Die Krise
der westlichen Allianz 1961 bis 1963
Christof Münger: Kennedy, die
Berliner Mauer und die Kubakrise. Die westliche Allianz in der Zerreissprobe
1961-1963. Schöningh, , 2003, 404 S. Bestellen bei Amazon.de
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Schweiz.
Artikel vom 8. März 2004
Die westliche Allianz durchlebte nach den Attentaten vom 11.
September 2001 im Zusammenhang mit dem zweiten Irakkrieg nicht zum ersten Mal eine Krise. Christof Münger geht in seiner
2002 als Dissertation an der Universität Zürich angenommen Arbeit der
bis dahin "grössten Zerreissprobe" der transatlantischen Allianz
seit ihrem Bestehen nach, jener der Jahre 1961 bis 1963.
Müngers Werk ist in drei chronologische Hauptteile gegliedert. Der erste umfasst die Analyse der strategischen Epochenwende, die Berlin- und die
Leckkrise, der zweite die Blockbildung innerhalb der Allianz und die
Berlinkrise, der dritte die angelsächsische Reaktion auf den Abschluss des
deutsch-französischen Elysée-Vertags, die Verhandlungen der Supermächte,
die zum Abschluss des ersten Rüstungskontrollabkommens führten, das Ende
Berlins als Konfliktherd und den Beginn der Détente.
Auf Grund der technologischen Fortschritte der UdSSR, die neu über erste
einsatzfähige interkontinentale Atomwaffen verfügte, entfiel Ende
der 50er Jahre die Option eines mit Nuklearwaffen geführten Krieges. Das
Gleichgewicht des Schreckens begann sich abzuzeichnen, und die Administration
Kennedy strebte dementsprechend eine Détente an und legte sich spätestens
ab 1961 auf eine Strategie der Nonproliferation von Atomwaffen fest. Die europäischen
Alliierten ihrerseits waren wirtschaftlich und aussenpolitisch erstarkt und
begannen nationale Interessen zu verfolgen. Sie strebten nach eigenen
Nuklearwaffen und Mitbestimmung in strategischen Fragen. Konflikte waren so
unvermeidlich.
Im Gegensatz zu Eisenhower, der die europäischen Bestrebungen nach dem Besitz
von Atomwaffen unterstützt hatte, um so u.a. nach dem Sputnik-Schock dem
Misstrauen der Verbündeten im Bezug auf die amerikanische Sicherheitsgarantie
auf dem Alten Kontinent zu begegnen, wollte die Administration Kennedy diese
Politik nicht weiter verfolgen, weil dadurch das Gewicht der USA in der
Allianz geschwächt würde.
In der Frage der Nonproliferation waren die amerikanischen und sowjetischen
Interessen bezüglich der Bundesrepublik sowie China kongruent. Doch 1961
zeigten sich die beiden Supermächte ausserstande, sich dies zu kommunizieren.
Erst zwei Jahre und zwei Krisen (Berlin 1961 und Kuba 1962) später kamen sie
zu einer diesbezüglichen Übereinkunft.
Washington und Moskau strebten zudem beide in Europa die Beibehaltung des
Status quo an. Doch in der Frage der Nachkriegsordnung erwies sich der Weg zur
Détente als noch schwieriger, weil die Sowjetunion in der Berlin- und
Deutschlandfrage Zugeständnisse als Vorbedingung verlangte: Die DDR sollte
als souveräner Stadt anerkannt, der deutschen Teilung definitiver Charakter
verleiht werden und Berlin den Status einer sogenannten Freien Stadt erhalten.
Die USA konnten diese Bedingungen nicht erfüllen, ohne ihre Glaubwürdigkeit
als Sicherheitsgarant der westlichen Welt zu verlieren. Zudem hatten Franzosen
und Briten Alliierte Mitspracherechte in Berlin.
Im Monat nach dem Gipfeltreffen mit Chruschtschow in Wien im Juni 1961 erläuterte
Kennedy in einer Fernsehansprache, dass die USA sich fortan auf die
Durchsetzung der drei sogenannten Essentials in der Berlinfrage beschränken würden:
freie Zufahrt, Stationierung amerikanischer Truppen und Selbstbestimmungsrecht
der Westberliner Bevölkerung. Diese vitalen Interessen würden mit allen
Mitteln, also auch mit Nuklearwaffen, verteidigt werden. Gleichzeitig bot er
Verhandlungen in der Deutschlandfrage an.
Der Brite Macmillan unterstützte die Idee, während dem Adenauer und de
Gaulle nicht nur bezüglich Verhandlungen skeptisch waren, denn die Politik
der drei Essentials bedeutete auch eine Abkehr von der Forderung nach der
deutschen Wiedervereinigung als Bedingung für eine Détente sowie die
Preisgabe des Viermächtestatus von Berlin. Washington und London deuteten die
sowjetischen Intentionen als defensiv, auf Bewahrung des Status quo bedacht, während
dem Berlin und Paris die UdSSR als nach wie vor expansive Macht begriffen.
Kennedys Rückzug auf eine nicht verhandelbare Minimalposition zwang
Chruschtschow, von seiner Drohung eines separaten Friedensvertrags mit der DDR
abzurücken. Der folgende Bau der Berliner Mauer war zwar eine
menschenverachtende Massnahme, tangierte aber die drei Essentials nicht. Laut
Münger war es folglich Kennedys Entschlossenheit und nicht Adenauers und de
Gaulles Verweigerung von Verhandlungen, die nicht militärisch untermauert
werden konnte, die Moskau zum Abrücken von seiner Maximalforderung brachte.
Adenauer und de Gaulle sahen im Mauerbau eine Tragödie und Verletzung des
Viermächtestatus, was eine Détente undenkbar mache. Kennedy und Macmillan
dagegen verurteilten zwar auch die Aktion, sahen darin jedoch eine Massnahme
zur politischen und wirtschaftlichen Stabilisierung der DDR, wodurch die
definitive Lösung der Berlin- und Deutschlandfrage näher rücke.
Kennedy entschied, sich über die deutschen und französischen Forderungen
hinwegzusetzen. De Gaulle empfahl Frankreich der Bundesrepublik als
alternative Schutzmacht und schloss Ende 1961 gegenüber den Briten eine
deutsch-französische nukleare Kooperation nicht mehr aus. Adenauer zog die
Notbremse mit der Auslösung der "Leckkrise", indem er 1962 den
geheimen Verhandlungsvorschlag der Presse zuspielte, der mit dem Ziel der
Wiedervereinigung nicht vereinbar war. Im Kampf um die deutsche Position
setzte sich Adenauers gegen die Atlantiker, allen voran Aussenminister Schröder,
durch.
Mit der Wiederaufnahme der atmosphärischen Nukleartests wollten die USA nach
dem Scheitern der Berlinverhandlungen im Frühling 1962 den Deutschen ihrer
Bereitschaft zur nuklearen Sicherheitsgarantie Nachdruck verleihen. Doch
Adenauers Misstrauen wurde dadurch nicht zerstreut, die deutsch-französische
Blockbildung nahm ihren Lauf und die Beziehungen zur Sowjetunion kühlten
weiter ab und gipfelten im Oktober in der Kubakrise, durch die sich Adenauer
und de Gaulle in ihrer harten Haltung gegenüber Moskau bestätigt sahen.