www.cosmopolis.ch
Nr. 51, September 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel
Copyright 1999-2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.

Die Geschichte von Graz
Die Geschichte der Stadt Graz und einiger ihrer Sehenswürdigkeiten

Artikel vom 27. September 2003
 
Um 800 entstand in Graz eine erste Siedlung, im 12. Jahrhundert der Kern der Altstadt um die nach dem Vorbild der deutschen Ackerbürgerstädte planmässig angelegte Marktanlage zwischen dem Schlossberg und der Mur, dem 444 km langen linken Nebenfluss der Drau. Erstmals erwähnt wird Graz 1164 als Marktsiedlung (bei der Burg), woraus die Stadt erwuchs. Ein Grossteil der Bürger betrieb ursprünglich neben dem Gewerbe auch Landwirtschaft, wovon die langgestreckten Hofstättengrundrisse z.B. in der Sackstrasse zeugen. 

Graz besass im Mittelalter kein innerstädtisches Kirchenzentrum. Die als Pfarrkirche dienende Ägydiuskirche wurde im 13. Jahrhundert in erhöhter Lage ausserhalb des Zentrums errichtet. Der Dualismus von Marktanlage und Wehrkirche bildete den Grundstein für die spätere Entwicklung von Altstadt und Stadtkrone.
 
Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts stand Graz unter dem Einfluss der Habsburger. 1379 wurden die habsburgischen Länder geteilt und damit die Grundlage für ein selbständiges Innerösterreich geschaffen, das aus den Ländern Steiermark, Kärnten, Krain, Götz, Köstenland und Istrien bestand. In jenem Jahr erkor die Leopoldinische Linie der Habsburger Graz zur Residenz. Herzog Friedrich V. leitete den baulichen Aufschwung der Stadt ein. Als er als Friedrich III. zum Kaiser (1452-1493) gewählt wurde, machte er Graz zur Kaiserresidenz.

Kaiser Friedrich III. verknüpfte wie alle Habsburger die weltliche und die geistliche Macht, was er durch den Neubau der Stadtburg und der gotischen Pfarr- und Hofkirche symbolisieren liess. Burg und Dom entstanden ab 1438.

An der Stelle des heutigen Doms stand eine Wehrkirche, die erstmals 1174 urkundlich genannt wird. Von 1438 bis 1462 erfolgte unter Kaiser Friedrich III. der Neubau des als
Pfarrkirche ursprünglich dem heiligen Ägydius geweihten Gotteshauses im spätgotischen Stil. Auf der südlichen Aussenseite des vom Kaiser zur Hofkirche erklärten Bauwerks befindet sich die älteste Grazer Stadtansicht (1481) in Form des Landplagenbildes (Türken, Heuschrecken und Pest bedrohten Graz 1480, wodurch die Region völlig verarmte). Die bedeutendsten Kunstwerke im Inneren des Doms stellen die Renaissance-Brauttruhen von 1477 der Paola Gonzaga aus Mantua dar, die 1617 als Reliquienschreine adaptiert wurden. 1577 wurde das Gotteshaus den Jesuiten übergeben, die der spätgotischen Staffelhalle in zwei Umgestaltungen im 17. und 18. Jahrhundert ihr barockes Gepräge gaben. Nach der Auflösung des Jesuitenordens im Jahr 1786 machte der Bischof der Diözese Graz-Seckau die Kirche zum Dom, zur Kathedrale, die heute als Beispiel der Harmonie verschiedener Stilepochen gilt.

Neben dem Dom steht das manieristisch-barocke M
ausoleum Kaiser Ferdinands II., der im 17. Jahrhundert vorübergehend von Graz aus Österreich regiert hatte. Das Mausoleum wurde von Pietro de Pomis 1614 begonnen und von Pietro Vallnegro 1714 vollendet. Der Barockbau, an dem auch Fischer von Erlach mitgearbeitet hat, war aus einer ehemaligen Friedhofskapelle entstanden.

Schräg gegenüber dem frühbarocken Landeszeughaus steht die gotische Stadtpfarrkirche mit barocker Schaufassade und einem Dachreiter. Die gotische Hallenkirche wurde von 1484 bis 1519 erbaut. Die barocke Fassade entstand Mitte des 18. Jahrhunderts. Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Kircheninnere regotisiert, sodass nur wenig von der ursprünglichen Innenausstattung erhalten ist. Das bedeutendste Kunstwerk der Stadtpfarrkirche ist das im Johannesschiff sich befindende Altarbild Maria Himmelfahrt (1594) des Venezianers Jacopo Tintoretto. Aus dem 20. Jahrhundert stammen die Glasfenster von Alfred Birkie in der Apsis. Im Glasfenster zur Dornenkrönung Jesu hat der Künstler Hitler und Mussolini eingefügt.

Kaiser Friedrich III. hatte mit der Errichtung zahlreicher kirchlicher und profaner Bauten das Fundament und die Entwicklungsmöglichkeit für die in Österreich einzigartige und noch weitgehend erhaltene bipolare historische Stadtanlage gelegt. Sein Sohn Kaiser Maximilian I. liess 1499 in einem Trakt der Grazer Burg eine Doppelwendeltreppe erbauen. Mit ihren gegenläufig gedrehten Steinstufen stellt sie nicht nur eine Sehenswürdigkeit von Graz, sondern auch ein im deutschen Sprachraum einzigartiges Meisterwerk der spätmittelalterlichen Architektur dar.

Nach einer weiteren Teilung des Habsburgerreiches wurde Graz unter Erzherzog Karl II. 1564 erneut die Residenz Innerösterreichs, das als eigener Staat institutionalisiert wurde.

Die Türkeneinfälle zwangen die Habsburger zur Sicherung ihrer Südostgrenze eine durchgehende Festungskette von Wien über Graz bis zum Adriatischen Meer zu errichten. Graz kam dabei eine Schlüsselstellung zu. Die Stadt wurde ab 1543 zu einem Bollwerk gegen die Türken ausgebaut. Die Stadtbefestigung und die unter Kaiser Friedrich III. errichteten Befestigungsanlagen am Schlossberg wurden nach dem neuen italienischen Bastionärsystem erweitert. Das Stadtareal wurde durch den Bau von zwölf Bastionen und zwei Ravelins fast verdoppelt. Von den Bastionen ist das "Äussere Paulustor" (1606-1614) erhalten. Erzherzog Karl II. holte für die Erweiterungsbauten herausragende Architekten aus Italien, die daneben auch grosszügige zivile Neu- und Umbauten vornahmen. Dadurch erhielt das Stadtbild von Graz starke Einflüsse der italienischen Renaissance, wodurch das einzigartige architektonische Gemisch der Stadt entstand.
 
Zu den bedeutendsten italienischen Renaissancebauten ausserhalb Italiens gehört das von Domenico dell'Allio erbaute Landhaus in der Herrengasse mit seiner oberitalienischen Hauptfassade und dem grosszügigen Innenhof. Heute finden hier Konzerte und Freilichtaufführungen in stimmungsvollen Rahmen statt.

Die Gegenreformation erreichte auch Graz. 1572 wurden die Jesuiten in die Stadt gerufen, wo seine eine fruchtbare bauliche Aktivität entwickelten. Der italienische Baumeister Vinzenz de Verda errichtete ab 1572 das monumentale Jesuitenkollegien, das heutige Priesterseminar. Mit der 1586 gegründeten Universität wurde Graz auch zum bedeutenden Kulturzentrum.
 
Die Wahl des Sohnes von Erzherzog Karl von Innerösterreich zum Kaiser (Ferdinand II.) im Jahr 1619 bedeutete das Ende von Graz als Residenzstadt; der Hof zog nach Wien. Graz blieb aber Landeshauptstadt. Die 1625 neu organisierten Grazer Behörden verwalteten weiterhin die innerösterreichischen Länder.
 
Ferdinand II. war ein entschiedener Unterstützer der Gegenreformation. Unter ihm wurde die Universität Graz zu einem geistigen Zentrum der gegenreformatorischen Aktivitäten. Zusammen mit dem Priesterseminar bildete die ehemalige Jesuitenuniversität (1607/09), die Wiege der heutigen Karl-Franzens-Universität (die heute u.a. mit einer begehrten Jazz-Fakultät aufwarten kann), das wichtigste geistige Zentrum im gesamten südosteuropäischen Habsburgerreich.

Der Wegzug des Hofes im Jahr 1619 führte zu einem Aufschwung adeliger und bürgerlicher Baukultur, der von den weiterhin in Graz tätigen italienischen Handwerkern und Künstlern getragen wurde. So wurden in der Barockzeit baugeschichtlich bedeutende Palais errichtet, darunter die von Attems, Stubenberg, Welsersheim und Wildenstein, die mit künstlerisch hochwertigen Stuckdekorationen in den Innenräumen wie den Aussenfassaden aufwarten.
 
Der Verlust an politischer Bedeutung erwies sich für die Grazer Bausubstanz als konservierender Faktor. Die Bauten der Gründerzeit aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert betrafen die Altstadt nur wenig, sondern wurden ausserhalb des historischen Zentrums und in hoher baukünstlerischer Qualität errichtet. Erst durch den Friedensvertrag von Schönbrunn, der die Schleifung der Stadtmauern und der Befestigungsanlagen des Schlossberges vorsah, veränderte sich der Charakter der Stadt. 

Es verwundert nicht, dass die historische Grazer Altstadt am 1. Dezember 1999 in die Liste der UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Die mit zirka
250,000 Einwohnern zweitgrösste Stadt Österreichs ist nicht nur die Hauptstadt der Steiermark, sondern im Jahr 2003 zudem Kulturhauptstadt Europas.
 
Quellen: Graz Tourismus, HB Bildatlas Steiermark Graz, Brockhaus multimedial premium, Peter Laukhardt: Der Grazer Schloßberg. Weltkulturerbe im Sturm der Zeit. Verlag für Sammler, Graz, 2000.
 

 

Die Dächerlandschaft der Grazer Altstadt.
Foto Copyright: Graz Tourismus.
 
Weitere Artikel zu Graz
- Alte Galerie, Landesmuseum Joanneum, Graz
- Das Grazer Landeszeughaus 
- Hans Ulrich von Eggenberg
- Schloss Eggenberg
- Die Oper Graz 
- Nikolaus Harnoncourt

- Das Grand Hotel Wiesler
- Hotel Erzherzog Johann 
- Restaurant Wintergarten
- Die Ernst Fuchs Bar
- Der Marienhof Hotel garni 
- Hotels aller Kategorien in Graz
 

Blick auf die Altstadt im Winter. Foto Copyright: Graz Tourismus.
 

Der 28 Meter hohe Uhrturm (1560) auf dem Schlossberg. Foto Copyright: Graz Tourismus. Für das Jahr 2003 hat der Uhrturm einen "Schatten" in Form eines Zwillingsturms bekommen, der vom steirischen Künstler Markus Wilfling stammt. Der Uhrturm gilt als Wahrzeichen der Stadt, seit er 1809 von der Grazer Bevölkerung von der französischen Besatzungsmacht freigekauft und so vor der Zerstörung bewahrt wurde. Der Uhrturm ist nur einer der Reste der mittelalterlichen Herrschaftsburg, die unter der Bedrohung der Türken zur Renaissance-Festung ausgebaut und von Napoleon 1809 weitgehend gesprengt wurde. Der Uhrturm dürfte im Kern aus dem 13. Jahrhundert stammen, denn das Urbar über die Steiermark aus der Zeit der Herrschaft des Böhmenkönigs Ottokar nennt den Turm bereits um 1265. Gemäss Bauberichten wurde der Uhrturm um 1560 anlässlich des Neubaus der Festung in seine heutige Form gebracht. Die vier Turmseiten schmückt ein über fünf Meter grosses Zifferblatt aus dem Jahre 1712. Die vergoldeten Zeiger sind allerdings vertauscht montiert. Der lange zeigt auf die Stunden, der kurze auf die Minuten. Das hat einen praktischen Grund: Die Uhr hatte ursprünglich nur einen grossen Zeiger. So konnten die Grazer von der Stadt aus die Zeit leichter lesen. Erst später wurde der zweiter, kleine Zeiger für die Minuten angebracht. Der Uhrturm beherbergt drei Glocken. Die Feuerglocke, die Stundenglocke, die zumindest der Inschrift nach die älteste Glocke von Graz (1382) ist, sowie die um 1450 gegossene Armensünderglocke. Letztere zeigte mit ihrem kläglichen Ton die Hinrichtung von Verbrechern an, wurde aber auch bei Beginn und Ende von Jahrmärkten sowie bei der Schliessung der Stadttore geläutet. Heute zeigt die Armensünderglocke die Viertelstunden an. 
 
Ebenfalls erwähnenswert ist der Glockenturm (1588), der als achteckiger "Campanile" für die Thomaskapelle im Auftrag von Erzherzog Karl II. erbaut wurde. Der Glockenturm beherbergt ein Museum zur Grazer Geschichte sowie die drittgrösste historische Glocke der Steiermark, die "Türkenglocke". Sie wurde 1587 vom sächsischen Meister Martin Hilger in Graz angeblich aus 101 von den Türken eroberten Kanonenkugeln  gegossen. Volkstümlich wird sie auch "Liesl" genannt. In dieser Bezeichnung lebt vermutlich die Erinnerung an die der heiligen Elisabeth geweihte Kapelle des 1577 niedergerissenen Wohntraktes der alten Burg weiter.
 

Das Rathaus. Foto Copyright: Graz Tourismus.
 

Das Grazer Bermudadreieck. Foto Copyright: Graz Tourismus.
 

www.cosmopolis.ch
Nr. 51, September 2003
Deutsche Ausgabe  Archiv  Kunst  Film  Musik  Geschichte  Politik  Lebensart  Reisen
English edition  Archives  Art  Film  Music  History  Politics  Lifestyle  Travel
Copyright 1999-2003  www.cosmopolis.ch  Louis Gerber  All rights reserved.