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Lyonel Feininger 
Biografie und Ausstellung

Artikel vom 2. Februar 2004
 
Biografie von Lyonel Feininger

Lyonel Feininger kam am 17. Juli 1871 in New York als Sohn des Geigers Karl (Charles) Feininger und der Sängerin Elizabeth, geborene Lutz, zur Welt. Der Vater gab ihm ab 1880 Violinstunden. Sieben Jahre später zog Lyonel mit seiner Familie nach Hamburg, wo er an der Allgemeinen Gewerbeschule Zeichenunterricht nahm. 1888 zogen sie nach Berlin, wo er die königliche Akademie besuchte.

1889 erschienen die ersten Zeichnungen von Feininger in Humoristische Blätter. 1890 besuchte er das Collège St Servais in Lüttich, wo er sich für die Architektur alter Städte begeisterte. 1892 verliess er die Berliner Akademie, um für ein paar Monate nach Paris zu gehen, wo er die Académie Colarossi besuchte.

1894 und 1895 erschienen seine Zeichnungen in den New Yorker Zeitschriften Harpers Young People und Harpers Round Table. Weitere Zeitschriften, in denen die Zeichnungen von ihm veröffentlich wurden, waren von 1895 bis 1912  Ulk, von 1896 bis 1910 Lustige Blätter, 1898 und 1899 Das Narrenschiff, von 1901 bis 1907 Lachendes Jahrhundert, von 1902 bis 1908 Berliner Illustrierte Zeitung sowie 1904 Der liebe Augustin.

1901 heiratete Lyonel Feininger die Tochter des Berliner Malers Gustav Fürst, Clara, die ihm im selben Jahr eine Tochter, Lore, schenkte. 1902 folgte die Tochter Marianne. 1905 lernte Feininger Julia Berg, geborene Lilienfeldt, kennen. Lyonel und Julia trennten sich beide von ihren Ehepartnern, um zusammen zu leben.

1906 entstanden Feiningers erste Lithographien und Radierungen. In jenem Jahr reiste er nach München, wo er den Verleger der Chicago Tribune, James Keeley traf, der ihm im März einen Vertrag über zwei Comic Strip-Serien gab, woraufhin Feininger seinen Vertrag mit den Lustigen Blättern auflöste.

Die Feiningers reisten 1906 auch nach Paris, wo Lyonel erneut in der Académie Colarossi arbeitete. In der französischen Hauptstadt kam Sohn Andreas zur Welt, der später am Bauhaus studierte, Mitarbeiter von Le Corbusier wurde, 1939 in die USA emigrierte und sich als Fotojournalist (u.a. für Life) und mit Sachbüchern einen Namen machte.

Lyonel Feiningers Zeichnungen erschienen 1906 in der Chicago Sunday Tribune und in Le Témoin (bis 1908). Die Comic-Strips The Kin-der-Kids und Wee Willie Winkie's World von 1906 für die Chicago Sunday Tribune waren laut Luckhardt die ersten, in denen sich Feininger künstlerisch frei bewegen konnte. Zeichnungen erschienen zudem von 1907 bis 1910 in  Schnauferl. Blätter für Sporthumor.

Erst 1907, mit 36 Jahren, entstanden seine ersten Gemälde: Stilleben, vor der Natur gemalte Architekturstudien und im Spätsommer auf Rügen Landschaften. Sein erstes Ölgemälde war Porzellanaffe auf farbigem Grund. Laut Luckhardt legte Feininger den Weg vom Karikaturisten zum Maler im Sommer 1908 zurück. in jenem Jahr heiratete er Julia in London, die in ihm seit ihrer Begegnung 1905 das Verlangen nach künstlerischer Selbständigkeit verstärkt hatte. 1909 kam ihr zweiter Sohn, Laurence, 1910 ihr dritter Sohn, Theodore Lucas (Lux), zur Welt.

1910 stellte Feininger in der 20. Ausstellung der Berliner Secession erstmals ein Gemälde aus. Bei einem Kurzaufenthalt in Paris im folgenden Jahr zeigte er sechs Gemälde im Salon des Indépendants. In der französischen Hauptstadt begegnete Feininger erstmals den Kubisten, die seine zukünftige Malweise nachhaltig beeinflussen sollten. Seine Zeichnungen erschienen in der literarischen Zeitschrift Licht und Schatten (bis 1913).

1912 lernte Feininger die Maler der Brücke kennen. Auf Vermittlung von Alfred Kubin nahm er 1913 am Ersten Deutschen Herbstsalon in der Galerie Der Sturm in Berlin teil. Nur so nebenbei: Julia schrieb Lyonel in einem Brief zur Ausstellung unter anderem, dass ihr Kandinsky "wirr und schwach" scheine, "weil er nur im Gefühl schwelgt und nirgends zur Form gelangt". Und das zu Kandinskys besten Jahren.
 
1914 und 1915 erschienen Feiningers Zeichnungen in Ulk, Lustige Blätter und Wieland. 1917 hatte der Künstler seine erste Einzelausstellung in Herwarth Waldens Galerie Der Sturm in Berlin. In der Zeitschrift Der Sturm erschien die "Zwiesprache" zwischen dem Schriftsteller Adolf Knoblauch und Feininger, die aus einer Korrespondenz der zwei hervorgegangen war.

1916 und 1917 verbrachte Feininger den Sommer in Braunlage im Harz. 1918 begann er die Arbeit an Holzschnitten. Im Jahr darauf wurde er von Walter Gropius an das neugegründete Bauhaus in Weimar berufen. Das Bauhaus-Manifest erschien mit Feiningers Holzschnitt Kathedrale auf dem Titelblatt. Dem Bauhaus blieb Feininger bis zur Schliessung durch die Nazis 1933 verbunden. 1922 schien er beim Richtungsstreit zwischen Walter Gropius und Johannes Itten einen Rückzug aus der Schule erwoge zu haben. Bis 1925 arbeitete Feininger als Formmeister in der Druckerei, danach war er Meister ohne Lehrauftrag.

Im Juni 1919 veranstaltete Feininger im Bauhaus eine Ausstellung von Lehrer- und Schülerarbeiten, in der er Hunderte seiner vor der Natur entstandenen Skizzen zeigte. Mit diesen "Natur-Notizen" versuchte er, sein pädagogisches Konzept zu darzulegen.
 
1919 stellte er in der Galerie Emil Richter in Dresden 109 Holzschnitte sowie 90 Gemälde, Aquarelle und Zeichnungen aus.

1924 gründeten Feininger, Kandinsky, Klee und Jawlensky auf Initiative von Emmy Scheyer die Gruppe "Die Blaue Vier". Scheyer vertritt die Gruppe in den USA, wo sie 1925 eine erste Ausstellung organisiert.

1924 verbrachte Feininger erstmals den Sommer in Deep an der Ostsee. 1926 übersiedelte er mit dem Bauhaus nach Dessau, wie erwähnt auf eigenen Wunsch ohne Lehrverpflichtung. 1931 organisierte die Berliner National-Galerie im Kronprinzenpalais eine grosse Retrospektive zu seinem 60. Geburtstag. 1933 wurde das Bauhaus in Dessau von den Nazis aufgelöst. Feininger zog nach Berlin.

1935 folgte sein letzter Sommeraufenthalt in Deep. Feininger wurde angefeindet. Es wurde behauptet, er sei Jude. Feininger schrieb seiner Frau Julia, die ihm später hätte nachreisen sollen, in einem Brief vom 3. September 1935, es sei all die Jahre bekannt gewesen, dass sie eine "Misch-Ehe" führten, aber Amerikaner seien. Die erlebten Anfeindungen liessen ihn zum Schluss kommen: "Nie früher war es möglich gewesen, in solch einer Weise mit Menschen umzugehen."

1936 nahm Feininger mit zwei Gemälden an der Ausstellung Malerei und Plastik in Deutschland teil. Daraufhin wurde er zusammen mit anderen an der Ausstellung Beteiligten durch den Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste, Adolf Ziegler, aus dem Deutschen Künstlerbund ausgeschlossen.

Feininger reiste danach mit Julia auf Einladung des Kunsthistorikers Alfred Neumeyer nach New York und Kalifornien, um am Mills College in Oakland im Sommer Lehrveranstaltung abzuhalten. Dabei fasste er den Entschluss, zu emigrieren. Er reiste später nach Berlin zurück, um die Übersiedlung vorzubreiten. Nachdem Karl Schmidt-Rottluff eine Einladung zu Lehrveranstaltungen am Mills College absagen musste, sprang Feininger für ihn ein und reiste erneut in die Vereinigten Staaten.

Am 11. Juni 1937 schiffte sich Feininger in Hamburg ein, um definitiv Deutschland zu verlassen. Sechs Tage später traf er in New York ein. Im Juli und August wurden im Rahmen der Aktion "Entartete Kunst" mindestens 410 seiner Werke aus Beständen deutscher Museen beschlagnahmt. In der am 18. Juli 1937 in München eröffneten Ausstellung Entartete Kunst wurden neben Papierarbeiten eine Holschnittmappe und acht Gemälde von Feininger gezeigt.

1939 entwarf Feininger für die Weltausstellung in New York vier Wandbilder. 1940 entstanden die ersten Gemälde mit Motiven aus Manhattan. 1942 nahm er an der Ausstellung Artists for Victory teil. Dabei wurde er mit dem Ankaufspreis ausgezeichnet und schaffte den Durchbruch als Maler in den USA.

1944 veranstaltete das Museum of Modern Art in New York eine grosse Feininger-Retrospektive. 1947 wurde er zum Präsidenten der Federation of American Painters and Sculptors gewählt. 1950 schuf er das Wandbild für den Passagierdampfer SS Constitution. Im selben Jahr organisierte Alfred Hentzen in der Kestner-Gesellschaft Hannover die erste grosse Feininger-Ausstellung in Deutschland seit 1931. Lyonel Feininger verstarb am 13. Januar 1956 in New York.




Lyonel Feininger: Menschenbilder. Eine unbekannte Welt. Herausgeber Hamburger Kunsthalle, Texte von Ulrich Luckhardt, Matthias Mühling, Peter Nisbet, Charlotte Teller. Hatje Cantz, 2003, 173 Abbildungen, davon 132 farbig, 160 S. Bestellen bei Amazon.de. Das Buch ist die Hauptquelle für den nebenstehenden Artikel.
 
Ausstellung Menschenbilder, Hamburger Kunsthalle, 24.10.2003-1.2.2004
Artikel zur Hamburger Kunsthalle
 
Bereits 1998 zeigt die Hamburger Kunsthalle Zeichnungen und Aquarelle Feiningers. Die Ausstellung Menschenbilder zeigt nun anhand von rund dreissig Gemälden, einer Plastik und einer grösseren Anzahl von Arbeiten auf Papier die zentrale Bedeutung, welche die Darstellung des Menschen in seinem Oeuvre einnimmt. Das figürliche Werk entwickelte sich ab 1907 aus seinen berühmten Karikaturen, die ihm lange den Weg zur eigentlichen "Kunst" versperrten. Laut Luckhardt legte Feininger den Weg vom Karikaturisten zum Maler im Sommer 1908 zurück.

Erst als sich die satirischen Zeichnungen von ihrem kommerziellen und zweckgebundenen Auftrag entfernten und selbständig wurden, konnte sich Feiningers Malerei entfalten. Die französische Romanliteratur des 19. Jahrhunderts, so Balzac und Hugo, bildeten die Grundlage, auf der Feininger innert kurzer Zeit einen inhaltlichen Rahmen für seine Kompositionen schuf, in denen unterschiedliche Figurentypen wie auf einer Bühne nebeneinander auftreten. Dabei wollte Feininger weder eine Illustration der literarischen Vorlagen schaffen noch eine oberflächliche Komik erzeugen. Vielmehr bilden die Figurenkompositionen (Arbeiter, Prostituierte, Kinder, Jesuiten, etc.) kleine groteske, tragikkomische, ja surreale Welten, die der existierenden Gesellschaft ähneln, diese jedoch irritieren und in Frage stellen. 

In Ausstellung und Katalog werden auch Feiningers Comic-Strips The Kin-der-Kids und Wee Willie Winkie's World gezeigt, die 1906 für die Chicago Sunday Tribune entstanden und in denen sich Feininger (laut Luckhardt) erstmals künstlerisch frei bewegen konnte.

Die Werke der Ausstellung stammen zwar aus allen Schaffensperioden des Künstlers, doch der Schwerpunkt liegt bei den Arbeiten von 1906 bis 1916. Sie wurde von der Familie und dem Nachlass Lyonel Feininger unterstützt. In Hamburg wird übrigens auch ein bislang unbekanntes Werk Feiningers gezeigt. Dabei handelt es sich um einen Weihnachtsbaumschmuck, den er 1915 in Berlin für den alljährlichen Gebrauch im Rahmen der Familie schuf. Darin wiederspiegelt sich die figürliche Bildwelt seines Frühwerks.