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Nr. 57, März 2004
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Die Krise der westlichen Allianz 1961 bis 1963 - Teil 2 des Artikels basierend auf:
Christof Münger: Kennedy, die Berliner Mauer und die Kubakrise. Die westliche Allianz in der Zerreissprobe 1961-1963. Schöningh, , 2003, 404 S. Bestellen bei Amazon.de oder citydisc Schweiz.
 

Artikel vom 8. März 2004


Kennedys "Sieg" in der Kubakrise - der Rückzug der amerikanischen Jupiter-Raketen aus der Türkei als Gegenleistung blieb geheim - wirkte als Katalysator der Blockbildung innerhalb der westlichen Allianz und verstärkte die amerikanische "Hegemonie im Westen", so Münger. Dem deutsch-französischen Bilateralismus stand die Renaissance der Special Relationship von Briten und Amerikanern gegenüber. Die Zerreissprobe erreichte mit de Gaulles doppeltem Nein gegen das amerikanische Angebot von Polaris-Raketen wegen fehlender geeigneter U-Boote und Gefechtsköpfe und gegen das britische EWG-Beitrittsgesuch im Dezember und Januar 1963 ihren Höhepunkt.

Die USA und Grossbritannien sahen durch den deutsch-französischen Alleingang nicht nur die Détente gefährdet, sondern befürchteten für den Fall, dass Frankreich Deutschland Zugang zu Nuklearwaffen verschafft, das dies für Moskau der Casus belli wäre. London fürchtete zudem, die Institutionalisierung des deutsch-französischen Blocks könne zum Zerfall der transatlantischen Allianz führen. De Gaulles doppeltes Nein wurde in Grossbritannien als Versuch Frankreichs gewertet, die Vorherrschaft auf dem Kontinent zu erlangen. Paris werde vielleicht gar der Sowjetunion einen Separatfrieden anbieten, was wiederum der Präsenz der US-Truppen in Europa die Legitimität entzogen hätte. Dieser Prozess könne danach zu einer deutsch-sowjetischen Übereinkunft, dem Ende der NATO und der Neutralisierung Deutschlands führen, fürchtete man insbesondere in London.

Die USA, vom Rapallo-Trauma geprägt, wollten einer solchen Entwicklung entgegen treten. Adenauers gegenteilige Beteuerungen überzeugten die Regierung Kennedy nicht, die mit einem Disengagement, dem Rückzug der US-Truppen aus Europa, drohte. Gleichzeitig bot der amerikanische Präsident neben der Peitsche auch Zuckerbrot, in Form des Aufbaus einer multilateralen Nuklearstreitmacht der NATO (MLF), an der auch Deutschland beteiligt wäre. Adenauer zögerte nicht mit der Zusicherung der deutschen Beteiligung, denn der Zugang zu Nuklearwaffen galt damals als Symbol staatlicher Souveränität, so Münger.

Adenauer geriet unter innenpolitischen Druck. Die Atlantiker, von den Angelsachsen gestützt, verlangten eine Abänderung des Elysée-Vertrags, dessen Ratifikation sonst im Bundestag und Bundesrat gefährdet wäre. Der Kanzler beugte sich dem Druck und stellte dem Vertrag eine Präambel voran, in der die Verankerung der Bundesrepublik in der transatlantischen Allianz bekräftigt wurde. Die Angelsachsen mischten sich erfolgreich in die deutsche Innenpolitik ein, um die Aussenpolitik der BRD zu beeinflussen und die deutsch-französische Blockbildung zu überwinden.

Der Weg schien nun wieder frei für Verhandlungen mit der UdSSR. Chruschtschow bot zudem im Frühling 1963 die Wiederaufnahme der Gespräche an. Die Supermächte hatten inzwischen die Berlin- und Deutschlandpolitik als vorerst ungeeignete Verhandlungsgegenstände erkannt, weshalb man sich einigte, zuerst eine Übereinkunft in der Rüstungskontrolle anzustreben. Die Briten durften als Juniorpartner der USA mit an den Verhandlungstisch. Nach wenigen Wochen war der Limited Test Ban Treaty unterschriftsreif.

Durch den Verzicht auf Nukleartests in der Atmosphäre, unter Wasser und im Weltall sollte vordergründig die Gefahr von radioaktiven Schäden vermindert, in Wahrheit jedoch die Weiterverbreitung von Nuklearwaffen verhindert werden. Gleichzeitig sollte die Teststoppvereinbarung langfristig als verstecktes und informelles Berlinabkommen dienen, da der Bonner Beitritt einem endgültigen Verzicht der Bundeswehr auf die Nuklearisierung nahe kam. Mündlich bekräftigte Washington gegenüber Moskau, dass die USA der BRD keine Nuklearwaffen zur Verfügung stellen würden. Der synchrone Beitritt der DDR zum Limited Test Ban Treaty wertete das ostdeutsche Regime auf, auch wenn es nur das Moskauer Vertragsexemplar unterzeichnen durfte. Damit kam man Chruschtschows Ziel der Festschreibung der Nachkriegsordnung nahe, das er ursprünglich durch einen Friedensvertrag erreichen wollte.

Moskau versicherte, die drei Essentials bezüglich Berlin zu respektieren, falls die BRD dem Vertragswerk zustimmte. Dies schien um so wichtiger, als sowohl Frankreich wie auch China sich gegen das Atomstoppabkommen aussprachen. De Gaulle prangerte (zurecht) an, dass die beiden Supermächte dadurch lediglich die Hegemonie in ihren Blöcken sichern wollten. Im Bonner Kanzleramt kam man zu ähnlichen Schlüssen. Die USA erneuerten deshalb ihr Angebot der MLF, obwohl sich Washington bereits im Sommer 1963 ziemlich sicher war, dass dieses Konzept als Papiertiger enden würde, was 1964 auch geschehen sollte. Kennedy unternahm zudem im Juni 1963 eine PR-Tour durch Deutschland, auf der er seine legendäre Westberliner Rede mit dem Satz hielt, "Ich bin ein Berliner", wobei er um Unterstützung für seine Détente-Politik warb, die er kurz zuvor in seiner Friedensrede an der American University vorgestellt hatte.

Mit dem Rücktritt von Bundeskanzler Adenauer im Oktober 1963 fand laut Münger die unmittelbare Nachkriegszeit ihren Abschluss. Mit Ludwig Erhard folgte ihm ein überzeugter Atlantiker nach, dessen Auffassungen mit denjenigen von Aussenminister Schröder übereinstimmten. Im selben Jahr stellten die SPD-Politiker Willy Brandt und Egon Bahr in Tutzing ihr deutschlandpolitisches Konzept vor, "das die Prämissen von Kennedys Entspannungspolitik aufnahm und sich in der Berlin- und Deutschlandpolitik am Faktischen orientierte und die Wiedervereinigung Deutschlands lediglich als langfristiges Ziel betrachtete" (Münger). Durch die Anerkennung des DDR-Regimes sollte ein Wandel im deutsch-deutschen Verhältnis herbeigeführt werden.

Den USA gelang es, Bonn für den Limited Test Ban Treaty und die Détente zu gewinnen, die Blockbildung innerhalb der westlichen Allianz zu überwinden und die Berlinkrise langfristig beizulegen. Deutschland blieb ein verlässlicher transatlantischer Partner, wie Erhard bei seinem Antrittsbesuch bei de Gaulle in Paris unmissverständlich darlegte.

Die Entspannung von 1963 basierte -abgesehen vom
Limited Test Ban Treaty - ausschliesslich auf informellen, zumeist gar nur mündlich getroffenen Absprachen, da eine formelle Regelung am deutschen und französischen Widerstand gescheitert war. Der pragmatische Kompromiss trug bilateralen Charakter. Zudem konnten die Risse in der transatlantischen Allianz nicht gekittet werden: Der Preis für die Détente war der Verlust des Einflusses auf de Gaulles Frankreich. Kennedy erreichte nicht das Maximalziel eines integrierten Bündnisses unter amerikanischer Führung.

De Gaulle seinerseits gelang es nicht, Europa unter der Führung Frankreichs als dritte Kraft zwischen den Supermächten zu etablieren. Paris trat allerdings nicht dem Limited Test Ban Treaty bei, schloss Grossbritannien bis auf weiteres vom europäischen Integrationsprozess aus und verfolgte fortan eine verstärkt eigenständige Politik.

Deutschland blieb auf Grund der alliierten Mitspracherechte im eigenen Land und als Frontstaat im Kalten Krieg wegen der Abhängigkeit von der amerikanischen Sicherheitsgarantie eine Macht mit drittrangigem Status, die ihr Maximalziel der deutschen Einheit auf Grund der anders gelagerten nationalen Interessen der alliierten Partner in absehbarer Zeit nicht erreichen konnte. Selbst Frankreich war entgegen de Gaulles Rhetorik auf Grund historisch begründeter Sicherheitsinteressen an der Wiedervereinigung, die Frankreichs Vormachtstellung in Europa in Frage gestellt hätte, nicht wirklich interessiert. Adenauer konnte keinen Einfluss auf die amerikanische Berlin- und Deutschlandpolitik ausüben.

Im Schlusswort hält Münger fest, dass die amerikanische Präsenz im Nachkriegseuropa, obwohl primär von nationalen Sicherheitsinteressen geleitet, einen neuen militärischen Konflikt in Europa verhinderte. Die Zeche für den Kalten Frieden mussten die Menschen der Ostblockstaaten bezahlen, die bis 1989 das Joch der kommunistischen Diktaturen zu tragen hatten.

Dem ehemaligen Primarlehrer Münger gelingt es in seiner chronologischen Darstellung, die komplizierten Sachverhalte, Ereignisse, Entscheidungen und ihre Perzeption durch die jeweiligen Akteure in verständlicher Sprache zu analysieren.

Zu Teil 1 des Artikels zur Krise der westlichen Allianz 1961-1963.
 


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