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Nr. 55, Januar 2004
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Der Luftangriff auf Lübecks Altstadt von 1942
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Artikel vom 1. Januar 2004
 
1987 wurde Lübecks Altstadt in die Liste des UNESCO Weltkulturerbes eingetragen. Die Stadt erscheint intakt. Viele Touristen wissen nicht, dass ein alliierter Luftangriff vom März 1942 schwere Zerstörungen in der Altstadt angerichtet hat. Ganze Strassenzüge wurde zerbombt und brannten aus.
 
Eine detaillierte Bestandsaufnahme der beim Luftangriff zerstörten Bau- und Kunstdenkmäler fehlte lange. Lutz Wilde schloss diese Lücke mit der 1999 erschienenen Dokumentation Bomber gegen Lübeck
. Nach einführenden Informationen, insbesondere zum Ablauf der Bombennacht, beschreibt der Autor auf gut 100 Seiten in Wort und Bild (372 Fotos) den erlittenen Verlust.

Im August 1940 begannen die deutschen Angriffe auf London, die von der Royal Air Force (RAF) mit Vergeltungsschlägen auf Berlin und andere deutsche Städte beantwortet wurde. Nachdem die deutsche Luftwaffe in der Nacht vom 14. auf den 15. November 1940 beim Angriff auf Coventry zum ersten Mal eine Innenstadt im Hinterland bombardiert und zu über einem Drittel vernichtet hatte, wobei viele Zivilisten starben, eskalierte der Bombenkrieg 1941 immer stärker.

Seit Kriegsbeginn hatte es in Lübeck häufiger Fliegeralarm gegeben - bis März 1942 über zweihundertmal. Es kam ab Frühjahr 1941 zu vereinzelten Angriffen, vor allem auf Vorstadtgebiete, bei denen Spreng- und Brandbomben Zerstörungen anrichteten.

Im Februar 1942 übernahm Air Marshall Sir Arthur Travers Harris das Kommando über die Bomberflotte der RAF. Fortan bestand die britische Taktik im Luftkrieg in einer möglichst umfassenden Vernichtung zusammenhängender Flächen durch konzentrierte Bombenabwürfe auf Innenstädte (area bombing).

In der Nacht vom 28. zum 29. März 1942 wurden mehrere Viertel der Innenstadt von Lübeck durch flächendeckende Bombenteppiche der RAF in Schutt und Asche gelegt, wobei Brandbomben eine verheerende Wirkung entfalteten. Es handelte sich um die erste planmässige Zerstörung einer deutschen Altstadt durch die Briten in der Geschichte des Zweiten Weltkrieges.

In der Folge wurden Rostock, Köln und weitere Städte in Deutschland nach dem selben Muster angegriffen. Die deutsche Luftwaffe ihrerseits flog "Baedeker-Angriffe" auf alte englische Städte wie Bath, Exeter und Canterbury, wobei vorwiegend Kulturgut zerstört wurde. Die deutschen Städte wurden bis Kriegsende regelrecht von Bombenteppichen überzogen. Auch Lübeck wurde wieder Opfer von Angriffen, doch bis auf denjenigen vom 25. August 1944 finden sich keine Angaben darüber in der Lübecker Zeitung.

Schaden von Lübeck abwenden konnte der aus Hamburg stammende Bankier Eric Warburg, dessen Familie 1938 in die USA emigrieren musste. 1943 kam er als Luftwaffen-Verbindungsoffizier nach London, wo er von einem geplanten zweiten Grossangriff auf Lübeck erfuhr. Die Stadt kannte er von seiner Ausbildungszeit her, denn 1922 hatte er in einer Lübecker Metallhütte gearbeitet. Warburg nahm Kontakt mit dem Präsidenten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), Max Huber (1928-44), auf. Huber setzte die britische Regierung davon in Kenntnis, dass ab sofort Postsendungen für britische Kriegsgefangene über Lübeck geleitet würden, was ab Sommer 1944, als Jacob Burckhardt den Vorsitz des IKRK übernommen hatte, tatsächlich der Fall war. So wurde Lübeck von weiteren grossflächigen Bombardements verschont.
 
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Luftbild der zerstörten Stadtmitte östlich der Breiten Strasse. Detail von Foto 22 aus Bomber gegen Lübeck
(S. 26, Foto 22). Buch bestellen bei Amazon.de. © Foto courtesy Verlag Schmidt-Römhild.


Lutz Wilde: Bomber gegen Lübeck. Eine Dokumentation der Zerstörungen in Lübecks Altstadt beim Luftangriff im März 1942. Lübeck, Verlag Schmidt-Römhild, 1999, 155 S. und 372 Fotos. Bestellen bei Amazon.de. Das Buch von Lutz Wilde ist die Quelle für den nebenstehenden Artikel. Es verbindet wissenschaftlichen Anspruch mit Leserfreundlichkeit. Nur so nebenbei: Der Verlag Schmidt-Römhild existiert nach eigenen Angaben seit 1579 und ist somit Deutschlands ältestes Verlags- und Druckhaus.

Die Bombennacht
Am 28. März 1942 um 23 Uhr 16 gaben die Sirenen in Lübeck Fliegeralarm, nicht zum ersten Mal seit Beginn des Zweiten Weltkriegs. Da die Stadt keine wichtigeren Rüstungsbetriebe besass, wurde nicht mit massiven Angriffen gerechnet. Die Luftverteidigung war dementsprechend schwach, Scheinwerferbatterien war nicht mehr in Lübeck stationiert. Doch diesmal wurde es ernst. Eine etwa 60 zweimotorige Bomber umfassende Staffel der RAF warf aus grosser Höhe, für die Flak unerreichbar, Markierungs-, Stab- und Flüssigkeitsbrandbomben über der Innenstadt ab. In einer zweiten Welle fielen neben Brand- auch Sprengbomben sowie sogenannte Luftminen. Gegen 01 Uhr begann bereits eine dritte Angriffsphase. Die Bombenabwürfe dauerten über drei Stunden. Erst um 03 Uhr 35 wurde Entwarnung gegeben.

Auf britischer Seite wurde die Zahl von 234 beteiligten Flugzeugen genannt. Deutsche Quellen zählten 50 bis etwas über 100 Flugzeuge. Die RAF sprach von 12 verlorenen Flugzeugen, wobei nicht klar war, ob sie in Lübeck oder beim Hin- oder Rückflug abgeschossen wurden. Deutsche Stellen meldeten drei abgeschossene Flugzeuge. Es sollen rund 25,000 Stabbrandbomben, 400 Flüssigkeitskanister, 400 Sprengbomben und fünf Luftminen abgeworfen worden sein. Unter der Zivilbevölkerung waren 320 Tote und 800 Verletzte, darunter 136 Schwerverletzte, zu beklagen. Über 15,000 Personen verloren ihre Wohnungen. Mehr als die Hälfte des gesamten Lübecker Bestandes an Gebäuden war mehr oder weniger beschädigt worden. 1468 Bauten wurden völlig zerstört, 2180 schwer beschädigt.
 

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