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Berlin Alexanderplatz
Der Roman von Alfred Döblin

Artikel vom 1. März 2004
 
Der Alexanderplatz in Berlin ist nicht zuletzt durch den gleichnamigen Roman von Alfred Döblin aus dem Jahr 1929 bis heute mehr als nur ein physischer Ort. Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte des Franz Biberkopf gilt als einziger bedeutender deutscher Grossstadtroman. Alfred Döblin erzählt darin die Geschichte des Transportarbeiters Franz Biberkopf. Der dumpfe, gutmütig-jähzornige Mann wurde aus der Strafanstalt Berlin-Tegel entlassen. Er möchte im Berlin der 1920er Jahre ins ehrliche Berufsleben zurückfinden, doch die Grossstadt selbst mit ihren Verlockungen wird zu seinem Gegner. Er erschrickt vor er auf ihn eindringenden Lebensfülle.

Berlin Alexanderplatz bedeutete die Abkehr vom bürgerlich psychologischen Roman. Nicht das Einzelschicksal steht im Zentrum, sondern das kollektive Geschehen, das Allgemeine der Situation von Franz Biberkopf. 

Die Wirklichkeitserfahrung ist von der Gesprächen des Arztes Döblin im Sprechzimmer geprägt. Es geht dem Autor nicht um die topographisch korrekte Beschreibung eines Ortes. Um Unklarheiten und Widersprüche kümmert sich Döblin wenig. Eine Szene mit zwei Juden spielt zuerst wohl im Scheunenviertel, danach ist aber von der Dragonerstrasse die Rede und bei der dritten Erwähnung spielt die Szene in der Münzstrasse. Ähnlich verhält es sich mit der Wohnung der Romanfigur Minna.

Berlin Alexanderplatz wurde mit Manhattan Transfer von John Dos Passos verglichen, doch bei Döblin fehlen impressionistische Landschafts- und Stimmungsbeschreibungen. Was nicht unmittelbar zu den Figuren gehört, bleibt bei ihm ausgespart. Der Gegensatz zwischen der Fülle möglicher Grossstadtmotive einerseits und ihrer Reduktion auf die schmale Bandbreite der Wahrnehmung, des Denkens und Sprechens in der Welt Biberkopfs ist konstitutiv für den Roman. In einem späteren, seinem letzten Berliner Roman, November 1918, zeigte Döblin die Bandbreite des Lebens, Bürger, Arbeiter, Politiker und Intellektuelle, in enzyklopädischem Detail. Dennoch ist Berlin Alexanderplatz und nicht November 1918 ein "Monument der Berlinischen" geworden, so Stauffacher.

Der sozialkritische Roman Berlin Alexanderplatz ist trotz Originalausschnitten im Manuskript, identifizierbaren Lied- und Zeitungstexten, nicht naturalistisch. Bei der Sprache schaut er zwar den Berlinern aufs Maul, aber nicht als Linguist oder Stadtethnologe. Er setzte die umgangssprachlichen Eigentümlichkeiten "seiner" Berliner unsystematisch ein. Nicht ein getreues Abbild es Berlinischen, sondern zeichenhafte Hinweise darauf bezweckte er. Das Sprechen um ihn her wird gleichsam zu seinem eigenen, wodurch der Text seine stilistische Einheit und durchgehende Vehemenz erhält.

Döblin setzte alle modernen Erzähltechniken ein, Montage, Collage, Reportage, Perspektivenwechsel, Simultantechnik, stream of consciousness. Insbesondere die Montage sowie die epische Form wurden von vielen Rezensenten hervorgehoben.

Döblin verarbeitete im Roman nach eigener Aussage (bei einer Zürcher Lesung 1932) sein Interesse für Kriminelle, mit denen er als Arzt zu tun hatte. Auf Grund dieser Erfahrungen erschien ihm die Grenze zwischen Kriminellen und Nichtkriminellen "nicht so straff formulierbar". Und er fuhr fort: "Ich kenne den Berliner Osten seit Jahrzehnten, weil ich hier aufgewachsen bin, zur Schule ging und später auch hier meine Praxis begann." Hier habe er "einen interessanten und so überaus wahren und noch nichts ausgeschriebenen Schlag von Menschen" auf die einzig wahre Weise beobachten können, "nämlich indem man miterlebt, mithandelt, mitleidet."

Wie allen seinen grösseren epischen Werke sei dem Roman "eine geistige Fundamentierung vorausgegangen". Das Werk selber bilde "die Weiterführung und Konkretisierung, auch die Erprobung der bei der geistigen Vorarbeit erreichten Gedankenposition", wobei diese allerdings "in der Regel am Schluss [...] bereits wieder überwunden und erschüttert" sei. Bei Berlin Alexanderplatz entspreche diese gedankliche Ausgangslage der "Position", die er "in der vorangegangenen naturphilosophischen Schrift <Das Ich über der Natur> dargelegt" habe; die Schrift erschien 1927.

Döblin betonte immer die Eigenständigkeit von Berlin Alexanderplatz im Hinblick auf die bald nach dem Erscheinen laut werdende Beziehung zu Ulysses von James Joyce. Dessen Werk lag seit 1927 auf deutsch vor. Damals hatte Döblin gerade die Arbeit an seinem Roman aufgenommen. Die Übersetzung hat er wohl im Winter 1927/28 gelesen, denn im Frühjahr 1928 erschien seine anerkennende Rezension in der Zeitschrift Das deutsche Buch. Werner Stauffacher verweist darauf, dass "Döblin im Gegensatz zu Joyce auf die konsequente Rückbindung seiner Motive durchwegs" verzichte. Daher sei der "innere Monolog" in Berlin Alexanderplatz nie ein mehr als "ein Element der Stummführung unter anderen", während dem er im Ulysses prägend sei. In seiner Rezension des Werks des irischen Schriftstellers merkte Döblin denn auch an: "Ich bemerke voran polemisch: man muss es nicht so machen, wie es Joyce gemacht hat. Die Bahn ist nicht eingleisig." Döblin verzichtet auf obsessive Wiederholungen und verzichtet auch nicht wie Joyce radikal auf Satzzeichen.

Die Frankfurter Zeitung publizierte zwischen dem 8. September und dem 11. Oktober 1929 täglich mindestens vier Spalten aus Döblins Roman, insgesamt rund zwei Fünftel des Textes, in einer von der Buchfassung noch in vielen Einzelheiten abweichenden Fassung und in einer Auswahl, die auf die Gewohnheiten der Zeitungsleser Rücksicht nahm.

Mit dem Schluss von Berlin Alexanderplatz war Döblin nicht zufrieden, wie er in einem Brief zwei Jahre nach der Veröffentlichung erklärte. Das Buch habe "einfach aus der Logik der Handlung und des Plans" gegen seinen Willen so geendet. "Der Schluss müsste - eigentlich im Himmel spielen, schon wieder eine Seele gerettet, na, das war nicht möglich, aber ich liess es mir nicht nehmen, zum Schluss Fanfaren zu blasen, es mochte psychologisch stimmen oder nicht". Der Tod setzt sich als Stimme und Figur im Verlauf des Romans allmählich durch, um zuletzt als entscheidende Macht aufzutreten. Das Todesthema in seinem umfassenden Sinn bestimmt die gesamte Organisation des Stoffes. Zweimal scheint das Ende des Romans erreicht, vom Autor gar so angekündigt: "Weiter ist von seinem [Biberkopfs] Leben nicht zu berichten." Beide Male fährt der Autor dennoch fort.

Die letzten zwei Seiten von Berlin Alexanderplatz bieten den Interpreten die grössten Schwierigkeiten. Laut Stauffacher kommt man der Deutung des Textes am nächsten, wenn man nicht neue Aussagen sucht, sondern auf die seine sprachliche Eigenart achtet. Die wenigen realistischen Motive sind Wiederholungen von früher Gesagtem, gleichsam ein komponierter Ausklang. Döblin wollte zum Schluss keine neuen metaphysischen Perspektiven eröffnen.

Das Buch sei eigentlich als erster von zwei Bänden gedacht gewesen. "Das zweite sollte (oder soll?) den aktiven Mann, wenn auch nicht dieselbe Person, geben; der Schluss ist sozusagen eine Überbrückung - aber das andere Ufer fehlt." Doch daraus wurde nichts. Anstatt eine Fortsetzung mit einem "aktiven Mann" aus dem Berliner Arbeitermilieu zu schreiben, wandte sich Döblin seinem nächsten Werk einem babylonischen Gott zu.

Berlin Alexanderplatz wurde Döblins erster durchschlagender Bucherfolg - und blieb der einzige. Bis Ende Januar 1930 wurden rund 23,000 Exemplare verkauft. Als Hitler 1933 an die Macht kam, waren bereits 50,000 Exemplare gedruckt. Der Roman wurde in dieser Zeit ins Holländische, Italienische, Englische, Spanische und Französische übersetzt. Bis 1936 kamen fünf weitere Sprachen hinzu, darunter Russisch. 1931 wurde der Roman mit Heinrich George in der Titelrolle verfilmt.

Die Rezeption war nicht einheitlich, aber umfassend. Allerdings war die Mehrheitlich der Kritiken anerkennend. Unter den Kollegen äusserten sich Carl Zuckmayer und Arnold Zweig anerkennend. Bis Ende 1929 erschienen rund 50 Rezensionen, 1930 über 40, 1931 weitere 40. Die Sprache Döblins wurden in Leserbriefen schon mal als "Verrohung der Ausdrucksformen" bezeichnet, wie sie damals auch im politischen Kampf um sich gegriffen habe.
 
Unter den Nazi gehörte Berlin Alexanderplatz zu den verpönten Büchern. Der Roman wurde Opfer von Bücherverbrennungen. Im Ausland verschwand das Werk rasch aus dem öffentlichen Bewusstsein. Zudem war die Kritik in Grossbritannien und den Vereinigten Staaten zwiespältig. Die angelsächsische Kritik stiess sich mehr als die deutsche an der Schilderung des Berliner Milieus. Die französische Übersetzung war unzugänglich. Erst seit den 1960er Jahren gehört Berlin Alexanderplatz zum eisernen Bestand literarischer zeugen der Zwischenkriegszeit.

1980 erfolgte eine umfangreiche Fernsehverfilmung durch Rainer Werner Fassbinder: Fernsehfilm in dreizehn Teilen und einem Epilog, WDR, Deutschland, 1980. Buch und Regie: Rainer Werner Fassbinder; Musik: Peer Raben; Kamera: Xaver Schwarzenberger. Mit: Günter Lamprecht (Franz), Gerhard Zwerenz (Baumann), Jan George (Greiner), Katrin Schaake (Frau des Kellners), Elma Karlowa (Frau Greiner), Hermann Lause (Versicherungsmann), Wolfgang Schenck (Kriminaler), Karl-Heinz von Hassel (Zweiter Kriminaler), Herbert Steinmetz (Zeitungshändler), Franz Buchrieser (Meck), Karl-Heinz Braun (Rechtsanwalt Löwenhund), Hanna Schygulla (Eva) u.a.




Der Alexanderplatz in Berlin auf einem Foto von Max Missmann aus dem Jahr 1906. Es zeigt das Warenhaus Hermann Tietz (später Hertie), davor das Standbild der Berolina. Zwischen Kaufhaus und Bahnhof entstand in den 1930er Jahren das Alexanderhaus von Peter Behrens. Das Foto stammt aus dem von Antonia Meiners herausgegeben Bildband Berlin. Photographien 1880-1930, Nicolai Verlag, 2002, 120 S. Bildband bestellen bei Amazon.de. Foto courtesy Nicolai Verlag.


Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. Roman. Kommentierte Ausgabe. Dtv, 2001, 875 S. Bestellen bei Amazon.de. Dieser Artikel beruht weitgehend auf dem knapp 40seitigen Nachwort des Herausgebers Werner Stauffacher. Der Band enthält neben dem kritisch kommentierten Text der Erstausgabe alle bekannten Vorabdrucke, eine Auswahl von Textergänzungen aus dem Nachlass und das erwähnte Nachwort mit Informationen zu Entstehung, Rezeption und Interpretation des Romans.
 
Heute dominiert das in DDR-Zeiten entstandene Park Inn Hotel Berlin den Alexanderplatz. Es bietet nicht nur die beste Aussicht auf den Alexanderplatz, sondern eine der besten auf ganz Berlin.

Biografie von Alfred Döblin

Der am 10. August 1878 in Stettin geborene Alfred Döblin arbeitete seit 1912 als Nervenarzt in Berlin. Er gehörte 1910 zu den Mitbegründern der expressionistischen Zeitschrift Der Sturm. Seit der Zeit des Frühexpressionismus sorgte er durch seine Erzählungen und programmatischen Äusserungen für Aufsehen. Seine äusserst unterschiedlichen Werke forderten Leser wie Verleger immer wieder heraus. 1933 emigrierte er nach Paris, wo er 1936 die französische Staatsbürgerschaft annahm. 1940 floh er erneut vor den Nazis, diesmal in die USA, wo er zum Katholizismus konvertierte, wodurch er sich von den anderen Exilautoren isolierte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Döblin als französischer Offizier nach Deutschland zurück, wo er Herausgeber der Literaturzeitschrift Das Goldene Tor (1949-1951) und Mitbegründer der Mainzer Akademie (1949) wurde. Die Entwicklung in Nachkriegsdeutschlands und die fehlende Resonanz auf seine im Exil entstandenen und nun veröffentlichten Werke enttäuschte Döblin, sodass er erneut nach Paris ging. Die letzten Monate seines Lebens verbrachte der Schwerkranke in Sanatorien im Schwarzwald. Er starb am 26. Juni 1957 in Emmendingen.





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