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Helmut Schmidt Biografie 1953-1975
Artikel vom 20. Dezember 2003
 
Helmut Schmidt war nicht nur der angriffige "Macher", sondern setzte im Wahlkampf 1953 modernste Methoden der Wahlwerbung ein. Sein Freund, der spätere Filmproduzent Gyula Trebitsch, drehte kleine Wahlkampffilme im Stile heutiger "Spots". 1953 schaffte es Schmidt als Abgeordneter in den Bundestag, wo er bis 1962 blieb. Nach einem kurzen Unterbruch gehörte er ihm ab 1965 erneut bis 1987 dem bundesdeutschen Parlament an. Während der Grossen Koalition von 1966 bis 1969 war er Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion. Von 1968 bis 1983 amtete er als stellvertretender Parteivorsitzender der Sozialdemokraten.

Politisch profilierte sich Schmidt in den 1950er Jahren im Rahmen der Anti-Atom-Kampagne der SPD zuerst als entschiedener Gegner der atomaren Bewaffnung der Bundeswehr. Die Wiederbewaffnung lehnte er allerdings nicht rundheraus ab und nahm 1958 als Hauptmann der Reserve an einer Wehrübung der Bundeswehr teil, weshalb er prompt kurzfristig aus dem Fraktionsvorstand der SPD abgewählt wurde. Schmidt kam als Verkehrsexperte in den Bundestag, stürzte sich aber schon bald auf die Verteidigungspolitik.

1961 erschien sein militärpolitisches Buch Verteidigung oder Vergeltung, mit dem er sich als Kenner der nuklearen Abschreckung etablierte und in dem er die nukleare Rüstung nur noch begrenzen wollte. Von "Kampf dem Atomtod" stand nichts mehr. Er wandte sich allerdings gegen die vom amerikanischen Aussenminister John Foster Dulles praktizierte Drohung massiver nuklearer Vergeltung gegen jede Art von Aggressionen, also auch mit konventionellen Waffen, und gegen die von Konrad Adenauer und Franz Josef Strauss befürwortete Verfügungsgewalt der Bundeswehr über Massenvernichtungswaffen. 

Seine scharfen Angriffe auf die Regierungspartei brachten ihm rasch den Spitznamen "Schmidt-Schnauze" ein. Fritz Erler, der zusammen mit Carlo Schmid und Herbert Wehner einer der wichtigsten Reformer der SPD (Stichwort "Bad Godesberg") war, stand Schmidt damals am nächsten.

Von 1961 bis 1965 bekleidete Schmidt das Amt des Innensenators in Hamburg. In dieser Funktion wurde er bundesweit durch sein unbürokratisches und effizientes Krisenmanagement bei der Sturmflut der Elbe 1962, bei der 340 Menschen starben, bekannt, denn der aufstrebende Politiker verstand es damals ausgezeichnet, sich mediengerecht zu präsentieren. Reporter und Kameras begleiteten ihn beim unbürokratischen Anpacken der Krise auf Schritt und Tritt.

Er alarmierte die Bundeswehr, wozu er keine Befugnis hatte. Die ihm zu schwerfällige Hamburger Verwaltung überging er kurzerhand. Den Bürgermeister Paul Nevermann fuhr er über den Mund: "Halt mich jetzt nicht mit unwichtigen Fragen auf!" Dank seinen raschen Anordnungen wurden wohl Tausende gerettet.

Ab November 1964 gehörte Schmidt als einer von zehn Ministern zum Schattenkabinett der SPD um Willy Brandt und Fritz Erler. 1965 wurde er erneut in den Bundestag gewählt und gab sein Hamburger Senatorenamt auf. Gerne hätte er allerdings gleichzeitig den Hamburger Parteivorsitz übernommen. Doch Wehner verhinderte dies. Schmidt sollte nicht gleichzeitig auf Landes- und Bundesebene tätig sein. Der tiefere Grund: Schmidt durfte kein Rivale seiner selbst und Brandts werden, mit eigener Hausmacht in Hamburg. Dadurch wurde das Verhältnis zwischen den zwei Politikern auf  Jahre getrübt.

Schmidt half Wehner allerdings 1966 bei der Bildung der Grossen Koalition. Als ihm dann aber nur das Verkehrsressort angeboten wurde, verzichtete der Hamburger auf den Eintritt ins Kabinett. Mit dem Tod von Fritz Erler 1967 stieg Schmidt zum Fraktionsvorsitzenden auf, die "Ochsentour" blieb ihm erspart. Seine Parlamentsreden wurden staatstragend. Die Zeiten von "Schmidt-Schnauze" waren vorbei. Schwelien vergleicht den raschen Wandel mit jenem von Joschka Fischer 30 Jahre später.
 
Mit dem Beginn der ersten sozial-liberalen Koalition vom Herbst 1969 wechselte Schmidt als Verteidigungsminister auf die Regierungsbank. Sein Eintritt in die Regierung war gemäss Loki Schmidt eine Bedingung Wehners gewesen. Schmidt wäre lieber SPD-Fraktionschef geblieben. Bis 1972 übernahm er den Chefsessel auf der Bonner Hardthöhe. Seinem Vorgänger Gerhard Schröder von der CDU hatte er vorgeworfen, er habe auf dem Posten nur überleben, aber nichts verändern wollen. Nun realisierte er, dass er nicht mehr wie in Hamburg als Innensenator 20,000 Leute unter sich hatte, sondern 650,000 und einen Jahresetat von 22 Milliarden Mark.
 
Schmidt hatte grosse Reformpläne. Sein Leitbild war der "Bürger in Uniform". Das stiess auf Widerstand. 1971 meinten 30 Hauptleute der in Unna stationierten 7. Panzergrenadierdivision in einer Studie, das Leitbild sei mit Disziplin und Kampfauftrag unvereinbar. Doch Schmidt erhielt Rückendeckung von Kanzler Brandt. Das Kabinett beschloss zudem in jenem Jahr die Verkürzung der Wehrpflicht von 18 auf 15 Monate. Bereits 1970 hatte Schmidt als erster Chef der Hardthöhe ein "Verteidigungsweissbuch" eingeführt. Fortan sollte der Zustand der Streitkräfte regelmässig durchleuchtet werden. Erst Rudolf Scharping mit dieser Praxis. Ebenfalls schon 1970 traf sich Schmidt mit seinem amerikanischen Kollegen Melvin Laird, den er davon überzeugen konnte, dass es Unsinn sei, einen Gürtel von Atomminen um Deutschland legen zu wollen ("Atomic Demolition Mines", ADM). Nach einem Gespräch unter vier Augen waren sich die zwei kriegserfahrenen Soldaten einig, und die Pläne wurden "still zu den Akten gelegt", was Schmidt als sein grösstes Verdienst als Verteidigungsminister bezeichnet (Schwelien).

1972 wurde er vom Juli bis Dezember als Nachfolger von Karl Schiller "Superminister" für Wirtschaft und Finanzen. Anschliessend und bis zum Rücktritt von Willy Brandt im Mai 1974, dessen Nachfolger als Bundeskanzler er wurde, übernahm Schmidt die Funktion des Finanzministers.

Zu Beginn der 70er Jahre hatten grosse Teile der SPD "Godesberg" schon fast wieder vergessen (Schwelien). Daneben bildeten sich viele kommunistische, zumeist maoistisch gefärbte sogenannte K-Gruppen. Die Jusos gingen bereits Ende 1968 auf Konfrontationskurs zum Establishment (Schwelien). Brandt, der wegen der Ostpolitik unter Druck stand, grenzte sich gegen die Linke ab. Diese Politik kulminierte im "Radikalenerlass". Zwar hatte auch Schmidt keine Sympathien für Kommunisten und Radikale in der Verwaltung, doch dachte er in dieser Frage taktisch. Die Gesetze für den öffentlichen Dienst waren ausreichend. Mit dem Radikalenerlass wurde die gemässigten Kräfte aus dem demokratischen Prozess verdrängt, was Brandt später selbst als seinen schwersten Fehler bezeichnete. Laut Schmidt war dies der einzige Konflikt gewesen, in dem sowohl Brandt als auch Wehner gegen ihn gestimmt hätten. Die Gründung der Bewegung und später der Partei der Grünen sowie die Terrorwelle fanden in diesem Erlass eine ihrer wichtigsten Keimzellen.

Die Finanzminister der EWG erstellten bereits 1970 eine Studie darüber, wie ihre Währungen zusammen kommen könnten. Als über sein Ressort hinwegblickender Verteidigungsminister hatte Helmut Schmidt bereits Anteil daran, deutet Schwelien an, ohne es auszuführen. Zu den Erfolgen des pragmatischen Kanzlers gehörten später die ersten Schritte in Richtung einer neuen Währungsordnung, die im Jahr 2002 in der Einführung des Euros gipfelten. Wie Adenauer sah auch Schmidt das Zusammenwachsen Europas als strategisches Ziel im Interesse Deutschlands an. Als Finanzminister hatte Schmidt entscheidenden Anteil am gemeinsame Floaten mehrerer europäischer Währungen ab Herbst 1973, mit dem diese Staaten ein Stück ihrer Souveränität aufgaben. Und in Zusammenarbeit mit dem Franzosen Valéry Giscard d'Estaing gelang es Schmidt 1979, die EG von der Notwendigkeit der Einführung eines Europäischen Währungssystems zu überzeugen und den ECU als Rechnungseinheit einzuführen.


Aufschlussreich ist die Äusserung von Loki Schmidt gegenüber Schwelien, ihre Mann wäre für Willy Brand durchs Feuer gegangen, weil sie es zeitlich durch den Nachsatz limitierte: "bis 1972". Schmidt war allerdings sehr darauf bedacht, nicht als drängelnder Kronprinz von Brandt zu erscheinen, der nicht nur wegen Guillaume-Affäre, sondern auch gesundheitlich, moralisch und politisch angeschlagen war. Schmidt war mit dem Kurs der Partei unzufrieden.

In Anspielung auf den Chef der italienischen Linkssozialisten, Pietro Nenni, meinte er gegenüber dem Kanzler, er wollte nicht "mitverantwortlich" sein, wenn Brandt es zu zulasse, dass aus der SPD eine "Nenni-Partei" gemacht werde. In Wegggefährten schreibt Schmidt: "Seither blieb unser freundschaftliches Verhältnis abgekühlt". Schmidt sah zudem, dass der Haushalt die von Brandt gewollten Reformen nicht hergaben. Noch 1972 lud Schmidt eine Reihe führender, als rechts geltender Sozialdemokraten in sein Haus am Brahmsee ein, um eine Strategie für den "Fall des Verlusts der Regierungsmacht" zu entwickeln. Diese wurde dann zwar nicht mehr benötigt, doch aus dem Treffen entstand der konservative "Seeheimer Kreis", der sich als Gegengewicht gegen den Brandt unterstützenden "Frankfurter Kreis" (später "Leverkusener Kreis") formierte.

Bei seinem Rücktritt 1974 schlug Brandt dennoch Schmidt als seinen Nachfolger vor. Der im Mai 1974 neu gewählte Kanzler setzte sich im Winter 1974/75 im Vorwort für den Essayband Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie mit Karl Popper auseinander. Er wollte die durch Willy Brandts Parole "Mehr Demokratie wagen" losgetretenen Reformschübe stoppen, weil er sie für unfinanzierbare und unsinnige Utopien hielt. Bereits in der Regierungserklärung machte Schmidt klar, dass er die Reformen auf das Bezahlbare stutzen und die Ostpolitik "entromantisieren" werde. Zudem wollten er weniger Theoriedebatten und mehr Umsetzung von Politik. Brandt scheute sich Befehle zu geben. Schmidt dagegen, gab nicht nur welche, sondern wollte sie auch ausgeführt wissen. Die französische Zeitung France Soir nannte ihn 1975 in einer Überschrift "Le Feldwebel - Dieser Ton, diese unbeherrschten Worte, diese Arroganz..." Fortan blieb er für die Linke Le Feldwebel.

Bundeskanzler Schmidts engste Mitarbeiter waren die drei Staatssekretäre Klaus Bölling, der sich um die Presse kümmerte, Marie Schlei, die sich um die Beziehungen zur Fraktion und zu Wehner einsetzte, und Manfred Schüler, der als ehemaliger Planungschef von Finanzminister Schmidt nun das Kanzleramt leitete. Dieses "Kleeblatt" war so pragmatisch und nüchtern wie sein Chef.
 
Teil 1 der Biografie von Helmut Schmidt, Fortsetzung der Biografie: Teil 3.


  
Literatur, Quellen für den nebenstehenden Artikel


Michael Schwelien: Helmut Schmidt. Ein Leben für den Frieden. Hoffmann und Campe, 2003, 367 S. Biografie bestellen bei Amazon.de. Die Hauptquelle für den nebenstehenden Artikel. Schwelien zog für sein Werk nicht nur die Literatur von und über Helmut Schmidt zu Rate, sondern interviewte den gesundheitlich angeschlagen Altkanzler stundenlang. Dazu kamen noch Gespräche mit rund einem Dutzend Zeitzeugen. Schwelien erhielt auch Zugang zum Privatarchiv des Altkanzlers. Darüber hinaus hat er allerdings keine weiteren Quellenstudien betrieben; die offiziellen Akten zu den Kanzlerjahren 1974-82 sind ohnehin noch teilweise unter Verschluss. Die Biografie von Schwelien ist ein journalistisches, kein wissenschaftliches Werk. Es kann nur eine von vielen Vorarbeiten zur "definitiven", später einmal zu schreibenden Biographie sein. Positiv sei hier vermerkt, dass Schwelien kein apologetisches Werk geschrieben hat. Die Gefahr bestand durchaus, da der Redaktor über seinen Chef schrieb, denn Helmut Schmidt ist seit 1983 Mitherausgeber der Zeit. Zwar beschreibt Schwelien in seinem Vorwort Schmidt als "fähigsten und intelligentesten Kanzler, den die Bundesrepublik Deutschland je hatte." Doch in der Folge äussert er sich wiederholt kritisch und bewahrt Distanz. Schwelien schreibt auch, die Kehrseite von Schmidts "ungeheurer Auffassungsgabe ist seine Ungeduld, die seines Pflichtbewusstseins die Arroganz." Schmidts Persönlichkeit bezeichnet er als widersprüchlich. Mal betont er, er sei nie bescheiden gewesen, mal stellt er sein Licht demonstrativ unter den Scheffel. Mal beklagt er die Dummheit der anderen Staastchef, um danach wieder ihre Weitsicht zu loben. Für Schwelien ein Ausdruck von Unsicherheit über Deutschlands Rolle in der Welt [und wohl auch von Schmidts Unsicherheit].
 

Martin Rupps: Helmut Schmidt. Eine politische Biografie. Verlag Hohenheim, Stuttgart, 2002, 488 S. Biographie bestellen bei Amazon.de. Martin Rupps hat sich bereits in seiner 1997 erschienen Dissertation mit Helmut Schmidt befasst. Die wissenschaftliche Arbeit hat er nun zu einem leichter lesbaren Werk verarbeitet.
 

Hartmut Soell: Helmut Schmidt. Band I: 1918-1969. Vernunft und Leidenschaft. DVA, München, 2003, 958 S. Biografie bestellen bei Amazon.de. Dies ist der erste einer auf zwei Teile angelegten Biografie. Soell kennt den Altkanzler aus der Nähe, denn er war Mitarbeiter des Fraktionsvorsitzenden Helmut Schmidt. Die epische Breite der Darstellung bringt dem Leser das Umfeld und die Zeitumstände, in denen Schmidt aufwuchs und später Politik machte, näher. Dabei wird leider der Mensch und Politiker Schmidt öfters in den Hintergrund gedrängt bzw. das Wesentliche verschwindet in der Fülle von Protokollen, Reden, Aufsätzen und Büchern des Protagonisten. Das Werk von Soell ist jenen zu empfehlen, die sich auch für den Kontext sowie langatmige Details interessieren. Der Vorteil: Man kann sich auch sein eigenes Urteil bilden.

Erinnerungen, Manifeste und andere Werke von Helmut Schmidt
- Verteidigung oder Vergeltung, Stuttgart 1961.
- Menschen und Mächte, Berlin, 1987.
- Die Deutschen und ihre Nachbarn, 1990.
- Politischer Rückblick auf eine unpolitische Jugend, 1991.
- Handeln für Deutschland, Berlin, 1993.
- Zur Lage der Nation, 1994.
- Weggefährten - Erinnerungen und Reflexionen, Berlin 1996.
- Auf der Suche nach einer öffentlichen Moral, 1998.
- Globalisierung. Politische, ökonomische und kulturelle Herausforderungen, 1998.
- Kindheit und Jugend unter Hitler, Sammelband, Berlin, 1998.
- Hand aufs Herz - Helmut Schmidt im Gespräch mit Sandra Maischberger, München, 2002.