Christian Thielemann:
Biografie, Biografie Teil 2
Artikel vom 24. November 2003
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Von 1988 bis 1992 wirkte Christian
Thielemann als Generalmusikdirektor am Nürnberger Opernhaus. Am 8. Oktober
1988 eröffnete er die Spielzeit ausgerechnet mit Palestrina (1917) von
Hans Erich Pfitzner (1869-1949).
Und das in der Stadt, über der der Schatten der Nazi-Reichsparteitage lag. Der Einstand als GMD in Nürnberg mit einem Komponisten, der sich
schon 1920 in seiner Streitschrift Die neue Ästhetik der musikalischen
Impotenz - Ein Verwesungssymptom? gegen den jüdischen Einfluss in der
Musik wandte, sich in der
Zeit des Nationalsozialismus weiter kompromittierte und nach dem Krieg
uneinsichtig blieb, war für so manches
deutsche Feuilleton der Anlass, den schneidig-preussischen Thielemann in die
rechte Ecke zu stellen. Selbst der zackige Scheitel (!?) wurde dem Dirigenten
zum Vorwurf gemacht. Thielemann wehrte sich mit Worten wie "Kann eine
Tonart politisch sein?" Doch der manchmal arrogant wirkende Berliner,
kein Meister der Kommunikation, wurde auf
Grund seines Einsatzes für Pfitzner und dessen musikalischer Legende Palestrina
nicht nur 1988 angegriffen, sondern wir sogar noch heute teilweise
angefeindet.
Natürlich war Christian Thielemann, den nach eigener Aussage an Pfitzner der
"dunkle, grüblerische Grundton" und "dieses narkotische der
Musik" faszinierte, bei weitem nicht der erste, der sich nach dem Zweiten
Weltkrieg für die Musik des kompromittierten Komponisten einsetzte. Kläre
Warnecke verweist in ihrer Thielemann-Biografie u.a. auf Joseph Keilberth in
München, Erich Leinsdorf in Wien, Hans Zender in Hamburg, Wolfgang Sawallisch
in München sowie auf Erich Kleiber, der seinem Sohn Carlos Palestrina
ans Herz legte. Lebende Komponisten wie Hans Werner Henze, Peter Ruzicka und
Wolfgang Rihm schätzen Pfitzner ebenfalls sehr.
Jahre später, am 28. Januar 1997, wagte sich Christian Thielemann im Royal
Opera House Covent Garden in London an die erste professionelle Aufführung
von Palestrina in Grossbritannien, zum 50jährigen Bestehen des
Opernhauses. Die britischen Kritiker sahen darin keine Provokation und gingen
in ihren Reaktionen weitgehend sachlich auf das Werk und seine Interpretation
ein. Norman Lebrecht vom Daily Telegraph listete am 1. Februar 1997 "zehn
gute Gründe" auf, warum man sich auf Pfitzners Palestrina
einlassen sollte, und Bernard Levin zeigte sich am 12. Februar 1997 in der Times
vom Komponisten begeistert.
In seinen vier Jahren in Nürnberg wandte sich Christian Thielemann bewusst
dem traditionellen Kanon der klassischen Musik zu, der in den Jahren vor ihm
vernachlässigt worden war. Unter GMD Hans Gierster war das Nürnberger
Opernhaus zwanzig Jahre lang eine Hochburg der Moderne gewesen. Nicht ohne
Vorwurf stand in der Programmvorschau zum ersten Jahr unter Thielemann,
Beethovens Neunte sei seit fünfzehn Jahren nicht mehr gespielt worden.
Die Orchestermusiker zogen mit und gaben dem jungen Dirigenten zu verstehen,
dass sie sich unter seiner Ägide wieder vermehrt dem klassisch-romantischen
Repertoire zuwenden wollten. Thielemann versuchte forsch, seine Ideen
durchzusetzen. So standen Beethoven, Brahms, Wagners Tristan, aber auch
weitere Werke von Pfitzner auf dem Programm. Ein weiterer Schwerpunkt bildete
Robert Schumann, für den Thielemann seit seiner Jugend eine Schwäche hatte.
Carl Maria von Weber wurde ebenfalls Platz eingeräumt, wobei der neue GMD
sich bewusst um das wenig gespielte romantische Repertoire, um Werke
mangelnder Popularität kümmerte. In diese Kategorie gehörten eine
konzertante Aufführung von Schumanns Genoveva und Webers Euryanthe.
Insgesamt stiess die Arbeit von Christian Thielemann in Nürnberg auf
Zuspruch, die Abonnentenzahlen für die Konzerte erhöhten sich bereits in den
ersten zwei Jahren deutlich. Doch am 6. Mai 1992 erfolgte der grosse Krach,
nicht mit dem Publikum, aber mit der Stadt Nürnberg, dem obersten Dienstherrn
des GMD, der ein Jahr vor Auslaufen des Vertrages fristlos entlassen wurde.
Dem jungen, auf internationalen Ruhm versessenen Dirigent, der von der grossen
Orchestern und Opernhäusern in Wien, New York, Genf und Hamburg hofiert und
von der New Yorker Künstleragentur Columbia Artists Management Inc. (CAMI)
ins internationale Musikgeschäft gebracht worden war, wurde offiziell
mangelnde Präsenz in Nürnberg bzw. überzogene auswärtige
Dirigententätigkeit vorgeworfen.
Bereits 1989 wurde Thielemann ein erstes Mal vor den Kulturausschuss des
Nürnberger Stadtrats zitiert, um zu Vorwürfen mangelnder Präsenz in der
Stadt Stellung zu nehmen. Im Februar 1991 wurde er ein erstes Mal deswegen
abgemahnt. Auf die vorzeitige Kündigung nach geheimem Stadtratsbeschluss im
Mai 1992 reagierte der Dirigent mit der Beantragung auf Weiterbeschäftigung
per Einstweiliger Verfügung beim Nürnberger Arbeitsgericht. Doch das Gericht
lehnte den Antrag auch in zweiter Instanz ab. Thielemann durfte die noch
ausstehenden Aufführungen nicht mehr dirigieren.
Die Entlassung erfolgte auf den erfolgreichen Nürnberger Tristan, der
am 22. Februar 1992 Premiere gehabt hatte und von Karl Schumann in der Süddeutschen
Zeitung vom 3. März 1992 als "Ausnahme-Aufführung" hoch gelobt
worden war. Nürnberg verlor nicht nur einen herausragenden, aufstrebenden
Dirigenten, sondern 1996 auch den Prozess um die fristlose Kündigung, weshalb
die Summe von 300,000 Mark an Thielemann gezahlt werden musste. Der Dirigent
gestand später eigene Fehler wie Naivität und eine "Mit-dem-Kopf-durch-die-Wand-Mentalität" ein. Warnecke vermerkt dazu trocken:
"Andere nannten es Arroganz."
Nach Nürnberg war Christian Thielemann von 1992 bis 1997 als Gastdirigent
unterwegs.
Mitte der 1990er Jahre widersetzte er sich dezidiert der
historischen Aufführungspraxis und der Suche nach dem Originalklang. Seine
mit dem Philharmonia Orchestra London für Deutsche Grammophon
aufgenommenen Beethoven-Interpretationen standen vielmehr in der Tradition
eines Wilhelm Furtwängler, eines bewusst romantischen Musizierens. Natürlich
wurden Thielemann sofort restaurative Absichten unterstellt. Er beschwöre
längst vergangene, obsolet gewordene Musizier- und Klangideale.
Dabei zeigt sich Christian Thielemann durchaus beeindruckt von einem
Dirigenten wie Nikolaus
Harnoncourt, der jede Note bei Mozart anders nehme, anstatt alles flächig
herunterzugurgeln. Ihm verdanke er viel, ebenso wie John Elliot Gardiner, aber
auch Reinhard Goebel. Doch er gehe einen anderen Weg. Er habe für Beethoven,
Schumann und Brahms ein anderes, dunkleres, klangesättigtes und nicht ein
helles, schlankes und objektives Klangbild im Ohr, wie es die Vertreter der
authentischen Aufführungspraxis verträten. Er liebe den kraftvollen, satten,
dunklen Klang, der sich bei Beethoven Sinfonien allein schon aus der
Instrumentation ergebe.
Italien wurde für Christian Thielemann zu einem wichtigen Feld für die
konsequente Weiterentwicklung seiner Standpunkte und Ideen, so Kläre
Warnecke. Nach den Repetitorenjahren in Berlin und dem langsamen Beginn an
deutschen Theatern sei Italien ohne Zweifel die prägendste Zeit für ihn
gewesen, so der Dirigent. Peter Maag holte ihn nach Venedig ins Teatro la
Fenice, wo er zum ersten Mal das Tristan-Vorspiel dirigieren durfte.
Danach sei er regelrecht high gewesen, gestand der Berliner. Im Fenice
dirigierte er zudem Lohengrin und Webers Euryanthe. Danach
leitete er in Turin Wozzeck sowie erstmals Bruckners Vierte und
Schumanns Zweite. In Bologna war er erster Gastdirigent für Oper und
Konzerte. Das Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom lud in
zu wichtigen Gastdirigaten ein. So leitete er zur Hundertjahrfeier der
Akademie einen Zyklus mit sämtlichen Beethoven-Sinfonien. Die erste nationale
Tournee des Orchesters seit 30 Jahren folgte, was Gastspiele bei den "Weissen
Nächten" in St. Petersburg und den Londoner Proms nach sich zog.
In Rom nahmen die Verantwortlichen der Deutschen Grammophon Gesellschaft
Thielemann unter die Lupe und boten ihm danach einen Exklusivvertrag an. 1996 erschien
bei DG seine erste CD mit Musik von Hans Erich Pfitzner und Richard Strauss. Das
Orchester der Deutschen Oper Berlin spielte von Pfitzner die drei Palestrina-Vorspiele,
die Liebesszene aus der Oper Das Herz und die Ouvertüre zum Käthchen
von Heilbronn sowie von Richard Strauss Auszüge aus seinen frühen Opern Guntram
und Feuersbrunst (bestellen bei Amazon.de, Amazon.com oder
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Schweiz).
Zeitgleich erschein 1996 bei DG seine erste Beethoven-CD. Mit dem Philharmonia
Orchestra London als Partner spielte er die Fünfte und die Siebte
ein. Die Interpretationen legten laut Warnecke "Klangwucht und
Gefühlsmacht" an den Tag. Richard Osborne nannte das in der Zeitschrift Grammophone
"gloriously unfashionable". Laut Warnecke wurde Thielemann in
England "mit seiner auf voluminösen Klang und Breitband-Tempi abhebenden
Beethoven-Interpretation [...] in die Nähe Otto Klemperers gerückt",
der vierzig Jahre zuvor ebenfalls mit dem Philharmonia Orchestra die
Beethoven-Sinfonien eingespielt hatte, allerdings ohne die agogischen
Freiheiten, die sich Thielemann erlaubte. Der sah sich denn auch unter dem
Einfluss von Furtwängler und seinem intuitiveren Musizieren, nicht unter dem
von Klemperer. Attila Csampai im Schweizer Musik & Theater dagegen
so in Thielemanns Aufnahmen nur "gleichermassen reaktionäre wie
altbackene Beethoven-Prozessionen" und "üppige deutsche
Hausmannskost, Vollfettstufe".
Bei seinen Gastspielen in den USA machte Christian Thielemann zumeist einen
ausgezeichneten Eindruck. So 1993 mit dem Chicago Symphony Orchestra, mit dem
er in der "Windy City" die Fünfte von Beethoven spielte und
damit den Musikkritiker der Chicago Tribune, John von Rhein, zu einer
Lobeshymne und der Aufforderung an das Management hinriss, den Dirigenten
wieder einzuladen, was auch geschah.
1993 war auch das Jahr, in dem Thielemann nach dem Wechsel von Riccardo
Chailly zum Amsterdamer Concertgebouw Orchester in Bologna zum Ersten
Gastdirigenten ernannt wurde. Der Berliner reiste in den Jahren vor seiner
Berufung zum GMD der Deutschen Oper Berlin 1997/98 also zwischen Italien und
den USA, aber auch Genf, London, Hamburg und Berlin hin und her. In New York
kam es zu einem Streit mit der launischen und machtbewussten Sopranistin
Kathleen Battle. Der Met-Chef Joseph Volpe stellte sich auf die Seite von
Thielemann, dessen Rosenkavalier, nun mit Helen Donath als Sophie, zum
musikalischen Sieg geriet. Die Zeitungen titelten genüsslich: "Conductor
loses Battle, wins the war." Pikant an der Angelegenheit war, dass die
Sopranistin wie der Dirigent von der New Yorker Agentur CAMI vermarktet wurde.
Der Dirigent musste natürlich auch Niederlagen einstecken, so mit seinem
ersten Rosenkavalier zum Saisonbeginn 1992/93 in Hamburg, wofür er und
das Orchester Buhs erntete. Zurecht, wie Thielemann später selbstkritisch
dazu anmerkte. Jubel zogen laut Warnecke einzig Kiri Te Kanawa als Marschallin und Kurt Moll
als Ochs auf sich.
Zu Teil 1
der Thielemann-Biografie. Teil 3 ausstehend.
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Kläre Warnecke: Christian
Thielemann. Ein Porträt. Henschel Verlag, 2003, 288 S. Biographie
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Schweiz. Der nebenstehende Artikel beruht auf der Biografie von Kläre
Warnecke, die dafür u.a. in den Jahren 2000 bis 2003 in Bayreuth, Berlin und
New York eine Reihe ausführlicher Gespräche mit Thielemann führte.
Christian Thielemann, Orchester der Deutschen Oper Berlin: Pfitzner,
Strauss (Orchestermusik aus Opern von Pfitzner und Strauss). Deutsche
Grammophon, 1996. CD bestellen bei Amazon.de, Amazon.com
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Thomas Quasthoff, Christian Thielemann, Orchester der Deutschen Oper Berlin: Die
Stimme: Deutsche Romantische Arien (Evening Star. German Opera Arias).
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