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Nr. 52, Oktober 2003
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William John Bankes
Der Erforscher von Ägypten Nubien und sein byroneskes Leben

Artikel vom 16. Oktober 2003
 
Patricia Usick: Adventures in Egypt and Nubia. The Travels of William John Bankes (1786-1855). The British Museum Press, 2002, 224 S. Bestellen bei Amazon.co.uk.

William John Bankes (1786-1855) geriet nach seinem Ableben rasch in Vergessenheit geriet, weil er seine Arbeiten zu seinen Forschungsreisen in Ägypten und Nubien nicht publizierte. Patricia Usick, Archivarin im British Museum, gebührt die Ehre,
die Verdienste des Engländers in einer Studie* ausführlich zu würdigen.

Bankes war nicht nur zeitlebens mit Lord Byron (1788-1824) befreundet, sondern er führte auch ein ziemlich byroneskes Leben. Beide waren reich, ehrgeizig, geistreich und arrogant. Bankes war scharfzüngig, ,laut, herablassend, ein vorzüglicher Altphilologe, sprach fliessend italienisch und besass ein Temperament, das den Hang zum Risiko mit dem Mangel an Selbstbeherrschung verband.
 
Obwohl nicht aristokratisch, gehörte die Familie von Bankes zur leading gentry, war gebildet, weitgereist und mit einem Familiensitz im Parlament vertreten. William
sass, abgesehen von einer dreijährigen Unterbrechung und den Jahren im Ausland, von 1810 bis 1834 im Parlament. Seine Karriere endete auf Grund eines Skandals abrupt.
 
Als Sohn eines wohlhabenden Landbesitzers in Dorset, der zudem eine ertragreiche Graphitmine in Cumberland kontrollierte, verdankte Bankes wie Byron seine soziale
Stellung und finanzielle Unabhängigkeit einem schicksalhaften Zufall: Als sein Bruder bei einem Schiffsunglück starb, stieg er zum Erben von Kingston Lacy auf.
 
Wie Lord Byron, so studierte auch Bankes am Trinity College in Cambridge, wo er 1811 mit einem MA abschloss. Bankes war zuerst die dominierende Figur in der Beziehung der zwei. Die Rollen drehten sich mit dem Beginn der Veröffentlichung von Childe Harold's Pilgrimage 1812, wodurch der zwei Jahre jüngere Byron zu einem der führenden romantischen Dichter aufstieg.
 
Mit dem Ende der napoleonischen Kriege ging Bankes auf die Grand Tour. Dabei entdeckte er seine Leidenschaft für Entdeckungsreisen. Die Veröffentlichung des ersten von vierundzwanzig monumentalen Bänden der Description de l'Egypte durch die napoleonische wissenschaftliche Mission stimulierte damals das Interesse von Gelehrten und Laien an Ägypten.
 
Bankes reiste zuerst nach Spanien, Rom, Neapel, Griechenland, Konstantinopel und Malta. In den Jahren 1815 bis 1819 durchforschte er Ägypten und Nubien. In Alexandria angekommen, hatte er zuerst nur die Absicht, die Pyramiden zu besuchen. Eine Begegnung mit dem Schweizer Forscher Johann Ludwig Burckhardt inspirierte
ihn jedoch dazu, Nubien seriös zu erforschen und zu dokumentieren. Burckhardt, der unter dem Namen Scheich Ibrahim reiste, gab dem Engländer den nützlichen Rat, sich orientalisch zu kleiden.
 
Der begabte Zeichner Bankes, der das Vokabular und die Techniken der Architekten kannte, kopierte in der Folge Inschriften, nahm Notizen und dokumentierte mit der Hilfe von ihn begleitenden Künstlern und Zeichnern archäologische Fundstätten und Monumente. Den Obelisken im Tempel von Philae brachte er in seinen Garten in Kingston Lacy. Darauf entzifferte er 1818 als erster den Namen von Cleopatra, was leider alle seine anderen Entdeckungen überschatten sollte.
 
Durch den englischen Naturwissenschafter und Universalgebildeten Thomas Young kam Bankes in Kontakt mit dem französischen Gelehrten Jean-François Champollion, der eine Reihe von Hieroglyphen entziffern und ein grammatikalisches System entwickeln konnte, welche die Basis für alle nachfolgenden Arbeiten bildeten. Obwohl Champollion verneinte, den Namen von Cleopatra aus Anmerkungen zu einem Privatdruck Bankes' zu seinem Obelisken zu haben, bildeten die phonetischen Buchstaben der Namen von Cleopatra und Ptolemäus den Schlüssel zur Entschlüsselung des Steins von Rosetta.
 
Leider verwendete Bankes nicht viel Zeit zur weiteren Erforschung der Hieroglyphen, da er auf Grund der sich eintönig wiederholenden Zeichen darin nichts erkennen konnte, das nach Geschichte aussieht. Zwischen Champollion und Bankes entstand keine Forschungsbeziehung. Zum einen wegen der Rivalität zwischen Franzosen und Engländern, zum anderen, weil Champollion darauf bestand, alleine zur erwähnten Entschlüsselung gelangt zu sein, was der Engländer anzweifelte.
 
Das Vermächtnis von Bankes umfasst alleine 1500 Zeichnungen aus Ägypten, darunter viele zuvor unerforschte nubische Tempel sowie Kopien von manchen heute zerstörten Inschriften aller Art aus Ägypten, Nubien und Syrien. Bankes entdeckte und erforschte als erster die inneren Kammern von Wadi es-Sebua sowie die Stelen und Schreine von Qasr Ibrim. Er erfasste antike Stätten in der Hauran Region in Syrien,
ein vergessenes Grab in Sidon, identifizierte die Städte der Decapolis und erforschte die Region des Toten Meeres. Bei seiner Rückkehr nach England sandte er den
Künstler und Forscher Linant de Bellefonds in den Orient, der die verlorene Stadt Meroe entdeckte und nahezu alle damals unbekannten Stätten in Nubien dokumentierte. Viele der von Bankes und seinen Begleitern fest gehaltenen Fundstätten sind heute zerstört oder unter den Wassern des Nassersees verschwunden, der in den 1960er Jahren mit dem Bau des Assuan Staudamms entstand.
 
Der Forscher Bankes publizierte seine Erkenntnisse nicht. Stattdessen geriet er in bitteren Streit mit anderen Reisenden, darunter ehemalige Begleiter. Zurück in England verwandte er seine Energie und seinen Reichtum zur Renovation und zum Umbau von Kingston Lacy und zur Vergrösserung seiner herausragenden Kunstsammlung, insbesondere in den sechs Jahren nach dem Tod seines Vater 1834.
 
Das Leben von Bankes verlief auch sonst turbulent. 1822 hatte er eine Affäre mit einer verheirateten Frau, danach folgten eine Verleumdungsklage sowie zwei Verhaftungen wegen homosexueller Vergehen. Zur zweiten Verhaftung kam es 1841, weil er in der Nacht über das Gitter von Green Park kletterte und sich mit einem Wachmann auf einer Parkbank vergnügte. Als die zwei Männer von einem Polizisten entdeckt wurden, versuchte Bankes diesen zu bestechen und gab einen falschen Namen an. Die Affäre zwang ihn im September 1841 zur Flucht ins Exil.
 
Den ersten Winter verbrachte er in Südfrankreich. Von 1843 bis zu seinem Tod 1855 lebte er in Italien. Er unternahm eine Reihe von Reisen durch Europa, darunter 1854 einen heimlichen Besuch in Dorset. Aus dem Ausland überwachte er alle Details der 
Renovation von Kingston Lacy. Seine verwitwete Schwester Anne bewohnte sein Anwesen.
 
Trotz Johann Ludwig Burckhardts Appell, seine ägyptischen Schätze der Nation zu
vermachen, tat Bankes dies nicht. Er betrachtete diese Antiquitäten als nicht auf einem Niveau mit der europäischen Kunst stehend und fügte sie deshalb auch nicht in seinen dekorativen Plan für sein Anwesen ein. Spätere Generation verbannten
die Schätze in den Keller und auf den Dachboden. Sein gesammeltes Wissen wurde vernachlässigt, dann vergessen. Heute sind die Antiquitäten in einem Museum in Kingston Lacy, das dem National Trust gehört, ausgestellt.
 
Patricia Usick: Adventures in Egypt and Nubia. The Travels of William John Bankes (1786-1855). The British Museum Press, 2002, 224 S. Bestellen bei Amazon.co.uk.
 

 


 
 

 

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