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Unter den Linden
Der Berliner Boulevard und seine Geschichte beruhend auf Günter de Bruyn: Unter den Linden
. Siedler Verlag, zweite Auflage 2002, 192 S. Buch bestellen bei Amazon.de.
Artikel vom 1. April 2004

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts kamen mit Friedrich I., dem Burggrafen von Nürnberg, die Hohenzollern in der Mark Brandenburg an die Macht. Damals existierten in Berlin zwei Städte: Cölln im Westen und Berlin im Osten. Sie waren an der schmalsten Stelle der Spreeniederung zwischen zwei Spreearmen gegründet worden. Die zwei Städte wurden erst unter einem Nachfolgers des Burggrafen, der ebenfalls Friedrichs I. hiess und sich 1701 selbst zum König der Preussen krönte, unter einem Magistrat und dem Namen Berlin vereinigt.

Im 15. Jahrhundert nutzte Kurfürst Friedrich II. die Streitigkeiten der zwei Städte geschickt aus, um die Vorherrschaft über sie zu erringen. Er erreichte das Recht, sich auf Cöllner Gebiet zwischen den Flussarmen ein Schloss zu erbauen, zwei Jahrhunderte vor der Lindenallee. Kurfürst Friedrich II. legte 1442 eigenhändig den Grundstein. 1451 wurde das Schloss als feste Residenz bezogen. Dazwischen lagen Jahre des vergeblichen Kampfes, in denen die Bürger gegen den Entzug von Rechten wie der Zollerhebung protestierten und die Bauarbeiten am Schloss sabotierten. Es half nichts, die Berliner verloren nach über zwei Jahrhunderten ihre Eigenständigkeit.

Die Geschichte des Berliner Boulevards Unter den Linden, von den Berlinern kurz Die Linden genannt, beginnt mit Friedrich Wilhelm (1620-1688). Der Grosse Kurfürst legte nicht nur die Grundlagen für den späteren Aufstieg Preussens zur Grossmacht, sondern er war auch der Schöpfer des vom Stadtschloss zum Tiergarten führenden Reitwegs, der nach ihm zum Boulevard Unter den Linden ausgebaut wurde.

Bereits unter dem Grossen Kurfürsten begann die Bebauung Unter den Linden, geprägt aber wurde die Strasse von den ersten vier preussischen Königen. Das erste Gebäude errichtete sich Johan Gregor Memhardt, der Städte- und Festungsmeister des Grossen Kurfürsten, für sich selbst. Es wurde später vom Staat erworben und zum Sitz des Berliner Militärbefehlshabers erkoren, weshalb es zirka seit 1800 in den Stadtplänen als Kommandantenhaus bzw. Kommandantur erscheint.
 
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts erreichte Preussen seine grösste Ausdehnung nach Osten. Damals, unter Friedrich Wilhelm I., fand die bereits rund eineinhalb Kilometer lange Strasse Unter den Linden ihren Abschluss mit dem Quarrée genannten viereckigen Platz sowie dem Brandenburger Tor - es hiess schon so, war aber mit dem heutigen nicht identisch.

Der Grosse Kurfürst hatte die Bäume für die Strasse Unter den Linden gewählt und die Richtung vorgegeben; sein Sohn, der erste Preussenkönig, baute am Ausgangspunkt sein imposantes Barockschloss; sein Sohn, der Soldatenkönig, baute mit dem Quarrée den Abschluss des königlichen Boulevards. Doch die Füllung des vorgegebenen Rahmes blieb den Nachfahren vorbehalten, denn beim Tod von Friedrich Wilhelm I. 1740 säumten erst schmucklose, billige Häuser, wie es der Sparsamkeit des Soldatenkönigs entsprach, die Strasse. Einzig am Anfang der Linden, hinter dem Kupfergraben, stand bereits das barocke Zeughaus, das Jahrhunderte später, ab 1999, um genau zu sein, durch den Architekten I.M. Pei einen aus Stahlträgern und Glas bestehenden Anbau für Wechselausstellungen erhielt.

Während dem Kaiserreich wurde das Zeughaus als Ruhmeshalle der preussischen Armee bezeichnet. In den Jahren der Hitlerdiktatur wäre das Gebäude in anderem Sinne fast zu einer solchen geworden, denn die Verschwörer um den Generalmajor Henning von Tresckow hatten das Zeughaus am 21. März 1943 als Ort eines Attentats auf Hitler ausersehen. Das schlug allerdings fehl, weil Hitler sich zu rasch und unvorhergesehen nach seiner Rede entfernte und der Selbstmordattentäter Gersdorff (lange vor den radikalen Palästinensern und den Al-Kaida-Mitgliedern) sich nicht zusammen mit dem Führer in die Luft sprengen konnte und gerade noch die Zeit fand, die Zünder in der Toilette unbemerkt zu entschärfen.

Zurück zur Entstehungsgeschichte des Boulevards: Die Strasse Unter den Linden ging vom mächtigen Barockschloss auf der Spreeinsel aus. Erbaut wurde es ab 1698 von Andreas Schlüter und seinem Konkurrenten und Amtsnachfolger Eosander von Göthe. Das Schloss war das Zentrum des 1701 entstehenden Königreiches Preussen. Mit seinen rund 700 Zimmern und Sälen war es nicht nur der Wohn- und Regierungsort des Herrschers, sondern auch Sitz zentraler Behörden, Hotel für vornehme Gäste, administrativer und gesellschaftlicher Mittelpunkt. Hier wurden die Hochzeiten und Taufen des Herrscherhauses festlich begangen, und wichtige politische Zusammenkünfte fanden hier statt. Die revolutionären Ereignisse von 1848 nahmen von hier aus ihren Ausgang.

Im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, wurde die Ruine des Schlosses 1950 auf Weisung von Walter Ulbricht gesprengt. Einzig das Eosander-Portal blieb erhalten und wurde später ins Staatsratsgebäude der DDR eingebaut. Im Sommer 2002 stimmte der Bundestag dem Wiederaufbau der Schlüterschen Schlossfassade zu, um so das architektonische Ensemble von Dom, Altem Museum, Zeughaus und Lustgarten wieder herzustellen. Günter de Bruyn bedauert allerdings, dass die Linden zu einer Durchgangsstrasse gemacht wurden, weshalb auch nach dem Wiederaufbau der Schlossfassade die Korrespondenz zwischen den aufeinander bezogenen Prachtbauten gestört bleiben werde.

Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff war seit 1732 mit dem Kronprinzen Friedrich befreundet, der ihn 1740 zum Leiter seiner Schlösser und Gärten ernannte. 1742 begann Knobelsdorff mit dem Bau eines seiner Meisterwerke, der Berliner Oper, an der heute Daniel Barenboim den Dirigentenstab schwingt. Mit der Oper wurde die Baulücke zwischen dem Kronprinzenpalais und dem Zeughaus geschlossen. Die Opern von Mozart, Beethoven und Gluck wurden allerdings nicht im Opernhaus Unter den Linden gespielt, sondern im Theater am Gendarmenmarkt, das unter Friedrich Wilhelm II. zum Königlichen Nationaltheater avanciert war.

1818 wurde die klassizistische Neue Wache von Architekt und Maler Karl Friedrich Schinkel fertiggestellt. Der Architekt Heinrich Tessenow 1931 den Innenraum der Neuen Wache um, die er so zu einem Ehrenmal umgestaltete, das nun selbst bewacht werden musste. In der Weimarer Republik erfüllten Polizisten in Zivil diese Aufgabe, während der Zeit des Dritten Reiches und kommunistischen Diktatur der DDR Soldaten in Uniform, die das Ritual der Wachablösung wieder einführten, das auf Friedrich Wilhelm III. zurückging. Das wiedervereinte Deutschland verzichtet - im Gegensatz zu anderen europäischen Hauptstädten - historisch begründet auf dieses martialische Schauspiel. Seit 1993 ist die Neue Wache die nationale Zentrale Gedenkstätte Deutschlands.

Bei seinem mehrmonatigen Berliner Besuch von 1800 fiel dem Dichter Jean Paul der Sand zur Charakterisierung Berlin auf, den bereits Goethe bemüht hatte. Denn die Stadt ist buchstäblich auf Sand gebaut. Henri Beyle, unter dem Pseudonym Stendhal weltberühmt geworden, äussert sich 1806 als Angehöriger der napoleonischen Besatzungsarmee in einem Brief an seine Schwester wenig bewundernd über die Bauten unter den Linden. Der Schriftsteller und damalige Jurastudent Heinrich Heine erzählt in seinen 1822 erschienen Briefen aus Berlin heiter und ironisch von seinen Linden-Spaziergängen. Alfred Döblin hingegen verbindet in seinen Erinnerungen an die Exiljahre unangenehme Gedanken mit dem Prachtboulevard, insbesondere mit der als "Puppenbrücke" verspotteten Schlossbrücke. Hier musste er in kalten Januartagen als Schüler ausharren, um an dessen Geburtstag den Kaiser zu bejubeln. Unter den Linden war Döblin auch an jenem verhängnisvollen Augusttag 1914 Teil der dem "Delirium des Krieges" verfallenen Menge gewesen. 1947 spazierte der Autor erneut über die nun baumlosen Linden, vorbei an trostlosen Schuttbergen, die seit dem Ende des Naziregimes noch immer nicht entfernt worden waren.

Die Strasse Unter den Linden war und ist ein Ort der Repräsentation, auf dem Paraden abgehalten wurden, die Menschen flanier(t)en, an dem das Zeughaus die militärische und das Opernhaus die kulturelle Stärke Preussens, des Kaiserreiches bzw. der Republik bezeug(t)en.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Geist und Macht noch immer Unter den Linden Präsent. Am einen Ende, im Schloss, wohnte Kaiser Wilhelm II., am anderen, am Pariser Platz, der vom Haupt der Hohenzollern nicht sonderlich geschätzte Maler Max Liebermann.

Unter den Linden hatte der aus Mainz stammende gelernte Kunsttischler Lorenz Adlon, der mit zwei französischen Restaurants in Berlin zu Geld gekommen war, sein Luxushotel an bester Lage errichtet, das der Kaiser höchstpersönlich als erster 1907 besichtigte und zur Unterbringung von Staatsgästen nutzte. Das Adlon richtete bis zur Abdankung des Kaiser 1918 die Bankette aus. Der Hotelgründer kam 1921 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Sohn Louis führte das Haus in altem Glanz weiter. Im und nach dem Zweiten Krieg weitgehend zerstört, wurde das Adlon 1997 neu errichtet und dominiert seither wieder den Pariser Platz.

Der westliche Teil der Linden galt als Vergnügungsort. Max Reinhardt gehörte 1901 zu den Mitbegründern des Kabaretts "Schall und Rauch", das im darauffolgenden Jahr in "Kleines Theater" umbenannt wurde, das Reinhardt von 1903 bis 1905 selbst leitete. Dort erregte er mit der deutschen Erstaufführung von Maxim Gorkis Nachtasyl Aufsehen.

Im westlichen Teil der Linden boten sich Freudenmädchen den Müssiggängern und Fremden an, unter denen sie viele zahlungswillige Kunden fanden. Bereits 1792 berichtete ein gewisser Justus Conrad Müller in seinem Gemälde von Berlin, Potsdam und Sanssouci davon.

Wiener und Schweizer Konditoren brachten die Kaffeehauskultur nach Berlin. Unter den Linden luden seit dem Biedermeier das Kranzler sowie seit den Gründerjahren Mathias Bauer in das pompöse Café Bauer zum Verweilen und Zeitungslesen bei Kaffee und Kuchen ein.

Nach der "Machtergreifung" 1933 marschierten die Nazis durch das Brandenburger Tor, um den Beginn des Aufbaus des 1000jährigen Reiches einzuleiten. Nach nur zwölf Jahren fand der grausige Spuk sein Ende. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Strasse Unter den Linden um die dreihundert Mal bombardiert. Die wenigen im Februar 1945 noch intakten Gebäude zwischen dem Pariser Platz und dem Lustgarten wurden in den letzten Wochen des Kriegs in Schutt und Asche gelegt. Die jungen Linden, die erst nach den Olympischen Spielen von 1936 wieder angepflanzt worden waren, waren verkohlt. Das Brandenburger Tor stand allerdings noch immer, wenn auch beschädigt und mit zerschossener Quadriga.

In Erinnerung an die Verbrennung von rund 20,000 Büchern durch die Nazis auf dem Opernplatz kreierte der Künstler Micha Ullmann in der Mitte unter dem Platz einen fünf Meter tiefen Bibliotheksraum mit leeren Regalen, den man über eine begehbare Glasplatte einsehen kann.

Mit der Strasse Unter den Linden verbinden sich auch erfreuliche Erinnerungen an die deutsche Geschichte. Im 1733 von Philipp Gerlach erbauten Kronprinzenpalais, von dem nach dem Zweiten Weltkrieg nur noch die Aussenfassade stand und das 1969 vom DDR-Regime nur in seiner äusseren Form wiederhergestellt wurde, wurde am 31. August 1990 zu einem historisch bedeutsamen Ort: Hier unterschrieben die Verhandlungsführer der beiden deutschen Staaten, Bundesminister Wolfgang Schäuble und DDR-Staatssekretär Günther Krause, den Vertrag der Einheit, der die Nachkriegsteilung Deutschlands beendete.




Das Foto des Prachtboulevards Unter den Linden aus dem Jahr 1901 stammt aus dem Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz; Fotograf unbekannt. Das Photo zeigt den Blick vom Boulevard Unter den Linden in Richtung Berliner Stadtschloss. Rechts steht das Königliche Opernhaus, heute die Deutsche Staatsoper. Im Vordergrund ist das 1851 aufgestellte Reiterstandbild Friedrich des Grossen von Christian Daniel Rauch zu sehen. Das Foto stammt aus dem von Antonia Meiners herausgegeben Bildband Berlin. Photographien 1880-1930, Nicolai Verlag, 2002, 120 S. Bildband bestellen bei Amazon.de. Foto courtesy Nicolai Verlag.

Quelle, weiterführende Literatur (im nebenstehenden Artikel gehen wir nur auf Teile der Geschichte der Strasse Unter den Linden ein):

- Günter de Bruyn: Unter den Linden. Berlin, Siedler Verlag, zweite Auflage 2002, 192 S. Buch bestellen bei Amazon.de. Das Buch von Günter de Bruyn ist die Hauptquelle für den nebenstehenden Artikel. Das Werk ist nicht für Historiker, sondern für ein breites Publikum geschrieben. Es geht nicht sehr ins Detail, ist leicht verdaubar und enthält eine umfangreiche Bibliographie.
- Karl-Georg Böhm, Werner Schmidt: Unter den Linden. Ein Spaziergang von Haus zu Haus. Berlin, Haude und Spener, 2000.
- Laurenz Demps: Der Pariser Platz. Der Empfangssalon Berlins. Berlin, Henschel, 1995.
- Ursula von Kardorff: Berliner Aufzeichnungen 1943-1945. Unter Verwendung der Originaltagebücher herausgegeben von Peter Hartl. München, dtv, 1994.
- Rainer Laabs: Das Brandenburger Tor. Brennpunkt deutscher Geschichte. Berlin, Ullstein, 1990.
- Die Linden. Vom kurfürstlichen Reitweg zur hauptstädtischen Allee. Ausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin 1997.
- Winfried Löschburg: Unter den Linden. Geschichte und Geschichten einer berühmten Strasse. Berlin, Der Morgen, 1972.
 
Weitere Artikel zu Berlin
Geschichte: Gendarmenmarkt Berlin, Brandenburger Tor.
Musik: Christian Thielemann, Daniel Barenboim 
Hotels: Geschichte des Hotel Adlon, Lorenz Adlon, Hotel Adlon Kempinski Berlin, Hotel Brandenburger Hof (engl. Art.).
Restaurants: Restaurant Alt Luxemburg, Restaurant Quadriga Berlin (engl. Art.).
 

Baedeker Allianz Reiseführer
. Mairs Geographischer Verlag, 2001, 334 S.





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