Unter den Linden
Der Berliner Boulevard und seine
Geschichte
beruhend auf Günter de Bruyn: Unter den Linden.
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Artikel vom 1. April 2004
Zu Beginn des 15. Jahrhunderts kamen mit
Friedrich I., dem Burggrafen von Nürnberg, die Hohenzollern in der Mark
Brandenburg an die Macht. Damals existierten in Berlin zwei Städte: Cölln im
Westen und Berlin im Osten. Sie waren an der schmalsten Stelle der
Spreeniederung zwischen zwei Spreearmen gegründet worden. Die zwei Städte
wurden erst unter einem Nachfolgers des Burggrafen, der ebenfalls Friedrichs
I. hiess und sich 1701 selbst zum König der Preussen krönte, unter einem
Magistrat und dem Namen Berlin vereinigt.
Im 15. Jahrhundert nutzte Kurfürst Friedrich II. die Streitigkeiten der zwei
Städte geschickt aus, um die Vorherrschaft über sie zu erringen. Er
erreichte das Recht, sich auf Cöllner Gebiet zwischen den Flussarmen ein
Schloss zu erbauen, zwei Jahrhunderte vor der Lindenallee. Kurfürst Friedrich
II. legte 1442 eigenhändig den Grundstein. 1451 wurde das Schloss als feste
Residenz bezogen. Dazwischen lagen Jahre des vergeblichen Kampfes, in denen
die Bürger gegen den Entzug von Rechten wie der Zollerhebung protestierten
und die Bauarbeiten am Schloss sabotierten. Es half nichts, die Berliner
verloren nach über zwei Jahrhunderten ihre Eigenständigkeit.
Die Geschichte des Berliner Boulevards
Unter den Linden, von den Berlinern kurz Die Linden genannt, beginnt mit Friedrich Wilhelm (1620-1688). Der Grosse
Kurfürst legte nicht nur die Grundlagen für den späteren Aufstieg Preussens
zur Grossmacht, sondern er war auch der Schöpfer des vom Stadtschloss zum
Tiergarten führenden Reitwegs, der nach ihm zum Boulevard Unter den Linden
ausgebaut wurde.
Bereits unter dem Grossen Kurfürsten begann die Bebauung Unter den Linden,
geprägt aber wurde die Strasse von den ersten vier preussischen Königen. Das
erste Gebäude errichtete sich Johan Gregor Memhardt, der Städte- und
Festungsmeister des Grossen Kurfürsten, für sich selbst. Es wurde später
vom Staat erworben und zum Sitz des Berliner Militärbefehlshabers erkoren,
weshalb es zirka seit 1800 in den Stadtplänen als Kommandantenhaus bzw.
Kommandantur erscheint.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichte Preussen seine grösste Ausdehnung
nach Osten. Damals, unter Friedrich Wilhelm I., fand die bereits rund
eineinhalb Kilometer lange Strasse Unter den Linden ihren Abschluss mit dem
Quarrée genannten viereckigen Platz sowie dem Brandenburger Tor
- es hiess
schon so, war aber mit dem heutigen nicht identisch.
Der Grosse Kurfürst hatte die Bäume für die Strasse Unter den Linden
gewählt und die Richtung vorgegeben; sein Sohn, der erste Preussenkönig,
baute am Ausgangspunkt sein imposantes Barockschloss; sein Sohn, der
Soldatenkönig, baute mit dem Quarrée den Abschluss des königlichen
Boulevards. Doch die Füllung des vorgegebenen Rahmes blieb den Nachfahren
vorbehalten, denn beim Tod von Friedrich Wilhelm I. 1740 säumten erst
schmucklose, billige Häuser, wie es der Sparsamkeit des Soldatenkönigs
entsprach, die Strasse. Einzig am Anfang der Linden, hinter dem Kupfergraben,
stand bereits das barocke Zeughaus, das Jahrhunderte später, ab 1999, um genau
zu sein, durch den Architekten I.M. Pei einen aus Stahlträgern und Glas
bestehenden Anbau für Wechselausstellungen erhielt.
Während dem Kaiserreich wurde das Zeughaus als Ruhmeshalle der preussischen
Armee bezeichnet. In den Jahren der Hitlerdiktatur wäre das Gebäude in anderem
Sinne fast zu einer solchen geworden, denn die Verschwörer um den Generalmajor
Henning von Tresckow hatten das Zeughaus am 21. März 1943 als Ort eines
Attentats auf Hitler ausersehen. Das schlug allerdings fehl, weil Hitler sich zu
rasch und unvorhergesehen nach seiner Rede entfernte und der
Selbstmordattentäter Gersdorff (lange vor den radikalen Palästinensern und den
Al-Kaida-Mitgliedern) sich nicht zusammen mit dem Führer in die Luft sprengen
konnte und gerade noch die Zeit fand, die Zünder in der Toilette unbemerkt zu
entschärfen.
Zurück zur Entstehungsgeschichte des Boulevards:
Die Strasse Unter den Linden ging vom mächtigen Barockschloss auf der
Spreeinsel aus. Erbaut wurde es ab 1698 von Andreas Schlüter und seinem
Konkurrenten und Amtsnachfolger Eosander von Göthe. Das Schloss war das Zentrum
des 1701 entstehenden Königreiches Preussen. Mit seinen rund 700 Zimmern und
Sälen war es nicht nur der Wohn- und Regierungsort des Herrschers, sondern auch
Sitz zentraler Behörden, Hotel für vornehme Gäste, administrativer und
gesellschaftlicher Mittelpunkt. Hier wurden die Hochzeiten und Taufen des
Herrscherhauses festlich begangen, und wichtige politische Zusammenkünfte
fanden hier statt. Die revolutionären Ereignisse von 1848 nahmen von hier aus
ihren Ausgang.
Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde die Ruine des Schlosses 1950 auf
Weisung von Walter Ulbricht gesprengt. Einzig das Eosander-Portal blieb erhalten
und wurde später ins Staatsratsgebäude der DDR eingebaut. Im Sommer 2002
stimmte der Bundestag dem Wiederaufbau der Schlüterschen Schlossfassade zu, um
so das architektonische Ensemble von Dom, Altem Museum, Zeughaus und Lustgarten
wieder herzustellen. Günter de Bruyn bedauert allerdings, dass die Linden zu
einer Durchgangsstrasse gemacht wurden, weshalb auch nach dem Wiederaufbau der
Schlossfassade die Korrespondenz zwischen den aufeinander bezogenen Prachtbauten
gestört bleiben werde.
Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff war seit 1732 mit dem Kronprinzen Friedrich
befreundet, der ihn 1740 zum Leiter seiner Schlösser und Gärten ernannte. 1742
begann Knobelsdorff mit dem Bau eines seiner Meisterwerke, der Berliner Oper, an
der heute Daniel
Barenboim den Dirigentenstab schwingt. Mit der Oper wurde die Baulücke
zwischen dem Kronprinzenpalais und dem Zeughaus geschlossen. Die Opern von
Mozart, Beethoven und Gluck wurden allerdings nicht im Opernhaus Unter den
Linden gespielt, sondern im Theater am Gendarmenmarkt, das unter Friedrich
Wilhelm II. zum Königlichen Nationaltheater avanciert war.
1818 wurde die klassizistische Neue Wache von Architekt und Maler Karl Friedrich
Schinkel fertiggestellt. Der Architekt Heinrich Tessenow 1931 den Innenraum der
Neuen Wache um, die er so zu einem Ehrenmal umgestaltete, das nun selbst bewacht
werden musste. In der Weimarer Republik erfüllten Polizisten in Zivil diese
Aufgabe, während der Zeit des Dritten Reiches und kommunistischen Diktatur der
DDR Soldaten in Uniform, die das Ritual der Wachablösung wieder einführten,
das auf Friedrich Wilhelm III. zurückging. Das wiedervereinte Deutschland
verzichtet - im Gegensatz zu anderen europäischen Hauptstädten - historisch
begründet auf dieses martialische Schauspiel. Seit 1993 ist die Neue Wache die
nationale Zentrale Gedenkstätte Deutschlands.
Bei seinem mehrmonatigen Berliner Besuch von 1800 fiel dem Dichter Jean Paul der
Sand zur Charakterisierung Berlin auf, den bereits Goethe bemüht hatte. Denn
die Stadt ist buchstäblich auf Sand gebaut. Henri Beyle, unter dem Pseudonym
Stendhal weltberühmt geworden, äussert sich 1806 als Angehöriger der
napoleonischen Besatzungsarmee in einem Brief an seine Schwester wenig
bewundernd über die Bauten unter den Linden. Der Schriftsteller und damalige
Jurastudent Heinrich Heine erzählt in seinen 1822 erschienen Briefen aus
Berlin heiter und ironisch von seinen Linden-Spaziergängen. Alfred
Döblin hingegen verbindet in seinen Erinnerungen an die Exiljahre
unangenehme Gedanken mit dem Prachtboulevard, insbesondere mit der als
"Puppenbrücke" verspotteten Schlossbrücke. Hier musste er in kalten
Januartagen als Schüler ausharren, um an dessen Geburtstag den Kaiser zu
bejubeln. Unter den Linden war Döblin auch an jenem verhängnisvollen Augusttag
1914 Teil der dem "Delirium des Krieges" verfallenen Menge gewesen.
1947 spazierte der Autor erneut über die nun baumlosen Linden, vorbei an
trostlosen Schuttbergen, die seit dem Ende des Naziregimes noch immer nicht
entfernt worden waren.
Die Strasse Unter den Linden war und ist ein Ort der Repräsentation, auf
dem Paraden abgehalten wurden, die Menschen flanier(t)en, an dem das Zeughaus
die militärische und das Opernhaus die kulturelle Stärke Preussens, des
Kaiserreiches bzw. der Republik bezeug(t)en.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Geist und Macht noch immer Unter den
Linden Präsent. Am einen Ende, im Schloss, wohnte Kaiser Wilhelm II., am
anderen, am Pariser Platz, der vom Haupt der Hohenzollern nicht sonderlich
geschätzte Maler Max
Liebermann.
Unter den Linden hatte der aus Mainz stammende gelernte Kunsttischler Lorenz
Adlon, der mit zwei französischen Restaurants in Berlin zu Geld gekommen war,
sein Luxushotel an bester Lage errichtet, das der Kaiser höchstpersönlich als
erster 1907 besichtigte und zur Unterbringung von Staatsgästen nutzte. Das
Adlon richtete bis zur Abdankung des Kaiser 1918 die Bankette aus. Der
Hotelgründer kam 1921 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Sohn Louis führte
das Haus in altem Glanz weiter. Im und nach dem Zweiten Krieg weitgehend
zerstört, wurde das Adlon 1997 neu errichtet und dominiert seither wieder den
Pariser Platz.
Der westliche Teil der Linden galt als Vergnügungsort. Max Reinhardt gehörte
1901 zu den Mitbegründern des Kabaretts "Schall und Rauch", das im
darauffolgenden Jahr in "Kleines Theater" umbenannt wurde, das
Reinhardt von 1903 bis 1905 selbst leitete. Dort erregte er mit der deutschen
Erstaufführung von Maxim Gorkis Nachtasyl Aufsehen.
Im westlichen Teil der Linden boten sich Freudenmädchen den Müssiggängern und
Fremden an, unter denen sie viele zahlungswillige Kunden fanden. Bereits 1792
berichtete ein gewisser Justus Conrad Müller in seinem Gemälde von Berlin, Potsdam
und Sanssouci davon.
Wiener und Schweizer Konditoren brachten die Kaffeehauskultur nach Berlin. Unter
den Linden luden seit dem Biedermeier das Kranzler sowie seit den Gründerjahren
Mathias Bauer in das pompöse Café Bauer zum Verweilen und Zeitungslesen bei
Kaffee und Kuchen ein.
Nach der "Machtergreifung" 1933 marschierten die Nazis durch das
Brandenburger Tor, um den Beginn des Aufbaus des 1000jährigen Reiches
einzuleiten. Nach nur zwölf Jahren fand der grausige Spuk sein Ende. Im
Zweiten Weltkrieg wurde die Strasse Unter den Linden um die dreihundert Mal
bombardiert. Die wenigen im Februar 1945 noch intakten Gebäude zwischen dem
Pariser Platz und dem Lustgarten wurden in den letzten Wochen des Kriegs in
Schutt und Asche gelegt. Die jungen Linden, die erst nach den Olympischen
Spielen von 1936 wieder angepflanzt worden waren, waren verkohlt. Das
Brandenburger Tor stand allerdings noch immer, wenn auch beschädigt und mit
zerschossener Quadriga.
In Erinnerung an die Verbrennung von rund 20,000 Büchern durch die Nazis auf
dem Opernplatz kreierte der Künstler Micha Ullmann in der Mitte unter dem Platz
einen fünf Meter tiefen Bibliotheksraum mit leeren Regalen, den man über eine
begehbare Glasplatte einsehen kann.
Mit der Strasse Unter den Linden verbinden sich auch erfreuliche Erinnerungen an
die deutsche Geschichte. Im 1733 von Philipp Gerlach erbauten Kronprinzenpalais,
von dem nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch die Aussenfassade stand und das 1969
vom DDR-Regime nur in seiner äusseren Form wiederhergestellt wurde, wurde am
31. August 1990 zu einem historisch bedeutsamen Ort: Hier unterschrieben die
Verhandlungsführer der beiden deutschen Staaten, Bundesminister Wolfgang
Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause, den Vertrag der Einheit, der
die Nachkriegsteilung Deutschlands beendete.
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Das Foto des Prachtboulevards Unter den Linden aus dem Jahr 1901 stammt aus dem Bildarchiv
Preussischer Kulturbesitz; Fotograf unbekannt. Das Photo zeigt den Blick vom
Boulevard Unter den Linden in Richtung Berliner Stadtschloss. Rechts steht das
Königliche Opernhaus, heute die Deutsche Staatsoper. Im Vordergrund
ist das 1851 aufgestellte Reiterstandbild Friedrich des Grossen von Christian
Daniel Rauch zu sehen. Das Foto stammt aus dem von Antonia Meiners
herausgegeben Bildband Berlin. Photographien 1880-1930, Nicolai Verlag,
2002, 120 S. Bildband bestellen bei Amazon.de.
Foto courtesy Nicolai Verlag.
Quelle, weiterführende Literatur (im nebenstehenden Artikel gehen wir nur
auf Teile der Geschichte der Strasse Unter den Linden ein):

- Günter de Bruyn: Unter den Linden. Berlin, Siedler Verlag, zweite
Auflage 2002, 192 S. Buch bestellen bei Amazon.de
oder citydisc
Schweiz.
Das Buch von Günter de Bruyn
ist die Hauptquelle für den nebenstehenden Artikel. Das Werk ist
nicht für Historiker, sondern für ein breites Publikum geschrieben. Es geht
nicht sehr ins Detail, ist leicht verdaubar und enthält eine umfangreiche
Bibliographie.
- Karl-Georg Böhm, Werner Schmidt: Unter den Linden. Ein Spaziergang von
Haus zu Haus. Berlin, Haude und Spener, 2000.
- Laurenz Demps: Der Pariser Platz. Der Empfangssalon Berlins. Berlin,
Henschel, 1995.
- Ursula von Kardorff: Berliner Aufzeichnungen 1943-1945. Unter
Verwendung der Originaltagebücher herausgegeben von Peter Hartl. München,
dtv, 1994.
- Rainer Laabs: Das Brandenburger Tor. Brennpunkt deutscher Geschichte.
Berlin, Ullstein, 1990.
- Die Linden. Vom kurfürstlichen Reitweg zur hauptstädtischen Allee.
Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin 1997.
- Winfried Löschburg: Unter den Linden. Geschichte und Geschichten einer
berühmten Strasse. Berlin, Der Morgen, 1972.
Weitere Artikel zu Berlin
Geschichte: Gendarmenmarkt
Berlin, Brandenburger
Tor.
Musik: Christian
Thielemann, Daniel
Barenboim
Hotels: Geschichte
des Hotel Adlon, Lorenz
Adlon, Hotel
Adlon Kempinski Berlin, Hotel
Brandenburger Hof (engl. Art.).
Restaurants: Restaurant
Alt Luxemburg, Restaurant
Quadriga Berlin (engl. Art.).

Baedeker Allianz Reiseführer. Mairs Geographischer Verlag, 2001, 334 S.
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