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White Fire/Flying Man
Amerikanische Kunst in Basel 1959-1999
Artikel vom Juli 1999
Der esoterisch anmutende Titel bezieht sich einerseits auf eine Werkgruppe
von Barnett Newman (White Fire II, 1960, und White Fire IV,
1968), andererseits auf <die wie im Traum dahinsegelnde menschliche
Figur von Jonathan Borofsky (Flying Man, 1983), die sich alle in
den öffentlichen Basler Sammlungen befinden. In der Ausstellung wird
nicht nur eine repräsentative Auswahl der Werke amerikanischer Kunst
der Emanuel Hoffmann-Stiftung sowie der Öffentlichen Kunstsammlung Basel
präsentiert, sondern vor allem der Katalog bietet eine Chronologie der Erwerbungen und Ausstellungen der Arbeiten
aus den USA. Auch das abgedruckte Interview von Philipp Ursprung mit Franz
Meyer bildet einen Beitrag zur Rezeptionsgeschichte der amerikanischen
Kunst in der Basler Museumsszene und darüber hinaus. Ergänzt
wird der Band durch Farbphotographien, einen zu kleinformatigen Katalogteil
sowie vier Artikel zu Warhol, Minimal Art, Bio-Collagen und Intention,
Identität und Interpretation der amerikanischen bildenden Kunst nach
1945.
In Basler Museumskreisen setzte die wesentliche Auseinandersetzung mit
der Kunst aus Übersee 1955 mit der Berufung Arnold Rüdlingers (1919-1967)
zum Konservator der Kunsthalle ein. Treibende Kraft war Dr. Hans Theler,
Delegierter des Verwaltungsrates der Schweizer National-Versicherungs-Gesellschaft
und seit 1956 Präsident des Basler Kunstvereins. Einen entscheidenden
Anstoss für die Rezeption der amerikanischen Kunst in Europa gab die
venezianische Biennale von 1948. Peggy Guggenheim zeigte erstmals ihre
Sammlung mit Werken von Pollock, Gorky, de Kooning und Rothko. Das MoMA
war 1948 ebenfalls mit einem eigenen Pavillon vertreten. Es organisierte
zudem ab 1952 regelmässige Ausstellungstourneen in Europa mit amerikanischer
Kunst aus seinen Beständen. Auch die Pariser Kunstszene mit zurückkehrenden
Emigranten, darunter viele Künstler und Galeristen, trug das ihre
zur Bekanntmachung der neuen Tendenzen aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten
bei. Rüdlinger wurde von Theler anlässlich des Firmenjubiläums
seiner Versicherungsgesellschaft im Jahr 1958 beauftragt, in New Yorker
Ateliers für 100 000 SFr. Gemälde zu erwerben. So kaufte Rüdlinger
als erster europäischer Konservator für eine europäische
öffentliche Sammlung Werke von amerikanischen Künstlern. Er wählte
Franz Klines Andes (1953), Barnett Newmans Day Before One
(1951), Mark Rothkos Red, White and Brown (1956) sowie Clyfford
Stills 1957 - D No 2 (1957), also Künstler, denen gegenüber
sich selbst die amerikanischen Museen noch reserviert zeigten.
Naturgemäss hatten private Galeristen, die unabhängiger agieren
können, sich bereits früher um die Kunst aus der Neuen Welt bemüht.
So hatte Eberhard Kornfeld bereits 1953 auf einer Amerikareise versucht,
sich den Überblick über jene Kunstszene zu verschaffen und dabei
seine Freundschaft mit Sam Francis begründet. Beyeler aus Basel, Krugier
aus Genf und andere folgten ihm. Wobei zu erwähnen ist, dass die Emanuel
Hoffmann-Stiftung bereits 1948 Alexander Calders Five Branches with
1000 Leaves (1947) erworben hatte, womit es in der Chronologie der
Basler Ankäufe einsam an erster Stelle steht.
Franz Meyer, der Direktor des Kunstmuseums von 1962 bis 1980, dem das
Buch zur Ausstellung gewidmet ist, weist im Interview mit Philipp Ursprung
darauf hin, dass es für ihn immer um Weltkunst ging, nicht um amerikanische
Kunst, wobei <das Beste seit Mitte der 1940er Jahre nicht mehr aus Paris,
sondern aus New York [kam]. Die Zeit von 1950 bis 1975 erscheint mir deshalb
als das amerikanische Vierteljahrhundert, als eine Phase, in der die Amerikaner
den Vorrang hatten. In Europa gab es durchaus enorm wichtige Figuren wie
Joseph Beuys, aber vieles war zweitrangig beziehungsweise eine Reaktion
auf Amerika.> Franz Meyer war nach eigener Aussage wie <alle meine Kollegen
[... in Europa] nach Paris orientiert>. In der Seine-Metropole lebend öffnete
ihm 1952 die Begegnung mit der Kunst von Sam Francis, der dort einen Kreis
amerikanischer Maler um sich versammelt hatte, die Augen für die neue
Kunst. Die Pollock-Ausstellung bei Facchetti im selben Jahr habe ihn nicht
überzeugt, erst seine erste Reise 1953 nach New York habe ihn Pollock
<mit andern Augen> sehen lassen. 1958 machte die Wanderausstellung Die
Neue Amerikanische Malerei des MoMA zusammen mit Jackson Pollock,
1912-1956, in Basel halt, zu der Rüdlinger den Anstoss gegeben
hatte. Auf dessen Initiative hin kam es gemäss Meyer auch zur oben
erwähnten Bilderschenkung der National-Versicherung ans Kunstmuseum
Basel. Franz Meyer hält selbstkritisch fest, dass seine Kaufvorschläge
aus den frühen 1960er Jahren (Francis, Chillida, Tàpies) <doch
nur ein Extrakt der Ecole de Paris waren und nicht weiterführten.>
Der Umbruch in der Ankaufspolitik kam erst Ende jenes Jahrzehnts. Nach
dem Kampf um Erwerbungen von Arbeiten Picassos war 1967 klar: <"Die
klassische Moderne ist nun out." Für uns waren die Preise zu hoch.>
Jasper Johns, Andy Warhol, Minimal Art und anderes wurde nun angekauft,
wobei Meyers Nachfolger Geelhaar vieles weitergeführt und komplettiert
hat. Meyer bezeichnet als Versäumnis, dass er <sehr oft nicht wagemutig
genug war>. Vor allem schmerzt ihn die Pollock-Lücke, d.h. ein grossformatiges
Bild aus den Jahren 1949-50. Zu den neuen amerikanischen Künstern
zwischen 1975 und 1985 meint Meyer, sie hätten nicht viel weiter geführt.
<Erst danach lohnte es sich wieder voll und ganz. Einige Namen: Jenny Holzer, Cindy Sherman, Robert Gober, Mike Kelley, Roni
Horn, Gary Hill, Bill Viola, in jüngster Zeit Jason Rhoades.>
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White Fire/Flying Man, Hg. Katharina
Schmidt und Philipp Ursprung, Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst
Basel vom 5. Juni bis zum 26. September 1999, Basel, Verlag Schwabe und
Co., 239 S.
Wer sich einen Überblick über die Künstler
der 1980er und 1990er Jahre verschaffen möchte, kann seit kurzem zu Art
at the Turn of the Millennium greifen. Hg. Burkhard Riemschneider und
Uta Grosenick. Köln, Benedikt-Taschen-Verlag, 1999, 576 S.
Alle von Franz Meyer als wichtig erwähnten mehr oder weniger jungen
amerikanischen Künstler sind in der Publikation, die 137 Gegenwartskünstler
nicht nur aus den USA, sondern aus der ganzen Welt umfasst, berücksichtigt.
Das lässt auf einen erstaunlichen Konsens unter Fachleuten schliessen,
welches die relevanten Künstler unserer Zeit sind. Allen im Band vorgestellten
137 Personen und Gruppen (so General Idea) sind konsequent vier
Seiten gewidmet, auf denen auf ihre Ausstellungen und auf Literatur über
sie verwiesen wird. Den Leser fasziniert die Vielfalt der höchst unterschiedlichen
Ansätze, die von einer obsessiven Ich-Bezogenheit bis zur kalten und
rationalen Formensprache reichen. Die Kurzbiographien bzw. Einführungen
zu den einzelnen Künstlern könnten zumeist etwas substantieller
sein. Sie sind dafür auf deutsch und englisch verfasst. Vor allem
Photos der Arbeiten bilden den Hauptteil des Buches, in der Regel drei
Viertel der jeweils vier Seiten ausfüllend, ein Panoptikum der Kunst
um den Jahrtausendwechsel bildend. Diesem Who ist Who der zeitgenössischen
Kunst, das eine Lücke in den Verlagsprogrammen schliesst, ist eine
- textlich gehaltvollere - Fortführung zu wünschen.
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