte eingehen.
Mitte der neunziger Jahre war in China eine schlechte Stimmung zu spüren.
Die <Stabilität> seit Tiananmen sei durch eine sinkende öffentliche
Moral, schwindendes Vertrauen in das nationale Selbstwertgefühl und
geringere Kontrolle von Staat und Partei über China erkauft worden,
war die weit verbreitete Meinung. Die Zufriedenheit der Bevölkerung
mit den Reformen sank. Jiang reagierte. In Abweichung von Deng sollte die
Wirtschaft nicht mehr der alleinige, zentrale Reformpunkt sein. Bereits
seit 1991 war er der Meinung, wirtschaftliches Wachstum müsse mit
ideologischer Integrität gepaart werden, die <zwei Seiten der gleichen
Medaille> seien. Von Ende 1995 bis Ende 1996 hob Jiang politische und ideologische
Fragen auf die gleiche Ebene wie wirtschaftliche, <Jiang Thought>
war geboren. Wie für Mao die Kulturrevolution, war für Jiang
die <pay attention to politics> Kampagne ein Mittel, seine Autorität
zu konsolidieren. Dazu gehörte das Ausmisten der Pekinger Stadtführung.
Seit 1994 war ein von offizieller Seite unterstütztes Wiederaufleben
der konfuzianischen Lehre zu beobachten. Allgemein wurden <traditionelle
chinesische Tugenden> aufgewertet. Neben Konfuzius-Cartoons wurden moderne
Propaganda-Figuren geschaffen: Mickey Mouse bekam von <Soccer Boy>
Konkurrenz, eine Junge, der sich durch Mannschaftsgeist und Gehorsam auszeichnet.
1996 brach ein Mitglied der People's Armed Police (PAP) in ein
Haus ein, das er bewachen sollte, und ermordete einen Vizevorsitzenden
des Nationalen Volkskomitees. Normalerweise hätte das keine hohen
Wellen geworfen, hätte gar in Jiangs Kampf gegen Verbrechen und Korruption
gepasst. Doch die paramilitärische Privatarmee PAP war Jiang Prätorianergarde,
die er als <nonlethal anti-riot force> als seine distanzierende
Antwort auf Tiananmen aufgebaut hatte. Sie diente auch als Gegengewicht
zum Einfluss des Militärs in Fragen der Sicherheit. Der Mord führte
zu einem Prozess des verstärkten Einflusses der Volksbefreiungsarmee
auf die PAP. Für Jiang war es der grösste Rückschlag in
Sicherheitsfragen seit er 1989 Chef der Militärkommission geworden
war. In der Folge kam es 1996 zu einer Kampagne gegen das Verbrechen, bei
der bis Ende Jahr (1996) 358 000 Personen verhaftet und Tausende durch
Kopfschuss hingerichtet wurden.
Was die Wirtschaftsreformen anbetraf, so war Jiang gemäss Gilley
ein <glühender Anhänger der staatlichen Unternehmen, nicht
aus marxistischem Glauben, sondern auf Grund seiner Erfahrungen in Staatsfirmen.
"Wir können Wunden bewirken!"> rief er beim Besuch solcher Unternehmen
im Jahr 1995 aus. Er war jedoch ein Pragmatiker, wie er auch in seinen
Schriften darlegte. Als im Februar 1997 Deng starb, war Jiang vorbereitet.
Kämpfe um die Macht wie nach Maos Tod sollten ihn nicht gefährden.
Wie nach einem Putsch wurden die Armee und die paramilitärischen Kräfte
auf ihn eingeschworen. Beim alljährlichen nationalen Parlamentskongress
im März war die Gelegenheit, seine Akzente zu setzen. Als mit 40 %
eine Rekordzahl von Deputierten den Jahresbericht zum Kampf gegen Verbrechen
und Korruption ablehnten, konnte er dies auch als Zeichen der Bestätigung
für seine Linie der Bekämpfung von Problemen werten, die Deng
vernachlässigt gelassen hatte. Jiang berief sich deshalb, weil er
eigene Akzente setzte, auf Jiangs Theorien, nicht auf seine Worte und Taten.
Die Wirtschaftsreformen sollten weiter getrieben werden, doch daneben galt
Jiangs Augenmerk dem Kampf der Korruption, dem Schüren des Patriotismus,
der Einführung von Firmenanteilen als öffentlichen Besitz sowie
der Stärkung des politischen Systems.
Bezüglich der <Übergabe> Hong Kongs an China 1997 waren offiziell
Li Peng und Qian Qichen für personelle und politische Fragen zuständig.
Doch Jiang, der den aus einer ehemaligen Schanghaier Familie stammenden
Schiffsmagnaten Tung Chee-hwa schon als Parteichef von Schanghai im März
1989 kennengelernt hatte, war bei dessen Ernennung zum ersten chief
executive Hong Kongs unter chinesischer Oberhoheit entscheidend. Jiang
hielt auch fest, die Festländer sollten sich nicht in Hong Kongs Geschicke
einmischen, die Politik <ein Staat zwei Systeme> sei zu befolgen. Die
in Hong Kong zu stationierenden Soldaten der Volksbefreiungsarmee instruierte
er, sie kämen nicht als Befreier, sondern hätten vor allem eine
symbolische Rolle zu erfüllen. Gilley schildert hier wie auch andernorts
Jiang zu freundlich, auch wenn er anfügt, Jiang habe wenig Erfahrung
und keine Freunde unter den Kantonesen und wenig wirkliches Interesse an
Hong Kong. Jiangs mangelnde kantonesisch-Kenntnisse und sein Treffen mit
Donald Tsung, Hong Kongs Finanzsekretär, bei dem er sofort dessen
Namen und Titel wieder vergass, erwähnt Gilley ebenfalls. In der Biographie
geht fast unter, dass Jiang der höchste Repräsentant einer (zumindest)
autokratischen (noch immer fast totalitären) Diktatur ist. China ist
ein Unrechtsstaat, wenn auch blutige Säuberungen und Massenmord nicht
mehr zu ihrem Gesicht gehören.
Jiang entledigte sich in diesen Jahren nicht vollständig von der
Kontrolle durch seine Parteikollegen, die ihn aus Furcht vor der Möglichkeit
der Schaffung eine diktatorischen Parteichefs, diesen nicht zum Parteivorsitzenden
ernannten. Deng hatte den Posten ja gerade aus diesem Grund abgeschafft
gehabt. Jiang musste im August 1997 nachgeben. Der Nationale Parteikongress
jenes Jahres brachte als grösste Ueberraschung den erzwungenen Rücktritt
von Qiao Shi aus Zentralkomitee und Politbüro, mit dem Hinweis auf
sein Alter (72). Jiang stand schliesslich auch kurz vor seinem 71. Geburtstag.
Zhu Rongji wurde formell zum executive vice-premier gemacht. Damit
wurde klargemacht, dass er im nächsten Frühling Li Peng als Premierminister
ablösen würde. Zu den Neuerungen des NPC 1997 gehörte auch,
dass nun erstmals im kommunistischen China kein Repräsentant des Militärs
mehr im Politbüro vertreten. Es wurde auch entschieden, <diversified
forms of ownership> der Staatsbetriebe zuzulassen. De facto eine Entscheidung
zur teilweisen Denationalisierung, um die Ergebnisse der Staatsbetriebe
zu verbessern. Jiang vertrat solche Ideen bereits seit 1993. Trotz Opposition
von der harten Linken (zum Beispiel im Magazin Search for Truth)
war die Massnahme nicht umstritten. Das gesamte Politbüro, also auch
Li Peng, waren dafür. Entscheidend war auch die enthusiastische Unterstützung
der Idee durch die lokalen Parteiführer in den Provinzen, die unter
dem Gewicht der Verluste der Staatsbetriebe zu leiden hatten. 1996 wurden
35 % des BNPs Chinas von Staatsfirmen erwirtschaftet, 37 % vom kollektiven
Sektor (Betrieben vor allem in Dorf- und Stadtbesitz) und die restlichen
28 % vom <nicht öffentlichen Sektor>, vor allem private und ausländische
Firmen, die 1996 drei Viertel der neuen Arbeitsstellen geschaffen hatten.
Die Weltbank rief gleichzeitig zum Abbau der Staatsbetriebe auf, nur in
strategischen Sektoren sollte der Staat weiterhin Unternehmen kontrollieren.
Die Weltbank stellte zudem die Prognose, mit einer solchen Politik könne
die jährliche Wachstumsrate in China bis ins Jahr 2020 (sic!) bei
6.6 % gehalten werden. Für die Periode 1978 bis 1996 schätzte
sie die Weltbank auf 9.5 % pro Jahr. Die Reformen wurden in China im Gegensatz
zu Russlands Schocktherapie graduell eingeführt. Zuerst wurden Feldexperimente
studiert. Waren sie erfolgreich, wurde hinter geschlossen Türen dafür
Lobbying betrieben, um sie landesweit durchführen zu können.
Was meinte Jiang mit politischen Reformen? Wie Deng war er gegen die
Einführung eines Mehrparteiensystems. Hingegen wollte er eine grössere
Partizipation der Bevölkerung erreichen, was die politische Führung
des Landes durch die Partei erleichtern und stärken sollte. Zwischen
1995 und 1997 war eine Zunahme der politischen Partizipation der Bevölkerung
in den Medien, den lokalen Volkskongressen, aber auch durch althergebrachte
Besuche bei Parteibüros zu verzeichnen. Es kam anfangs 1997 zu mindestens
zwei sit-down-Protesten in der Nähe des Tiananmen Platzes.
In der Konsequenz wurde entschieden, die politischen Reformen sollten nur
langsam weitergeführt werden und kosmetischer Natur bleiben. Ab Mitte
1997 wurde zusätzlich eine Strategie der Image-Verbesserung beschlossen.
Dazu gehörten entsprechende Kampagnen und der weitergehende Kampf
gegen die Korruption. Das Modell des <developmental dictorship>
hatte weiterhin Gültigkeit.
1998 wurde Jiang mit 98 % der Stimmen des Nationalparlaments als Staatspräsident
und Vorsitzender der Militärkommission bestätigt. Sofern er keine
grösseren Fehler macht und sich z.B. noch mehr Macht zueignen möchte,
dürfte Jiang gemäss Gilley bis 2002 im Amt bleiben und, falls
er bei guter Gesundheit bleibt, als zurückgetretener Patriarch noch
rund fünf bis zehn Jahre lang die Geschicke Chinas beeinflussen. Deshalb
wird er auch vor 2002 nicht zu einem lameduck leader werden. Die
vierte Generation der Führer, so Hu Jintao und Wen Jiabao, die weder
den Krieg gegen Japan noch den Bürgerkrieg erlebt haben, dürften
die nationalistisch-patriotische Mentalität Jiangs und anderer nicht
besitzen und dementsprechende Kampagnen nicht weiterführen. Da China
als Wirtschaftsmacht immer bedeutender wird und eine Änderung der autoritären
(nicht mehr totalitären) Regierungsform nicht in Sicht ist, sieht
Gilley wenig Hoffnung für ein Ende der dem Kalten Krieg ähnlichen
Konfrontation zwischen China und den USA.
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Bruce Gilley: Tiger on the
Brink. Jiang
Zemin and China's New Elite, Berkeley and Los Angeles, London, University
of California Press, 1998, 395 S. Der nebenstehende Artikel basiert auf
dieser Biographie, die zu zwei Dritteln den Jahren von 1989 an gewidmet
ist. Der Titel bezieht sich auf Jiangs Geburt 1926 im Jahr des Tigers und
wohl zudem auf die ökonomische Entwicklung. Als erste, alle Lebensperioden
umfassende Darstellung hat Gilleys Buch seine Meriten. Insgesamt ist es
allerdings zu mild in der Beurteilung Jiangs und des chinesischen Regimes.
Tiefer lotende Analysen werden wohl noch eine Weile auf sich warten lassen.
Die Erstellung einer Chronologie wäre für die zweite Auflage
dieser Arbeit wünschenswert. Bestellen bei
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Andrew J. Nathan u.a.: China's Transition, Studies of the East
Asian Institute, NewMarch, Columbia University Press, 1997, 313 S. Der Band versammelt Artikel (so in der
New Republic) und sonstige
Beiträge von Andrew J. Nathan - einige in Zusammenarbeit mit Co-Autoren
verfasst -, die zwischen 1989 und Anfang 1997 entstanden sind. Der Professor
für Politische Wissenschaften an der Columbia Universität hat
bereits zum Thema u. a. China's Crisis: Dilemmas of Reform and Prospects
for Democracy (auch bei CUP, 1990) veröffentlicht. Nach der Publizierung
seines Vorwortes zu The Private Life of Chairman Mao (New York,
Random House, 1994) des ehemaligen Leibarztes von Mao Zedong, Li Zhisui,
wurde Nathan von chinesischer Seite hart angegriffen und mit einem Einreiseverbot
belegt. Sein Vorwort ist im Dritten Kapitel des Bandes abgedruckt. Im Ersten
Kapitel China Bites Back verteidigt sich Nathan gegen die chinesische
Kritik und bietet eine Inhaltszusammenfassung des Buches. Er gehört
nicht zu jenen, die der Ansicht sind, man dürfe China wegen seiner
Menschenrechtsverletzungen nicht öffentlich kritisieren, sondern solle
hinter verschlossenen Türen auf Veränderungen drängen. Nur
so seien Resultate erreichbar. Nathan weist darauf hin, dass China im Gegenteil,
wenn es unter internationalen Druck gerät, rasch handeln kann. So
geschehen nach Tiananmen, als zur Imageaufbesserung viele politische Häftlinge
freigelassen wurden, oder bei der Akzeptanz der Bedingungen des Atomsperrvertrages.
Neben historischen Artikeln stehen solche, die Nathan zu Zeitereignissen
geschrieben hat und die heute noch ihre Gültigkeit haben. So die Hinweise
auf die skandalösen, undemokratischen Wahlen in Hong Kong. In Kaptitel
11 und 12 bezieht sich Nathan auf Ergebnisse der 1990 von Prof. Shi (Columbia
Universität) für seine Dissertation durchgeführte Umfrage
bei 3200 Personen in China, die u.a. ergab, dass die Mehrheit Demokratie
als Bezeichnung für eine gute, faire, egalitäre, stabile und
ehrliche Politik auffasst und nicht als ein System der Konkurrenz
und der Partizipation versteht. Shi und Nathan stellten als Hindernis auf
dem Weg zur Entwicklung demokratischer Verhältnisse eine fehlende
Akzeptanz für abweichende politische Meinungen fest, selbst unter
der gebildeten urbanen Bevölkerung. Dass China kein unfruchtbarer
Boden für die Demokratie sein muss, widerlegt Nathan allerdings mit
dem Kapitel zu Taiwan. Das politische Interesse ist dort hoch entwickelt
und abweichende Meinungen werden nicht nur in Zeitungen und im Gespräch
toleriert, sondern auch bei Wahlen in Stimmen umgesetzt, ohne dass das
Chaos ausbricht oder ein Bürgerkrieg droht. Die Lektion, die aus Taiwans
Demokratisierung seit 1986 zu ziehen sei: Die chinesische Geschichte versperre
nicht den Übergang zur Demokratie, wenn Führer und Volk es wollten.
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Willy Wo-Lap Lam: The Era of Jiang Zemin, Prentice Hall, 452 S. (vom selben Autor stammt auch
China after Deng Xiaoping:
The Power Struggle in Beijing since Tiananmen, John Wiley & Sons,
1995, 497 S.): Willy Lam ist der China Editor der South China Morning Post.
Sein Chinabild ist kein idealistisches. Verschiedene politische Kräfte
kämpfen um die Macht. Faktionen, Ideologien, Macht- und Geldgier,
regionale und institutionelle Machtzentren ergeben kein einfaches Bild
Chinas. Seine Biographie Jiang Zemins zeigt, dass dieser eine Modernisierung
nur im Sinne von Partei und Bürokratie will, welche die nationalen
Interessen des Landes definieren. Ein undemokratisches Regime, das Geld
verdienen und Auslandkapital anziehen will und dabei unweigerlich die Korruption
fördert, das ist China. Willy Lam beschreibt Premierminister Zhu Rongji
als einen Politiker, der die staatlich kontrollierte Wirtschaft beibehalten
will. Sie soll lediglich modern und effizient geführt werden. Eine
freie Marktwirtschaft in westlichem Sinn ist folglich nicht sein Ziel.
Insgesamt beschreibt Willy Lam Präsident Jiang als einen vorsichtigen
Pragmatiker, der weder Ideologe noch Idealist ist.
Zur Aussen- und Sicherheitspolitik: China's International Role: Key
Issues, Common Interests, Different Approaches, Internationale Konferenz
in Brühl 6.-9.3.1997, Bonn, Conference Paper der Friedrich-Ebert-Stiftung,
1997, 274 S.
Zur Einführung ins moderne Taiwan ist folgender Sammelband erschienen:
David Shambaugh, ed.: Contemporary Taiwan, OUP, Clarendon Paperbacks,
1998, 329 S. Das Buch basiert auf Beiträgen, die für die Konferenz Taiwan
Today im November 1995 von The China Quarterly in Taipei organisiert
wurde. In jener führenden Quartalsschrift zu China wurden sie im Dezember
1996 in einer Spezialausgabe präsentiert. Die zwei einführenden
historischen Beiträgen von R. Clough und R. Myers verweisen auf den
Einfluss von traditonellem chinesischen Gedankengut, Konfuzianismus und
Buddhismus, sowie von Sun Yat-sens Drei Prinzipien. Aber auch Japan, dessen
Kolonie Taiwan ein halbes Jahrundert lang war, hat nicht nur negative Spuren
hinterlassen (Greueltaten wie in Korea oder Singapur gab es nicht), sondern
die Insel auch modernisiert, vor allem bezüglich der wirtschaftlichen
Infrastruktur. Dazu kommen kosmopolitische Einflüsse sowie solche
vom Festland. Es war ein langer Weg von Sun Yat-sens leninistisch organisierter
Partei über die Gefahr der Invasion der Insel durch die Volksbefreiungsarmee
im Jahr 1950, über sozialistisch beeinflusste wirtschaftliche Irrewege
im fast totalitären Regime, das dann rasch der Wirtschaft Freiheiten
gewährte, bis zur heutigen Demokratie, deren Ausbildung erst ab 1986
ermöglicht wurde. Hung-mao Tien und Yun-han Chu verweisen u.a. auf
das Faktum, dass der Regimewandel in Taiwan keine Re-Demokratisierung,
sondern eine erstmalige Demokratierung bedeutete. Freie Presse, unabhängige
Justiz und eine starke Zivilgesellschaft waren unbekannt. Das quasi leninistische
Parteisystem hatte eine rigide korporatistische Kontrolle über die
Gesellschaft ausgeübt. Eine Opposition musste sich erst mühsam
formieren. Christopher Howe verweist auf die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte.
1995 war Taiwan der drittgrösste Produzent der Welt von Elektronik-
und Informationstechnologie, nur hinter den USA und Japan, aber z.B. für
Deutschland rangierend. Eine grosse Aussenhandelsliberalisierung mit einer
markanten Senkung der Durchschnittszölle von 31 % auf 9 % erfolgte
von 1983/84 bis 1991/92. Taiwans Wirtschaftsentwicklung ist eng mit der
politischen Konjunktur verbunden. In der Konfrontation mit der Volksrepublik
im Jahr 1995 fiel der Börsenindex Taiex von 7000 auf 4800 Punkte.
Dem fügen wir hinzu, dass auch 1999 (in der letzten Woche fielen die
Kurse über 12 % in der erneuten, bisher erst rhetorischen Konfrontation
ohne militärische Manöver zwischen Taiwan und der Volksrepublik
China) Taiwan diplomatisch isoliert ist, weil praktisch alle Demokratien
aus erbärmlichen wirtschafts-opportunistischen Gründen die Anerkennung
der diktatorischen Volksrepublik China vorziehen. Mit der Nicht-Honorierung
der erfolgreichen Demokratisierung Taiwans senden vor allem die USA und
Europa falsche Singale aus. Denis Fred Simon erwähnt in seinem Artikel
zur technologischen Zukunft Taiwans als grosses Problem den Import von
knapp 50 % aller Computer-Komponenten. Die Märkte wandeln sich so
rasch, dass das Land zudem seinen Status als final assembler verliert.
Richard Louis Edmond verweist auf die Umweltprobleme, welche die rasante
Wirtschaftsentwicklung mit sich gebracht hat. Taiwans Haltung zur Volksrepublik
China fasst Jean-Pierre Cabestan in der Formel zusammen: Normalisierung
ja, Wiedervereinigung später. [Von Cabestan ist auch erst gerade ein
Büchlein zur Einführung in die Geschichte und das politische
System von Taiwan erschienen: Le système politique de Taiwan,
Paris, puf, Que sais-je?, 1999, 127 S.]. Daneben sind noch weitere
Beiträge im Sammelband vereint.
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