Alte Galerie,
Landesmuseum Joanneum, Graz
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Artikel vom 27. September 2003
Die Alte Galerie des Landesmuseums
Joanneum in Graz kann mit einer Reihe von Meisterwerken der Romanik, Gotik und
Renaissance sowie des Manierismus und Barock aufwarten. Die Bestände gehen
zum Teil auf die Kunstkammer der Innerösterreichischen Erzherzöge der Jahre 1564-1919
in Graz sowie die Vorbildersammlung der Steirischen Zeichenakademie des 19.
Jahrhunderts zurück.
Hier einige Anmerkungen zu den sich im Erdgeschoss befindlichen
mittelalterlichen Werken der Alten Galerie. Der Rundgang durch
die Sammlung beginnt mit romanischen Figuren, die sich durch ihre frontale, aufrechte,
erhabene und unbewegte Darstellung auszeichnen. Der Übergangsstil von der
Romanik zur Gotik kurz vor 1300 wird als sogenannter
"Zackenstil" bezeichnet. Mit scharfbrüchigen Zacken versuchten die
Künstler, die Figur aus der Fläche zu lösen und so plastischer werden zu
lassen.
Ein Höhepunkt der Sammlung der Alten Galerie bildet die sogenannte Admonter
Madonna, die um 1310 im oberrheinischen Raum entstand. Im Vergleich mit den romanischen
Sitzmadonnen zeigt sie eine gesteigerte Eleganz und innigere
Mutter-Kindbeziehung. Maria wird zur entrückten, mild lächelnden
Himmelskönigin. Somit ist sie dem "neuen süssen Stil" (dolce
stil nuovo) aus Italien um 1300 verpflichtet, der sich durch Lyrismus der
Formgebung und Harmonie von Körper und Seele auszeichnet.
Mit der beginnenden Gotik verändert sich die Figurendarstellung. Der
Gekreuzigte wird nun als Mensch gewordener Sohn Gottes, als Leidender
aufgefasst. Ein Bespiel dafür ist der Mühlauer Kruzifixus, der um
1320/25 entstand und den Gekreuzigten mit geknicktem Körper, seitlich
geneigtem Kopf, geschlossenen Augen und einer Dornenkrone zeigt: Ein
Meisterwerk von eindrücklicher Lebendigkeit.
Ein weiteres Beispiel für die veränderte Figurendarstellung der Gotik ist
das dreiteilige Altartriptychon des Wölfel von Neumarkt, das um 1360/70
entstand und das erste bedeutende erhaltene Stück
steirischer Tafelmalerei darstellt.
Die Jahre 1390 bis 1430 waren die Zeit des "Weichen Stils", auch
"Internationaler Stil" genannt, der sich durch weich-fliessende
Linienführungen, grazile Körper, vornehme Erscheinungen der Figuren sowie
eine leuchtende, aber dennoch zarte Farbigkeit auszeichnet. In der Steiermark
erfuhr die Kunstproduktion in dieser Zeit einen Höhepunkt, mit bedeutenden
Künstlerwerkstätten in Judenburg und St. Lambrecht, beide im oberen Murtal
gelegen.
Ein herausragendes Beispiel für den "Weichen Stil" ist die St.
Lambrechter Votivtafel, die um 1430 entstand. Sie ist das früheste bekannte,
deutsche Reiterschlachtbild, das ein historisch belegtes Ereignis mit einem
Andachtsbild kombiniert. Es dürfte sich bei der Schlacht um den Kampf von
König Ludwig I. von Ungarn 1377 gegen die Osmanen und Bulgaren handeln, die
mit der Darstellung der Schutzmantelmadonna und der heiligen Hedwig verbunden
wurde (siehe Foto und Text rechts unten).
Im 15. Jahrhundert dringen weltliche Themen in die sakrale Kunst ein, weil nun
nicht mehr nur die Kirche, sondern auch der Adel und das Bürgertum als
Auftraggeber erscheinen. Neu ist auch ein gesteigertes Interesse der Künstler
an Körper, Raum und Bewegung.
Die Malerei tritt in eine Phase,
in der Wanderkünstler und Importstücke die einheimische Kunstproduktion in
den Hintergrund drängen. Der nordische Realismus mit realem
Landschaftshintergrund und der Liebe zum Detail sowie die Kunst des
italienischen Quattrocento, die der Perspektive und der Architektur Beachtung
schenken, finden nun Eingang in die steirische Kunst. In der Alten Galerie zeugt zum Beispiel die Szene des um
1490 entstandenen Danielsurteils von der veränderten
Landschaftsmalerei.
Der Goldhintergrund verliert seine dominierende Stellung in der Malerei und
tritt seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nur noch vereinzelt auf.
Die Künstler wenden sich je länger je mehr der realistischen
Landschaftsdarstellung zu, die in der sogenannten Donauschule
perfektioniert wird. In der Plastik dagegen bleibt der Einfluss des Typus der
"Schönen Madonnen" nach länger bestehen, wie die Madonnenskulptur
aus St. Kathrein an der Laming von 1435/40 beweist.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts erfahren die steirische Skulptur und Malerei
einen erneuten Aufschwung. Um 1510 erfolgt der künstlerische Anschluss an die
in Wien dominierende "Donauschule", welche erstmals die Landschaft
selbständig und individuell gestaltet. Zudem werden die Gebärden
dramatischer, unterschiedliche Lichtsituationen treten auf, und vereinzelt
geht die Malweise gar in eine graphische Kleinteiligkeit über. Ein Beispiel
für die von der Donauschule beeinflusste Malerei ist die Brucker
Martinstafel aus dem Jahr 1518.
In der Spätgotik sind vor allem Schreinaltäre beliebt, die nach dem Aufklappen der
Flügel ein schrankähnliches Inneres offenbaren, das mit Skulpturen und
Reliefs ausgestaltet sein kann. Ein Beispiel für diese Verbindung von
Plastik, Malerei und Architektur ist der Pestaltar aus Dietmannsdorf.
Er entstand durch die Zusammenarbeit eines anonymen Malers aus St. Lambrecht
mit dem Bildschnitzer Lienhard Astl aus Gmunden.
Ein Artikel zu den Obergeschossen mit Werken von Lucas Cranach, Jan Brueghel dem Älteren und Pieter
Brueghel dem Jüngeren folgt demnächst.
Quellen:
- Dr. Helga Hensle-Wlasak, Alte Galerie,
Landesmuseum Joanneum, Graz.
- Gottfried Biedermann, Katalog. Alte Galerie am
Landesmuseum Joanneum, Mittelalterliche Kunst. Tafelwerke – Schreinaltäre
– Skulpturen (Joannea V), Graz 1982.
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Oberrheinischer Meister (?), Madonna mit Kind, sogenannte Admonter Madonna, um 1310.
Foto: © Landesmuseum Joanneum, Alte Galerie, Graz, Austria.
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Steirischer Meister, Mühlauer Kruzifixus, um 1320/25.
Foto: © Landesmuseum Joanneum, Alte Galerie, Graz, Austria.

"Meister der Votivtafel von St. Lambrecht", Votivtafel von St. Lambrecht, um
1430.
Foto: © Landesmuseum Joanneum, Alte Galerie, Graz, Austria.
Leihgabe des Benediktinerstiftes St. Lambrecht. Die Votivtafel ist ein
Beispiel für den gotischen Bildtypus der Schutzmantelmadonna. Maria gewährt
unter dem Mantel verschiedenen Leuten Schutz. Sie wird zur Anwältin der
Ohnmächtigen und lässt Sündern Barmherzigkeit zuteil werden. Sie behütet
Menschen gar vor gerechten Strafen durch kirchliche und weltliche Instanzen.
Die vor der Madonna kniende Heilige tritt als Fürbitterin und Stifterin auf.
Auffallend ist die Teilung der Tafel in eine männlich-aktive und eine
weiblich-passive Hälfte.
Weitere Informationen zur Votivtafel finden sich im nebenstehenden Artikel.
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