Albert Ballin
Biographie 1898-1913
Artikel vom 2. Februar 2004
Neider und Kritiker nannten den Ehrgeiz des Reeders "Ballinismus",
womit sie "einen typischen, allerdings höchst erfolgreichen Ausdruck
eines recht unbestimmten <Wilhelmismus>" meinten. Der Kaiser
schätzte Ballin, und der Reeder schätzte es, vom Kaiser geschätzte zu
werden, weshalb er ihn verständlicherweise ebenfalls schätzte (Straub).
Die bis um 1900 weitgehend unkomfortable Seereise machte Ballin zu einem
noblen Vergnügen auf Luxuslinern, die in Komfort und Eleganz mit
aristokratischen und grossbürgerlichen Palais sowie mit Grandhotels wie dem Vier
Jahreszeiten oder dem Atlantic
mithalten konnte, auch wenn damit nicht gleich kommerzieller Erfolg verbunden
war.
Nicht zuletzt um die Auslastung in der schlechten Jahreszeit zwischen Oktober
und April, wenn die Amerikaner zuhause blieben, zu verbessern, führte Ballin
Vergnügungs- und Bildungsreisen ein. Im Januar 1891 sandte er die
"Auguste Viktoria" ins Mittelmeer - und traf damit den Nerv der
Zeit. Das Schiff war ausgebucht.
Bereits 1898 war die Hapag unter Ballin zur weltgrössten und modernsten
Reederei aufgestiegen, mit 58 Dampfschiffen mit insgesamt 336,889 BRT und mit
zusätzlich 113 Frachtern (Zahl von 1897).
Ballin hatte in seinem Leben nicht nur eine gute Beziehung zu Kaiser Wilhelm
II. aufgebaut, der den Reeder in seinen Briefen als Freund bezeichnete,
sondern auch zum Journalisten und Schriftsteller Maximilian Harden. Nicht
zuletzt in seiner Wochenzeitschrift Die Zukunft (1892-1922) gebärdete
sich der nationalistische und monarchistische Harden als heftigster Feind des
Kaisers. Von keinem anderen glaubte sich der jüdische Journalist so gut
verstanden wie von des Kaisers "Hofozeanjuden", wie er Ballin
gleichwohl bösartig nannte. Auch alle anderen engen Freunde des Reeders waren
übrigens jüdischer Herkunft, so die Bankiers Max Warburg und Carl
Fürstenberg, die Mitbesitzerin der Frankfurter Zeitung Therese
Simon-Sonnemann und der Chefredaktor (1906-33) des Berliner Tageblattes
Theodor Wolff. Sie trafen sich allerdings nicht als Juden, sondern als
Deutsche, so Biograf Straub.
In der sogenannten Eulenburg-Affäre attackierte Harden Fürst Philipp von
Eulenburg, den engsten Freund des Kaisers. Er habe als Anführer einer mit
Franzosen durchsetzten homosexuellen Clique, die den Kaiser beherrsche, eine
konsequente Politik in der Marokkokrise von 1905/06 unterminiert. Davon konnte
keine Rede sein, doch die Affäre dauerte bis 1909 an. Der Skandal wurde
schliesslich begraben, indem der Kanzler Harden 1909 schriftlich versicherte,
aus patriotischen Motiven gehandelt zu haben. Zum Ausgleich für die
Prozesskosten überwies die Hapag 40,000 Mark an Harden. Das Reich bezahlte
danach den Betrag der Hapag zurück. Ballin freute sich, "bei dieser
wahrhaft patriotischen Erledigung der Sache" mitgewirkt zu haben.
Als Reeder des Kaisers gab Ballin über die Hapag Unsummen für imperiale
Repräsentationspflichten aus, wovon der Vorstand der Hapag nicht immer
erfahren durfte.
Als Albert Ballin seine palastartige Villa am Rothenbaum in der
Feldbrunnenstrasse bauen liess, wohnten er, seine Frau Marianne und seine
Adoptivtochter im Herbst und Winter 1908/09 im "Vier
Jahreszeiten".
Zwei wirtschaftspolitische Initiativen Ballins scheiterten, so der
Handelsvertragsverein, bestehend aus Handel, Schifffahrt und Industrie, sowie
der Hansabund von 1909. Die Mitglieder konnten sich nicht auf gemeinsam
durchzusetzende gesamtwirtschaftliche Vorstellungen einigen, da die Interessen
zu unterschiedlich waren.
Die Hapag betrieb Welthandel, der Kaiser versuchte sich in Weltpolitik, nicht
zuletzt in dem er die deutsche Kriegsflotte aufbaute. Ballin stand dem nicht
kritisch gegenüber. Er trat mit der Hapag in den 1898 gegründeten
Flottenverein ein. Für Ballin wie für die meisten Vertreter aus seinem
Metier waren Welthandel, Weltindustrie, Hochseefischerei, Kolonien, Handels-
und Kriegsflotte sich wechselseitig ergänzende Kräfte. Ballin bewunderte
Alfred von Tirpitz, Staatssekretärs des Marineamts seit 1897, Mitbegründer
des Flottenvereins und Grossadmiral seit 1911 als kongenialen Mann der Tat.
Die Sympathie war gegenseitig. Im Kriegsfall würden die besten Schiffe der
Hapag zu Hilfskreuzern der Marine umgerüstet werden.
In Sorge vor dem amerikanischen Imperialismus liess sich Ballin auf
zweifelhafte Aktionen ein. So kaufte er mit der Hapag die dänische Insel St.
John in Westindien, um sie als deutschen Flottenstützpunkt im Vorgarten der
USA auszubauen. Dabei besass die Hapag auf der nahe gelegenen Insel St. Thomas
bereits eine Niederlassung. Formell gehörte die Insel zu Dänemark, de facto
war es aber eine "Kolonie" der Hapag. Lauf Straub war die
Reichsregierung allerdings vernünftig genug, die USA nicht unnötig zu
reizen.
Mit den Engländern wurde dagegen der Konflikt gesucht. Die Herren der
Weltmeere und des Welthandels sollten ihre Stellung mit den Deutschen teilen.
Anstelle von Frankreich wurden die zuvor als harmlos eingestuften Deutschen zu
lästigen Konkurrenten. Die Vorherrschaft der Briten war allerdings nicht
ernsthaft in Gefahr, auch wenn ihr Anteil an der gesamten Tonnage der
Weltschifffahrt in den Jahren von 1890 bis 1900 von 63% auf 54% sank und
derjenige des Deutschen Reiches von 7% auf 9,6% stieg.
Als die USA während dem Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 das Fehlen
einer eigenen Handelsflotte als Manko erkannten, denn über 90% des
Aussenhandels wurde von ausländischen Schiffen abgewickelt, begann die
Regierung, den Schiffsbau zu subventionieren. Der Bankier John Pierpont
Morgan, bereits im Besitz von Schiffslinien, kaufte die englische
Leyland-Linie, die White-Star-Linie und bewarb sich um fünf weitere britische
Linien. Ballin wollte sich mit dem Amerikaner verbünden, um so die englischen
Konkurrenten der Cunard-Linie zu "erobern". Es hiess, dass die
Amerikaner Ballin anboten, diesen deutsch-amerikanischen Trust zu führen.
Doch beim Norddeutschen Lloyd, den Ballin ungefragt in seine Pläne einbezogen
hatte, stiess er ebenso auf Widerstand wie erstmals innerhalb der Hapag, wo
der Aufsichtsratsvorsitzende Max Schinkel von der Norddeutschen Bank
protestierte. Der Aufsichtsrat lehnte daraufhin eine enge Verflechtung mit den
Amerikanern ab. Die Auseinandersetzungen Ballins mit Schinkel nahmen da ihren
Anfang.
Ballin gab nicht auf und erreichte 1902 Absprachen mit der IMMC, so hiess der
Morgan-Trust, wodurch sich die amerikanischen und deutschen Reeder nicht in
die Quere kommen sollten. Als unerwünschter Nebeneffekt dieser Regelung
entschloss sich die britische Regierung, die letzte nationale Linie von
Bedeutung, die Cunard-Linie, zu subventionieren und mit billigsten Krediten
für den Bau von Schnelldampfern auszurüsten, wenn sie darauf verzichtete,
sich mit ausländischen Gesellschaften zu vereinen. Ballin hatte ein Eigentor
geschossen. Zudem zerbrach seine Zusammenarbeit mit IMMC bereits 1912.
Im Russisch-Japanischen Krieg versorgte die Hapag die russische Ostseeflotte
mit Kohle aus Wales und verkaufte sechzehn Schiffe an den Zaren. Ballins Spiel
war gewagt, denn Deutschland war neutral und England ein Verbündeter Japans.
Die Russen verloren zwar den Krieg, doch Hapag verdiente dabei, und die
deutsche Organisation und Planung beeindruckte das Ausland.
Hapag und Lloyd, immer noch führend im transatlantischen Personenverkehr,
dominierten die Atlantikschifffahrt. Ballin gab nie den Gedanken auf, die zwei
Gesellschaften eines Tages zu verknüpfen, vielleicht gar zu vereinen.
1913 kündigte Ballin alle Verträge und Kartellabsprachen der Hapag mit
kontinentalen Reedereien, um die Vorherrschaft seiner Gesellschaft noch zu
verstärken. Doch der Erste Weltkrieg verhinderte seine Pläne. Über den
Krieg war er entsetzt, den einzig ein Sieg würde verhindern, dass die Hapag
in die Rolle einer regionalen Reederei zurückfallen würde. Nicht verstehen
konnte er wohl, dass er mit dem Wettrüsten in der Handelsschifffahrt
mitgeholfen hatte, dass sich die nationalistischen Gemüter in Deutschland und
dem mit dem Kaiserreich konkurrierenden Ausland erhitzt hatten. - Fortsetzung
der Ballin Biografie: Teil
1 + Teil
3.
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Quellen, Literatur zu Albert Ballin
- Eberhard Straub: Albert Ballin. Der Reeder des Kaisers. Siedler
Verlag, 2001, 271 S. Mit Hinweisen auf weiterführende Literatur im Anhang.
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Schweiz. Der habilitierte Historiker Eberhard Straub war bis 1986 Feuilletonredaktor
der FAZ und bis 1997 Pressereferent des Stifterverbandes für die
Deutsche Wissenschaft. Im Siedler Verlag sind von ihm bereits Die Wittelsbacher
(1994) und Drei letzte Kaiser
(1998) erschienen. Seine Ballin-Biographie ist kein wissenschaftliches,
sondern ein leicht lesbares Werk für den "Durchschnittsleser" und
bildet die Quelle für den nebenstehenden Artikel.
- Das Archiv der Hapag lagert heute im Hamburger Staatsarchiv. Es enthält
u.a. die umfangreichen Berichte von Arndt von Holtzendorff aus der Zeit des
Ersten Weltkrieges, die Erinnerungen von Johannes Merck an seine Zeit mit
Ballin und die Tagebuchnotizen von Johann Burchard.
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